Sommer, Sonne, Cinéma

Ok, die Alliteration klappt nur bedingt. Aber wir wollen nicht zu kritisch sein, es ist Sommer, es ist heiß, das Hirn dampft. Ich habe sogar den 5. und „Was machst du eigentlich den ganzen Tag“ vergessen. Keine Entschuldigungen, was alles nicht geht, nur jetzt schnell ein paar Eindrücke aus Cannes, der sommerlichen Festivalstadt, denn es hat gestern begonnen, das diesjährige Filmfestival. Letztes Jahr fiel es aus, dieses Jahr wurde es noch von Mai in den Juli verschoben, und man bangte lange ob, und ja, jetzt ist es da, und vielleicht ist es nicht so voll wie sonst, aber es ist ausreichend Getümmel in der Innenstadt, die wir jetzt großräumig meiden.

Das 74. Filmfestival in Cannes wurde also gestern Abend eröffnet. Und ich war dabei! Zumindest habe ich die Eröffnungszeremonie und die ersten „montée des marches“ der Jury und der Schauspieler des Eröffnungsfilms gesehen, allerdings via Live-Übertragung von Canal+ in einem kleinen Stadtteilkino. Es war das erste Mal, dass ich „so nah dran“ war und es war schon beeindruckend. Vor allem ist es wahnsinnig laut, hunderte Fotografen im Smoking, rechts und links des roten Teppichs positioniert, brüllen ununterbrochen, dass sich die Stars bitte zu ihnen drehen möchten, die Stars drehen sich dann auch gehorsam und lächelnd in alle Richtungen und gehen laaangsam den Teppich entlang und die Stufen hinauf.

Am Rand stehen Journalisten von Canal+ und ziehen immer mal eine Schauspielerin (Jodie Foster, Carla Bruni, Marion Cotillard), Filmschaffende oder die Kulturministerin Roselyn Bachelot vom roten Teppich und vor die Kamera und die Mikros und fragen stakkatomäßig dies und das. Viel Zeit ist nicht. Schon formiert sich die Jury des Filmfestivals um den in fluo-pink gekleideten Spike Lee. Mit ihm hat erstmals ein Afroamerikaner die Rolle des Jury-Präsidenten inne. Und wir haben fünf Frauen, darunter die französische Sängerin Mylène Farmer, und drei Männer (aus insgesamt sieben Ländern) in der Jury. Und als erstes bekommt Jodie Foster eine Ehrenpalme für ihr Werk: Sie spricht zu meiner Überraschung perfekt französisch und dankt mehrfach ihrer Frau Alexandra. Mehr political correctness geht nicht am ersten Abend.

Spike Lee hat gestern zwar ziemlich wenig Text, macht aber von sich reden, dank des farbigen Outfits bis hin zur fluo-pinkfarbigen Sonnenbrille, und zieht klar, alle Blicke auf sich. Monsieur, der seit Jahren eine fluo-grüne Sonnenbrille trägt, ist vermutlich plötzlich ziemlich hip.

Es drängeln sich auch trotz COVID ziemlich viele Menschen (vorwiegend ohne Masken) am Absperrgitter, stehen auf Leitern und rufen ihren Stars ebenso zu. Manche bekommen sogar ein Autogramm – Marion Cotillard war sehr freundlich und schrieb ihren Namen ziemlich oft auf ihr entgegengestrecktes Papier und lässt sogar Selfies machen.

Der große Saal im Palais des Festivals ist voll, nicht alle tragen Maske, aber die meisten. Nach der Eröffnungszeremonie (wie gesagt Jodie Foster bekommt die Ehrenpalme und hält eine lange Rede in perfektem Französisch; ist sie nicht großartig?)

sehen wir im Kino, genau wie das Publikum im Saal, den Eröffnungsfilm „Annette“ von Leos Carax, von dem ich zu meiner Schande noch nie gehört habe. Ich bin also komplett neutral und gespannt auf den Film. Er wird uns als eine tragédie musicale angekündigt, ein tragisches Musical, ein gesungener Film. Aber eben kein heiterer.

Es beginnt dynamisch, Marion Cotillard, Adam Driver, ein paar Musiker (Sparks) und ein Chor laufen durch die Straßen und singen, „so may we start“, vielleicht singen sie auch was anderes, aber das ist das, was ich verstehe, „Lasst uns anfangen“, sie singen in Englisch. Es gibt aber französische Untertitel. Wollen Sie den Inhalt? Wenn nicht, überspringen Sie den Absatz nach dem Trailer.

Ich hoffe, das Video ist in Ihrem Land zu sehen.

