Exkurs Lyon

Zwischenzeitlich war ich in Lyon. Es war schon wieder so eine Krankenhausgeschichte, und ich wollte nicht schon gleich wieder meinen Blog damit anfüllen, daher nicht in Echtzeit sondern nur nachträglich, sozusagen die herzverträgliche Erklärung, für das zweiwöchige Schweigen. Gut ist es ausgegangen, es war eine Herz-OP und jetzt ist mein Liebster schon wieder raus aus dem Krankenhaus und in der Reha-Klinik, die nur etwa eine Dreiviertelstunde entfernt von Cannes liegt. Langsam atmen wir beide wieder normal ein und aus, wobei er das Atmen erst wieder richtig lernen muss.

Leider bin ich ja nicht so ehrfürchtig und blind vertrauensvoll mit Ärzten und Krankenhauspersonal, ich sehe immer auch den Menschen, der sich nur ein weißes oder blaues Kittelchen umgebunden hat. Ich bin vielleicht auch von Deutschland sehr verwöhnt, es gibt da doch viele sehr zugewandte menschliche Ärzte, also, ich hatte zumindest immer solche. Krankenhaus ist natürlich immer eine Ausnahmesituation. In Frankreich ist man viel ehrfürchtiger und vertrauensvoller mit Ärzten. Ärzte sind hier noch so eine unangefochtene und nicht hinterfragte Instanz. Kritisches Nachfragen einer Ausländerin kommt da schlecht. Vielleicht erwarte ich einfach zu viel, aber ich möchte doch wissen, warum man glaubt, direkt nach einer doch nicht unerheblichen OP und noch auf der Intensivstation dem ohnehin geschwächten Patienten seine über Jahre konstanten Medikamente zu ändern. Und warum spricht man nicht erstmal mit dem Patienten, und wenn der noch nichts sagen kann, mit seinen Angehörigen? So etwas frage ich. Das tut man aber nicht. Man darf auch nicht fragen, warum der frisch operierte Patient nachts mit unregelmäßigem Herzrasen in seiner Panik nicht Ernst genommen wird. Warum wird ihm nicht wenigstens gesagt, dass diese Reaktion nicht ungewöhnlich ist?! Warum lässt man ihn kommentarlos liegen und warum muss man ihn in diesem Zustand auch noch anraunzen, wenn er angsterfüllt erneut klingelt, und ihm sagen, er solle sich mal bitte nicht so anstellen, es sei doch gar nichts besonderes. Tatsächlich bin ich in solchen kritischen Momenten dann sehr deutsch, selbst wenn ich versuche, meine Fragen und Kommentare in freundlich-französisch-minimalistischer Form anzubringen. Hier wird ja gern mal ganz dezent gesagt, man habe un petit souci mit irgendetwas, also eine klitzekleine Sorge, dies ist aber quasi schon härtester Tobak, mit dem hier Kritik angebracht wird. Dass ich ein Wort wie “Vertrauen” in den Mund nehme, und sage, dass ich das vielleicht nicht habe, das ist schlicht unverschämt. Schon gar als Ausländerin. Danach wird man (und leider auch der Patient, für den man sich eingesetzt hat) erst recht nicht mehr besonders freundlich behandelt. 

Ich wünschte mir, es gäbe in jedem Krankenhaus eine medizinisch und menschlich geschulte Instanz, die dem Patienten und seinen Angehörigen an die Seite gestellt würde, die genau das im Zweifelsfall herstellen kann: “Vertrauen” in dieses undurchsichtige System. Jemand, der beide Seiten versteht und zwischen Arzt und sachlich-medizinischer Auskunft und Not und Sorge des Patienten und seiner Angehörigen liebevoll vermitteln kann.

Ich habe so etwas vor vielen Jahren in Gießen in einem Krankenhaus für Augenkrankheiten kennen gelernt. Dort war es aber vielleicht dem Umstand geschuldet, den meist mehr oder weniger stark sehbehinderten Patienten den Weg zu weisen. Auf jeden Fall gab es dort eine Art persönliche Assistentin, die mich während des administrativen Parcours und während der Untersuchungen begleitete, erklärte, vermittelte und meine persönliche Fürsprecherin war. Genial fand ich das. Ich weiß nicht, ob es das noch gibt, ich wünschte mir das überall, aber ich vermute, das ist bei dem allgemeinen Sparkurs und Stellenabbau nirgends mehr zu leisten. Immer weniger Menschen machen immer mehr Arbeit. Auch Krankenhäuser müssen rentabel sein und sind daher wie Hotels lieber ein bisschen “überbucht” als dass möglicherweise ein Bett leer bleibt. Da schickt man dann schon mal jemanden wieder nach Hause, der gerade mit klopfendem Herzen zu seiner OP angereist ist. Dass ich das hier erzähle, gehört sich natürlich auch nicht

Ich könnte noch viel mehr erzählen, wie lieblos es zum Beispiel auf einer psychiatrischen Station eines Militärkrankenhauses zugeht. Ich sage hier ausdrücklich, dass ich das alles nur aus meiner unprofessionellen Sicht und weitestgehend von außen sehen konnte, es ist auch möglich, dass ich als Ausländerin nicht alles richtig verstanden habe, n’est-ce pas, und dass Härte und Strenge etc. seine Berechtigung haben können, ich persönlich aber halte einen liebevollen Umgang mit traumatisierten oder depressiven Menschen grundsätzlich für notwendig. Militär und Psychiatrie scheinen mir dort keine besonders glückliche Verbindung eingegangen zu sein. Das monatelange Ausharren und Vertrauen der Angehörigen in diese Instanz, die die Schuld der Verschlechterung des Zustandes nur beim Patienten sieht, ist mir unverständlich. Aber das mag meinem unzureichendem Kenntnisstand der Situation und natürlich meinem mangelhaften Französisch anzurechnen sein. Und wenn ich Französin wäre, würde ich so halb verstandene Sachen nicht auch noch öffentlich erwähnen. Aber diese Deutschen sind ja so plump und unelegant und sprechen so undezent alles an und aus… oh là là

