Corona Tagebuch – Tag 53

Der 8. Mai also. Ein Feiertag. Oder ein Gedenktag? Gestern hatte ich noch einen kurzen Austausch auf Facebook zur Frage des „Feierns“ dieses Feiertags. Ich bin ja doch weit weg von so vielem und kriege vieles auch nicht mit. Ich habe mich schon gefragt, ob man den 8. Mai wirklich „feiern“ darf, also mit Tanz und Musik und Freude, angesichts all der Gräuel, angesichts all dessen, was in den KZ’s geschehen ist, angesichts all der Toten, all der Gewalt. Sollte man diesen Tag nicht eher still und ernst gedenken, gerade wir Deutschen?! Und wenn jemand sagt, dass sich das Ende des Krieges zum 75. Mal jähre, sei „kein Grund zu feiern“, dann bin ich geneigt zuzustimmen. Aber natürlich, weil ich denke, ich tanze jetzt nicht auf dem Tisch vor lauter Freude. Aber dennoch „gedenke“ ich diesem Tag und bin voller Erleichterung, dass dieser Krieg „so“ und überhaupt zu Ende gegangen ist. Ich verstehe das durchaus als eine Befreiung von der Politik, Diktatur und der Ideologie des Nationalsozialismus. Wer in Deutschland welches Wort und welche Begrifflichkeit wie benutzt, scheint mir aus der Ferne gerade etwas undurchsichtig. Ich glaube verstanden zu haben, dass die, die sagen „es sei kein Grund zu feiern“, das sind auch die, die meinen, dieser Krieg und seine Grausamkeiten seien ein „Fliegenschiss“ in der großartigen Geschichte Deutschlands gewesen. In dieser Ecke sehe ich mich nicht. Das nur zur Klarstellung.

Ich danke Ihnen für die gestrigen Kommentare zum Thema 8. Mai und Feiertag; sehr herzlichen Dank N. Aunyn für den Hinweis auf diese virtuelle Ausstellung 75 Jahre Kriegsende Berlin. 

Ich danke meiner Freundin Wiebke, die übrigens in der sehr engagierten Büchergilde in Wiesbaden arbeitet, für den Hinweis auf das heutige Interview mit Esther Bejarano in der Tagesschau. Esther Bejarano ist eine der Überlebenden von Auschwitz und sie vor allem auch überlebt, weil sie im „Mädchenorchester von Auschwitz“ Akkordeon gespielt hat. Musik hat ihr Leben gerettet, sagt sie. In diesem (etwas älteren) Video wie auch im Interview erzählt Esther Bejarano, dass sie vom Todesmarsch fliehen konnte und russischen Soldaten in die Arme lief, die ein Bild von Hitler verbrannten und darum herum tanzten. Ihr selbst habe man schon wieder ein Akkordeon in die Hand gedrückt, und die Soldaten haben sie aufgefordert, dazu zu spielen.

Dies sei ihr Moment der Befreiung gewesen, sagt sie. Tanz und Musik. Esther Bejarano macht heute immer noch Musik, mit einem katholischen Italiener und einem muslimischen Türken singt sie in der Gruppe Microphone Mafia. Die Musik dieser Gruppe ist vielleicht nicht das, was man bei einer über 90 Jahre alten Dame erwartet, sie singen Hip-hop oder Rap, so genau kenne ich mich in den Unterschieden dieser Musikgenres nicht aus. 

Wir dürfen also feiern und tanzen und singen an diesem Tag. Also dann Musik: Viva La Liberta!

Hier noch der französische Beitrag, mit dem sich Maurice Chevalier 1944 vom Verdacht reinwaschen konnte, den Deutschen zu nah gestanden zu haben. Die wunderbare Blume, le Fleur de Paris, die besungen wird, ist bleu, blanc, rouge, die französische Flagge, jeder hatte sie irgendwo aufbewahrt und zeigte sie jetzt, nach der Befreiung von Paris wieder.

So viel für heute. Ich wollte noch viele mehr und vor allem Lesetipps einbauen, ein paar standen schon in den Kommentaren gestern, Danke dafür an Claudia P.  Aber das muss ein anderes Mal passieren. Bis morgen, weiterhin so gesund, wie es geht.

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4 Kommentare zu Corona Tagebuch – Tag 53

  1. Roswitha sagt:

    Ein Tag zum Feiern ist es, weil die ehemaligen Kriegsgegner uns die Hand reichten und uns halfen, diese Demokratie aufzubauen. Wir haben soviel Leid über unsere Nachbarn gebracht und sie konnten uns verzeihen. Vergessen nicht, und auch wir dürfen nie vergessen, zu was Menschen fähig sind. So ist es auch ein Fest zur Mahnung.
    Seien sie behütet, LG

  2. Croco sagt:

    Frau Bejarano und die Mikrofonmafia konnte ich mal erleben, in einem kleinen Pfarrheim hier in der Gegend. So eine beeindruckende Frau! Was sie erzählte und wie sie das tat, ging unter die Haut.

  3. Marion sagt:

    Ich habe die Tage auch wieder viel im TV angeschaut zum Thema. Man lernt immer noch Neues dazu über diese Zeit. Es ging z.B. um die „Kinder von Windermere“ (sehr bewegend); um jüdische Kinder, die in einem bayer. Benediktinerkloster geboren wurden nach dem Krieg (die Eltern „displaced persons“). Es ging um die Exhumierung und Identifizierung von Soldaten und um eine nachträgliche würdevolle Bestattung. In einer anderen Doku ging es um die schwierige Zeit danach: Dorfbevölkerung incl. Kindern, die an reihenweise exhumierten getöteten Juden vorbeilaufen mussten (gezwungen von den Alliierten), um zu begreifen, was geschehen war; es ging um die Schändungen und Tötungen von Frauen, etc. pp.
    Es ist immer wieder ein Thema, das tief bewegt und es ist gut, dass hier immer noch und immer wieder soviel Aufklärung betrieben wird. Wie sagte eine Überlebende von Auschwitz: „Der Mensch ist ein Tier, ein gefährliches Tier.“

  4. Trulla sagt:

    Ich wünschte, der 8. Mai würde ein gesetzlicher Feiertag auch in Deutschland werden. Einen besseren Grund kann ich mir nicht vorstellen, als Befreiung und Kriegsende als einen Festtag anzusehen und entsprechend zu feiern und zu gedenken! Wie nun der einzelne Bürger den Tag begeht finde ich nicht so wichtig, wenn der Tag selbst nur die seiner Bedeutung entsprechende offizielle Bestätigung erhält.

    Und angesichts der zunehmenden Zahl Unbelehrbarer vom Schlage der AfDler und Konsorten, die man mit Fug und Recht als Faschisten bezeichnen darf, sind solche Zeichen wichtiger denn je.

    @Marion
    „Die Kinder von Windermere“ habe ich auch kürzlich zum ersten Mal gesehen und war sehr bewegt.