Eine zarte Opernsängerin Ann (Marion Cotillard) und ein, wie man später erfährt, gewalttätiger Komiker Henry (Adam Driver), der sein Publikum mit provokanten Szenen zum Lachen bringt, sind überraschend ein Liebespaar geworden. Sie bekommen ein Kind, ein Mädchen, Annette, die beinahe bis zum Schluss von einer Marionette gespielt wird. Sehr bizarr. Der Komiker trinkt zu viel, ist eifersüchtig und bringt erst die Sopranistin um, später noch den besten Freund, der vielleicht der echte Vater von Annette ist, denn er hatte eine kurze Liebesaffäre mit der Sängerin. Außerdem beutet er seine kleine Tochter „Baby Annette“ aus, die von ihrer Mutter auf mystische Weise eine magische Stimme „geerbt“ hat. Die Tochter singt dann eines Abends vor einem Millionenpublikum nicht mehr, sondern klagt ihren Vater an, Menschen getötet zu haben. Ende im Gefängnis. Hier jetzt singt ein echtes kleines Mädchen, dass sie ihrem Vater nie verzeihen wird, was er getan hat. Das alles wird gesungen, dauert 2 Stunden und 20 Minuten und ist damit sehr lang. Ich hatte Hunger, Schmerzen im Knie, das ich nicht bewegen konnte, gähnte hinter meiner Maske und war versucht, mein Smartphone zu öffnen, um zu sehen, ob es etwas Interessanteres gäbe. Zu meiner Beruhigung ging es dem Publikum im Saal nicht anders. Die ZuschauerInnen waren im besten Fall verstört. Die meisten gelangweilt und genervt. Niemand klatschte. Die Kritiken in Nice Matin gehen heute von „Punk Oper“ über „meisterhafter Märchenerzähler“ bis zu „Unklar“ und sie vergeben 1 bis 3 (von 5) Palmen. Telerama aber, das intellektuelle Kulturblatt, spricht von einem Gesamtkunstwerk.

So viel zum Kino in Cannes. Das Sommerliche folgt (hoffentlich bald) in einem Sommer-Special.

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8 Responses to Sommer, Sonne, Cinéma

  1. Marion sagt:

    Hach, meine Namensvetterin sieht aus wie eine Meerjungfrau… ich möchte meinen Namen auch wieder französisch ausgesprochen hören, seufz… Und Carla hält wacker die Stellung ohne Sarko – bin echt gespannt, ob er in den Knast muss. Jodie Foster hatte eine frankophile Mutter und ging deshalb auf eine frz. Schule. Vor kurzem gab es eine super Doku auf Arte über ihr Leben, daher weiß ich das. Und von L. Carax kannte ich die „Liebenden von Pont Neuf“ – so lang her… 220 Minuten hätte ich mir nicht angetan, puuhh… aber immerhin, gut dass das Festival stattfindet… Wie geht’s denn Deinem Knie? LG, Marion

    • dreher sagt:

      Ma chère Marion (denke dir eine französische Aussprache), Sarko IST im Knast. Ist aber ein Luxusknast, er hat Hausarrest im Anwesen der Schwiegermutter hier irgendwo im Nachbardepartement.
      Danke für die Hintergrundinformationen zu Jodie Foster.
      Die Liebenden von Pont Neuf hab ich nie gesehen. Es gibt noch Lücken in der französischen Kulturaneignung.
      Das Knie, die Schulter, das Handgelenk… wartet alles auf weitere Spritzen 🤷😢

      • dreher sagt:

        Und es waren nur 140 min, 2 Stunden und 20 min. Kam mir anscheinend wie 220 min vor 😂😅

    • Karin sagt:

      Ha, genau die habe ich auch gesehen, sehr interessant. Jodie hat auch in Yale studiert und mit summa cum laude abgeschlossen.

  2. Reiner Wadel sagt:

    Also ich finde die Alliteration gelungen.
    „Sommer, Sonne, Conéma“ gefiele mir nicht so. 😇

  3. Joël sagt:

    Liebe Christiane,
    Ich bin 10 Jahre lang nach Cannes zum Filmfestival regelrecht gepilgert. Das hatte mit einer Freundin zu tun, die das beruflich machte und ich durfte sie begleiten. Ich hatte das große Glück über Jahre hinweg in zehn Tagen an die 4o Filme anzusehen.
    Die Freundin ist inzwischen verstorben und ich gehe schon lange nicht mehr hin. Aber noch jedes Jahr, wenn das Festival losgeht, versetzt es mit einen kleinen Stich, weil ich immer gerne dort war.
    Kleiner Tipp:
    Man sich übrigens in der „Quinzaine des Réalisateurs“, Eintrittskarten kaufen um dort alle Filme sehen zu können. Neben der offiziellen Auswahl und der Auswahl „un certain regard“, war die Quinzaine für mich immer die Auswahl, die mich am meisten begeistert hat. Man hat sie mit den Jahren nicht umsonst „les dénicheurs“ genannt.

    Und dass Jodie Foster so perfekt französisch kann wusste ich. Sie hat ja auch schon mit den großen französischen Regisseuren der „nouvelle Vague“ gedreht als noch sehr jung war.

    Ganz liebe Grüße nach Cannes
    Manchmal wünschte ich mir ich könnte diesen ganzen Rummel noch einmal mitmachen.

    • dreher sagt:

      Lieber Joel, danke für deinen Kommentar, wie toll, dass du an Cannes und das Festival so schöne Erinnerungen hast! Und danke für den Tipp – der mir zwar bekannt ist, aber als ich in Cannes ankam, war das terrain cinéma (und genau die Quinzaine) von der streitbaren Ex (und ihren Freundinnen) des Gatten besetzt, also habe ich das Festival immer nur punktuell besucht, wenn man mir mal eine Einladung in die Hand gedrückt hat. Ist ja eine kleine Welt hier, auch wenn es so großartig und international wirkt. (Vierzig Filme hätte ich btw. nie geschafft, mich nimmt das ja alles immer so mit!) Jetzt muss „dieser Rummel“ auch nicht mehr sein. Insbesondere jetzt im Sommer, mit kaputtem Knie und zusätzlich Arbeit auf dem Schreibtisch, stelle ich mich nirgendwo an. Leider entfällt auch das Flanieren (das Knie). Aber ich kriege das Wichtigste auch so mit.
      Liebe Grüße nach Lu!