Corona Tagebuch – Tag 52

Die Musik habe ich heute morgen schon bei offenem Fenster ausgesucht und probegehört, aber ich hörte schon wieder kaum was, weil so viele Autos und vor allem diese näselnden Scooter hier vorbeirauschen. Diese Stille, die hier ja nie durchgehend war, also diese bedingte Stille, die werde ich sehr vermissen. Von allem, was ich angehört habe, hatte mich heute morgen dieses Intermezzo aus Cavalleria Rusticana gespielt vom Symphonie Orchester aus Quebec am meisten berührt.

Ich bin, was Opern und klassische Musik angeht, kein sehr gebildeter Mensch, Stücke, die für Sie vielleicht abgelutscht klingen, höre ich immer noch mit Freude. Nachdem ich mich hier für Quebec entschieden hatte, ploppte ein weiteres Musikstück aus Kanada auf, diesmal aus Montréal.

Und dann, man weiß nicht, wie es eigentlich funktioniert dieses Auswahlverfahren bei Youtube, bekam ich Musik aus dem nah- und fernöstlichen Ausland angeboten, Japaner, die Les Misérables auf Japanisch singen, Israelische Schüler die Mendelssohn auf Deutsch singen … ich hörte mich so durch, und dann klickte ich das Stück vom Jerusalem Orchestra East-West an und es hat mich umgehauen: Vom Schwung, von der Ost-Westlichen Musik, und vom Ost-Westlichen Ansatz des Orchesters! Hier spielen Juden, Arbaber und Christen zusammen. Ich verlinke es Ihnen ans Ende, der Kontrast zu der lieblichen Musik aus Kanada ist sonst zu stark.


Noch mehr Fremdes aus dem fernen „Osten“.

Monsieur ist heute „nervös“. Schon um 10 Uhr ist ihm nach Abwechslung, Aufbruch. Ich geh Brot kaufen, sagt er entschlossen. Als ich nicht sofort reagiere, setzt er schon fast ungeduldig nach: sonst nix? Brauchen wir sonst nix? Doch, seufze ich, wir brauchen jede Menge, aber die Tochter wird heute „das Große“ für uns einkaufen und ich mache schnell eine „kleine“ Liste für den petit épicier du coin, den Eck-Lebensmittelhändler. Denn ja, ich unterstütze ihn weiterhin, auch wenn seine Preise nochmal in die Höhe geschnellt sind, aber ich bin froh, dass das junge Paar da ist, sie sind freundlich, es ist sicher eine kommerzielle Freundlichkeit, ich vergesse aber nicht, dass sie mir den Schoko-Osterhasen geschenkt haben, als der der Enkelin aus dem Garten geklaut worden ist. Gemüse und Obst finde ich dort eher eine traurige und zu teure Angelegenheit, aber das traue ich mich jetzt sonntags sehr früh auf dem Markt zu erstehen. Aber Reis, Nudeln, Milch, Rosé, Butter, die Caffé-Desserts für Monsieur und noch das eine oder andere, was vielleicht heute dort frisch angeliefert wurde, kann man dort immer kaufen. Mit Ausgangsschein, Maske, Sonnenbrille, Hut und der Liste bewaffnet, geht er los. Nach gefühlt zwei Minuten, ich habe noch nichtmal einen neuen Absatz in einem anderen Text geschrieben, ist er schon zurück. Er ist stolz, den Moment ausgesucht zu haben, wo er nirgends warten musste.

Ich arbeite halbherzig an einem Text und schon ist es Mittag; es gibt Würstchen (Chipolata) nochmal Ofengemüse und den Rest der Kartoffeln von der gestrigen Brandade als Bratkartoffeln. Ich mache noch ein farbiges Foto von mir, danke für Ihre Komplimente :D

Dann lese ich die Zeitung. Es geht überall nur um das déconfinement, das Ende der Ausgangssperre und die ersten Lockerungen. Es ist so unglaublich, es wird überall Fahrradwege geben, sogar auf der Croisette, vorübergehend heißt es, der Boulevard du Midi bleibt an sämtlichen Sonntagen im Mai und Juni autofrei. In Nizza bekommen die Fahrradfahrer „priorité“, Vorfahrt, ein komplizierter Plan sieht vor, in welchen Straßen man, fast wie in Amsterdam unbehindert Radfahren kann. Ich kann es nicht glauben. Fahrradfahren ist hier sonst eher lebensgefährlich, Radwege brechen unvermittelt ab oder weisen plötzlich ein ungesichertes Loch auf. Innerstädtisch darf man nur 10 Stundenkilometer fahren und muss sich mit den trödeligen Touristen arrangieren, weshalb man auf die Straße ausweicht und dort von Autos bedrängt, wild überholt und angehupt wird. Und jetzt: priorité! Kann das nicht so bleiben?, frage ich mich.

