Am Strand

In aller Frühe zieht mich Monsieur aus dem Bett. JETZT sei die beste Zeit, schwimmen zu gehen, versucht er mich zu überzeugen. Im Prinzip braucht er aber nur jemanden, der ihn zu seinem am anderen Ende von Cannes geparkten Auto fährt, damit er, der frühe Vogel, Sie wissen schon, zu seiner Baustelle fahren kann, um dort Türen zu streichen, auch dazu ist (bei dieser Hitze) die Morgenstund bestens geeignet. Wir haben dort gestern Abend spät, Nationalfeiertag hin oder her, noch geputzt und aufgeräumt, nur all die anderen, die von überallher kamen, um am Strand zu picknicken und um das festliche Feuerwerk zu sehen, hatten die Stadt gnadenlos zugeparkt, und wir fanden beim Nachhausekommen weit und breit keinen Platz. Ich lasse mich also erweichen, setze mir die Kontaktlinsen in die müden Augen, nehme meine gepackte Strandtasche und fahre zunächst Monsieur zu seinem Auto, dann weiter an den Strand. Halb Acht bin ich dennoch nicht die Erste, aber immerhin habe ich noch die freie Auswahl in der ersten Reihe. Kritischer Blick zu den anderen Strandbesuchern, seitdem man uns vor ein paar Jahren in aller Frühe dort die Sachen geklaut hat, habe ich einen Blick für die Gestalten, die sich dort während der Saison immer mal wieder, auffällig unauffällig, aufhalten (und weshalb ich weder Geld noch Telefon mit an den Strand nehme, weshalb ich wiederum keine sommerlichen Meerfotos machen kann). Heute stehen aber, in einiger Entfernung, nur die üblichen (älteren) Strandbesucher. Ebenso kritischer Blick ins Wasser. Nachdem mich vor vierzehn Tagen eine Feuerqualle verbrannt hat und Quallen mehrere Tage in der Bucht gesehen wurden, traute ich mich nicht mehr ins Wasser. Ich erwog sogar ins Schwimmbad zu gehen, aber die Freibäder machen für den Publikumsverkehr erst um 10 Uhr auf, vorher trainieren die Clubs, das ist mir ehrlich gesagt zu spät. Wir waren zwischendurch ein paar Tage in den Bergen, und jetzt hat sich die Quallen-Lage wohl wieder entspannt. Das Meer sieht heute ganz gut aus, nicht so klar wie gestern, kein Wunder nach dem Feuerwerk und dem Ansturm der Massen auf die Strände, kleine Wellen gibt es auch, aber ich schwimme, von Quallen unbehelligt, bis zur großen Boje und zurück. Die große Boje ist vollkommen zugeschissen von den nervösen und ungelenken Jungmöwen, die mich im Wasser bei ihren Flugversuchen beinahe streifen, während sie im Tiefflug, genau wie ich, auf die Boje zuhalten. Uff, geschafft! Da sitzen sie dann, schon so groß wie eine ausgewachsene Möwe, aber noch grau gefiedert und dick aufgeplustert und fiepen ihre im Himmel kreisenden Eltern lange und verzweifelt um Hilfe an; ich bleibe vorsichtshalber auch nicht lang, sehe aber noch, dass sie beim Abflug zur nächsten Boje aufgeregt einen ordentlichen Möwenschiss zurücklässt.

Neulich schwamm ich an einer im Wasser zappelnden Biene vorbei, und beschloss augenblicklich, sie zu retten. Ich zog eine Flosse aus, fischte das Bienchen damit auf und schwamm einflossig und einhändig bis zur Boje, setzte sie dort vorsichtig ab und sprach ihr Mut für den Rückflug zu. Ich hatte dann trotzdem den ganzen Tag ein schlechtes Gewissen, weil ich fürchtete, dass sie den weiten Flug zurück bis zum Festland vielleicht nicht geschafft hat.

