Jeder Tag ein Jahr

Zur Zeit erlebe ich so intensive Tage, dass ich manchmal denke, gestern war letztes Jahr. Und an vorgestern erinnere ich mich nur noch schwach. Alles, was wir für diese Woche organisiert und geplant hatten, wurde anders, schlimmer noch, alles, was ich morgens plane ist abends, manchmal schon Stunden später, hinfällig…

Wir versuchen nach dem Ausdruck Vivre au jour le jour zu leben, was “in den Tag hinein leben“ heißen kann, aber in unserem Fall bedeutet, das zu leben, was gerade möglich ist. Und das ist nicht viel.

Es gibt nur noch zwei Zustände bei Patrick, schreckliche Tage und vor allem Nächte mit unendlichen Schmerzen, hohem Fieber und einer ansteigenden Morphiumdosis, um es überhaupt auszuhalten. Zustände, wo er sich keinen Millimeter mehr bewegen kann vor lauter Schmerz und auch gar nichts mehr will, nur wimmert und stöhnt und hofft, dass die Medikamente bald bittebitte bald die Schmerzen nehmen. Danach Schlaf, Halluzinationen, Verwirrung. So muss ich Patrick immer schon aufschreiben, welchen Tag wir haben, denn manchmal wacht er nach zwei Stunden auf und denkt nach einem Blick auf die Uhr, wir haben schon morgen, starke Schmerzen veranlassen ihn, schwups, die Medikamente für den folgenden Morgen zu nehmen, dabei ist es gerade fünf Uhr nachmittags desselben Tages.
Mehrfach passierte das, so dass ich ihm die Medikamente jetzt wegnehmen muss und ihm dann gebe, wenn es Zeit ist.

Oder, wenn die Dosis Morphium wirkt, die wir innerhalb kürzester Zeit (nach Rücksprache mit dem Krankenhaus) erhöht haben, und Patrick eine halbwegs normale Mobilität hat und sein Geist vage den Morphiumnebel durchdringt, dann habe ich einen Mann, der seine Hilflosigkeit spürt und der sein Unvermögen, Dinge nicht mehr tun zu können, nicht aushalten kann und rasend wütend und aggressiv wird.

Beide Zustände sind schlecht auszuhalten.

Es gab einen Tag, wo ich abends erschöpft von so viel Aggressivität dachte, ich werde bis zum Ende da sein, aber wenn es so weiter geht, wird am Ende keine Liebe mehr da sein. Am nächsten Morgen brachte mir Patrick dann Frühstück ans Bett: Eine mich zu Tränen rührende Geste, gleichzeitig war ich furchtbar erschrocken über diesen Kraftakt: 45 Stufen nach unten und mit einem vollbeladenen Tablett 45 Stufen wieder nach oben, und das so wackelig und voller Schmerzen, wie er war. Ich war fassungslos und gerührt. Es wird immer Liebe da sein, bis zum Schluss, denke ich jetzt.

Patrick ist nach der letzten Chemo nur anderthalb Tage hier oben gewesen, um dann fiebrig und schmerzzerfurcht, grau, klein, zitternd wie ein 120jähriger Mann von zwei Krankenpflegern gestützt, notfallmäßig wieder ins Krankenhaus zu kommen. Im Krankenhaus wurde er erstmals mit Morphium behandelt, und es ging ihm sofort besser, Fieber hatte er unten keines, nur sein Geist dämmerte im Morphiumzustand vor sich hin, er halluzinierte, redete unzusammenhängend, schlief unvermittelt ein, manchmal auch am Telefon oder beim Essen.

Drei Tage blieb er in der Klinik und entließ sich dann letzten Freitag selbst, sprich, er wollte heim. Kaum angekommen hatten wir in der Nacht erneut das gleiche Szenario, gegen vier Uhr morgens 40° Fieber, Zittern, Schwitzen, Frieren, nicht aushaltbare Schmerzen am ganzen Körper. Und wir haben Wochenende. Ist es schon während der Woche schlecht mit der medizinischen Versorgung hier oben, dann noch mal mehr am Wochenende. Ich rufe Krankenpfleger und Arzt an und auch den Osteopathen, denn Patrick glaubt, er habe sich „nur“ den Rücken blockiert beim Transport. Weder Arzt noch Krankenpfleger sind überhaupt erreichbar, noch rufen sie mich zurück, klar es ist Wochenende, einen Notarzt gibt es hier oben nicht, nur die Feuerwehr, die einen wieder ins Krankenhaus bringen kann. Der Osteopath ist gerade in Paris, empfiehlt mir jemand anderen, der aber auch nicht vor Montag kommen kann. Patrick sagt, wenn ich das bis Montag aushalten muss, springe ich aus dem Fenster. Nach Rücksprache mit der Krebsklinik und der behandelnden Ärztin, darf ich das Morphium etwas erhöhen und sie faxt ein weiteres Rezept für andere Medikamente an die Apotheke unten im Tal und wir haben mit alledem einen kleinen Erfolg. So sehr, dass Patrick glaubt, den ganzen Tag am PC sitzen zu können, um Dinge zu regeln, die ihm auf der Seele brennen, Steuererklärung, diversen wichtigen Ämterkram und dergleichen.
Meine Einwände, sich zwischenzeitlich hinzulegen, werden aggressiv weggebissen, auch, wenn er zwischenzeitlich vor dem Rechner einschläft und seine Hirnleistung spürbar schwächer wird, hinlegen ist nicht. Am Ende hat er einen Brief nur virtuell geschrieben, auf dem PC erscheinen nur ein paar Fragmente, als er sich dessen bewusst wird, wird er unendlich wütend. Ich kann gerade noch verhindern, dass der Rechner nicht vor Zorn auf den Boden geknallt wird.

