Sommer

Wir haben Sommer, und anders als bei Freya in Finnland, wo nach dem Winter gleich schon wieder vor dem Winter ist, werden wir hier mit einem richtigen Sommer für den langen Winter versöhnt. Es ist heiß, es ist sonnig, der Himmel ist blau, ich halte mehrfach am Tag meinen Kopf unter das fließende Brunnenwasser und gelegentlich hänge ich auch meine Füße in den Brunnen. Jetzt müsste einem nur noch jemand ein Eis servieren…

Letztes Jahr flitzte ich mit geschwollenen Füssen treppauf und treppab und war für solche Wünsche zuständig. Ganz ehrlich, es fehlt mir nicht. Die Auberge darf jetzt gern jemand anders machen.

Ich genieße, dass ich diesen Sommer „normale“ Arbeitszeiten habe, denn ich kann zum ersten Mal seit drei Jahren wieder am kulturellen Sommerleben teilnehmen. So war ich kürzlich abends bei einem afrikanischen Konzert in einer kleinen Provinzstadt, und habe das sternenklare aber noch sonnenwarme Ambiente auf dem kleinen Platz vor der alten Kirche sehr geliebt.

Es gibt hier jedes Wochenende in irgendeinem Dorf ein Sommerfest jeweils vom comitée des fêtes organisiert, dazu gehört traditionell neben dem Kirchgang und der Prozession zum Kriegerdenkmal inklusive Absingen der Marseillaise das große Essen auf dem Dorfplatz und am Ende Tanz bis in die frühen Morgenstunden beim Grand Bal, wer was auf sich hält hat eine live-Band eingeladen, oder wenigstens einen Diskjockey. In Châteuneuf ist das ein sehr familiäres Fest, das heißt, so richtig offen für Außenstehende ist man nicht, alle laden Freunde und Familie ein und man bleibt so schön unter sich. Es ist auch der einzige Tag im Jahr, wo ich mich nicht so richtig dazugehörig fühle, weil die Tische familienweise vergeben werden. Es gibt dann zwar immer einen Aschenputteltisch für die, die ohne Familie aber irgendwie dennoch da sind. Ich finde das aber immer ein bisschen kränkend, und dieses Jahr war ich ja noch ein bisschen alleiner, da musste ich schon manchmal schlucken. Trotzdem ist es ein tolles Ambiente, wenn etwa 200 Menschen auf dem Dorfplatz zusammen essen und dieses Jahr war es wirklich warm und sternenklar. Letztes Jahr gab es ein riesiges Sommergewitter mit 20cm Hagelniederschlag, da waren Stimmung und Fest ziemlich schnell dahin. Da ich ja nun nicht mehr für die unglücklich im Zentrum des Sommerfest-Geschehens liegende Auberge zuständig bin, dort also weder wohnte noch Gäste hatte, konnte ich das Fest auch richtig genießen, und musste mir erstmals weder um lärmgeschädigte Gäste noch um früh aufstehende Wanderer oder um meine Müdigkeit Sorgen machen.
Ich habe zur Zeit viele schöne Begegnungen mit ehemaligen Gästen, die ein bisschen betrübt vor der geschlossenen Auberge stehen. Oft gehen wir dann irgendwohin zusammen essen und reden – über den vergangenen Urlaub, über Patrick. Es ist schön zu sehen, dass Gäste wiederkommen, dass wir gute Arbeit gemacht haben, dass wir im Gedächtnis geblieben sind. Es tut mir gut, und ich bin sicher auch Patrick freut sich darüber, da wo er jetzt ist. Aber ich merke auch, es ist gut, dass ich es nicht mehr mache. Die Auberge wird ab September von jemand anderem übernommen. Ich zucke zwar ein wenig zusammen, wenn ich sehe, dass sie ausgestopfte Tierköpfe an die Wände hängen und sich dekorationsmäßig sehr Richtung „Jagd“ bewegen. Aber nun ja, jeder wie er will.

