WmdedgT 07/2020

Ich bin einen Tag zu spät für das Tagebuchbloggen „Was machst du eigentlich den ganzen Tag“ am 5. jeden Monats, wie es Frau Brüllen regelmäßig erfragt, aber das Wochenende war bewegt und wir kamen erst gestern Nacht zurück. Ich schreibe den 5. also am 6. und reihe mich dennoch ein (so es noch geht).

Gestern vor fünfzehn Jahren, am 5. Juli 2005, bin ich nach Frankreich aufgebrochen. Vor fünf Jahren habe ich mich schon einmal daran erinnert, das will ich jetzt nicht schon wieder tun, aber was ist nicht alles passiert in diesen fünfzehn Jahren!

Sehr schön, dass wir an diesem Wochenende zu einer Hochzeit „da oben“ in den Bergen eingeladen wurden, die, erst abgesagt, dann verschoben auf nächstes Jahr, jetzt doch, wenn auch nur im kleinen Kreis, stattgefunden hat. Und aufgrund der Situation war alles, einschließlich der Trauung, eine Open-Air-Veranstaltung, selbst die Mairie deplatzierte sich auf die Wiese unter dem Collet de Sen. Es war ma-gni-fique. Ich werde hier nicht die Hochzeitsfotos von Freunden veröffentlichen, das verstehen Sie, genauso wie ich versprochen habe, nicht die Fotos der Schäferfamilie und ihren Kindern zu posten, die am anderen Ende der Wiese am frühen Abend ihre Schafe molken.

Es war alles so idyllisch. Später dann aßen wir im kleinen Kreis auf dem ehemaligen Dreschplatz vor der ehemaligen Scheune der Großeltern der Braut. Ein Freund spielte Klavier, es wurde gesungen, erzählt, gelacht und dann ging großartig der Mond auf, den ich natürlich mit meinem Telefonapparat nur so klein und schwummerig erhaschte, aber es war ein ganz wundervoller Abend! Das alles war am 4. Juli.

Wir übernachteten im Sommerhaus, das noch einmal ein paar hundert Meter höher in diesem idyllischen Weiler liegt und über einen abenteuerlichen Feldweg erreicht wird. Ich erzähle es immer wieder, wenn Sie hier schon lange mitlesen, wissen Sie das alles. Da oben sind es nur noch 12 Grad, wir legen noch eine Wolldecke über das Deckbett und schlafen in den 5. Juli. Monsieur, wie immer ein Frühaufsteher, macht schon Kaffee und hat in aller Frühe bereits Besuch von anderen Sommergästen, ein junger Mann mit seiner reizenden zweijährigen Tochter ist auch im Weiler. Der junge Mann verspricht, sich um den eigentlich nagelneuen Durchlauferhitzer, der aber regelmäßig-unregelmäßig zickt, zu kümmern. Eigentlich wollte ich bei einer Gas-Installation genau dieses Gebastel von selbsternannten Installateuren vermeiden, aber der richtige Installateur ist wie letztes Jahr, oder war es schon vorletztes Jahr?, nicht zu erreichen. System D für débrouille-toi, wörtlich „entwirr dich selbst“, meint „sieh zu, wie du allein klarkommst“, ist in den Bergen immer noch die beste Methode, um etwas (zeitnah und überhaupt) repariert zu bekommen.

Ich trinke meinen Kaffee auf der kleinen Terrasse in der Stille und der kühlen Bergluft, es ist sommerlich und sonnig, aber ein Fleecepullover über dem Nachthemd ist morgens schon vonnöten. Ich weiß, dass andernorts Sätze wie „und irgendwo bellte ein Hund“ voller Spott gesammelt werden, so etwas banales schreibt kein(e) anständige(r) SchreiberIn in einem Text, aber hier pfeift „irgendwo“ erst ein Murmeltier und später bäht und mäht und bimmelt „irgendwo“ eine ganze Schafherde, die zu ihrem heutigen Weideplatz zieht. Würde ich mich nähern, bellten sicher auch die Hütehunde, aber ich trinke meinen Kaffee und höre sie nur „irgendwo“, und bin wie jedes Jahr gerührt.