Am Dienstag war ich in Nizza beim Arbeitsamt und musste Patrick erstmals allein lassen, seine dienstägliche Blutentnahme konnte ebenso nicht stattfinden, denn dazu hätte ich ihn morgens nach Guillaumes zum Arzt fahren müssen. Also machten wir einen Termin für Mittwoch früh aus. Die Nacht jedoch wird wieder ein Martyrium für Patrick, ich rufe Mittwoch morgens gegen sieben Uhr wieder Arzt und Krankenpfleger an, sage den Termin beim Arzt ab und bitte darum, dass der Pfleger für die Blutentnahme hochgefahren kommt, weil ich Patrick nicht transportieren kann. Wie üblich habe ich nur Anrufbeantworter, die ich bespreche und hinterlasse meine Nummer und bitte um Rückruf. Niemand ruft mich zurück oder sagt mir ob ja oder nein. Es kommt auch niemand. Letztlich rufe ich den Osteopathen an, der sofort kommt, Patrick ein bisschen erleichtern kann in seinem Schmerz, mir aber sagt, dass es kein blockierter Rücken ist, sondern „die Krankheit“, dass er nur wenig für Patrick tun kann, und ich solle die Klinik anrufen und eine vorzeitige Einweisung erbitten und die Morphiumdosis erneut besprechen, „denn warum soll er hier so sinnlos leiden“. Das habe ich getan, das Morphium wurde erhöht, Patrick geht es bald besser, und er hat für heute ein Bett bekommen. Gerade hat er mich angerufen, dass der Krankenwagen in der Klinik angekommen ist.

Was mich bei alledem so wahnsinnig wütend macht, ist, dass mich in all der Zeit weder der Hausarzt noch der Krankenpfleger zurückgerufen haben, um nachzufragen warum ich Termine verschiebe, wie es geht, ob ich Hilfe brauche etc.
Den Krankenpfleger habe ich gestern Mittag in der Apotheke getroffen. Er hat Glück gehabt, dass ich ihn nicht geschlagen habe. Aber er war unwirsch, weil ich immer hüh und hott mache mit meinen Terminen, und er erklärt mir das System: Termine für den Krankenpfleger muss man am Vorabend auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, danach hört er den AB erst wieder am nächsten Abend ab. Ich frage, wie machen Sie das mit Notfällen? Achselzucken. Ich frage, wenn ich morgen sterbe, muss ich das auch heute Abend schon ankündigen?

Aber auf solche Entgleisungen reagiert er gar nicht mehr.

Ich verstehe ihn, ich verstehe auch den Hausarzt. Hier ist wirklich Landarzt live. Das hat nichts mit der netten Serie zu tun, die im beschaulichen norddeutschen Dorf vor sich hindümpelt. Hier sind kilometerlange Serpentinen zurückzulegen, nur um bei einem Patient einen Verband zu wechseln. Die Route für den Tag wird einmal festgelegt, spontan wird hier nichts mehr dazwischen geschoben. Und der Landarzt ist von so vielen Klein-Klein Beschwerden der Bevölkerung des gesamten Tales so überlastet, die ihn auch gnadenlos zu Hause und auf dem Mobiltelefon anrufen, so dass er nur noch seinen Wartesaal abarbeitet und nach Praxisschluss einfach gar nicht mehr reagiert.

Das Wissen um diesen ungenügenden Zustand medizinischer Versorgung ängstigt und ist meines Erachtens unbewusst mit Schuld an Patricks Fieberschüben und Schmerzattacken. Zusätzlich zu dem wütenden und wuchernden Krebs. Ebenso die Tatsache, dass er hier oben für alle „stark“ sein muss, als mein Mann und als Aubergist, der den Laden hier schon schaukeln wird. Auch, wenn er grad mal ein bisschen wackelig auf den Beinen ist. Das, und das Wissen um so viele unerledigte Dinge, machen Patrick vermutlich Stress, dabei soll er sich doch hier erholen.

In Anbetracht des sich rapide verschlechternden Gesundheitszustands Patricks und der dazu proportional steigenden Dosis Morphium, die er braucht, sind Planungen, die wir noch vor vierzehn Tagen machten hinfällig. Ich war also am Dienstag beim Arbeitsamt. Vorgestern war das erst, es kommt mir schon vor, als sei es Wochen her…

wird fortgesetzt…

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