Le deuxième tour – Regionalwahl

Für den zweiten Wahldurchgang habe ich Procuration beantragt. Man muss ja alles mal gemacht haben, nicht wahr. Dazu muss man sich zunächst das Dokument cerfa 14952*02 herunterladen, online ausfüllen, wozu man wiederum die Angaben der Person benötigt, die für einen wählen soll, man druckt es aus und begibt sich damit zur Polizei oder zur Gendarmerie.

Ich wählte das nächstliegende Commissariat, indem auch Commissaire Duval tätig ist, ich dachte, ich zwinkere ihm mal wieder zu; ich kam extra kurz nach 14 Uhr, der Beginn der Mittagsschicht, er war aber vermutlich noch in der Mittagspause.

Ich stand um diese Uhrzeit nicht allzulange in der Sonne vor dem Commissariat herum; es dürfen derzeit immer nur sechs Personen gleichzeitig hinein, man muss sein Anliegen an einer Sprechanlage formulieren und dann öffnet sich eine Türschleuse. Die zweite Tür öffnet sich, sobald die erste wieder geschlossen ist. Ich durfte aber zusätzlich hinein und mich, nachdem ich mein Anliegen vorgetragen und sämtliche Dokumente vorgezeigt hatte, sogar setzen, Gehstock sei Dank.

Man muss nicht begründen, warum man nicht selbst wählen geht, aber man muss en règle sein und die Person, die anstatt wählt, natürlich ebenso. Und sie muss im gleichen Wahlbezirk wählen dürfen. Ich bin zwar en règle, aber ich habe noch kein französisches Ausweisdokument, insofern schleppte ich den Brief vom Innenminister mit mir herum, der mir bestätigte, dass ich Französin sei.

Ein Teil meines Antrags auf Procuration blieb bei der Polizeidienststelle, die ihn an die Mairie in Châteauneuf weiterleiten wird. Ich bekam meinen Teil datiert und abgestempelt, schickte ein Foto davon für alle Fälle an die Freundin, dann rief ich sie an und flüsterte ihr ins Ohr, wen sie bitte für mich wählen möge.

So viel Auswahl haben wir nicht mehr. Vielleicht haben Sie in einem Kommentar zum letzten Beitrag gelesen, dass in unserer Region der Kandidat der Grünen gezwungen worden war, sich zurückzuziehen. Er hatte zunächst verlauten lassen, dass er auch beim zweiten Durchgang zur Wahl stehen wolle, dann aber wurde er von seiner Parteileitung angewiesen, sich zurückzuziehen, um, wie so oft, die Wahl von Marine Le Pen „zu verhindern“.

Der zweite Wahldurchgang funktioniert im Verhältniswahlrecht – wer die meisten Stimmen hat, hat gewonnen. Mariani, der Kandidat, der Marine Le Pen nahesteht, und der im ersten Durchgang schon über 35% Stimmen bekommen hatte, würde, wenn sich nichts ändert, vermutlich gewinnen, denn Muselier und Felizia, der Kandidat der ökologischen Partei, würden sich die „Gegenstimmen teilen“ (31% Muselier, 16% Felizia). Indem Felizia seine Liste zurückzieht, hofft man, dass dessen Wähler nun, zumindest zu einem gewissen Prozentsatz, Muselier, als das „kleinere Übel“ wählen, sodass dieser mehr Stimmen als Mariani erhält, und man so einmal mehr Marine Le Pen verhindert hat.

Das Verhältniswahlrecht des zweiten Durchgangs gilt aber nur für die Wahl, es gilt nicht für die Aufstellung des Regionalparlaments. Der, dessen Partei gewonnen hat, regiert. Die anderen bekommen ein oder zwei Personen ihrer Wählerliste ins Parlament, damit könnten sie sich vielleicht hin und wieder Gehör verschaffen, wirklich erreichen können sie so gut wie nichts. Da ich aus dem Land des Verhältniswahlrechts und der Koalitionen komme, bleibt mir dieses „alles oder nichts“-System fremd. Der Gatte sagt, anders könne man dieses (ohnehin schwer regierbare) Land nicht regieren, weist aber darauf hin, dass Muselier von Anfang an auch Macrons Partei LREM La République en marche hinter sich habe, also bereits eine Art „Koalition“ geschaffen habe, was ihm von „Partei-Puristen“ übrigens übel genommen wird.

