Hoffnung

Patrick ist heute mittag zur zweiten Chemotherapie abgeholt worden. Es schneit wieder. Ich bin traurig.

So beginnt mein Tagebucheintrag von heute. Ich habe mich entschlossen zusätzlich zum Blog ein Tagebuch zu führen. Für alles, was stattfindet, was mir momentan erwähnenswert scheint, was aber für den Blog zu banal, zu intim oder auch zu problembeladen ist.

Ich habe schon immer Tagebuch geführt. Seit ich denken kann, schreibe ich kleine Kladden voll, in den letzten Jahren waren es die dicken französischen Schulhefte mit den feinen violetten Linien. Das Tagebuch schreiben hat seit dem Beginn meines Blogs ein wenig gelitten. Nur in Ausnahmesituationen, wie etwa bei meinem Aufenthalt in Deutschland im November, schleppe ich wieder mein Tagebuch mit mir rum. Als ich es aufschlug, musste ich feststellen, dass ich etwa ein Jahr vorher den letzten Eintrag gemacht hatte. Das erinnerte mich an ein Buch von Christa Wolf, die über Jahre hinweg an einem bestimmten Tag im Jahr ihr Leben dokumentierte. Ich habe mir das jetzt nicht so vorgenommen, auch wenn es ein schönes Projekt ist, ich hingegen will versuchen, ab sofort jeden Tag zu schreiben, was ist. Jetzt habe ich mir wieder ein sonnengelbes Heft gekauft, für unterwegs, gleichzeitig habe ich mich so an das stete Schreiben am PC gewöhnt, dass ich mein Haupttagebuch im PC führen werde.

Ich schrieb bislang meist ein „Befindlichkeitstagebuch“ also Stil, wie gehts mir und warum gehts mir so? Als ich nach Frankreich kam und auf dem Hof lebte, füllte ich erstmals die Hefte überwiegend mit dem Landwirtschaftsalltag und dem fremden Leben. Jetzt versuche ich eine Mischung aus beidem:
Wie war mein Schlaf und habe ich geträumt? Erinnere ich mich? Wie geht es Patrick? Was ist heute los? Haben wir Arbeitstag oder Freizeit? Gäste oder keine? Was machen wir? Alles zu dokumentieren, werde ich vermutlich nicht schaffen, es wird Tage geben, an denen ich keine Zeit finde, aber ich will unsere Tage sehr bewusst wahrnehmen.
Patrick notiert sich ebenso alle seine „Fakten“ in eine Agenda. Gewicht, Temperatur, Schlaf? Stuhlgang? Schmerzen? Energie oder Müdigkeit? Auch Besonderheiten, wie etwa ein halbes Glas Champagner, getrunken anlässlich eines Geburtstages, werden eingetragen.

Die zwölf Tage, die Patrick hier verbracht hat, waren jeder anders. Es ging auf und ab. Eine Achterbahnfahrt. Keine Rede davon, dass es ihm eine Woche schlecht, danach eine Woche gut gehen würde. Am hellsten und leichtesten war rückblickend erstaunlicherweise der Tag des Haarverlust, der auch als Schlappohrmützentag in die Geschichte eingehen wird. Am liebevollsten waren der gestrige Nachmittag nach der Abreise der Gäste und der heutige Vormittag bevor der Krankenwagen kam. Dazwischen lagen Arbeitstage mit mehr oder weniger Energie, Gereiztheiten, Müdigkeit, Schmerzen, Schlaflosigkeit. Unsere Normalität für die letzten zwölf Tage. Wie die kommenden zwölf Tage Normalität aussehen werden, sehen wir noch.
Patrick will tatsächlich so weiter leben wie bisher, und er will, dass wir stillschweigend den Krebs in unser Leben integrieren. Mir kommt das vor, als würde ein Monster brüllend im Raum stehen und wir tun so, als hörten und sähen wir nichts. Aber ich versuche, das Spiel mitzuspielen. Nur manchmal, wenn Patrick zum Beispiel vorschlägt, noch zusätzlich einen Garten auf dem brachliegenden Gelände einer Nachbarin anzulegen, lasse ich die Realität herein und sage, ich wüsste nicht, wie und wann wir das noch machen sollten, ich fände wir hätten schon genug Herausforderung, die Auberge weiter zu führen unter den gegebenen Umständen. „Ja“, sagt er, „ich weiß, Christjann, aber ich brauche Projekte, verstehst du?“
Die Gäste, die jetzt da waren, haben die Auberge erneut für eine Woche im Sommer komplett gebucht. Ich finde das sehr ermutigend für uns, vor allem für Patrick, denn Krebs war hörbar und sichtbar Thema und ich machte mir ein bisschen Sorgen, wollen Gäste im Urlaub mit so etwas konfrontiert werden? Ich hâtte gesagt, nein, das wollen sie nicht. Aber diese Gäste immerhin hat es nicht gestört, im Gegenteil, sie haben erneut gebucht.
An so etwas hält Patrick sich fest. Alles soll und wird wie gehabt weitergehen, wir planen, wir denken in die Zukunft, als gäbe es den Krebs nicht. Hoffnung.

Ich würde es anders wollen, ich würde unser Leben anders gestalten wollen, ich würde anders mit dem Krebs umgehen wollen. Aber ich bin nicht die, die den Krebs hat. Ich bin nicht die, die so viel Hoffnung und Normalität braucht. Wenn ich darüber nachdenke, in wie vielen grausamen Situationen im zweiten Weltkrieg Menschen überlebt haben, vielleicht auch, weil sie versucht haben, in absurden Situationen Normalität aufrecht zu erhalten und nie die Hoffnung aufgegeben haben, dass „alles wieder gut wird“… Hoffen wir also, dass wir das alles schaffen, den Krebs mundtot zu machen, die Auberge weiter zu führen, glücklich zu sein und weiter zu leben wie bisher…

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