Kulturschock Frankreich

Ganz ehrlich, ich wusste lange Zeit nicht, was das Wort „Kulturschock“ eigentlich meint. Eine Freundin schrieb mir von ihrem mehrmonatigen Aufenthalt in New-York, wo sie der Kulturschock verspätet, aber um so heftiger überfallen habe. Am Anfang war ihr alles so vertraut… aber dann war doch alles anders. Mir blieb diese Erklärung trotzdem fremd. Das soll ein Schock sein, dass ein anderes Land anders ist? Ich meine, wenn ich nach Indien reise, oder nach Westafrika, dann IST da alles anders. Klar, vielleicht verstehe ich vieles nicht, vielleicht schockiert mich manches auch. Ist das dann schon ein Kulturschock? Ist doch klar, dass es nicht so ist wie in Klein-Plittersdorf. Einen Schock kann es doch nur geben, wenn ich denke, alles ist wie in Klein-Plittersdorf und dann ist es zackpeng Ouagadougou oder Bombay. Aber das passiert doch eigentlich nicht. Man fällt doch nicht aus der Welt, oder?

Ich kam von einem deutschen Großstadtleben in die Bergwelt nach Südfrankreich. Das war so grundsätzlich anders, dass ich nicht mal Vergleiche anstellen konnte. Ich versuchte mich zurechtzufinden und kam mir oft vor wie ein Soziologin, die in „teilnehmender Beobachtung“ an einem Projekt arbeitet. Fremd war das Leben im Dorf und auf dem Hof. Fremd, aber ein Schock? Ich war aber auch so unendlich verliebt in dieses Land, so gerührt, weil mich die Menschen dort ohne Vorbehalte in ihr Leben aufgenommen haben. Wie wundervoll, ich liebe dieses Land und seine Menschen, und das Land und die Menschen lieben mich.
Es war ja nun nicht die ganze Zeit nur rosig, das Leben da oben, trotzdem habe ich rückblickend das Gefühl, wie in einer Seifenblase gelebt zu haben. Trotz harter Arbeit, trotz Krankheit, Tod und Trauer, trotz und vielleicht auch wegen der gemeinsam verbrachten langen, kalten Winter ist es ein behütetes Leben. Es ist sozial eng, man kennt sich, alle wissen alles, alle reden einem ständig in alles rein, aber alle sind auch verlässlich da. Freundschaft und Solidarität ergeben sich aus dem Gefühl, dass man ganzjährig dieses einfache, körperlich und meteorologisch anstrengende Leben teilt. Ich habe französisches Dorfleben kennen gelernt, mehr noch, Bergdorfleben. Und raue aber ehrliche französische Bergdorfkommunikation.
Jetzt lebe ich in Cannes. Stadtleben kenne ich eigentlich, ich dachte, mich schnell einzufinden, aber ich kenne nur deutsches Stadtleben. Und jetzt fange ich an zu verstehen, was Kulturschock meint. Ich spreche die Sprache, ich bin auf eigentlich vertrautem Stadtterrain, aber das Leben funktioniert doch anders. Seit fünfeinhalb Jahren lebe ich in Frankreich, aber ich habe das Gefühl, ich fange gerade noch mal von vorne an.
Unverständlich für mich ist allem voran diese unverbindliche Höflichkeit. Hinter dieser freundlich scheinenden Fassade ist es oft gar nicht freundlich, man wird taxiert, was willst du? warum bist du da? Kann ja nicht nur aus Menschenliebe sein, also, was ist dein wahres Interesse? Kein Mensch glaubt dir, was du sagst, aber man lächelt freundlich, ach ja, tatsächlich, aber gern, wie schön, bises rechts links. Es bedeutet gar nichts. Es ist anstrengend.

Als ich letztens in Deutschland war, sprach ich mit einem spanischen Taxifahrer, der lange Zeit in Italien gelebt hat, eine südamerikanische Freundin hat, ein Teil seiner Familie lebt in in Frankreich… unglaublich eigentlich, wie vielsprachig und cosmopolitisch „andere“ Ausländer sein können, und wie viel Lebenserfahrung sie haben. Man sollte viel mehr mit Ausländern sprechen, überall! Wir redeten über unser Leben und unsere Erfahrungen in anderen Ländern – und sein Rat an mich, im Alltag Theater spielen zu lernen, „spielerischer“ zu sein, lächelnd Küsschen zu geben und dabei zu denken „ich küsse dich, aber du kriegst mich nicht“, ist gut gemeint, denn wenn ich etwas nicht kann, ist es das. Ich bin immer noch viel zu direkt, zu ehrlich, zu gerade und zu ernsthaft für so ein Spielchen. Und ausgerechnet Cannes ist die ganze Zeit Bühne. Ich reibe mich also neuerdings an Frankreich und den Franzosen. Was denen natürlich nur ein kurzes Achselzucken wert ist. „Wenn’s dir nicht passt wie wir sind, dann geh nur, wir brauchen dich nicht.“ Das sagt natürlich keiner so direkt. Dafür sind sie ja viel zu höflich.
Je mehr ich das verstehe, desto weniger verstehe ich. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich dran bin. Es gibt so vieles, was zwischen den Zeilen transportiert wird, so viele non dits , das, was man nicht sagt, aber doch sagt. Was meint der andere wirklich? Sagt er lächelnd „ja“, meint aber „nein“? Und ich merke, wie oft ich Menschen durcheinander bringe mit meiner direkten Art. Das fragt man nicht, Christjann, und das sagt man nicht, Christjann und vor allem SO sagt man es nicht… als ich mich in, wie ich fand, recht einwandfreiem Französisch bei der Telecom beschwerte, dass ich nach sechs Wochen immer noch kein korrekt funktionierendes Telefon und Internet in meinem Büro hatte, hatte ich am nächsten Tag gar nichts mehr. Die Dame von der Telekom hatte mir kurzerhand meinen Vertrag gekündigt. So lässt man sich nicht anraunzen, vor allem nicht von einer Ausländerin. Thierry sagte „so hättest du dich nicht beschweren sollen, so geht das hier nicht“. WIE soll ich mich denn beschweren? Merde! Seitdem wage ich gar nichts mehr. Wenn es kritisch wird, lasse ich das einen Franzosen für mich machen. Manchmal frage ich mich, ob ich die letzten Jahre hier so glücklich war, weil ich mir nicht mal über diese ungeschriebenen Regeln im Klaren war.

Seufzende Grüße aus der Anderswelt
Christjann

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