Um 16.25 Uhr erfahre ich, dass ich gewählt habe, im Dorf sind tatsächlich noch ein paar Personen mehr im Wahlbüro erschienen als bei der ersten Runde, 76 von 90. So sieht es auch im Rest unserer Region aus: Hier, wo es um etwas geht, haben sich die Menschen doch aufgemacht und gewählt (aber dennoch nur etwa 35%).

Im Rest Frankreichs ist die Wahlbeteiligung jedoch extrem gering. Noch geringer als beim ersten Wahldurchgang. Gerade haben wir erfahren, dass es die niedrigste Wahlbeteiligung ever war. Die einen erklären es gerne mit dem Wetter: es regnet in einem Teil des Landes, die Sonne scheint zu verlockend in unserem Teil. Die anderen sagen, die jungen Leute (die größte Gruppe der Nichtwähler) haben anderes im Kopf nach Monaten mit COVID-Maßnahmen. Wieder andere sagen, die Regionen sind grundsätzlich überflüssig, was sie tun ist undurchsichtig und im Zweifelsfall haben sie keine Macht, daher ist die Wahl für die WählerInnen uninteressant.

Wie dem auch sei, um 20 Uhr haben wir erfahren, dass in unserer Region, wie zu erwarten, Muselier gewählt wurde, und zwar mit deutlichen 56% (exakte Zahlen gegen 22 Uhr). Uff!

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4 Responses to Le deuxième tour – Regionalwahl

  1. Roswitha sagt:

    danke für die aufklärung über die regel des wahlrechtes. es stört mich sehr, das kleinere übel wählen zu müssen, diese taktischen wahlen bringen keine freude und halten viele von der wahl ab. schade das du den kommissar nicht trafst, er hätte vielleicht etwas erzählt von seiner arbeit ;-). schöne sommertage und alles gute für das bein, gruß roswitha

  2. Kathrin sagt:

    Vielen Dank für die zahlreichen Informationen . Es ist wirklich erstaunlich, dass zur Verhinderung von Marine Le Pen, am Ende irgendwer gewählt wird. Ich weiß nicht , ob ich ein Kreuz für die Linke machen könnte, um die AfD zu verhindern! Auch verwundert es mich, dass die „Grünen „ keine so gewichtige Rolle im der französischen Politik spielen wie in Deutschland! Trotzdem werden manche „ ökologische“ Beschlüsse in Frankreich gefühlt schneller umgesetzt, wenn ich nur an das Glyphosat und die Kurzstreckenflüge denke!
    Herzliche sommerliche Grüße
    Kathrin

    • dreher sagt:

      Ich finde das taktische Wählen auch eigenartig, aber hier gibt es am Ende ja nur einen Gewinner, kein verhältnismäßig zusammengestelltes Parlament. Wenn man kein ausschließlich extrem rechtes Parlament will, wählt man vielleicht lieber ein gemäßigt rechtes und schluckt seine linken und/oder ökologischen Ansprüche runter. Es machen aber nicht alle. Bei uns im Dorf gab es bei 76 WählerInnen dieses Mal 11 Enthaltungen. Dass Muselier mit so viel Vorsprung gewählt wurde, das heißt, so viele Stimmen der ex-Grünen-WählerInnen erhalten hat, hat hier überrascht.
      Nee, die Grünen kommen hier so richtig auf keinen grünen Zweig ;-) aber das Ökologische setzt sich mehr und mehr bei allen Parteien durch.

  3. Egon B. sagt:

    Danke Chris, trotzdem – bleibt spannend! :-) Mir ist es aber immer noch ein Rätsel: Welch Demokratie soll’s sein, wenn nur die 35% gewählt kamen und nur ein Teil von denen – den zukünftigen Ansager bestimmt haben? OK, in D ist das auch nicht wirklich besser gewesen – knapp über 60% beim letzen Mal? Davon – max. 30% – für die eigentlich regierende Partei? Und genau (nur) diese – durften den Regierungschef zum 16-ten Mal gleich bestimmen! Ist das normal? Ist das (noch) eine Demokratie? Bin gespannt, wie es diesen Herbst wird…