Berlin Ost und West

Wir waren aufgrund der Flugverspätung mitten in der Nacht in Berlin angekommen.

Die angeheiratete Enkelin verbringt ein Erasmus-Semester in Berlin – Grund genug, sie dort zu besuchen. Ich war also mit der französischen Familie unterwegs – eigentlich sollten wir zu siebt sein, aber einer fiel wegen eines akuten Blinddarms aus, Monsieur hingegen wegen eines akuten „Das ist mir alles zu viel“. So teilten wir unsere zwei Vierbettzimmer im Jugendhotel in ein Zweier- und ein Dreier-Grüppchen auf und hatten mehr Platz. Das Hotel liegt am Rande des Prenzlauer Bergs, sodass ich erstmals in all den Jahren, in denen ich nach Berlin fahre, im Osten untergebracht bin. Noch nie bin ich so viel durch den Osten gefahren und gelaufen, noch nie habe ich so viele Plattenbauten bewusst wahrgenommen, noch nie war der Alexanderplatz mein täglicher Umsteigebahnhof und noch nie habe ich den Fernsehturm so intensiv wahrgenommen. Es ging mir mit ihm so ähnlich wie mit dem Eiffelturm in Paris – ich sehe ihn dieses Mal ständig.

Auch die Enkelin wohnt in einem Studentenwohnheim im Ost-Berliner Stadtteil Lichtenberg, im Hans-und-Hilde-Coppi-Haus, und ist komplett ostorientiert. Sie würde keinesfalls in Charlottenburg schwimmen gehen, da kann das Schwimmbad noch so schön sein, es ist ihr einfach zu weit weg. Ich wusste vorher nicht, dass Hans und Hilde Coppi in etwa das ostdeutsche Pendant zu Hans und Sophie Scholl sind. Vielleicht wussten Sie das aber schon und/oder haben den letzten Film von Andreas Dresen gesehen und sind besser informiert als ich.

Aus unserer Gruppe sind manche zum ersten Mal, andere zum zweiten Mal in Berlin, wir machen also, zusammen mit der Enkelin, das klassische Touristenprogramm, und darunter sind überaschenderweise Orte, die sogar ich noch nie gesehen habe!

Das Stasimuseum zum Beispiel, im ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit – meine Güte, was für ein riesiger Komplex! Und was für ein riesiges und informatives Museum! Es ist natürlich viel zu viel für unbedarfte Frenchies, und wir haben ja noch so viel anderes vor, also versuche ich sinnvoll abzukürzen und erkläre, soweit ich es vermag, und weise auf den Film “Das Leben der anderen” hin. Ich habe extra eine Fotoerlaubnis miterworben, aber ich mache dann kaum Fotos.

Teil des Stasi-Ministeriums (es gibt Büroräume zu mieten :D )

Danach brauchen wir erstmal eine Currywurst, eigentlich hatten wir Konnopke (im Osten) geplant, landeten dann aber aus Versehen bei Curry 61 in der Oranienburgerstraße, die Enkelin verzog abschätzig den Mund, sie ist jetzt schon Currywursterfahren, aber ich fand die Qualität gut (“mit Darm” übrigens, das ist man früher nicht gefragt worden, will mir scheinen) und die junge Frau, die uns bediente, schnitt die Wurst noch von Hand, die Pommes waren perfekt.

Wir tranken einen Kaffee und aßen deutschen Käsekuchen in einem Café in den Hackeschen Höfen. Die Kellnerin war Französin und wir plauderten vergnügt. Danach fuhren wir ins Hotel und brauchten alle ein Mittagsschläfchen. Als wir wieder fit waren, war es Zeit für den Apéro. Wir entdeckten in einer Nebenstraße des Hotels eine nette Kneipe mit freundlicher Bedienung. Wir setzten uns nach draußen, direkt neben eine Gruppe bereits sehr gut gelaunter Franzosen. Ganz Berlin ist voller Franzosen. Mein Hirn drehte durch und ich vergaß zwischenzeitlich, dass ich auch Deutsch sprechen kann. Aber ich kam gut mit Französisch durch. Haha. Wir überlegten, wo wir zum Essen hingehen könnten, und bekamen von den Franzosen, die alle in Berlin leben und arbeiten, verschiedene Restaurant-Tipps. Diese stellten sich jedoch als zu hochpreisig für unser Budget heraus, oder sie waren zu weit weg. Da es außerdem gerade heftig zu regnen begann, landeten wir schließlich bei einem französisch sprechenden Italiener in derselben Straße. Das mit dem Regen sollte sich in den nächsten Tagen fortsetzen.