Es ist Sommer und typisch französisch für mich sind im Sommer unbedingt der brumisateur und die menthe à l’eau. Der brumisateur heißt auch atomiseur und ist eine Dose, die nach Haarspray aussieht, es ist aber Wasser darin und das wird zur Erfrischung bei großer Hitze in feinem Nebel auf Hals, Dekolleté und ins Gesicht gesprüht. Da gibt es große Qualitäts- und Preisunterschiede, immer ist es natürlich reines Quellwasser aus Vichy oder einem anderen Thermalbad, und in der Regel sind die Dosen zart hellblau oder rosa designt. Ich merke ehrlich gesagt keinen Unterschied, höchstens den der Frische, wenn die Dose und der daraus strömende Wassernebel gut gekühlt aus dem Kühlschrank kommen. Am Anfang fand ich diese Dosen albern und affig und eine ziemliche Geldverschwendung, in der Zwischenzeit habe ich aber auch immer eine im Kühlschrank, die ich mitnehme, wenn ich „nach unten“ fahre, also runter vom Berg ins aufgeheizte Tal.
Als ich letztens in Nizza war suchte ich dort verzweifelt eine Drogerie mit gekühlten Brumisateurdosen, es gab nur ungekühlte, und die hab auch nicht auf Anhieb als solche erkannt, da die Größe der Dose und das Design mit angedeuteten Badezimmerkacheln und grober Schrift mir so plump erschienen. Das Wasser kommt zudem aus Plombières. Ich las im Vorübergehen „Eau … Plombièr … Bains“ und dachte mit meinem überhitzen Kopf allen Ernstes, es ist Wasser für Installationsarbeiten im Badezimmer. So eine abstruse Idee kann einem auch nur kommen, wenn es zu heiss ist. Ich ging nicht erkennend daran vorbei und fragte zum Schluss an der Kasse nach brumisateuren und als der Kassierer mir freundlicherweise just diese Dose brachte, war ich ein bisschen verlegen, als ich erkannte, dass die Dose kein Wasser für den plombier enthält, der im Bad werkelt, sondern Eau de Plombières les Bains, also Wasser aus einem Thermalbad in den Vogesen. Ich hab sie ohne Widerrede gekauft.

Um sich im Sommer innerlich zu erfrischen trinkt man in Frankreich alle Arten von Sirup verdünnt mit Leitungswasser wahlweise auch mit Mineralwasser. Ich kenne aus meiner deutschen Kindheit Himbeersirup, danach gab es eine kurze Tritop-Phase, vielleicht täusche ich mich, aber ich denke, so richtig haben die Fruchtsirups bei uns nicht Fuß gefasst, vielleicht auch wegen der heftigen Zuckerhaltigkeit und der künstlichen Farbstoffe. Ich bin hier in der Zwischenzeit Fan von Zitronensirup geworden, am liebsten mag ich den von grünen Zitronen. Es gibt in jedem größeren Supermarkt Regalmeter voller Sirups, x-Marken und tausendundeine Geschmacksrichtung, Erdbeer, Banane, Kiwi, Mandarine, Pfirsich, Ingwer, Mandel, Mango… in vielen schönen bunten Farben, die Klassiker aber sind Grenadine und Minze. Knallrot und Giftgrün. Die werden hier auch gern mal mit Bier oder mit Pastis vermischt, das gibt dann Getränke die Monaco oder Perroquet heissen. Die Mischung aus Anis und Minze mag ich mir geschmacklich gar nicht vorstellen und das milchige Grün des sogenannten Perroquets finde ich auch mehr als gewöhnungsbedürftig. Schon allein die künstlich giftgüne Farbe des Minzsirups finde ich abstoßend, und eine meiner ersten Frankreichurlaubskindererinnerungen ist genau das: eine menthe à l’eau, auf irgendeinem Jahrmarkt von einem netten Kioskbesitzer spendiert bekommen, vermutlich weil ich so ein braves blondes Mädchen war. Er wollte mir natürlich eine Freude machen, aber ich kann noch heute den Ekel spüren, den mir dieses grüne Gebräu verursacht hat, das ich keinesfalls austrinken konnte: beurk (sprich „börk“, wie das französische „Igitt“ heißt.). Nun wollen wir ja nicht auf Erinnerungen von 1967 sitzen bleiben, also hab ich im freiwilligen Selbstversuch vor kurzem eine menthe à l’eau getrunken, mit viel Eis an einem heissen Tag. Unglaublich, abgesehen von der Farbe fand ich sie tatsächlich erfrischend und wohlschmeckend. Tatsächlich hab ich die letzte Flasche Minzsirup aus Aubergebeständen trotz des giftigen Grüns dann nicht verkauft sondern selbst behalten.

Voilà, Eddy Mitchell, der ein Mädchen besingt, dass Augen hat wie eine menthe à l’eau
Einen schönen Sommer, wo immer ihr seid!

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