Kleine Fluchten

So heisst ein Film, den ich vor vielen Jahren, ich war noch in der Schule, in einem kleinen Darmstaedter Programmkino sah, das es schon lange nicht mehr gibt. Ein franzoesischer Film natuerlich, der fast stummfilmartig die kleinen Ausfluege eines Knechtes zeigt, der, nachdem er sozusagen das Rentenalter erreicht hat, sich unter den missbilligenden Blicken seiner Mitmenschen von seinem Ersparten ein Mofa gekauft hat. Glueckstrunken…

und manchmal vielleicht auch Weintrunken und die Technik seines Mofas nur vage beherrschend, faehrt er damit huegelauf und huegelab durch seine naehere Umgebung und fliegt dabei manchmal aus der Kurve, manchmal in einen Misthaufen, aber er ist dabei zutiefst gluecklich! Ich muesste den Film vielleicht noch einmal wieder sehen, denn heute koennte ich ich ihn besser verstehen, damals fand ich ihn zwar irgendwie lieb, und hab ihn bis heute nicht vergessen, aber das Glueck eines alten Mannes zu begreifen, der nie wirklich vom Hof seines Herrn wegkam, und der endlich die Zeit und die Moeglichkeit hat zwischen, sagen wir, Kleinkummersdorf und Grosskummersdorf hin- und herzufahren, kann ich erst heute wirklich verstehen.

Kleine Fluchten hatten wir gerade auch hier. Robert, der gestern hundert Jahre alt geworden ist, hat sich naemlich vorgestern selbst sein groesstes Geburtstagsgeschenk gemacht, in dem er sich heimlich in sein fast ebenso altes Auto gesetzt hat und ein bisschen rumgefahren ist. Er hat den Moment ausgenutzt, als seine Tochter zum Pilze sammeln unterwegs war und sein schwerhoeriger Schwiegersohn (immerhin auch schon Mitte siebzig) in seiner Werkstatt bastelte und ganz offenbar nicht hoerte, dass vor der Werkstatt ein Kleinlieferwagen gestartet wurde. Es ist Robert naemlich verboten zu fahren. Was ihn nicht hindert, doch immer wieder heimlich davonzubrausen. Im Winter vor drei Jahren mussten sie ihm schon die Batterie ausbauen, damit er nicht fuhr.

Robert ist hundert Jahre alt, er ist noch ganz klar im Kopf und abgesehen vom Autofahren hat er nur ein Vergnuegen, naemlich auf dem Sofa vor dem Ofen zu liegen, ohne Unterlass kleine selbstgedrehte Zigaretten zu paffen, den Kater neben sich und den Fernseher vor sich. Robert hat den Ruf eines Frauenhelden, was einem, wenn man das wackelige Maennchen mit dem Stock sieht, vielleicht ein Laecheln entlockt, oder ein kurzes hihi. Aber er selbst sieht sich durchaus noch ganz maennlich und springt wie eine Sprungfeder vom Sofa auf, wenn eine junge Frau hereinkommt (angesichts seines Alters sind wir ja alle jung), um bei den bisous auch ja der erste zu sein. Und Robert ist in meine Freundin Martine verliebt. Meine Freundin ist knapp halb so alt wie er und sie koennte locker seine Enkelin sein, aber ueber den Altersunterschied sehen wir grosszuegig hinweg. Martine lebte zwei Jahre in einem anderen Dorf an der Seite eines Mannes und kam jetzt allein wieder zurueck. Als Martine damals das Dorf verliess, wurde Robert muede und krank und wollte nicht einmal mehr Auto fahren. Wir dachten damals, dass er den Winter vielleicht nicht ueberlebt, einen Zusammenhang mit Martine sah jedoch keiner, ein alter Mann wird wird eben irgendwann muede und krank. Seine Familie hat ihm damals dennoch den Lieferwagen, einen Peugeot 404, wieder hergerichtet, selbst vom TUEV wurde er abgenommen, weil es das einzige war, von dem sie hofften, dass es ihm Freude machen und Lebensmut geben koennte, um den Winter zu ueberstehen und um ihn im Fruehjahr wieder hinauszulocken. Wirklich fahren lassen wollte ihn natuerlich keiner mehr. Den Winter hatte er dann ueberlebt, raus ging er seither aber fast nicht mehr, und wenn, dann wirklich nur, um mal nach dem Auto zu kucken. Er setzte sich hinein, rauchte, machte aber zur Erleichterung aller keine Anstalten zu fahren. Und seit kurzem ist Martine wieder im Dorf und Robert ist wie ausgewechselt; alle denken, das Herannahen seines doch hohen runden Geburtstages habe ihn ein bisschen aufgeputscht, aber ich bin sicher, es ist Martine. Seit Monaten geht er kaum vor die Tuer, aber neulich stapfte er durchs halbe Dorf, um die Gymnastikmaedchen im alten Schulhof zu beobachten (die „Maedchen“ sind zwischen 9 und 79 Jahre alt!), zu denen jetzt auch wieder Martine gehoert, und man sieht ihn jetzt oefters wieder unterm Nussbaum am anderen Ende des Dorfes sitzen, von wo er den Blick auf die Berge aber natuerlich auch auf das Haeuschen hat, in dem Martine jetzt wohnt. Tatsaechlich folgte er ihr an einem ihrer ersten Tage hier im Dorf in ihr Schlafzimmerchen und bot an, gerne auszuhelfen, wenn denn Not an Mann sei. Meine Freundin fand das komisch, ich nicht. Sie sagte, ach komm, Christjann, gegen den kann ich mich grad noch wehren, und ich denke, ja heute kannst du das, vor fuenfzig Jahren waere das vielleicht nicht so lustig gewesen. Und ich denke, was der so alles angestellt haben mag und das alles vor den Augen seiner Frau… aber so sind sie die Suedfranzosen, immer, auch in hohem Alter allzeit bereit, und warum mir das heute dann doch kein Schmunzeln hervorrufen mag, das wissen die Goetter. Aber wir wollen nicht schon wieder so kritische Toene anschlagen, ist ja angesichts eines so hohen Geburstags auch nicht angebracht, n’est-ce pas?