Am nächsten Morgen fuhren wir zum Reichtag und bestiegen die Kuppel. Da war ich zwar vor etwa zwanzig Jahren schon einmal gewesen, aber ich war beeindruckt, als hätte ich sie noch nie vorher gesehen. Tolle Architektur!

Es fing wieder heftig an zu regnen, aber kurz darauf wurde der Himmel über Berlin wieder blau.

Auf dem Weg zum Mittagessen in der Markthalle 9 machen wir einen Abstecher zum Bahnhof Friedrichstraße und dem „Tränenpalast“. Auch dies ist ein Museumsort, den ich noch nie besucht habe. Ich habe jedoch einen persönlichen Erinnerungsmoment, als ich die komischen, engen Resopalboxen wiedersehe, in denen ich mich bei meinem ersten Ost-Berlin-Besuch zu Schulzeiten wiederfand. Oft habe ich davon erzählt, wie unangenehm dieser Moment allein mit dem Grenzbeamten in dieser Box war. Er blätterte in meinem Pass, verglich mich mit meinem Passbild und brauchte gefühlte Ewigkeiten, um den DDR-Ausreisestempel in den Pass hineinzudrücken. Dass ich diese Boxen noch einmal wiedersehen würde, hätte ich nicht gedacht.

Nach dem Mittagessen (Pulled Pork-Sandwich und anschließend Rhabarberkuchen) teilten wir uns auf – ich brauchte Ibuprofen für meine schmerzenden Knie und suchte mir eine Apotheke, die anderen liefen die Eastside-Gallery entlang.

Ich setzte mich in die Straßenbahn und dachte, ein bisschen allein durch den Prenzlauer Berg zu schlendern, aber den anderen war die East-Side-Gallery auch schnell zu langweilig und wir trafen uns alle in der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Dort fing es mal wieder an zu schütten. Den Berlin-Erstbesuchern war es jetzt langsam zu viel mit der Mauer und dem Osten und dem Westen. Immer noch mehr Filme und Fotos … die mich jedoch, je älter ich werde, umso mehr anrühren.

Abends waren wir mit drei Berliner Freunden bei einem Vietnamesen verabredet – es ist ein Touri-Vietnamese, den wir ausgesucht haben, aber egal. Für mich ist es das erste vietnamesische Essen, das ich überhaupt bestelle (der Enkel hatte vor zwei Jahren ein Auslandssemester in Vietnam gemacht und seitdem isst die französische Familie gerne vietnamesisch), ich war komplett überfordert von der Karte, dachte, eine Suppe bestellt zu haben, bekam aber Nudeln mit Hühnchen. War trotzdem gut.

Am nächsten Morgen trennten wir uns, manche flogen in aller Herrgottsfrühe schon wieder zurück nach Toulouse, andere machten eine der Unterwelten-Touren, und ich besuchte die beste Freundin in der Hufeisensiedlung.

Aber erst mache ich noch ein paar Fotos vom Hotel (einfach, sauber und gut, auch hier übrigens wieder viele Franzosen) und dem Viertel, wo wir untergebracht waren.

Am Alexanderplatz dann mache ich noch schnell Fotos vom Allesandersplatz-Schriftzug am Haus der Statistik, den ich abends – stark leuchtend – leider verpasst hatte zu fotografieren (und auch erst gar nicht kapiert habe). Wenn ich die Berliner Freunde richtig verstanden habe, wird jetzt aber doch nicht alles anders, aber ich finde nur diesen nicht ganz negativen Text in der taz dazu.

Gleich nebenan steht das Haus des Lehrers und der Fries an der Fassade erinnerte mich an etwas, ich wusste nur nicht, woran, denn ich sah es meines Wissens zum ersten Mal.

Dann gings zur Hufeisensiedlung.