Was ich auch höre und zwar ganz konkret, sind die Bienen, die auch wie jedes Jahr ihren Platz zwischen Fenster und Fensterladen gewählt haben. Vor drei Tagen sind sie „eingeflogen“, man hatte uns angerufen, und sie bauen, eifrig wie immer, ihre Waben. Hier waren schon immer Bienen erzählen die „Alten“ jedes Jahr, und nur deswegen habe Monsieurs Großvater sich als Imker versucht, weil die Bienen einfach jedes Jahr wieder kamen, allen Widrigkeiten zum Trotz. Niemand will sie holen, zu aufwändig, zu zeitintensiv, zu weit weg, der Schwarm nicht groß genug. Wenn sie nächstes Jahr noch da sind, sagt mir jemand unten im Dorf, nächstes Jahr nähme er sie, da würde er sich als apiculteur versuchen. Lassen wir der Natur also ihren Lauf.

Dann inspizieren wir den Gemüsegarten, den die „Enkel“ dieses Jahr angelegt haben, alles wächst, die Kartoffeln, die Salate, nur die Erdbeeren und Himbeerpflanzen tragen keine Früchte. Die Johannisbeeren, deren Blätter seit drei Jahren von irgendwelchen Raupen abgefressen werden (was die Beeren vertrocknen lässt), haben sich halbwegs erholt, weil man dieses Jahr alle paar Tage Raupen abgelesen hat; ich finde aber nur ein Blatt voller Raupen, die ich brav vernichte. Dann reißen Monsieur und ich Brennesseln und Kletten heraus, die beide in einer überbordenden Menge wachsen und einfach alles ersticken. Ich habe eben erst, beim Suchen der Gattung, erfahren, dass das klebrige Klettenlabkraut, das ich schnöde herausriss, ein Wundermittel in der Heilkräuterkunde ist, essbar ist es außerdem. Verhungern würde ich also nicht, das Zeug wächst wie verrückt, genau wie der Gute Heinrich, aus dem ich hin und wieder eine alternative „Spinat-Tarte“ backe. Da versuche ich am Meer den Quallen zu entgehen und hole mir in den Bergen Quaddeln und „Verbrennungen“ mit den Brennnesseln. Den ganzen Tag lang habe ich aufgequollene Arme und ein Pieksen in den Fingerspitzen. Wir essen zu Mittag (Spaghetti mit Tomatensoße, garteneigener Salat, Schafskäse und frischer Joghurt vom Schäfer, es ist alles so köstlich!), kurze Sieste, dann kommen das Hochzeitspaar und seine Gäste, fast alle in irgendeiner Form lehrend (Grundschule, Mittelschule, Universität), und wir hatten ihnen versprochen „L’éscola“ zu zeigen, das Sommerhaus war früher eine Schule, das wissen Sie vermutlich auch alles schon, ich will mich nicht immer wiederholen.

Wir zeigen auch die kleine Kirche, den Weiler und danach gibt es Picknick (sie haben alles mitgebracht) auf der Terrasse (Im baumlosen Garten ist es zu sonnig, auf der anderen Seite schwärmen die Bienen), wir sitzen eng (keine Distanz!) aber immerhin sind wir draußen. Dort bleiben wir und erzählen und essen und trinken und es ist wunderbar sommerlich und alle sind wir gutgelaunt. Erst gegen Acht Uhr abends brechen die Gäste auf und wir werfen alles Geschirr in den Geschirrspüler und sammeln die Dinge zusammen, die wir wieder mit hinunter nehmen wollen, messen noch ein paar Ecken aus, es gibt Möbel aus dem Haushalt der Schwiegermutter unterzubringen, niemand will etwas haben; dann warten wir, bis die Spülmaschine fertig ist, schalten Strom, Gas und Wasser ab, schließen die Fensterläden und die Türen und fahren gegen 21 Uhr los.

Um halb Zwölf sind wir wieder in Cannes. Die Katze bekommt Fressi und Streichler und dann fallen wir hier ins Bett. Die Luft ist schwül und klebrig. Morgen, nehme ich mir vor, morgen suche ich den Ventilator (den ich bis eben nicht gefunden habe).

Danke fürs Lesen! Die anderen Tagebuchblogger gibt es, wie immer, HIER.

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4 Responses to WmdedgT 07/2020

  1. Trulla sagt:

    Die Fotos sind wunderschön – Sie leben in Sehnsuchtsorten!

  2. Ursula Weber sagt:

    Vielen Dank für den interessanten Bericht und die tollen Fotos über euer schönes Wochenende ❣️👏😘