le temps des cerises

Es ist die Zeit der Kirschen. Die Ernte ist dieses Jahr wohl grenzüberschreitend üppig ausgefallen. Wir haben keinen Kirschbaum, sondern kaufen die Kirschen auf dem Markt zu einem Preis, als handele es sich um kleine Goldklumpen. Normalerweise steigt der Preis so in die Höhe, wenn es wenige Kirschen gibt, aber dieses Jahr ist er genauso hoch, weil sie so besonders gut sind. Dafür zahlt man dann ja gerne etwas mehr. Ich erinnere mich an die Zeit, als ich in Frankreich angekommen war, vor jetzt beinahe 15 Jahren. Eine meiner ersten Tätigkeiten auf dem Hof war, die Kirschen abzuernten. Dazu musste ich mittels einer alten Holzleiter auf den Kirschbaum klettern und Kirschen in einen großen flachen Korb sammeln. Diese Holzleiter und dieser alte geflochtene Korb, der knorrige Baum, in dem ich als Erwachsene ungelenk herumkletterte und die dicken schwarzen unendlich süßen Kirschen, mit denen ich mir den Bauch vollschlug, und die Flecken, die der Kirschsaft hinterließ, all das war ein unvergessliches Erlebnis. Die zweite Tätigkeit war, einen Clafoutis [sprich: Klaa-fuh-tieh]zu backen. Ich arbeitete mich durch das französische Rezept, verdreifachte die angegebene Menge und füllte riesige Bleche, damit es genug Clafoutis für den ganzen Clan am Tisch gab. Dieses Clafoutis-Rezept, einfach und genial, habe ich mit dem Weggang vom Hof verloren und seitdem jahrelang mit allerhand anderen Sterne-KöchInnen-Varianten herumprobiert. Hier können Sie (unter anderen) dasselbe Rezept mit wunderschönen Kirschfotos auch nochmal finden. Und eben auch das von Micha, die, wie ich auch, feststellt, dass es Clafoutis-Rezepte wie Kirschen am Baum gibt. Nun, ich habe vieles ausprobiert, der Clafoutis wurde lecker und fluffig, manchmal auch zu fluffig, aber nie wurde er so, wie auf dem Hof. Letztes Jahr bin ich zufällig auf dieses Rezept gestoßen und ich WUSSTE schon beim Lesen, DAS ist es! Hier werden nicht erst die Eiweiße aufgeschlagen, Mandeln gesiebt und die Milch auf 37 Grad erhitzt und was weiß ich für Scherze. Hier wird alles schlicht mit einem Schneebesen zusammengerührt und basta. Einfacher und schneller und leckerer geht es meines Erachtens nicht. Aber wie gesagt, jedermann und jederfrau hat sein/ihr eigenes weltbestes Rezept und die beste Kuchenform noch dazu.

Clafoutis wird traditionell mit den kompletten Kirschen gemacht, sprich mit den Steinen (im Internet stieß ich gerade auf die Streitigkeiten ob es Kirschkerne oder Kirschsteine hieße; Kirschen sind Steinobst, es müsste also Kirschsteine heißen, man sagt auch noch „entsteinen“, aber in der Sprache hat sich der Kirschkern (beim Spucken und im Kissen) durchgesetzt.)