Heute habe ich unwissentlich mal wieder den Platz eines mageren und ledrig braungebrannten Rentnerpaares besetzt, das schon seit Ende Juni seine Ferien am Strand verbringt, und zwar, so scheint es, seit Jahr und Tag, genau hier, schräg unterhalb des Kioskes Nummer 17. Es macht ihnen definitiv schlechte Laune, dass ich da liege. Am ersten Tag habe ich es noch nicht verstanden und sah nur verwundert, dass sie, für meinen Geschmack, deutlich zu dicht an mich heranrückten, wo doch noch so viel Reststrand frei war. Ich sah ihm zu, wie er fachmännisch etwa vier Quadratmeter Sand glättete und wie sie, ein fest eingespieltes Team, zunächst die Handtücher, akkurat ausgerichtet, ausbreitete und dann kleine Rückenlehnen daraufstellte, während er jetzt schon den Sonnenschirm, in einem exakt abgezirkelten Abstand zu den Handtüchern, eingrub. Ich hatte die Gelegenheit, sie mehrere Tage zu beobachten. Als Nächstes geht er mit einem Thermometer, das er an einer langen Schnur befestigt hat, ins Meer, um die Wassertemperatur zu nehmen. Heute 27° C. Man kann das auch in der Zeitung finden, oder etwas später beim Bademeister, da steht es auch auf einer Tafel angeschrieben. Ich weiß nicht, welcher Reiz darin liegt, die Wassertemperatur des Mittelmeers zu wissen. Der Strandnachbar ist auf jeden Fall ungeheuer zufrieden damit. Weiter ins Wasser gehen sie aber nicht, zumindest nicht, solange ich anwesend bin. Beide sitzen nun, im Partnerlook, mit einem hellen Strohhut behütet, auf ihren Handtüchern und schauen aufs Meer. Er beobachtet mit einem Fernglas die Jachten und Kreuzfahrtschiffe, die in der Bucht liegen und sucht sie in seiner App. Sie schaut nur.

Sie sind nicht alleine. Ein anderes Paar gehört auch zum Freundeskreis Meer am Kiosk Nummer 17, denen habe ich gestern, da war ich etwas später als üblich, den letzten Parkplatz vor der Nase weggeschnappt, wie sie kurz darauf laut neben mir am Strand verkündeten: “Die Dame in Rot hat unseren Parkplatz geschnappt!” Ich entschuldigte mich pflichtgemäß. Man lächelte mir gnädig zu. Mit der einzelnen älteren Dame, einer Niederländerin, die in der Regel als erste nach mir ankommt, habe ich mich ein bisschen angefreundet. Na gut, angefreundet ist etwas zu viel gesagt, aber Frauen frühmorgens allein am Strand, auch sie Opfer der Quallen, so etwas verbindet. Wir zeigen uns täglich den Zustand unserer Narben und fragen uns nach der Quallenlage ab, bevor wir ins Wasser gehen. “Heute habe ich keine gesehen”, sage ich ihr. “Was nicht heißt, dass es nicht doch welche gibt.” Sie nickt und plantscht dann vorsichtshalber doch nur in Strandnähe herum.

Nach dem Schwimmen ruhe ich mich etwas aus, trinke mein Wasser, kaue ein Stück Rührkuchen und blättere die Zeitung durch, als ich höre, wie man dem um Viertel nach Acht ankommenden braungebrannten Paar bedauernd sagt “Heute gibt es nur noch Platz in der zweiten Reihe”. Ich blicke kurz auf. Sie sind sauer. Sauer ist gar kein Ausdruck. Sie sind empört. Der Tag ist im Eimer. Vielleicht sogar die ganzen Ferien, wer weiß das schon. Unentschlossen stehen sie herum. Zweite Reihe! Undenkbar. Da kann man vermutlich die Schiffe nicht richtig beobachten und überhaupt. Die anderen drei schlagen vor, zusammenzurücken, aber der Platz reicht dennoch nicht für zwei Handtücher und den Sonnenschirm. Missmutig plättet er schließlich in der zweiten Reihe den Sand. Ich entschließe mich zu einer guten Tat, es ist bedeckt und ich werde sowieso nicht mehr lange bleiben, ich ziehe mein Handtuch also ein gutes Stück nach links, gefühlt etwas zu nah zu den mich nun befremdet ansehenden zwei Italienerinnen, die sich dort heute niedergelassen haben. Uff! Der Tag ist gerettet! Der Dank für zwei Meter Sand in der ersten Reihe ist dennoch nur knapp. Aber wer weiß, wenn ich so weitermache, gehöre ich am Ende des Sommers vielleicht doch zum Strand-Ferienklub. Nein, keine Sorge, ich strebe das nicht wirklich an, außerdem gehe ich um halb Neun, sodass sich unsere Freundschaft, zumindest heute, auch nicht mehr vertieft.

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8 Responses to Am Strand

  1. Sunni sagt:

    So enstehen die kleinen und großen Dramen des Lebens! Der Zirkus am Strand könnte sehr gut an der Ostsee oder einem Badesee spielen. “Meins, meins, meins..” Motto unserer Zeit. Insofern kann man sehr froh sein, nur sehr morgendlicher Teil des Theaters zu sein. Ob das nicht in ein neues Buch passt? Herzlich, Sunni

    • dreher sagt:

      Liebe Sunni, solche Szenen könnte sicherlich in ein Buch passen, aber dann würde ich sie hier nicht teilen ;-)
      Alles Gute und einen (möglichst) leichten Sommer für Sie!

