Nach dem Gewitter ist vor dem Gewitter

Nach dem letzten heftigen Gewitter in der Zwischenzeit vorgestern Nacht war, wie könnte es anders sein, das Internet weg. Das kennen wir schon, das regt mich kaum noch auf, aber es blieb dieses Mal doch verflixt lange weg. Bis ich mir dann heute Nachmittag die winzig klein geschriebene Nachricht auf dem mobilen Modem genauer angesehen habe: No Sim Card. Erst dachte ich, einer der Blitze habe die Sim Card im Modem geschrottet. Keine Ahnung, ob das überhaupt möglich ist, aber warum nicht. Ich mache das, was man so macht, schalte das Gerät aus und wieder an, still no Sim Card. Ich überlege also, eine neue Sim Card zu erwerben, aber wie, ohne Internet mitten in den Bergen. Erstmal mache ich das Kästchen auf, um zu sehen, was für eine Micro- Nano- oder was auch immer für eine Sim Card darin steckt. Und dann sehe ich, dass sie ein bisschen schief in ihrer Halterung hängt, ich schubse sie richtig hinein, und siehe da, es ward Internet! Vielleicht habe ich das Kästchen ein bisschen unsanft hin und hergeschubst auf seinem Weg von Raum A nach Raum B, wo immer gerade das Internet gebraucht wird. Vielleicht ist es auch jemanden heruntergefallen, was eine fehlende Ecke andeutet. War natürlich niemand. Auf die Katze kann man es nicht mehr schieben. Anyway. Internet ist zurück, Halleluja!

Immerhin kam gestern eine Buchbestellung an, und mangels Internet las ich den ganzen Mittag und Abend, und zwar in “Moosland” von Katrin Zipse. Ein Island Roman, der hier und da hoch gelobt wurde. Zurecht, stimme ich zu. Wenn es Ihnen zu heiß ist, tun die vielen Naturbeschreibungen von Regen, Schnee, Wind und Wetter ziemlich gut. Ansonsten ist es eine schöne Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht: Nach dem Zweiten Weltkrieg reisten knapp 300 deutsche junge Frauen nach Island, um dort auf Höfen mitzuarbeiten und auch als mögliche Heiratskandidatinnen, denn in Island herrschte zu dieser Zeit Frauenmangel. In “Moosland” folgen wir der Romanfigur Elsa, die vom Krieg traumatisiert ist, und die nichts und niemandem mehr hat. Sie ist allerdings kein Mädchen vom Land, was eigentlich gefordert ist und sie spricht nicht. Mich erinnerte ihre Ankunft auf dem abgelegenen isländischen Hof sehr an meine auf dem abgelegenen südfranzösischen Hof vor jetzt 21 Jahren, wo ich trotz meiner rudimentären Französischkenntnisse lange stumm blieb. Nicht nur, dass ich kaum etwas verstand und mich außerdem nicht traute, am Tisch vor aller Augen und Ohren etwas zu sagen, ich konnte vor allem nicht darüber sprechen, was ich erlebt hatte und warum ich eigentlich da war.

Ich kann mich also mit Elsa identifizieren und lege das Buch erst aus der Hand als ich die letzte Seite gelesen habe. Dann schreibe ich einen Brief an Anne, die Mutter der Hofes, die nach dem Tod von Dany weggezogen ist – den Hof gibt es so nicht mehr, es leben andere Menschen dort, die ich nicht mehr kenne. Anne geht es gesundheitlich nicht sehr gut, so wenig gut, dass ich mich nicht traue, sie einfach zu besuchen. Ein Brief gelingt mir da eher. In der Zwischenzeit schreibe ich ihn auf Französisch, frage den Gatten zwar bei jedem Satz, ob er nicht zu simpel klinge, der widerum winkt ab. “Schreib, was du auf dem Herzen hast und mache keine Stilübung daraus”, sagt er. Recht hat er.

