Lyon, Klappe, die Zweite

In Lyon hätte ich nach dem Abitur eine Au-pair-Stelle haben können, wenn ich mich damals ein bisschen mehr getraut hätte… dieses nicht gelebte Jahr in Frankreich hing mir so sehnsüchtig nach, dass ich es über zwanzig Jahre später noch nachholen musste. Nur war aus der Au-pair-Stelle in Lyon jetzt ein kleiner Bauernhof in den Bergen mit Kühen und Schweinen geworden, zwei kleine Mädchen gab es aber auch. Diese Geschichte hab ich ja aber schon erzählt…

Bislang war ich an Lyon nur noch vorbeigefahren auf dem Weg von Deutschland in den Süden Frankreichs, was am schnellsten und direktesten durch das Rhônetal und eben an Lyon vorbei führt. Nichts bewog mich jemals, Lyon noch kennenlernen zu wollen. Und jetzt interessierte mich in Lyon auchmehr der Eindruck, den der zukünftige Chirurg sowie das Krankenhaus auf mich machten. Ein zu unserem ersten Vorgespräch im Krankenhaus aus der Nähe angereister Freund schleppte uns kilometerlang an allem Sehenswerten von Lyon vorbei und zeigte mir, was ich alles ansehen könnte, wenn ich mich während des künftigen Begleit-Aufenthalts langweilen sollte, aber das floss alles geradezu an mir vorbei, ich wollte Lyon nicht touristisch kennenlernen, ich wollte nur, dass diese OP bei diesem Spezialisten gut verläuft und dann schnell wieder weg. Lyon ist eine Stadt wie jede andere auch, brauch’ ich nicht, ich bin nicht mal auf die Idee gekommen, mir einen Stadtführer oder einen Stadtplan zuzulegen.

Lyon gilt aber in Frankreich auf jeden Fall als die Hauptstadt der Gastronomie, in der man das beste Essen findet, oh là là qu’est-ce qu’on a bien mangé à Lyon, und schon läuft dem, der sich an das ausgezeichnete Essen in Lyon erinnert, und dabei sein Bäuchlein reibt, das Wasser im Munde zusammen. In der Regel gilt das natürlich für jede Region in Frankreich, überall isst man immer irgendwas am Besten, in Lyon findet man vor allem eine sehr deftige und fette Küche mit viel Schweinefleisch. Das alles gern in pikanter Senfsauce, Dijon ist nicht weit. Ich habe eben gerade mal recherchiert und weiß jetzt, dass Bocuse hier kochte und dass die einfache Küche Lyons sehr fein ist. Ich erzähle Ihnen nun nicht die gastronomisch korrekte Gault-Millaut-Version nach, sondern meine persönlichen Esserfahrungen in Lyon. Zum Beispiel in kleinen, urigen Restaurants, bouchons genannt, in denen man mit anderen Leuten an großen Tischen zusammensitzt und aufgrund der Enge gar nicht anders kann als mit allen kurzzeitig Freundschaft zu schließen und übers Essen zu jauchzen. Die Etablissements heissen etwa “chez Paul” oder “chez Pierre et Martine” und tatsächlich glaubt man, dass man das Glück hatte, überraschend an einem grossen Familienfest teilzunehmen. In der Regel gibt es nicht sehr viele, dafür aber sehr deftige Gerichte, stellen Sie sich alles Glibberig-Deftige vor, was sie kennen, dann sind Sie gut dabei: Kalbskopf, Schweinsfüße, Blutwurst, Kutteln, Innereien, Schlachtplatte, so in etwa. Ich habe in Lyon Salade de Museau gegessen, was mit Ochsenmaulsalat wiedergegeben werden kann, oder einen Salade Lyonnaise, Blattsalat mit viel geröstetem Speck, Croutons und pochiertem Ei, nach Herrn Bocuse gehört noch Hering dazu, aber das ist so wie mit dem Salade Niçoise, der ist auch überall anders; dass könnte ein Hauptgericht sein, ist aber nur das Entrée. Danach vielleicht le tablier du sapeur, was aussieht wie ein großes Wiener Schnitzel, aber panierte Tripes also Kutteln sind. Es gibt immer Andouillettes, kleingehackte Kutteln, die in eine Wurtspelle gesteckt werden und beim Aufschneiden zu lieblichen Bröckchen zerfallen, nicht jedermans Sache, ich habe das schon oft probiert und habe nun doch meine erste wirklich gut schmeckende Andouillette in Lyon gegessen! Ooh, qu’est-ce qu’on mange bien à Lyon! Vielleicht gibt es noch Zunge oder Cochonailles, was ich gern mit “Schweinereien” übersetzen würde, eine Art Schlachtplatte und zum Knabbern gern ein bisschen in Schweinschmalz ausgelassene Grieben. Typisch für Lyon sind auch die Quenelles, längliche luftige Mehlklösse, die wirklich nach gar nichts schmecken, außer nach der Sauce mit der sie serviert werden, auch wenn überall nachzulesen ist, dass es sich um feine delikate Hechtklöße handelt. Dazu trinkt man natürlich Rotwein, irgendeinen offenen Côte du Rhone oder Beaujolais, vertrauen sie Pierre oder Paul oder wie immer der Wirt heisst. Die Pariser trinken gerne einen Brouilly, ich lehne mich jetzt mal weit aus dem Fenster und schlage hier mal ganz Frau von Welt einen Chiroubles vor, 2009 war ein gutes Jahr… hüstel…

Nach dem Dessert, vielleicht einem Flan, einem Eier-Milch-Pudding, der auf riesigen Platten tischweise serviert wird, und dazu noch riesige Schüsseln voller dicker fetter eingelegter Pruneaux (getrockneter Pflaumen) stellt der Wirt gern noch irgendein hochprozentiges Gebräu auf den Tisch, das aber selten wirklich gut ist, was man aber trotzdem irgendwie hinunterkippt, weil alles grad so schön ist. Danach wankt man am besten ins Bett, obwohl in Lyon das in Südfrankreich übliche Mittagsschläfchen nicht wirklich vorgesehen ist.

