Das DEFA-Festival in Cannes

war großartig! Wir kommen gerade vom fünften und letzten Film nach Hause und sind beglückt und erschöpft von der Intensität der letzten zweieinhalb Tage. Ich muss vielleicht vorausschicken, dass dieses DEFA-Festival auf Vorschlag von Franka Günther erfolgte, die manche von Ihnen vielleicht kennen: Franka Günther ist die Vereinsvorsitzende des Weimarer Vereins „Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte“. Sie ist außerdem perfekt zweisprachig (Französisch/Deutsch) und arbeitet als Übersetzerin und Dolmetscherin. „Sprachvermittlerin“ steht auf ihrer Visitenkarte (und wie ich gerade in einem Buch über die DDR gelesen habe, ist „Sprachmittlerin“ der DDR-Begriff dafür). Geschichts- und Kulturvermittlerin könnte da ebensogut stehen, und sie hat für Ihre Arbeit nicht nur das Bundesverdienstkreuz vom Bundespräsidenten Frank Steinmeier erhalten sondern auch das französische Pendant: Der ehemalige Präsident François Hollande hat ihr den Orden de La Légion d’Honneur angesteckt. Franka Günther war also Mitorganisatorin und sie hat uns Dagmar Wagenknecht „mitgebracht“. Dagmar Wagenknecht leitete (nicht nur) zu DDR-Zeiten ein kleines Kino in Erfurt, den Kinoklub nämlich; mehr als 30 Jahre hat sie sich dort mit viel Herzblut und Kampfgeist dem Film verschrieben. Das Kino und die Filme sind ihr Leben! Dagmar Wagenknecht wurde für ihr Engagement – sie fand Mittel und Wege während der DDR-Zeit auch unerwünschte und zensierte Filme zu zeigen (und sie hatte damit durchaus Ärger bekommen) –  ebenso mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Ich stelle das mal voran, weil es beim Festival beinahe untergegangen wäre, weil die beiden Damen so bescheiden sind, sich damit nicht brüsten zu wollen. Muss man aber in Frankreich und vielleicht besonders im leicht versnobten Cannes. In Frankreich sind alle ein bisschen Titelverliebt (man spricht Ärzte, Juristen und, wie Sie vielleicht wissen, Kommissare immer mit dem Titel an!); an beinahe jedem Haus hängt eine Marmortafel, weil vielleicht einmal ein Monsieur X oder Madame Y dort gewohnt haben, aber die Auftraggeber, Spender und Anwesenden bei der Marmortafeleinweihung werden immer noch größer darauf geschrieben. Man schreit seine Verdienste gern ein bisschen heraus und die Cannois kann (und muss) man damit beeindrucken. So viel dazu und damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben.

Dagmar Wagenknecht ist eine wandelnde Film-Enzyklopädie: sie weiß alles! ALLES! Alle Daten und Informationen über das Leben und die Karriere sämtlicher Schauspieler, sie kennt alle Regisseure, jeden Film bis ins Detail und jede, die größte, aber auch die allerkleinste Auszeichnung, die ein Regisseur, Schauspieler und/oder ein Film erhalten hat. Sie hat 5000 DVDs zu Hause, sie hat Filmkopien, die manchmal nicht mal der Regisseur besitzt, sie hat ein Archiv mit sämtlichen Kinoprogrammheften, die es in der DDR gab und ihre große Liebe ist der DEFA-Film. Sie weiß so viele Details, dass es manchmal schwierig ist, sie zu stoppen, aber alles war so interessant, dass das Publikum, zumindest der größte Teil, auch für die Diskussion am Ende der Filme blieb und wir immer nur aufhörten, ihr Fragen zu stellen und ihr zuzuhören, weil wir den Saal für den nächsten Film freigeben mussten. Und dann standen wir vor dem Kino herum und sprachen immer noch weiter. Toll! Übersetzt und gedolmetscht in beide Richtungen, denn Dagmar spricht kein Französisch, hat das alles unermüdlich und kongenial Franka. Wir sahen am ersten Abend zunächst eine arte Dokumentation über den DEFA Film, um uns alle auf einen gewissen Informationstand zu bringen.

Die arte-Dokumentation habe ich gerade nicht gefunden, aber diese hier vom mdr ist ähnlich.

Danach sahen wir „Karbid und Sauerampfer“ – es wurde viel gelacht und mitgelitten im Publikum. Der Saal (ein einfacher Saal im Rathaus) war proppevoll, mehr als hundert Personen waren wir (mit 50-70 hatten wir maximal gerechnet), das Essen in der Pause, darunter Spezialitäten aus dem Osten, von Franka und Dagmar mitgebracht (Christstollen, Hallorenkugeln, Russisch Brot), reichte kaum aus, die Luft war leider schlecht und eine Person erlitt einen Schwächeanfall. Wir unterbrachen den Film, warteten auf den Notarzt und setzten viel später die Vorführung fort – und der Saal war immer noch recht voll – nur ein paar Menschen waren zwischenzeitlich gegangen. Diskutiert wurde an diesem späten Abend dann aber nicht mehr.