Zum Nationalfeiertag sind wir wieder in die Berge gefahren. Wir waren nur zehn Personen und eine Handvoll Kinder – Enkelkinder, die bei den jeweiligen Großeltern Ferien machen –, die an der Gedenkfeier zum zehnjährigen Attentat in Nizza teilnahmen und eine Schweigeminute einhielten. Danach sangen wir die Marseillaise und hörten von Dick Rivers „Nice Baie des Anges”, das zwar die Sechzigerjahre besingt, als er achtzehn Jahre alt war, aber die Sehnsucht nach Sorglosigkeit kann auch für das Nizza vor dem Attentat gelten.

Si t’avais goûté
A Nice baie des Anges en plein été
Avec tous ces anges à tes côtés
Tu n’pourrais plus rêver

– passt auch zur Trauerfeier in Nizza, wo seit zehn Jahren und dieses Jahr sehr eindringlich der 86 Toten, den Engeln in der Baie des Anges, der Engelsbucht, gedacht wird.

Wir essen ein Repas partagée, zu dem jede(r) etwas beigetragen hat. Später sehen diejenigen, die einen Fernseher haben, Fußball. Am nächsten Tag vertilgen wir mittags gemeinsam die Reste unter dem alten Kastanienbaum am Dorfende – dem einzigen luftigen und schattigen Platz im Dorf. Wir leeren die Platten und Schüsseln sowie die Flaschen, holen mehrfach Wasser vom Brunnen, jemand kocht Kaffee und wir teilen noch einen letzten Panettone. Wir sitzen bis spät zusammen und erzählen Geschichten von heute und von früher. Es war ein wunderschöner Sommertag.

Vergangenen Sonntag fand in Guillaumes eine kleine lokale Buchmesse, der Salon de Livre, statt. Wir haben dort ein paar Bücher erstanden und mit den Autoren diskutiert. Natürlich habe ich einen Krimi und eine Bande dessinée (eine Graphic Novel) gekauft, letztere zum Thema der versteckten jüdischen Kinder während des Zweiten Weltkriegs. Darüber habe ich ja selbst auch einen Krimi geschrieben und wir haben über unsere Recherchen diskutiert. Die Autoren des BD wurden von der Region für dieses Projekt unterstützt und haben in allen Dörfern im Hinterland nach Menschen geforscht, die jüdische Kinder – mitunter auch Familien – versteckt haben. All diese Menschen gelten als „Les Justes parmi les Nations”. Tatsächlich gab es in dem sehr abgelegenen Dorf Bouchanières (da waren wir letztes Jahr) und dem heute nicht mehr existierenden Dorf Barels (dort sind wir vor vielen Jahren hingewandert) Menschen, die andere Menschen aufgenommen und versteckt haben.

Zum Salon du Livre wurde auch ein öffentliches Diktat geschrieben. Das ist eine Leidenschaft der Franzosen. Vor zwei Jahren gab es eine riesige Veranstaltung auf den Champs-Élysées, bei der mehrere Tausend Menschen ein Diktat schrieben.

Es war eine Backofenhitze in Guillaumes, so dass wir dem nachmittäglichen ambulanten Straßentheater (nach dem Mittagessen und einer gewissen Bettschwere) nur teilweise folgten.

Am nächsten Tag fuhren wir ins Oberdorf. Monsieur hat immer mal Sehnsucht nach dem alten Schulhaus, in dem seine Kinder eine neue Küche einbauen. Das Haus ist eine Baustelle und wirkt etwas unwirtlich. Gleichzeitig wird das Dorf für das kommende Sommerfest vorbereitet und die Wegränder gemäht. Draußen ist es nervig laut und von den sirrenden Freischneidern fliegen einem kleine Steinchen um die Ohren. So nehmen wir unser mitgebrachtes Essen dann doch in der nicht mehr existenten Küche ein. Später treffen wir alte Nachbarn und erzählen uns gegenseitig, was es Neues gibt.

Während Monsieur seine Sieste macht, reinige ich das Oratorium der heiligen Anne, entferne eimerweise das alte Laub, das sich hinter dem Zaun angesammelt hat, und pflücke Blumen, die ich ihr hinstelle. Ich schicke auch meine Gedanken an Anne vom Hof.