Das Lied Le temps des cerises, das allgemein als historisches romantisches Liebeslied gilt, enthält kleine Anspielungen auf die Pariser Commune, einer kurzen revolutionären Phase im deutsch-französischen Krieg 1871, die blutig niedergeschlagen wurde, und wurde, obzwar schon vor der Commune gedichtet, der Zeit der Commune „sentimental“ hinzugefügt, wie es in der viel ausführlicheren französischen Version zur Commune heißt, da der Dichter, Jean-Baptiste Clément, ein berühmter Communarde war. „Die Zeit der Kirschen“ ist kurz, heißt es, genau wie die Zeit der „Republik des Volkes“ kurz war, die rote Farbe der Kirschen, der revolutionären Kleidung und des Blutes werden erwähnt und eine schmerzvolle Erinnerung an „die Zeit der Kirschen“ bleibt auf immer im Herzen. Sehr schön und kurz erklärt wird es einmal mehr bei Arte Karambolage. Sie sehen ein bisschen den revolutionären Charakter der Franzosen. Die Gilets Jaunes sehen sich durchaus in der Tradition der Commune. Und haben schon angekündigt, dass sie nicht aufgeben werden, gegen diese ungeliebte Regierung und ihre Reformen zu kämpfen. Am Sonntag war übrigens der durch die Corona-Krise lang verschobene zweite Durchgang der Kommunalwahlen, dort, wo die Bürgermeister nicht im ersten Wahlgang (wie etwa in Cannes) gewählt worden waren. Es gab eine extrem geringe Wahlbeteiligung, die Partei Emmanuel Macrons, La République en Marche, hat weit weniger gewählte Bürgermeister als erhofft (sie hatten vorher wenige und jetzt immer noch wenige), in den großen Städten (Marseille, Bordeaux) wurde Grün gewählt (in Paris wurde Anne Hidalgo wiedergewählt) und auf dem Land (hier im Süden vor allem) konservativ.

Es ist auch le temps des meduses, es gibt wieder Quallen im Meer, wie jedes Jahr im Sommer. Jedes Jahr erzählen sie auch, was man gegen die „Verbrennungen“ tun kann, wenn man von einer Qualle „geküsst“ wird. Im Prinzip nicht viel (die betroffenen Stellen nicht mit klarem Wasser abspülen, eine schmerzlindernde Salbe erstehen, eventuell zum Arzt). Die Schmerzen sind hartnäckig, genau wie die aufgequollenen roten Striemen. Ich spreche aus Erfahrung. Daher vertraue ich jetzt dieser Seite auf der man nachsehen kann, wo und wann Quallen gesehen wurden.

Unter dem Motto „sous le soleil différement“ (meint „unter der Sonne anders als sonst“, das Lied, auf das angespielt wird, heißt „sous le soleil exactement“ (genau hier unter der Sonne; geschrieben von Serge Gainsbourg) hat Cannes sein Sommer-Kulturprogramm angekündigt. Ich verlinke dazu gern auf die Seite der Riviera-Zeit

Hier gab es kürzlich den Film „Ascenseur pour l’échafaud“ im Fernsehen (deutsch: Fahrstuhl zum Schafott), ein Schwarz-weiß-Kriminalfilm von Louis Malle aus dem Jahr 1958, mit der schwermütigen Musik von Miles Davis, die Jeanne Moreau, die durch die nächtlichen Straßen von Paris irrt, begleitet. Ich habe den Film vor bestimmt 30 Jahren zum ersten Mal gesehen und nichts verstanden. Jetzt war ich total begeistert. Falls Sie morgen Abend an einer Online-Lesung aus der Jeanne-Moreau-Biographie „Die Verwegene“, geschrieben von Jens Rosteck, teilnehmen wollen, kostenlos übrigens, können Sie sich hier eintragen. (Die Eingangsnotiz („Bedauern“) einfach ignorieren, auf den blauen Button ANMELDEN klicken und das Formular ausfüllen. Man bekommt dann – wahrscheinlich erst morgen – eine Einladungsmail mit Zugangscode zugeschickt.)

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Kommentare zu le temps des cerises

  1. Croco sagt:

    Danke sehr für das Kirschkuchenrezept. Das sage ich mit zwei übervollen Kirschbäumen im Garten. Und keiner großen Lust, die alle auszusteinen.
    Danke auch für Yves Montand und die Temps des cerises und die Geschichte der Commune. Ich kenne das Lied von Wolf Biermann und von Reinhard Mey.

