Chronik trüber Tage – 3

Ich hatte eigentlich nicht vor, diese Überschrift im ganzen November zu verwenden, aber dann war

Wien

Ich verlinke einen Artikel aus dem Falter, den ich bei Croco gefunden habe. Danke dafür.

Wien. Das Bermuda-Dreieck. Das Ausgehviertel von Wien. Dort ist auch die Synagoge. Vor vielen Jahren bin ich mit meinem damaligen Buchhandelskollegen Udo nach Wien zu der großartigen Ausstellung Traum und Wirklichkeit gefahren. Ich habe die Ausstellung und Wien in mich aufgesaugt. Ich wollte damals alles sehen. Alles! Tagelang und Kilometerlang sind wir damals durch Wien gelaufen. Im Bermuda-Dreieck gingen wir abends noch etwas trinken. Ich wollte gern die Synagoge sehen, die sich dort in einer engen Gasse befindet. Ich kam aber nicht hin. Die Gasse war abgesperrt, Polizei oder war es Militär? das weiß ich nicht mehr, prüfte jeden Einzelnen, der dort hineinwollte. Vielleicht war es Sabbat, vielleicht war es auch jeden Tag so. Mich erschütterte es. Es war das erste Mal, dass ich eine Synagoge so gesichert sah. (Wie ich gerade dem oben verlinkten Falter-Artikel entnehme, gab es 1981 einen Anschlag auf ebendiese Synagoge, was die Absicherung erklärt, ich bin nicht sicher, ob ich das damals wusste.) Von der Synagoge sah ich dann auch nichts. Ich fand mein profanes Bedürfnis des „Anschauenwollens“ unangemessen und nahm davon Abstand.

Als ich damals nach Wien kam (es war 1985, ich war Anfang Zwanzig), war ich vernarrt in den Jugendstil und in die Gemälde von Gustav Klimt. Und dann entdeckte ich im Belvedere die Gemälde von Egon Schiele. Seine Bilder waren ein Schock, sie trafen mich, berührten mich und ich konnte mich nicht losreißen. Ich hatte noch nie vorher von ihm gehört oder etwas von ihm gesehen, und stürzte mich auf alles, was ich von ihm finden konnte. Klimt kam mir plötzlich künstlich und leblos vor. Ich hatte Egon Schiele entdeckt!

Ich war Ende der Neunziger Jahre noch zweimal für einen längeren Rechercheaufenthalt in Wien. Und wieder habe ich Wien eingesaugt. Ich liebe diese Stadt.

Falls ich mir je das Leben nehmen sollte, dann wegen diesem Lied … Wie der Sonnenuntergang von Jesolo … 

Gemessen an dem Autoverkehr, der wie eh und je unablässig am Haus vorbeirauscht, ist alles wie immer. Ausgangssperre?! Bleibt außer uns eigentlich jemand zu Hause?

Wir versuchen sogar das einstündige Ausgehen zu koordinieren, etwas, was in unserem sonst organisationsschwachen südfranzösischen Haushalt eher selten praktiziert wird. Hier schwärmt man sonst mehrfach am Tag aus, immer dann, wenn es Monsieur gerade einfällt, während ich eher Listen schreibe und versuche Dinge zu gruppieren: wenn ich eh in der Ecke bin, dann kann ich noch Katzenfutter mitbringen, so in etwa. Monsieur bat mich nun also, auf den noch von ihm zu schreibenden Brief zu warten, bevor ich „nur“ wegen einem Päckchen zur Poststelle laufe. Ich wartete also.

Den Text für das Frankreich Magazin habe ich gestern abgegeben; bevor ich das Manuskript zum Überarbeiten zurück bekomme, habe ich jetzt tatsächlich mal ein paar Tage frei! Diese freien Tage will ich gerne anders nutzen, als schon wieder nur sitzend und tippend, das nehmen Sie mir bitte nicht übel. Ich werde hier schreiben, aber nicht jeden Tag. Jeden Tag Blog schreiben, wie es Croco nun tut und andere schon immer tun, ist nichts für mich. Also, ich will gern vielleicht auch zweimal am Tag etwas veröffentlichen, wenn mir danach ist, aber ich will diese Verpflichtung des täglichen Schreibens nicht haben.

Gestern sah ich im Rahmen der Woche der unabhängigen Buchhandlungen via Zoom ein einstündiges Interview mit Marco Bolzano und seiner Lektorin, moderiert von Wibke Ladwig. Eine Stunde am Nachmittag in Ruhe einem Gespräch zuhören und -sehen, das nichts mit der Recherche zu meinem Buch zu tun hat, habe ich mir schon lange nicht mehr gegönnt.

Heute dann der lang fällige Einkauf im Supermarkt. Musste sein. Beruhigend zu sehen, dass in den Regalen keine Lücken waren. Alles da. Nudeln, Eier, Mehl, Klopapier. Und der ganze Rest. Rosé gabs auch. Ich nahm für Monsieur eine Auswahl an Rosé aus dem Var mit. Für mich naturtrüben Apfelsaft.