Als wir wieder hinunterfahren wollen, kommen uns zwei sichtlich erschöpfte junge Frauen entgegen. Sie bitten uns flehentlich, sie mitzunehmen, da sie nicht mehr laufen können und auch nicht mehr wollen. Alle Vorschläge, erst einmal auszuruhen und in der existierenden Herberge eine Nacht zu bleiben, um dann weiterzusehen, werden vehement abgewiesen. Sie wollen nur zurück zum Auto und weg aus den Bergen. Sie hatten eine fünftägige Rundwanderung geplant, sind aber nach drei Tagen am Ende ihrer Kräfte. Die Hitze, die Schwere der Rucksäcke, die anspruchsvollen An- und Abstiege und vor allem, dass sie drei Tage lang niemandem begegnet waren, hatten sie vollkommen überfordert. Wir nehmen sie mit hinunter und fahren sie dann sogar bis ans Ortsende von Guillaumes. Von dort aus wollen sie nach Valberg trampen. Eigentlich wollten sie ein Taxi nehmen, aber einen solchen Service gibt es hier nicht. Ich hoffe, sie sind wohlbehalten in Valberg und letztlich in Montpellier angekommen. Wenn Sie wandern, denken Sie daran, genügend Wasser mitzunehmen. Das Wasser aus plätschernden Bächen (sofern es welche gibt) oder Bergseen ist oft von Tierfäkalien verseucht, auch wenn es noch so klar aussieht. In den Pyrenäen sind gerade ein paar Menschen mit starkem Brechdurchfall im Krankenhaus gelandet, nachdem sie unterwegs an Wasserstellen getrunken haben.

Was machen wir sonst? Ich gehe wie immer auf dem kleinen Markt einkaufen, treffe viele Menschen und plaudere lange mit ihnen. Dann koche ich. Manchmal wird man zum Essen eingeladen und lädt dann seinerseits Menschen zum Essen ein. Freitags fahre ich in aller Frühe nach Valberg zum Aquagym. Auf dem Weg dorthin kaufe ich bei einem tollen Bäcker Bio-Brot ein und auf dem Rückweg lade ich Müll bei der Déchetterie ab. Es muss sich ja lohnen, wenn man so weit fährt.

Wir lesen und werkeln (ich reiße Umkraut heraus, Monsieur streicht Türen). Manchmal spielen wir nachmittags Rummikub mit einigen der älteren Damen, die den Sommer hier verbringen. Donnerstags lädt die Aubergistin zum Spieleabend ein. Es gibt ein einfaches Gericht für alle und Happy Hour für Getränke. An den letzten Donnerstagen haben wir immer draußen eine Art Kegeln gespielt. Das ging immer bis spät in die Nacht. Am Ende sah man kaum noch etwas, aber es war sehr lustig!

Kürzlich sahen Monsieur und ich einen alten amerikanischen Film aus dem Jahr 1952 über eine etwas unübersichtliche Spionageaffäre zwischen Russen und Amerikanern. Ich war hochgradig irritiert, weil eine blonde Schauspielerin aussah wie die junge Hildegard Knef, obwohl sie nicht genannt wurde. Ich googelte und siehe da, es ist Hildegard Knef! Hildegarde Neff natürlich. Der damals noch junge Karl Malden spielt auch mit.

Am Wochenende haben wir das große Sommerfest, umrahmt von zwei clownesken Theaterstücken, und wie könnte es anders sein, Gewitter sind angekündigt, ausgerechnet für Samstag!

Ich werde versuchen zeitnah zu berichten. Danach fahren wir wieder nach Cannes – die Handwerker nehmen ihre Arbeit wieder auf. Ich fürchte mich vor der Hitze, aber immerhin haben wir knapp zwei Wochen in erträglichen Temperaturen verbringen dürfen.

So viel für heute! Ich hoffe, bei Ihnen sind die Temperaturen erträglich! à bientôt!

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