Bruno Taut
Im letzten Stock nisten Elstern

Zum Mittagessen muss es noch ein Lahmacun mit Dönerfleisch sein. Das habe ich schon bestimmt zwanzig Jahre lang nicht mehr gegessen. Früher habe ich mich davon ernährt. So lecker.

Döner macht schöner!

Und ab gings zum Flughafen. Das Flugzeug hat Verspätung, aber wir kamen gut wieder zuhause an.

Dort sehe ich dann, dass der Umschlag von Christoph Heins „Narrenschiff” mit dem Fries vom Haus des Lehrers gestaltet ist. Das ist vielleicht ein Zeichen, dass ich es jetzt endlich weiterlese. Es liegt schon monatelang auf meinem Nachttisch und ich bin nicht über die ersten fünfzig Seiten hinausgekommen.

Und hier noch ein Berlin-Ohrwurm von Hildegard Knef. Ich hatte es heute den ganzen Tag im Kopf.

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10 Responses to Berlin Ost und West

  1. Gabriele sagt:

    Du hattest ja berichtet, dass Ihr viel gesehen und getan habt – nach dem Lesen Deines Beitrags wurde mir klar, wie viel 😅 Das ist ja ein Monatsprogramm (also für Tourist*innen, für Berlin-Bewohner*innen ist es ein Jahresprogramm 😆)! Dafür saht Ihr alle doch am Samstagabend recht entspannt aus 😃. Ich freue mich, dass Ihr alle gut angekommen seid, es hat mich sehr gefreut, Dich wiederzusehen. Herzliche Grüße Gabi

    • Christjann sagt:

      Merci Gabi!
      Während wir im Stasimuseum waren, waren andere noch in der Alten Nationalgalerie, das habe ich unterschlagen 😁🤷🏼‍♀️
      Und der erste Anlauf zur Reichstagskuppel am Freitag früh (nach teilweise nur vier Stunden Schlaf 🤪) war auch umsonst, weil E. vergessen hatte, die Anmeldung zu bestätigen 🤷🏼‍♀️

      Hat mich auch gefreut, dich und euch wiedergesehen zu haben!
      Liebe Grüße!

  2. Heidi Lang sagt:

    Ich muss unbedingt nach Berlin, war lange nicht mehr dort. Danke für den tollen Bericht.Lg Heidi

  3. Marion sagt:

    Interessante Eindrücke! Wie schön, dass die Enkelin so Deutschland- affin geworden ist – Dein guter Einfluss!
    Hilde und Hans Coppi kenne ich leider erst seit dem Kinofilm, aber besser spät als nie…
    Liebe Grüße 😙

    • Christjann sagt:

      Danke dir! Ich freue mich auch über ihre Deutschland-Affinität, und Berlin scheint ihr besonders gut zu tun!
      Verrückt, was wir gegenseitig (Ost-West) auch so viele Jahre später alles noch nicht wissen, oder?
      LG!

  4. Ein wirklich volles Ausflugsprogramm war das. Ich mag die Bilder. Machen Lust, mir Berlin genauer anzuschauen.

  5. Trulla sagt:

    Ein toller Bericht!
    Mein Mann ist gebürtiger Berliner und war in seiner Jugend, noch weit vor dem Mauerbau, sowohl in Ost und West zu Hause, und ich fragte ihn sofort nach Hans und Hilde Coppi, deren Namen ich nie zuvor hörte. Ihm waren beide ein Begriff, nicht zuletzt weil sie zum Kreis Hans Falladas zählten (sein spezielles Interessengebiet). Er erzählte mir dann die besonders traurige Geschichte Hildes, die bei ihrer Verhaftung schwanger war. Während Hans sofort hingerichtet wurde, durfte Hilde ihren Sohn noch zur Welt bringen, konnte ihn bis zum Abstillen behalten und wurde dann erst hingerichtet. Was für ein furchtbar grausames Schicksal, man mag sich dieses Leid nicht vorstellen.
    Nun werden wir uns natürlich den Film anschauen.

    Und Hildegard Knef, die “größte Sängerin ohne Stimme” lt. Ella Fitzgerald ist sowas von Berlin, viel mehr geht nicht.

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