Lyon ist eine helle und luftige Stadt, zwei Flüsse, die Rhône und die Saône fließen hindurch und vereinigen sich dort, ich finde den Ausdruck wie das Ineinanderfließen der Flüsse auf französisch  heisst, so nett, la Saône se jette dans le Rhône, die Saône wirft sich in die Rhône (eigentlich der Rhône), die Rhône wirft sich dann irgendwann ins Meer. Ob ein Fluss in Frankreich weiblich und une rivière oder männlich und daher un fleuve ist, hängt auch davon ab, ob er sich in einen anderen Fluss wirft oder den Weg bis zum Meer zurücklegt, um sich dann in dieses zu werfen. Geht ein Fluss in einem anderen auf, so ist ersterer weiblich und une rivière, la Saône, in unserem Fall, und fliesst ein Fluss bis ins Meer, ist er männlich und demnach un fleuve, le Rhône, also. Schön ordentlich gelöst finde ich, wir wollen ja auch nicht über das reaktionäre weibliche Bild des sich Aufgebens im Anderen diskutieren. In Lyon gibt es also vier lange Flussufer, die im Sommer sicher nett sind, und zum Spazierengehen und Fahrradfahren einladen, eben aber war es da bitterkalt und windig und ich habe gemerkt, wie verwöhnt ich schon nach nur einem milden Côte d’Azur-Winter bin.

Ich verlinke hier mal auf eine Website zu Lyon und spare mir daher die touristischen Ausführungen, die es überall nachzulesen gibt. Die Fotos sind da auch besser, ich hatte nämlich nur schlechtes Wetter. Ich fand Lyon ordentlich, sauber, und für eine Großstadt irgendwie langsam und ruhig. Ich habe nicht ein Mal einen Autofahrer hupen, fluchen oder schimpfen gehört. Die Fußgängerzonen auf der Presqu’île, der in der Mitte liegenden Insel zwischen Saône und Rhône sind weitläufig. Es gibt kein eiliges Geschiebe wie beispielsweise in Paris.

Oberhalb von Lyon thront eine gigantische und meiner persönlichen Ansicht nach etwas stillos überladene Wallfahrtskirche, Notre Dame de Fourvières, der Jungfrau Maria gewidmet, die nach meinem perönlichen Stadtführer die Macht der Katholiken in Lyon zeigt, aber auch Lyon vor allem Bösen bewahren sollte, früher war das die Pest, später die Deutschen. Nebenan steht eine kleine Kopie des Eifelturms, der das Gegenkonzept des Laizismus verkörpert: “Wir sind auch da” sagt der Turm etwas trotzig zu der fetten weißen Basilika, die ein bisschen an den Sacre Cœur in Paris aber insgesamt in der Anlage von weitem auch ein bisschen an den Hradschin in Prag erinnert, und tatsächlich wurde der Film “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins” (nach dem Buch von Milan Kundera, als Erinnerung, falls das zeitlich schon zu weit weg sein sollte) teilweise in Lyon gedreht. Die verwinkelte malerische Altstadt unterhalb mit ihren kleinen Höfen, Passagen, Türmchen und Wendeltreppen und den traboules, den engen Gängen, die von einer Straße durch mehrere Häuser und Höfe zur nächsten Straße führen, bieten gewiss eine gute Filmkulisse. Dank meines persönlichen Stadtführers könnte ich Ihnen jetzt auch ein paar dieser traboules zeigen, die sich hinter nicht näher gekennzeichneten Türen verstecken. Der Durchgang wird von den Anwohnern toleriert, aber lästig ist es ihnen schon, dass ständig jemand durch ihr Treppenhaus läuft und „ah“ und „oh“ ruft.

Schön in Lyon fand ich persönlich die Fenster der älteren Gebäude. In Lyon haben die Fenster Rolläden, und um vermutlich den hässlichen Kasten zu verstecken haben alle Fenster einen sehr hübsch geschmiedeten „Vorhang“, lambrequin heist dieses dekorative Element, das oft mit einem kleinen Fenstergitterchen korrespondiert.

Lyon ist weiterhin bekannt für eine Krimi-Buchmesse, den Quai du Polar, für die Erfindung des Kinos durch die Gebrüder Lumière und für viele Wandmalereien, wovon übrigens auch Cannes voll ist, und wenn es endlich mal aufhört zu regnen (ich weiss nicht, ob es hier immer noch oder schon wieder regnet), werde ich die auch mal fotografisch dokumentieren.

ps: ich habe dann doch mal chez Paul verlinkt (s.o.), es fehlten eindeutig Fotos von Kneipen und dem Essen…

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