Und Robert faehrt wieder sein Lieferwaegelchen! Immerhin ist es ja fahrbereit. Jetzt ist seine Familie dann doch nicht einverstanden und es gibt immer grosses Geschrei, denn Robert faehrt bevorzugt unbefestigte Pisten, und sind die Straesschen hier schon eng, so sind es die Pisten noch einmal mehr, sie sind gerade so breit wie ein Auto und an einer Seite gehts in der Regel steil bergab. Aber vorgestern nachmittag ist er dann mal wieder ausgebuext, eigentlich wollte er eine Tour mit Martine machen, aber alle Ueberredungskunst nuetzte nichts, so dass er letztlich alleine eine Runde drehte und dann unterhalb des Dorfes zu der Obstbaumwiese fuhr, wo seine neunzigjaehrige Frau Birnen von den Baeumen ruettelte. So sammelten die beiden Alten gemeinsam Birnen und fuhren dann gemeinsam wieder nach Hause. On va se faire engueuler, sagte seine Frau, die befuerchtete, dass ihre Tochter ihnen beiden den Marsch blasen wuerde, aber er winkte nur ab, na wenn schon, Spass hat’s gemacht. Sie rumpelten aber doch vorsichtshalber von der Hinterseite an den Hof heran und parkten das Auto heimlich wieder da, wo es stand, luden die Birnen ab, und dann wackelten sie, jeder von einer anderen Seite kommend, ein wenig zeitversetzt nach Hause. Dass alle im Dorf sie gesehen haben und von weitem das ruckelnde und ab und zu davonschiessende Auto nervoes beobachtet und zudem eiligst ihre Tochter alarmiert haben, war ihnen entgangen. Aber diese schwieg ausnahmsweise, als wisse sie von nichts, die beiden Alten sagten auch nichts, sie assen abends nur mit roten Baeckchen und blitzenden Augen vergnuegt ihre Suppe.

ps: wie ihr den fehlenden Umlauten und sz’s ansehen koennt, gibts neue technische Probleme, und ich kann zudem zur Zeit keine Fotos veroeffentlichen – schade, denn zu Roberts Geburtstag gabs gestern einen Kuchen in Form seines Peugeot 404!

pps: ab hier folgt jetzt Eigenwerbung! Wer das nicht will, muss JETZT aufhoeren zu lesen!

Ich bin bald in Deutschland und die sozusagen weltweit einzige Lesung findet am 28.10.2009 um 20.00 Uhr in der Buchhandlung Ruthmann in Mainz-Hechtsheim, Alte Mainzer Strasse 4 statt. Am 31.10.2009 bin ich dann nochmals live und in Farbe vormittags von etwa 11.00 bis 13.00 Uhr und nachmittags von 15.00 bis 17.00 Uhr in Heidelberg in der Buchhandlung Schmitt & Hahn in der Hauptstrasse zu finden (das ist vom Bismarckplatz kommend gleich vorne rechts) und dort schreibe ich nette Dinge in Buecher, Signierstunde nennt sich das. Freu mich auf euch!

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