So. Genug der Bissigkeiten, denn das genaue Gegenteil habe ich dann bei meiner Unterkunft in Lyon kennengelernt. Im Gebäude eines ehemaliges katholisches Schwesternwohnheims ist heute das Maison du PARI untergebracht, nein, nein, nicht Maison de Paris, wir sind in Lyon! Und mit der klassischen Wette, le pari, hat es auch nichts zu tun,  also es ist kein Reality-TV, in dem Wetten auf den Ausgang von heiklen Operationen à la “Wie stehen die Chancen fürs Überleben des Patienten X? 50:50? 60:40? Wetten Sie mit und rufen Sie JETZT an…” angenommen werden. Nichts dergleichen, keine Angst, selbst, wenn nicht weit davon entfernt tatsächlich ein Wettbüro liegt, in dem aber in der Regel auf Pferde gesetzt wird. PARI aber ist die Abkürzung fur Point d’Accueil… also eine Unterkunftsmöglichkeit für Angehörige von Patienten in jeglichem Lyoner Krankenhaus (und Lyon hat viele Krankenhäuser!). Eine Mischung aus Hotel und Familienunterkunft.  Le PARI ist ein Verein, der mit einigen wenigen fest angestellten Mitarbeitern und etwa 60 ehrenamtlichen Helfern arbeitet. Das Haus ist rund um die Uhr besetzt, auch am Wochenende und selbst nachts ist eine ehrenamtliche Helferin für Sorgen und Nöte da. Darunter auch ehrenamtlich arbeitende Psychologen,

Das Haus ist alt, ein bisschen abgewohnt, es ist nicht viel Geld da, aber man versucht, das Beste daraus zu machen. Die Zimmer sind einfach, aber doch ist jedes mit eigener Dusche und WC ausgestattet, es ist blitzsauber und es ist alles da, was man für ein paar Tage oder auch länger benötigen könnte: ein netter Fernsehraum, eine kleine Bibliothek, ein PC mit freiem Internetzugang, eine große Küche, ein gemeinsamer Essraum, Waschmaschine, Trockenraum sowie Bügelzimmer. Das Haus ist leider sehr hellhörig und das nächtliche Weinen mancher Zimmernachbarin bleibt nicht ungehört. Es ist aber jedem selbst überlassen, wieviel er oder sie nach Außen erzählen möchte, ob er ein Gespräch mit einem ehrenamtlichen Psychologen oder organisatorischen Rat bei Fragen rund um das Krankenhaussystem in Anspruch nimmt oder nicht. Man findet, so man das möchte, immer einen Ansprechpartner, manche davon sind praktischer veranlangt, manche liebevoller, aber doch immer zugewandt. Nun ist das Zusammenleben, wenn auch auf Zeit, von besorgten Angehörigen jeden Alters und jeder Nationalität nicht nur einfach, und natürlich kreist das Erzählen am Esstisch fast ausschließlich um Krankheit und Sorge. Das ist nicht immer leicht zu ertragen, wenn auch die eigene Situation dadurch vielleicht relativiert wird, die eigene Angst nimmt das dennoch nicht. An gelungenen Operationen und Genesungserfolgen freuen sich aber auch alle aufrichtig mit. Es ist eine kleine zusammengewürfelte Gemeinschaft auf unbestimmte Zeit, manche gehören auch schon fast zum Inventar, so zum Beispiel eine polynesische Großmutter, die ihre kleine Enkelin mit Niereninsuffizienz hierher begleitet hat, da weder Dialyse noch weitere Behandlung auf den polynesischen Inseln gewährleistet sind, und die schon seit 2009 dort lebt. Die Enkelin lebt nach der gelungenen Nierentransplantation jetzt allerdings in einem Kinderheim und geht dort zur Schule, bis die Nachsorge abgeschlossen ist, und beide hoffen, noch in diesem Sommer wieder zurück nach Tahiti zu ihrer Familie fliegen zu können.

Le PARI bietet auch ein bisschen Ablenkung an, kostenlose Stadtführungen durch Lyon mit einem ehemaligen Geschichtslehrer. Dazu fehlt einem je nach Situation vielleicht die Muße, grundsätzlich sind die Führungen aber vormittags, damit man nachmittags auf jeden Fall die Besuchszeiten in den Krankenhäusern wahrnehmen kann.

Ein kleines bisschen habe ich so auch noch etwas anderes von Lyon gesehen, als nur die Krankenhäuser im Osten Lyons bei der täglichen Busfahrt mit der Buslinie 28. Davon bald mehr.

Ich danke hier allen Mitarbeitern vom Maison du PARI für die warmherzige Aufnahme in diesem Haus, ich danke Daoud für die gute Organisation und seine Ruhe und Sachlichkeit in all dem emotionalen Wirbel, ich danke der ununterbrochen arbeitenden Fatiha für ihre gute Laune, ihr Lächeln und ihr glucksendes Lachen, ich danke allen für ihr Engagement und die Anteilnahme, und dass Sie trotz Widrigkeiten eine kleine Insel der Menschlichkeit geschaffen haben, die einen liebevoll empfängt, wenn man aus der sterilen Krankenhausatmosphäre “nach Hause kommt”. Merci!

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