Sommernews aus dem Bergdorf

Wir sind der Canicule, der Hitzewelle, entkommen und früher als sonst in die Berge gefahren. Hier ist es dann wider Erwarten aber auch heiß. So früh im Jahr ist das ungewöhnlich.

Es ist so ruhig hier! Ich bin jedes Mal aufs Neue entzückt von der Stille, die hier herrscht. In Cannes hatten wir vor dem Haus eine Baustelle und hinter dem Haus waren laute Bagger im Park am Werk. Hier ist es still. Nur unterhalb des Hauses bähen und bimmeln Schafe. Es klingt, als sei es nicht die kleine Herde der Schäfer aus dem Dorf, sondern eine größere Herde, die unterhalb des Dorfes Zwischenstation macht, bevor sie weiter in die Berge zieht. Über uns fliegen ein paar handzahme Spatzen, die sich auch von meiner Anwesenheit auf der Terrasse nicht stören lassen. Vögel zwitschern, und der Kuckuck ruft auch immer noch. Durch die Gorges de Daluis folgten wir zwei Transportern, die Schafe in die Berge brachten. Kaum ein Schäfer vollzieht die Transhumanz noch komplett zu Fuß. Die Schafe werden von der Winterweide unten im Var in die Berge transportiert und nur die letzten Kilometer gehen sie zu Fuß bergauf zur Sommerweide.

Als es nicht mehr ganz so heiß war, dachte ich, ich würde mir die Schafherde mal ansehen. Vielleicht könnte ich ein paar nette Fotos machen, vorausgesetzt, die Hütehunde würden nicht wild und aggressiv hinter dem leichten Zaun bellen, um mich als potenziellen Feind zu vertreiben. Doch dann kamen wir gerade noch rechtzeitig zum Abmarsch der Schafe ins Oberdorf. Was für ein Spektakel, und das gleich am ersten Abend! Wie wunderbar! Ich habe davon auch ein kleines Video aufgenommen. Über Stunden habe ich es mit dem schwächelnden Internet erst konvertiert und dann komprimiert, um es anschließend in ein blogkompatibles YouTube-Video umzuwandeln. Groß ist es aber immer noch. Uff!

Am Sonntagmorgen widmete ich mich dann gleich meiner niemals endenden Tätigkeit, dem (Un-)Kraut-Herausreißen. Es geht relativ leicht, weil es hier wohl immer mal wieder regnet, wie sie uns gestern gesagt haben und wie wir dann nachmittags erleben durften. Es schüttete und gewitterte, und am Ende gab es noch einen heftigen Blitz, der die Sicherungen herausfliegen ließ. Dass man in diesem Land keine Blitzableiter kennt, wundert mich bei jedem Gewitter aufs Neue. Eine Freundin war aber noch vor dem Regen gekommen. Wir quatschten, tauschten Neuigkeiten aus – es gibt viele, leider nicht nur gute – und sie blieb aufgrund des nimmer enden wollenden Regens noch zum Abendessen.

So versuchte ich heute Morgen erneut, dem grün sprießenden Kraut Einhalt zu gebieten. Man könnte eine schöne Biotopkartierung auf unserer Kieszufahrt erstellen: Löwenzahn, Breitwegerich, Spitzwegerich, Klee, Disteln, Schafgarbe, wilde Möhren, Königskerzen, Gräser und allerlei anderes, das ich zwar immer mal mit meiner App „Flora Inkognita” suche, aber dann wieder vergesse.

Heute Mittag waren wir bei Freunden zum Essen eingeladen und morgen schon wieder. Es ist wunderbar, wie sehr man hier sozial eingebunden ist. Das stresst mich allerdings auch gleich wieder, denn ich muss ja zeitnah zurückeinladen.

Seitdem gibt es hier jeden Nachmittag Gewitter. Die kühlen es hier oben zwar schön ab, allerdings fliegen dabei auch jeden Nachmittag die Sicherungen raus und das Internet- und Telefonnetz bricht (mal kürzer, mal länger) zusammen.

Sommergewitter. Südfrankreich: nur echt mit Stromleitung vor dem Fenster

Wir hatten jetzt fast zwei Tage lang kein Internet und kein Telefonnetz. Wir lasen und hörten mit einem kleinen Radio kratzige Musik. Heute Morgen lief ich dann ans andere Ende des Dorfes und siehe da, pling, pling, ich erhielt die ersten Nachrichten, denn hier wird das Dorf von einer anderen Antenne versorgt. Zuhause hatte ich erst kurz vor 12 Uhr wieder Netz. Der erste Anruf, der durchkam, war gleichmal eine Mahnung, weil ich vergessen hatte, etwas zu überweisen. Und schon ziehen wieder dunkle Wolken auf.

Gestern Morgen war ich im größeren Dorf, um Brot zu kaufen und mich mit einer Freundin zu treffen. Wir konnten uns kaum verstehen, so laut waren die ständig durchrasenden Motorräder. Dann gab es noch zwei Ferraris, die ihre Motoren röhren ließen, bevor sie sich entscheiden konnten, ob sie weiter hochfahren oder doch lieber wieder umkehren wollten. Herrje. Unter den Motorradfahrern waren auch viele Deutsche. Ich muss aufhören, mich für alle Deutschen verantwortlich zu fühlen, die hier einen Kaffee trinken wollen. Die Auswahl in der Bäckerei gefällt ihnen nicht. Das industriell gefertigte Brot und die diversen Backwaren im kleinen Lebensmittelladen wollen sie natürlich auch nicht und die einzige Kneipe (Bar Tabac), in der man einen Milchkaffee bekommen könnte, gefällt ihnen auch nicht. Ob es im nächsten Dorf nicht etwas Besseres gäbe, werde ich gefragt. Ich sage, das nächste Dorf mit Bäcker und ähnlicher Kneipe sei 45 Minuten entfernt. Oder sie fahren hoch in den Skiort Valberg, das ist nur etwa eine Viertelstunde entfernt. Dort gibt es immerhin drei Bäcker. Dass diese auch keinen Milchkaffee im Angebot haben und das Angebot an Backwaren gegen 10 Uhr schon begrenzt sein kann, sage ich nicht. Das wollen sie aber sowieso nicht, denn es liegt nicht direkt auf ihrem Weg „ans Mittelmeer“, wie sie mit leuchtenden Augen sagen. „Dann nicht“, zucke ich mit den Schultern. Sie lassen aber nicht locker. Sie haben unterwegs einmal so ein tolles Frühstück bekommen. Ob man so etwas nicht auch hier … ich lasse sie dann aber alleine mit ihrem Schicksal und gehe mit der Freundin Milchkaffee trinken in der, zugegeben nicht sehr charmanten, aber einzigen Bar Tabac im Ort. Der Milchkaffee dort ist ziemlich gut.

Heute ist das Gewitter schon früher durchgezogen und hat zumindest bis eben keine nennenswerten Schäden hinterlassen. Am Samstag findet das Mühlenfest statt. Es gibt eine Wanderung zur weit unten liegenden Mühle, ein Picknick, später einen Apéro und ein Barbecue auf dem Platz. Danach gibt es noch ein Open-Air-Konzert. Hoffentlich bleibt es wenigstens am Samstag trocken!

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