Am Samstag morgen um halb elf gab es, nun in einem nicht ganz kleinen Saal im richtigen Olympia-Kino, „Jakob der Lügner“ zu sehen. Und der Saal war wieder mit knapp hundert Personen gefüllt! Das Publikum war nach dem Film einen Moment ganz still und ergriffen, bevor es Beifall klatschte. Ich habe gerade die Abstimmungsergebnisse bekommen – „Jakob der Lügner“ hat dem Publikum am besten gefallen (9 von 10) – manche gaben sogar zwölf statt der möglichen zehn Punkte oder eine „zehn+“.

Weniger begeistert hat hier „Die Legende von Paul und Paula“ (6,8 von 10), den Film den wir gestern Nachmittag sahen, auch wenn Dagmar ihn in den historischen Kontext gesetzt und viel erklärt und die für uns „unsichtbare“ Kritik an der DDR in diesem Film gezeigt hat. Die Musik („Wenn ein Mensch lebt“ und „Geh zu ihr …“), die Dagmar und Franka einträchtig mitsangen, kam bei den Franzosen auch weniger an. Der Film lief in einem kleinen Vorstadtkino Cinétoile, der Saal fasst etwa 80 Personen und er war bis auf den letzten Platz besetzt. Darauf war ich so stolz! Das Kino ist nagelneu und der Saal ist schön, aber man muss sich wirklich dorthin aufmachen, ich habe dort schon „Festival“filme mit nur einer Handvoll Menschen gesehen, zur großen Betrübnis von manchem Regisseur, der extra anwesend war.

Heute morgen dann sahen wir erneut im Olympia „Das Kaninchen bin ich“. Der Saal war nicht ganz so voll wie am Vortag aber immer noch gut besetzt. Ich hatte ein bisschen Angst, dass dieser in den sechziger Jahren gedrehte und dann sofort verbotene Film, in dem es um Recht und Gerechtigkeit in der DDR geht, vielleicht nicht verstanden und gemocht würde, aber Dagmar hat viel Erklärendes vorab erzählt und es gab eine sehr angeregte erhellende Diskussion danach, so dass es dieser Film auf Platz zwei der Beliebtheitsskala geschafft hat: 8,7 von 10.

„Solo Sunny“, den wir heute Abend wieder in dem kleinen Vorstadtkino Cinétoile sahen, gefiel dem Publikum in seiner Melancholie und dem Blick auf das authentische graue und etwas triste DDR-Ambiente (7,0 von 10). Immer noch war der Saal voll, das Publikum blieb, bis wir aus dem Saal mussten und immer noch wurden viele Fragen gestellt und von Dagmar geduldig und ausführlich beantwortet. Danach stand ein kleines Grüppchen lange draußen herum und wollte nicht gehen. Wir waren uns einig: Wir hatten tolle Filme gesehen! Aber ohne Dagmar und Franka hätten wir sie nicht richtig „lesen“ können, hätten nicht gesehen bzw. verstanden, was zwischen den Zeilen steht. Ohne sie wäre dieses kleine Filmfestival nicht so erfolgreich geworden! Denn das war es! Ein absoluter Erfolg! Fünf Filme in Folge mit übervollen und vollen Sälen! Ein aufmerksames und interessiertes Publikum! Großartig! Wir werden das fortführen, das ist sicher!

Morgen kann ich vielleicht noch ein bisschen was ergänzen und Fotos einfügen.


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6 Kommentare zu Das DEFA-Festival in Cannes

  1. Eva sagt:

    Herzlichen Glückwunsch,
    schön, wenn die Vorbereitungsarbeit so honoriert wird!
    Viele liebe Grüße
    Eva

  2. Tina Kolbeck sagt:

    Toll, das klingt: TOLL! Und 7 Ausrufezeichen am Schluss eines Textes von dir, das ist außergewöhnlich, das wirkt auf mich euphorisiert und euphorisierend! Große Klasse, ich wünsche dir/euch genau so viel Spaß und Erfolg bei der Fortsetzung! 👍👍👍

  3. Gabriele sagt:

    Ihr Bericht ist so euphorisierend – man wünschte, dabei gewesen zu sein. Und toll, dass sich so viele Leute dafür interessiert haben. Bin gespannt auf die Details. Herzliche Grüße Gabriele

  4. Ursula Weber sagt:

    👏👏👏👍👍👍😘

  5. Großartig, dass das so gut angenommen wurde und das Publikum begeistern konnte :)

  6. Sunni sagt:

    Großartig! Und mit der entsprechend fach-sach-kundigen Begleitung sicher noch durchschlagender asls ohne. Toll, so viele erreicht zu haben. Und bei den DDR-Spezialitäten haben die Damen das Viba(hn) Nougat vergessen aus Thüringen, damals ganz schwer zu haben, jetzt überall. Das ist keine französischer/s Nougat, das ist völlig anders, aber toll. Als ehemaliger DDR-ler /in wundert mich das Abstimmungsergebnis etwas, aber so ist das mit sehen oder erleben. Danke für die viele Arbeit, das Engagement und die Zeit, die man da investiert! Herzlich, Sunni

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