Monsieurs Tochter hat für uns eingekauft und sogar an den Pastis gedacht, der nicht auf der Einkaufsliste stand. Großartig! Sieste. Danach ein paar Mails beantwortet und andere geschrieben. Ich lese Monsieur meinen geschriebenen Text vor. Er findet ihn pas mal. Nicht schlecht.

Heute Nachmittag folge ich mit einem Ohr den Ausführungen der verschiedenen Minister zu den Lockerungen ab Montag. Gute Nachricht, es wird Lockerungen geben, weniger gute Nachricht, nicht überall. Wir haben Glück, wir sind in der „grünen“ Zone (rot ist es weiterhin im Nordosten, in Paris und auf Mayotte, einer der kleinen Überseeinseln) und es wird den Bürgermeistern in den grünen Zonen viel Entscheidungsspielraum eingeräumt, was Schule, Strand, Wassersport angeht. Heute morgen habe ich schon eine ellenlange Nachricht des Bürgermeisters bekommen, der die Regelungen und Empfehlungen für Cannes durchgab und der sich dafür einsetzt, dass man bald wieder an und aufs Wasser darf. Da sich für uns (Monsieur und mich) nicht so viel ändert, wir bleiben aus gesundheitlichen Gründen eigenverantwortlich weiterhin drin, rutschen alle die neuen Regelungen an mir vorbei. Geschäfte dürfen wieder öffnen (nicht die Restaurants, Cafés und Hotels! aber viele Restaurants werden dann Essen zum Mitnehmen anbieten können!) Es gilt Maskenpflicht, zumindest in den öffentlichen Verkehrsmitteln und dort, wo andere Menschen sind. Eine große Erleichterung immerhin: Wir dürfen uns ab Montag (ohne Ausgangsdokument) im Radius von 100km bewegen. Fahrradfahren wird empfohlen! (Unglaublich) und Arbeitgeber werden gebeten weiterhin télétravail zuzulassen und ansonsten bei den Arbeitszeiten (Anfang und Ende) flexibel zu sein, damit Staus und Getümmel in den öffentlichen Verkehrsmitteln vermieden werden. Was jetzt alles geht! Ich finde es so erstaunlich. Ich hoffe, dass wir vieles davon behalten. Die erste Regelung gilt bis Ende Mai, danach wird „nachverhandelt“. Die Grenzen bleiben vorerst zu. Zum Tourismus noch keine Angaben. Das ist vielleicht das, was Sie am meisten interessiert. Alles andere können Sie wie gehabt bei Hilke Maunder nachlesen, übersichtlich, verlässlich und aktuell (Danke dafür!) oder auf der Seite des Gouvernements oder auf der Seite der Stadt Cannes.

Morgen ist hier ein Feiertag. Ach ja? fragen Sie vielleicht. Was ist denn am 8. Mai? Da ging vor 75 Jahren der letzte Weltkrieg zu Ende. In Deutschland wird das vermutlich weniger erinnert. Aber hier werden seit Tagen abends Dokus und entsprechende Filme ausgestrahlt. Dazu aber morgen mehr.

Und jetzt zur Musik: Halten Sie sich fest :D

Jepp. Verstehen Sie, was das Kind seinem Papa am Ende sagt? Ich vermute es muss mal … ;) Einen schwungvollen Abend und bis morgen!

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9 Responses to Corona Tagebuch – Tag 52

  1. Mumbai sagt:

    Detto in Spanien. Unsere Region ist noch immer mit den vielen Beschraenkungen
    verdonnert. Weitere 2 Wochen lockdown, dann wird weiter verhandelt. Dabei ueberlegen sich schon Hotels wie sie mit Seilen abgesteckte Linien, um die Liegen weit genug auseinander zu halten, anbringen koennten….aber wie soll es mit dem Meerzugang gehen? Vielleicht werden Nummern verteilt od. auf bestimmte Uhrzeit das Schwimmen begrenzt? Verrueckte Ideen.

  2. Croco sagt:

    Ist das hübsch mit dem roten Lippenstift und dem Tuch im selben Ton!
    Das sieht ja alles sehr nach wiedergewonnener Freiheit aus. Juhu!!!
    Hier freut man sich verhalten. Ob das gut geht, fragen sich viele.
    Nun, der Großversuch läuft.

  3. Pia Parolin sagt:

    Uff, eine Militärparade weniger… die wird doch wohl dieses Jahr in Paris gestrichen oder?

  4. Miriam Speer sagt:

    Danke für die immer lesenswerten Eindrücke aus Cannes! Übrigens: auch in Berlin (aber nur da) ist dieses Jahr der 8.Mai (75 Jahre Kriegsende) ein Feiertag! Und Dokus/Reportagen sind auch viele zu entdecken.

