Afterwork Concert

Der Himmel über Cannes

Gestern waren wir zum krönenden Abschluss dieser vollgestopften Woche bei einem Afterwork-Concert im Park der wundervollen Médiathek in der Villa Rothschild. Die Dame des Kleingartenvereins, Annette, die ich jetzt nur noch Annette du Jardin nenne, hatte uns darauf aufmerksam gemacht. Es spielte das Orchèstre National de Syldavie. Ich musste erstmal googeln, wo dieses Syldavien liegt, von dem ich noch nie gehört hatte. Irgendwo in Osteuropa vermutete ich, zwischen Moldavien und Transsylvanien vielleicht? Ein klitzekleiner Stadtstaat wie das Herzogtum Seborga in Italien? Haha. Weit gefehlt. Syldavien ist ein Fantasiestaat aus einem Tintin-Comic, ein Land, das in einen Konflikt mit dem benachbarten expandierenden Staat Bordurien gerät. Ha!

Konzert im Park

Ich habe den Vormittag damit verbracht, über den achten Band von Tintin, deutsch Tim und Struppi, Ottokars Szepter, nachzulesen. Die Geschichte könnte aktueller nicht sein, aber tatsächlich verarbeitete Hergé, der Schöpfer der Tintin-Serie, darin den “Anschluss” Österreichs. Ottokars Szepter erschien nämlich schon 1938 und sogar in Deutschland! Wie der Band der deutschen Zensur entgehen konnte, ist nicht ganz klar, immerhin stiehlt Tintin darin ein “bordurisches” Kampfflugzeug, deutlich erkennbar als eine Messerschmitt; aber vermutlich hielt man das fiktive Syldavien für einen “Balkanstaat”, in dem es ständig “Vorkommnisse” dieser Art gab. Zusätzlich hatte man in der Übersetzung sprechende Namen ausgetauscht: der Staatschef Müsstler, eine Zusammenziehung der Namen Mussolini und Hitler, wurde zum unauffällig osteuropäisch klingenden Rawczik. Tintin schafft es übrigens, Syldavien vor der feindlichen Invasion zu beschützen!

Ich finde das gerade sehr interessant, denn bisher konnte ich mit Tintin nicht besonders viel anfangen; ich fand die Geschichten langweilig, den klaren Zeichenstrich altmodisch, und die Darstellung der Themen, aus heutiger Sicht, sprachlich, zeichnerisch und politisch nicht mehr korrekt (Kolonialismus und offener Rassismus im Band Tintin im Kongo, was übrigens auch in einer aktuellen Neuauflage nicht mit einem Vor- oder Nachwort versehen wurde!), Tintin einen nervigen Streber, und generell gefällt mir dieses Männeruniversum nicht, in dem die einzig vorkommenden Frauen übergewichtige kreischende Operndiven oder resolute Hausangestellte sind. Letzteres sagt natürlich viel über das Frauenbild Hergés aus, oder vielleicht auch über seine Homosexualität? Dazu gibt es bis heute keinerlei offizielle Aussagen. Der Journalist und Tintin-Experte Michael Farr widerspricht (in diesem Interview zu seinem Buch über die Recherche, Vorbilder und Hintergünde der Tintin-Abenteuer) dieser Vermutung deutlich. Kritik an Tintins “asexueller Kindlichkeit” wird damit begründet, dass die ersten Geschichten (ab 1930) in der katholischen Presse veröffentlicht worden seien, und so von Jungen wie Mädchen gleichermaßen gelesen werden konnten.

Orchestre National de Syldavie

Tintin habe ich nicht in meiner Kindheit gelesen, Tintin ist mir erst als Erwachsene in Frankreich begegnet; die geschichtliche Aktualität der einzelnen Bände zu ihrer Zeit und die akribische Recherche dahinter, habe ich bis eben nicht gewürdigt. Ich habe ein paar Bände von Patrick geerbt, in die ich gerade gerne einen erneuten Blick werfen würde, vor allem würde ich jetzt gerne “Ottokars Szepter” bewusst lesen, – die Bände befinden sich allerdings noch in meinem Büro, und gerade ist die kleine Familie unterwegs.

Das alles zum Hintergrund des Nationalorchesters von Syldavien, das sich musikalisch dann doch in einem grenzenlosen Osteuropa verortet: polnisch, russisch, ungarisch, rumänisch … jiddisch, tsigane … Die junge und alternativ angehauchte Gruppe tritt sonst an anderen Orten auf (Kneipen, Straßenränder, Festivals, auf jeden Fall seien ihre Konzerte mit Alkoholausschank begleitet, ließen sie mehr als einmal hören), zu anderen Zeiten (spät abends) und vor anderem Publikum (jünger, stehend und tanzend). Sie sagten es mehrfach an diesem frühen Abend und wunderten sich selbst vermutlich am meisten darüber, wie sie es in dieses Cannoiser Ambiente verschlagen hatte.

