Veränderungen

Je me tire une balle hatte Patrick immer gesagt, wenn es im Gespräch um schwere Krankheit und langes Leiden ging. Er wolle so etwas nicht ertragen. Er wolle sich auch so krank niemandem zumuten. Er würde sich erschießen. Basta. Ich hatte große Furcht, dass Patrick, sobald er von der Schwere seiner Erkrankung wüsste, in die Berge ginge und nicht mehr wiederkäme…

Nicht alles wissen wollen, schützt ihn vielleicht vor solchen Entscheidungen, aber tatsächlich glaube ich heute, dass Patrick doch nicht so gehen wird. Wie sehr man am Leben hängt, spürt man vermutlich erst in lebensbedrohlichen Situationen. Patrick will leben.

Am Freitag abend kam er nach Hause, nach fünf Tagen Krankenhaus, in denen ich ihn nicht gesehen hatte, nach weiteren Bestrahlungen und 48 Stunden Chemotherapie. Er darf sich jetzt zwölf Tage hier erholen, ausruhen, arbeiten soll er nicht. Eigentlich waren wir nur die letzten fünf Tage nicht zusammen gewesen, vorher war ich zwei Wochen „unten“, an der Küste, und ich bin zwischen Nizza, wo das Krebszentrum ist, und Cannes, der Wohnung meiner Schwiegermutter, hin- und hergependelt.

Nizza! Cannes! Magische Orte an der Côte d’Azur, die plötzlich angesichts von so viel Traurigkeit doch ganz belanglos werden. Ich hätte auch zwischen Köln und Bonn heulend hin und herfahren können. Tatsächlich dachte ich zwischenzeitlich zynisch, ich könnte meinen Blog ja umbenennen in „Über den Dächern von Nizza“, denn die Krebsklinik liegt etwas oberhalb im Osten von Nizza. Nizza. Cannes. Wen interessiert das noch? Krankenhausflure sind überall gleich.

Wir hatten uns so aufeinander gefreut. Und jetzt ist alles anders. Patrick ist verändert. Kein Wunder, weiß ich doch alles. Verstehe ich doch auch. Er ist nicht nur müde und erschöpft, er ist auch still und verschlossen, mein charmanter Schwätzer, mon baratineur, über den ich in meinem Buch noch einen augenzwinkernden Text verfasst habe, weil ich dieses Geschwätz manchmal einfach zu viel fand. Oder er ist euphorisch und aggressiv und duldet keine andere Sicht auf die Dinge, wie unsere nahe oder ferne Zukunft. Meine vorsichtigen Einwände fallen in ein tiefes Loch und versinken ohne Echo. Er hört mich nicht. Es ist zu früh für all das, mich plagen dennoch Sorgen.

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Dieses nicht wissen wollen und sein daran Festhalten, gesund zu werden, immerhin hat er die Chemotherapie doch so gut überstanden, verhindert realistische Gespräche zwischen uns. Das hatten wir bislang noch nie. Und es trennt uns. Wir sind uns fern. Es gibt keinen Grund so traurig zu sein, denn er wird gesund werden. Es gibt keinen Grund über die Zukunft der Auberge nachzudenken, wir müssen uns nur ein paar Monate anders organisieren. Gerade hatten wir ein ausgebuchtes Wochenende, bei dem ich wie eine Verrückte geschuftet habe, ich habe diesmal auch Essen gekocht und vor lauter Angst und Traurigkeit ununterbrochen in meinen Spätzleteig geweint. Der Spagat zwischen dem heiteren „so tun als ob“ und der Realität brachte mich fast zum Zusammenbruch, und  dabei war ich nicht mal allein, ich hatte aktive und auch moralisch unterstützende Hilfe. Und so soll ich weitermachen? Wo soll ich dann noch die Kraft für ihn und für mich hernehmen? Da finden wir zur Zeit keine Gesprächsebene. Also wurschteln wir vorerst so weiter und schauen, was die nahe Zukunft bringt.

Verändert hat sich meine Scheu zu telefonieren. Ich wachse geradezu über mich hinaus. Habe ich die ersten Telefonate mit der Sécurité sociale noch mit zitternder Stimme geführt und ließ mich von so Sätzen wie „Wieso fragen Sie uns zu seiner Krankenversicherung? Sie sind doch seine Ehefrau, das müssen Sie doch wissen!“ einschüchtern. So telefoniere ich jetzt mit Ärzten, Autoversicherungen, Bürgermeistern und der Industrie- und Handelskammer, als hätte ich nie etwas anderes gemacht.

Die Wärme und Hilfsbereitschaft der Dorfbewohner hingegen hat sich nur insofern verändert, dass sie geradezu überbordend geworden ist. Alle sind betroffen, traurig und bieten Hilfe an. Vermutlich lässt das alles auch wieder nach, wenn die Krankheit Patricks alltäglicher geworden ist. Aber letzte Woche, als ich hier oben alleine war, um Papiere zu sichten und zu ordnen, Dinge zu organisieren, die Auberge aufzuräumen und bei allem auch ein bisschen zu mir zu finden, konnte ich mich nicht retten von Essens-, Nachmittagstee-, Apéro- und Geburtstagseinladungen, vor Telefonaten oder auch nur vor schnell mal reinschauenden Nachbarn, die dann lange blieben, damit ich nicht so viel alleine bin. Nicht nur, sich mehr als zwanzig mal am Tag zu wiederholen mit den unspektakulären Neuigkeiten von Patrick, wie etwa „Er hatte heute morgen Bestrahlung, am Telefon klang er ganz normal, aber er ist sehr müde“ ist anstrengend, auch die vielen gutgemeinten Ratschläge aller, was ich baldmöglichst für mich, für Patrick, gegen den Krebs und für die Auberge tun solle, anzuhören, den eifrigen „Tu comprends, Christjann? Tu comprends ça?“ hätte ich gern geantwortet, „Ja, verdammt, ich bin weder dumm noch taub, ich kapier’ alles, was du sagst, aber wir werden trotzdem selbst entscheiden, ob und wann wir was machen“. Aber ich hab es dann nur ansatzweise so formuliert, die betreffende Nachbarin ist nun dennoch beleidigt. Sie meint es doch nur gut, sie will doch nur helfen. Aber zu viel Hilfe geht manchmal auch an die Grenze meiner Belastbarkeit.

Ein bisschen Kindergarten-Spielchen finden natürlich auch statt in so einem kleinen Dorf, wo sich bei aller Einigkeit in der Betroffenheit noch lange nicht alle grün sind. Ich bat einen Nachbarn, ob er mir helfen könne, mich schnellstens meines alten Autowracks zu entledigen, das hier seit Monaten en panne rumsteht, damit ich mich ebenso schnellstens der Versicherungskosten dafür entledigen könnte. Geradezu eifersüchtig und empört klagte mit schriller Stimme eine andere Nachbarin, warum ich denn nicht sie gefragt hätte, das hätten sie doch genauso gut machen können. Bei nächster Gelegenheit werde ich eine Ausschreibung am schwarzen Brett der mairie machen…

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