  5. Caroline Bahri sagt:

    Mein Vater (geb. 1916), ein überzeugter Sozialdemokrat, hat mir als Kind schon beigebracht: 8. Mai ist Tag der bedingungslosen Kapitulation. Den haben wir zu Hause in Aachen immer gefeiert

  6. Eleonore Braun-Folta sagt:

    Liebe Christiane, du siehst super aus. Ich habe vor kurzem noch mal einen alten Blog von dir gelesen. Da fühltest du dich ziemlich unwohl in deiner Haut, im Vergleich zu den grazilen Französinen, und mit deiner Frisur warst du auch unzufrieden. Aber du hast keinen Grund, auch deine Frisur sieht gut aus. Fehlt nur noch der passende Mundschutz. Fahre seit 14 Tagen nach Hannover zur Physiotherapie und nutze dann auch den Gang durch die Stadt. Die Geschäfte haben auf, aber bis jetzt war ich nur im Stoffgeschäft. Mit 20 Kunden draussen in der Schlange gestanden, mit Abstand. Die Meisten tragen Mundschutz, obwohl es gar keine Pflicht ist, nur in Geschäften und den Öffis.
    Bei euch könnte ich kein Fahrrad fahren, wenn ich an die vielen Steigungen denke.
    Gestern habe ich einen Bericht über die Krankenhäuser im Elsass gesehen. Schon krass, Müllsäcke als Schutzkleidung.
    Ab nächste Woche haben Restaurants wieder geöffnet, mit 50% Belegung. Meine Kollegin möchte Mitte Juni wieder nach Grimaud, wie schon seit Jahrzehnten. Sie hofft, dass sich in 4 Wochen noch etwas ergibt. Herr Macron hat ja heute so was angedeutet.
    Bei uns laufen auch viele Berichte über die letzten Tage des Hitlerregimes. Heute auf Kabel 1, Der Untergang, die letzten Tage des 3 Reiches.
    Bis morgen, bleibt gesund, Elli

  7. N. Aunyn sagt:

    Der 8. Mai als Erinnerungstag ist in der allgemeinen Bevölkerung keine relevante Größe. Das wird auch daran deutlich, daß es keine Einigung darüber gab, den 75. Jahrestag der Kapitulation / Befreuung vom Nationalsozialismus zu einem bundesweiten Feiertag zu machen. In Berlin war einiges an Veranstaltungen geplant. Manches gibt es virtuell.

    In jüdischen Gemeinden der BRD war das anders. Erst recht nach der Wiedervereinigung: In den 1990er Jahren kamen viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland – unter ihnen eben auch Juden, die als Mitglieder der Roten Armee 1945 Berlin befreit haben.

    So gab es immer am 8. Mai einen festlichen Abend mit den ehemaligen jüdischen Rotarmisten, die mit ihren Orden kamen, geehrt wurden und Blumen bekamen. Im Hof des jüdischen Gemeindezentrums in Berlin gibt es eine Gedenkmauer, auf der alle Konzentrationslager verzeichnet sind, in die Juden aus Berlin verschleppt wurden. Vor einigen Jahren wurde dieser Gedenkort durch eine Tafel ergänzt, auf der alle Namen der nach Berlin zugewanderten Jüdinnen und Juden verzeichnet sind, die bereits 1945 schon einmal als Befreier in Berlin waren, es waren über 100. Einige wenige leben noch. Sie sind über 90.

    Hier eine virtuelle Ausstellung zu 75 Jahre Kriegsende:
    https://75jahrekriegsende.berlin

  8. Claudia Pollmann sagt:

    Hallo Christiane, habe vor kurzen „Das Duell“ von Volker Weidermann gelesen und aktuell Ostende – 1936 , Sommer der Freundschaft. Den 8. Mai zu feiern ist aktueller den je. Beide Bücher haben mich zutiefst berührt und erschüttert. Und der Autor Volker Weidermann hat mich positiv überrascht. Fand ihn beim Literarischen Quartett etwas unscheinbar. Seine Bücher finde ich großartig.
    Hier haben viele Geschäfte wieder geöffnet. Aber bis auf Gartencenter, Baumärkte und Lebensmittel hält sich der Ansturm eher zurück. Die Menschen gehen lieber in die Natur als ins Geschäft zum shoppen.
    Ich wünsche Dir eine gute Zeit
    Claudia

  9. Tina sagt:

    ….du siehst grandios aus christiane!!!
    tolle farben cooler look, TOP!!
    eine militärparade weniger, super!
    ich hoffe auch ende juni reisen zu können….faut observer..
    herzlichst zu Dir,
    Tina :-)