Hier wird weiter gestritten, ob es sinnvoll ist, all die kleinen (nicht Lebensmittel-)Läden zu schließen. Aus Wettbewerbsgründen dürfen die großen Supermärkte weiterhin keine Bücher, ab morgen auch keine Spielwaren, keine Elektrogeräte, keine Kleidung, Schuhe, Schmuck oder Parfümerie verkaufen. Für die Bücher sah das heute schon so aus.

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11 Responses to Chronik trüber Tage – 3

  1. Sunni sagt:

    Ach, Wien, oh Wien! Wird das Grauen mal ein Ende haben oder löschen wir uns wirklich als Menschen gegenseitig aus?
    Nein, keine Verpflichtungen im Sinne von „Jeden Tag muss man schreiben“! Nichts ist schlimmer als aus Freude lästige Last werden zu lassen aus solch einem Umstand. Ich schaue und freue mich, wenn es Neues gibt.
    Wie traurig dieser Plastesarg für die Bücher! Und traurig vor allem, dass man Buchhandlungen nicht zulässt. Wenn man Kundenanzahl begrenzt, dürfte das Öffnen so leicht möglich sein. In jedem Supermarkt sind ja im Schnitt zig mal so viele Kunden, auch wenn er mehr qm hat. Ach, Welt, oh Welt! Sunni

    • dreher sagt:

      In all den kleinen Läden achtet man auf Abstand und Masken und wenige Kunden zur gleichen Zeit. Eigentlich müsste man die großen Supermärkte schließen. :-(

  2. Mumbai sagt:

    Als Wienerin fand ich Ihre Worte sehr beruehrend. Sie waren in der gluecklichen Lage
    Wien noch als Wien zu kennen. Leider, wie alles ,hat sich auch diese wunderschoene Stadt sehr veraendert. Was passiert ist, konnte ueberall geschehen, aber Wien? Wien hatte immer so den „neutralen“ friedlich gemuetlichen Ruf…und jetzt das. Aber ganz allgemein fragt sich heute wohl jeder, wohin soll und wird das Ganze noch fuehren?
    Allein die Regeln in F die sie schildern, loesen Neurosen aus und ich kenne fast niemand, der es gelassen sieht. Geniessen Sie Ihre Pausen und bleiben Sie gesund.

    • dreher sagt:

      Danke! Ich wusste nicht, dass Sie Wienerin sind. Ich habe wirklich frohe Zeiten in Wien erlebt, und die Aufenthalte sehr genossen. Aber alles ändert sich stets und überall. Auch Frankreich ist nicht mehr das entspannte laissez-faire Land. Wir versuchen das Beste aus der jetzigen Situation zu machen.
      Bleiben Sie auch gesund!

  3. Mein Eindruck von Wien war ganz ähnlich wie Ihrer, und auch ich habe damals zum ersten Mal eine bewachte Synagoge gesehen. In meiner Schulzeit radelte ich jeden Tag an der Frankfurter Synagoge vorbei, Wachen waren dort nicht zu sehen… Heute wird meines Wissens auch die Frankfurter Synagoge bewacht.

    • dreher sagt:

      Wien war ein Traum und ich habe dort mehrere sehr frohe Monate erlebt. Aber vermutlich auch nur deshalb, weil ich die Stadt (fast nur) von außen wahrgenommen habe. Aber an dem Traumbild kratzte damals schon diese gesicherte Synagoge …

  4. Tina Sumser sagt:

    Servus lb Christiane!
    Danke für deine Wien -Reportage sowie deine liebevollen Worte! Wie du schreibst es ist eine absolut lebenswerte Stadt. Möglicherweise werde ich die Sommer in Ö verbringe u. nicht hier an der Côte, mal sehen welche Wege mir das Leben zuspielt in den kommenden Wochen, Monaten. Meine Kinder und FeundInnen sind alle wohlauf, habe mich gleich am selben Abend noch informiert. Ich hoffe und wünsche Dir, deinen Lieben und all deinen sympatischen treuen inspirierenden Blog LeserInnen eine stabile Vitalität, bleibt zuersichtlich,und tanzt ab und zu mal in der Küche, oder sonstwo:-) Tina

    • dreher sagt:

      Danke Tina! Ich mochte (mag) deinen Status, der sagt „Mein Herz tanzt trotzdem weiter“ –
      Gut, dass es allen gut geht!
      Eine gute „confinierte“ Zeit im Süden. Tu verras …
      Liebe Grüße!

  5. N. Aunyn sagt:

    „Vielleicht war es Sabbat, vielleicht war es auch jeden Tag so.“ Das hängt davon ab, wie die Gefährdungslage eingeschätzt wird.
    Von den Wiener Juden, die ich kenne und die in Deutschland leben, weiß ich, daß sie den Antisemitismus in Österreich um einige Zacken schärfer einschätzen als den hier in Deutschland.

    • dreher sagt:

      Das will ich gern glauben. Ich war wieder erschüttert, als ich hier zum ersten Mal gesehen habe, wie die jüdische Grundschule an jedem ganz normalen Tag abgesichert ist! Das dreht einem den Magen um.

  6. Heidi sagt:

    Mich hatte mal das sitzende Mädchen von Schiele gefangen genommen, die im orangenen Kleid mit den weit aufgerissenen Augen. Ich dachte, ich hätte es in Frankreich gesehen, gehört aber der Pinakothek. Mal wieder herzlichsten Dank für’s erinnert werden.