  2. Eleonore Braun-Folta sagt:

    Liebe Christiane, das ist genau das Rezept aus Essen und Trinken was ich auch habe. Nur wird sie bei mir nie fluffig. Obwohl ich oft Kirschen aus dem Glas nehme. Er ist immer etwas matchig. Die Form von Le Creuset habe ich auch. Bei uns sind die Kirschen noch nicht so reif und die meisten sind wohl madig. Schade. Liebe Grüße aus der Region Hannover, Elli

    • dreher sagt:

      Liebe Elli, nein, mit diesem Rezept wird es nicht fluffig, sondern ein bisschen wie Pudding-Flan, oder matschig, wie du sagst Da ich aber mit dieser Konsistenz initiiert wurde, ist es genau das, was ich suche! Fluffig wird es mit dem Rezept von Lea Linster, und wenn du es dann noch mit Umluft backst, wird es beinahe ein Soufflé. 😋

  3. Trulla sagt:

    Ich habe Ihr Rezept auch heute ausprobiert mit Kirschen aus Nachbars Garten (eine Hand wäscht die andere, von mir gibt’s Johannisbeeren). Und wie Sie schreiben, mein Clafoutis erinnerte an Soufflé. Ein wenig Sahne aufgeschlagen und es war eine perfekte Nachspeise. Ist gleich in meine Rezeptsammlung weiter gewandert.
    Ich bin immer sehr dankbar für einfache Rezepte.

    Merci beaucoup!

  4. Tina Kolbeck sagt:

    Vor Kurzem gab es auf arte oder 3sat eine kurze Doku über Jeanne Moreau. Sehr interessante Frau!

  5. Sunni sagt:

    Oh, ein tolles Clafoutisrezept! Schnell und gelingsicher, das ist es, was man braucht. Was die Kirschenlieder angeht, so kannte ich auch nur Reinhard Mey. Er gilt ja als der Halbfranzose unter den deutschen Liedermachern. Aber “ Le temps des cerises“…hach!
    Quallenstriemen hatte ich noch nicht, dafür mal eine giftige Seeigelerfahrung mit zum Schluß gezählten 14 Stacheln im Fuß, hui….Zum Glück lässt der Schmerz nach ca einer Stunde wirklich nach und die Stachel kommen dann später ans Tageslicht. Beste Grüße, ich muss Clafoutis backen…Sunni

    • dreher sagt:

      Oh ja, Seeigel ist auch nicht lustig, die eitern dann schön peu à peu heraus; die Quallen“verbrennungen“ hat man aber für den Rest des Sommers, Wochen, wenn nicht gar Monate und auch die komischen Schmerzen –
      Gutes Gelingen für den Clafoutis!

  6. Marion sagt:

    Du hast alle inspiriert! Ich habe gestern auch spontan Clafoutis gebacken :-) Bei mir ist er matschig geworden, aber was für ein köstlicher Matsch. Da ich sonst nie backe, habe ich selbst für so ein einfaches Rezept relativ lange gebraucht, aber es hat sich gelohnt…
    Letztes Jahr um die Zeit war ich um diese Zeit in Holland, da war auch Quallenalarm und ich war sooo enttäuscht, nicht im Meer schwimmen gehen zu können. Es gab ein paar wenige Wagemutige, die es trotzdem taten…

    • dreher sagt:

      Bravo! für den Clafoutis, ich mag die matschige Variante auch am liebsten :D
      Und ich kann mich nicht erinnern, dass mich Quallen früher vom Schwimmen abgehalten hätten (ich erinnere mich an die dicken glibberigen Haufen am Strand), so dass ich tatsächlich dachte, die „bösen“ Quallen, die „Verbrennungen“ hervorrufen, gäbe es nur hier, bizarre – diese Quallen-Applikation bzw. Quallensicht-Seite beruhigt mich ungemein. Ich würde sonst nicht mehr schwimmen gehen, das wäre schade! Heute war das Wasser klar und sauber, magnifique!

  7. Eva sagt:

    Meine Premiere zum Thema Clafoutis ist im Backofen. Ich bin gespannt!!
    Herzliche Grüße
    Eva

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.