Denn ja, alles war wunderschön, perfekt geradezu, aber es war eben typisch Cannes und es war Cannoiser Publikum anwesend: nicht bourgeois, aber doch gediegen und hüstel altersmäßig überwiegend jenseits des Arbeitslebens, damit bekommt das Wort Afterwork eine ganz neue Bedeutung. Und auch im wahrsten Sinne gesetzt: Man lag entweder schick im Liegestuhl oder saß auf Picknickdecken, trank hier und da mitgebrachten Champagner und ließ sich bespielen. Niemand sang mit, niemand klatschte oder tanzte und hoppste mit einer Kippe und einer Flasche Bier in der Hand herum. Nee, so ginge das nicht, sagte der Sänger resigniert nach dem zweiten Lied, sie seien das anders gewohnt, sie wollten mit dem Publikum zusammen feiern (der fehlende Bierausschank wurde mal wieder erwähnt), und dazu müsse etwas passieren: Er bringt uns bei, manchen Refrain mitzusingen, das klappte, etwas zögerlich zunächst, aber dann wurde im Laufe des Konzerts doch hier und da mit dem Fuß gewippt, der Kopf bewegt und immer mal wieder rhythmisch in die Hände geklatscht. Am Ende des Konzerts, buchstäblich zum letzten Lied, da war die Sonne schon weg und es war frisch geworden, und vielleicht bekamen sie das Publikum auch deshalb auf die Füße, auf jeden Fall tanzte man auf dem Gänseblümchendurchsetzten Rasen, den man sonst nicht betreten darf, ein bisschen vor und zurück.

Es wird getanzt

Meine Knie-Unbeweglichkeit macht ja aus mir auch eine gesetzte Seniorin, ich hoppse auch nicht mehr herum, weder am frühen noch am späteren Abend, Alkohol trinke ich auch nicht, insofern fehlte mir der von der Band vermisste stimmungsfördernde Bierausschank überhaupt nicht. Ich habe es sehr genossen, den schönen und friedlichen Rahmen, das Draußen-Sein, und besonders die für Cannes so ungewöhnliche Musik.

Tetiana und den Jungs gefiel es auch, den Jungs zumindest bis zu einem gewissen Moment, dann war es ihnen zu langweilig, obwohl sie zwischendurch durch den schönen Park rannten. Aber es war eben keine Kinderveranstaltung. Daran konnten auch die abwechselnd in ukrainisch und französisch vorgetragenen Texte und Gedichte von Taras Schewtschenko, dem ukrainischen Nationaldichter, vor dem Konzert nichts ändern. Eine junge ukrainische Schauspielerin deklamierte dramatisch Das Vermächtnis in ukrainischer Sprache, die Kinder lauschten überrascht, es war ihre Sprache – aber es blieb vermutlich zu abstrakt. Tetiana, die Theaterschauspielerin ist, und die mit ihrem Mann ein Theater in Ternopil leitet(e), suchte den Kontakt zu der jungen Frau. Aber sie wurden keine Freundinnen. Die junge Frau hat abgeschlossen mit der Ukraine, sie will Filmschauspielerin werden, hofft, während des im Mai stattfindenden Filmfestivals Kontakte zu knüpfen. Irgendwann, wenn “alles vorbei” ist, Theater in Ternopil zu spielen ist für sie keine Option.

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4 Responses to Afterwork Concert

  1. Sunni sagt:

    Ach, wie schön! Gewählter Ort und Musik. Der Hintergrund nicht, aber umso mehr freut dieses Konzert. Grüßen Sie Tetiana! Vielleicht kennt sie die Schule Nr.17, zu der wir seit 25 Jahren enge Beziehungen in Ternopil haben. Herzlich, Sunni – auch Knieseniorin.

    • dreher sagt:

      Ja, es war sehr schön! Ich muss das dosieren und abwägen, mit den Grüßen und den Hinweisen von LeserInnen – Tetiana weiß noch immer nicht, dass ich über “unser” Abenteuer schreibe. Bei Gelegenheit kann ich es vielleicht einflechten.
      Knie-Solidarische Grüße!

  2. Karin sagt:

    Na dann sind wir schon zu dritt! ;)
    Gerade das verlinkte Lied kann ich mir super gut in einer vollen Kneipe, Bierglas in der erhobenen Hand, mitsingend und Hüften schwingend (knarz) – soweit es die Enge zulässt – vorstellen, der Rhythmus ist so >entrainant>. Kein Wunder, dass die Band etwas fremdelte .
    Es muss für Tetiana schmerzlich sein zu hören, dass manche ihrer Landsleute die Ukraine gedanklich schon aufgegeben haben…
    Liebe Grüsse aus Genf,
    Karin

    • dreher sagt:

      Ja, es war schmerzlich für Tetiana, das zu hören, das hast du richtig erspürt, Karin. Wir einigten uns darauf, dass die zukünftige Filmschauspielerin noch sehr jung ist …
      Knie-Solidarität auch in die Schweiz gewünscht!

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