Durch italienisches Hinterland und radeln an der Küste

Zwischenzeitlich war ich Woche in Deutschland, bin auch schon wieder auf dem Sprung Richtung Berlin, möchte aber doch gerne noch über die zwei Tage in Italien berichten, die sich an unsere Zeit in La Brigue angeschlossen haben. Ich wollte der Journalistin nämlich noch etwas italienisches Hinterland zeigen, das ähnlich, aber doch anders ist. Vor vielen Jahren hatte ich eine Kulturwanderreise übersetzt und wollte die kleinen Dörfer, die darin so liebevoll beschrieben wurden, gerne mit eigenen Augen sehen. Ich fuhr also hin und machte eine Art Dörfer-Besichtigungs-Marathon: Dolceaqua, Pigna, Rocchetta Nervina, Isolabona und Apricale Ich war so entzückt und wollte seit damals immer mal wieder dorthin fahren und mehr Zeit dort verbringen, aber geschafft habe ich es bis heute nicht. Jetzt also! Natürlich wollte ich nicht alle reizenden Dörfer anfahren. Ich wählte Apricale und Perinaldo aus, über die ich am meisten Material hatte. Die Geschichte dieser mittelalterlichen Dörfer ist so facettenreich, dass sie eigentlich nicht in wenigen Worten erzählt werden kann: Apricale zum Beispiel war zunächst autonom, wurde dann Spielball zwischen dem Adelsgeschlecht der Doria mit ihrem Sitz in Dolceaqua und den Grimaldis in Monaco, gehörte ein Jahrhundert lang zu Savoyen und mussten die Konflikte ertragen, die von der Außenpolitik Savoyens erzeugt wurden: Korsen, die im Dienste der Republik Genua standen, verwüsteten die Gegend, es folgten Pestepidemien und die Erbfolgekriege Österreichs vollendeten den Untergang Apricales. Apricale ist heute als Kunstort bekannt, es gibt jede Menge Kirchen, Fresken und eine Festung, in der das Museum von Apricale untergebracht ist. Es gäbe also viel zu sehen. Ich habe uns über winzige Sträßchen durch wunderschöne Landschaften voller Olivenbäume dorthin gekurvt.

Doch die Journalistin ist nicht halb so begeistert vom Anblick des Dorfes, das, nun ja, wie so viele andere Dörfer auch, zusammengedrängt am Berg klebt. Ich erinnerte mich an einen offenen und eleganten Platz mit geschwungenen Aufgängen, der mich nach den üblichen engen und dunklen Gassen seinerzeit begeistert hatte, und drängte ein bisschen, dass wir uns das Dorf wenigstens kurz ansehen. Dass wir sofort einen Parkplatz finden, macht die Sache einfacher.

Seit meinem letzten Besuch ist einige Zeit vergangen. Der in meiner Erinnerung weite und leere Platz ist nun voller Tische, Stühle und Sonnenschirme. Natürlich sind auch viele Menschen dort, die zu bester Mittagszeit essen.

Ich hatte etwas Ähnliches für uns angedacht, aber die Journalistin winkt nur ab. Sie will nach all dem Gekurve und all den Dörfern ans Meer. Möglichst früh, damit sie noch ausreichend davon profitieren kann. Verständlich, wenn man das Meer nicht täglich vor der Haustür hat, aber Perinaldo, das Dorf der Astronomen, das ich vor zehn Jahren nicht sah, weil ich damals den weniger kulturbeflissenen Gatten in einem Bistro abholen musste, sehe ich auch dieses Jahr nicht, bzw. nur beim Durchfahren. Es ist Pfingstsonntag und alle Italiener besuchen ihre Familien im Hinterland. Es gibt nirgends einen freien Parkplatz, nicht einmal einen winzigen im Halteverbot. Dann eben nicht.

Wir fahren nun zügig, soweit es die kleinen ligurischen Straßen zulassen, Richtung Meer.

Bei der Vorbereitung unserer kleinen Reise hatte ich keine Lust auf sehr touristische Orte wie San Remo, das mich an Cannes erinnert. Deshalb habe ich Arma di Taggia als unseren Standort ausgewählt. Das kleine Städtchen liegt an der ligurischen Riviera, auch Blumenriviera genannt, die ihrem Namen derzeit mit den üppig blühenden Bougainvilleen in Violett und Weinrot alle Ehre macht. Arma di Taggia ist dann zwar nicht besonders reizvoll, hat aber immerhin einen langen, feinen Sandstrand, der an diesem Küstenabschnitt eine Seltenheit ist. Außerdem verfügt die Stadt über eine nette, kleine Strandpromenade. Unser Hotel liegt genau dort, sodass man in einer Minute am Strand ist. Es liegt außerdem am vor ein paar Jahren neu geschaffenen Radweg, der von Ospedaletti bis nach Imperia führt. Der Radweg verläuft auf der ehemaligen Bahntrasse, die ein paar Kilometer weiter ins Hinterland verlegt und untertunnelt wurde. Das Projekt ist wohl noch nicht beendet, aber man kann heute immerhin 30 Kilometer einfache Strecke am Meer entlangradeln, und das auf einem sehr komfortablen Radweg. Das haben wir für den Folgetag geplant und dazu, auf Wunsch der Journalistin, E-Bikes bestellt.