  2. Martina sagt:

    Die neurotischsten Leute gibt’s an Supermarktkassen und am Strand. Dort kann man sie am besten aus der 2. oder 3. Reihe beobachten – und sich amüsieren. Die Neurosen anderer sind immer vergnüglicher als die eigenen!
    Freue mich, wieder etwas von Ihnen zu lesen und wünsche einen schönen Sommer.

  3. Marion sagt:

    Schön, von dir zu hören. Was bist du wieder fleißig, und in aller Herrgottsfrüh… Wie oft gehst du denn schwimmen und hilft es den Knien? Ich habe Anfang August mein MRT. Aber zum schwimmen raffe ich mich immer nur 1x/Woche auf, leider, und auch meine gymnastischen Übungen mache ich unregelmäßig. Hier wird es nächste Woche auch sehr heiß, das wird lustig in meiner Dachwohnung, dabei gibt es ja genug Schwimmmöglichkeiten in der Umgebung. Ich wünsche ebenfalls noch angenehme Sommertage!

    • dreher sagt:

      Liebe Marion,

      wenn ich nicht gerade in den Bergen bin, dann gehe ich jeden Morgen schwimmen; und nur als mich die Qualle verbrannt hatte, ließ ich es sein und fuhr stattdessen im Wind des Ventilators auf dem Heimtrainer Fahrrad. Ich bevorzuge aber eindeutig, zumindest in Sommer, das Schwimmen! Ich fühle die Körperschwere nicht, es erfrischt und ich finde, der Körper fühlt sich danach besser an. Und ja, ich mache das, um die Knie bzw. Oberschenkelmuskulatur zu stärken, das heißt, ich schwimme mit Flossen und mache nur Beinbewegungen. Und erneut ja, es hilft. Nachdem der Orthopäde mir die, von mir sehnsüchtig erwartete, halbe Prothese rechts letztendlich doch nicht machen wollte, weil (nach dem neuen MRT) das Knie dafür viel zu kaputt sei, aber jedoch noch nicht ausreichend kaputt, um jetzt bereits eine komplette Prothese einzusetzen, (links hingegen ist es der Meniskus, den er aber auch nicht operieren will, weil sich danach die Arthrose entwickelt), nun, er sagte, ich müsse noch ein paar Jahre so klar kommen und es wäre wünschenswert gute Muskeln zu haben, also er empfahl Radfahren und Schwimmen, verschrieb mir noch etwas KG und Kortisonspritzen gegen die Schmerzen. Nun, das tägliche Schwimmen hilft, ich spüre (und SEHE sogar) den Unterschied, ich laufe zumindest wieder ohne Krücken, wenn auch Treppen (runter) immer noch schmerzhaft und schwierig sind. Und ich habe (bislang) vier Kilo abgenommen, auch das hilft. Liebe Grüße und alles Gute für dich!

  4. Kathrin Peters sagt:

    So herrlich dieser Artikel ! Zu komisch, wenn es nicht so wahr wär! Das mit dem Thermometer ist wirklich lustig !

    Auch ich bin dieses Jahr stets Opfer der Medusenküsse! Essig ist mein neues
    Chanel’N0 5 und ich finde , dass es tatsächlich schnell hilft, den Schmerz einzudämmen !

    Übrigens , wir nennen die ledrig gegerbten Rentnerinnen und Rentner
    «  Brathähnchen «  !

    Ich finde ich Ihren Arzt erstaunlich umsichtig. Mein Mann hat auch Knieprobleme und viele OPs schon hinter sich. Nach unseren Erfahrungen, lieber Sport als OPs !

    Liebe Grüße aus Antibes

    • dreher sagt:

      Autsch, Sie Arme! mein Unterschenkel war ein paar Tage lang doppelt so dick und sehr heiß und voller Blasen – ich finde, nichts hilft, man muss “durch” und danach die Stelle mit einem Gel, das die Narbenheilung unterstützt, einreiben.
      Heute hat eine ältere Dame, mit Handschuhen, beherzt alle Quallen in eine Plastiktüte gesammelt – es waren auch ganz kleine dabei, und ganz schön viele – ich war glücklicherweise gerade meine Strecke unbehelligt geschwommen, sonst wäre ich nicht mehr ins Wasser gegangen.
      Ja, der Arzt ist wohl ein guter!
      Schöne Grüße nach links!

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