Ich habe in Deutschland seinerzeit alles mit dem Rad erledigt, fahre aber im tendenziell fahrradunfreundlichen Südfrankreich schon seit Jahren kein Fahrrad mehr, weil es mir einfach zu gefährlich ist. Die Idee, ein E-Bike zu fahren, mit dem ich wenigstens flüssig im hügeligen Cannes im Straßenverkehr mitfahren könnte, kommt mir immer mal wieder in den Sinn. Ich habe bisher keine Erfahrung mit E-Bikes und habe mich deshalb bei einer Freundin, die selbst ein E-Bike hat, kurz einweisen lassen. Ich bin entsprechend aufgeregt, als ich die sehr sportliche Geschosse sehe, die uns zugedacht sind, mit einem Sattel, der vielleicht für einen Tour de France- oder den Giro d’Italia-Radler geeignet ist, aber meinem Hinterteil schnell Schmerzen bereitet. Die etwas jüngere und E-Bike-erfahrene Journalistin ist mir schon davongeschossen und ich fahre ihr nun hinterher – vormittags zunächst in die eine Richtung, vorbei an San Remo, bis ans Ende der Strecke in Ospedaletti und zurück, und nachmittags dann in die andere Richtung bis nach Imperia. Ich muss zugeben, dass ich acht Kilometer vor Imperia aufgegeben habe, weil ich einfach nicht mehr auf diesem Sattel sitzen konnte.

Bei Herrn Buddenbohm gab es gerade mehrere Beiträge, in dem E-Bikes und Tourismus kritisch beleuchtet wurden. Ich schreibe diesen Text auch deswegen, weil ich eine der „Ü60-Radlerinnen” bin (allerdings noch nicht mit Gerinnungshemmer-Medikament unterwegs, wie es in einem ebenso kritischen Kommentar heißt), die sich gerade auf ein E-Bike geschwungen hat. Für diese flache Strecke hätte ich es an einem windstillen Tag zwar nicht gebraucht, aber man saust beeindruckend schnell und leicht davon (und kommt glücklicherweise ebenso schnell durch die vielen langen und sehr kalten Tunnel).

Als wir kurz außerhalb der Fahrradpiste unterwegs waren, und ich eine Steigung hinaufradelte, schaltete die Ampel oben auf Rot, das Auto vor mir hielt an und ich versuchte, daran vorbeizufahren, um nicht am Berg anhalten zu müssen. Dummerweise kam mir auf der Gegenspur ein Polizeiauto entgegen. Also musste ich doch irgendwie anhalten und fiel beim Absteigen direkt vor dem Polizeiwagen einfach um. Glücklicherweise halfen mir Passanten auf, denn ich lag wieder mal so hilflos auf dem Boden und dieses Mal unter dem schweren E-Bike begraben. “Tutto a posto, signora?” fragten die Polizisten, als sie mit abschätzigem Blick langsam an mir vorbeifuhren. Vielleicht fragen auch sie sich, ob diese Fahrradstrecke an ihrer Küste so ein guter Deal war und warum Menschen über 60 nun auch noch E-Bike fahren müssen.
Nun, ich hatte mir, Schutzengel sei Dank, kein Handgelenk gebrochen (ich kenne einen Fall von Ü60-Handgelenksbruch in einer vergleichbaren Situation mit E-Bike) und auch sonst nichts. Nur ein paar blaue Flecken, und das Rad war ein bisschen verbogen, aber das ließ sich wieder zurechtrücken. Einen Moment lang zitterten mir die Knie, aber dann stieg ich wieder auf und sauste der bereits weit entfernten Journalistin hinterher.

Falls Sie dieser Ausflug reizen sollte, nur zur Info: Die Strecke Richtung San Remo ist ein bisschen touristischer (alles ist dort touristisch), man teilt sich die Piste auch mit den sogenannten Quadricycles, in denen vergnügte Familien sitzen, Eis essen und mehr oder weniger dynamisch in die Pedale treten. In Richtung Imperia war deutlich weniger los (vermutlich auch, weil derzeit eine Brücke hinter Arma di Taggia gesperrt ist und man ein Stück über die Nationalstraße fahren muss) und dort wurden wir von sportlichen Rennradgruppen überholt.

Übrigens: Nach meinem E-Bike-Umfall mein Fazit: ich werde mir kein E-Bike zulegen! Gerade, weil Cannes so hügelig ist und ich in komplexen Situationen (nicht nur) am Berg nicht mehr schnell genug vom (schweren) Rad springen kann. Immerhin eine Ü60erin, die vernünftig geworden ist.

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