Japan

Ich bekam gerade von skizzenblog eine Tafel Schweizer Schoggi überreicht, da sage ich doch Mercivielmals, lieber Herr skizzenblog! Dahinter verbirgt sich eine Spendenaktion von Schweizer Schoggi-Herstellern. Das sei hier verlinkt. Ich bin ja nun, wie vermutlich viele von Ihnen noch wissen, ein gebranntes Kind, was Spendenaktionen angeht. Insofern kann ich schlecht mit wehenden Fahnen rufen „spendet für Japan“ ! Aber natürlich geht mir Japan nicht aus dem Kopf.

Eigentlich wollte ich den Eintrag mit dem Gedicht von Bert Brecht „An die Nachgeborenen“ beginnen. Das bezieht sich zwar auf die Zeit des Nationalsozialimus und das Exil, passt doch aber auch gut jetzt.

An die Nachgeborenen

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! 
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn 
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende 
Hat die furchtbare Nachricht 
Nur noch nicht empfangen. 

Was sind das für Zeiten, wo 
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. 
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! 
Der dort ruhig über die Straße geht 
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde 
Die in Not sind? 

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt 
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts 
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen. 
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.) 

Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast! 
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn 
Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und 
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt? 
Und doch esse und trinke ich. 

Ich wäre gerne auch weise. 
In den alten Büchern steht, was weise ist: 
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit 
Ohne Furcht verbringen 
Auch ohne Gewalt auskommen 
Böses mit Gutem vergelten 
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen 
Gilt für weise. 
Alles das kann ich nicht: 
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! 
 

II 

In die Städte kam ich zur Zeit der Unordnung 
Als da Hunger herrschte. 
Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs 
Und ich empörte mich mit ihnen. 
So verging meine Zeit 
Die auf Erden mir gegeben war. 

Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten 
Schlafen legte ich mich unter die Mörder 
Der Liebe pflegte ich achtlos 
Und die Natur sah ich ohne Geduld. 
So verging meine Zeit 
Die auf Erden mir gegeben war. 
Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit. 
Die Sprache verriet mich dem Schlächter. 
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden 
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich. 
So verging meine Zeit 
Die auf Erden mir gegeben war. 

Die Kräfte waren gering. Das Ziel 
Lag in großer Ferne 
Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich 
Kaum zu erreichen. 
So verging meine Zeit 
Die auf Erden mir gegeben war. 
 

III 

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut 
In der wir untergegangen sind 
Gedenkt 
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht 
Auch der finsteren Zeit 
Der ihr entronnen seid. 

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd 
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt 
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung. 

Dabei wissen wir doch: 
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit 
verzerrt die Züge. 
Auch der Zorn über das Unrecht 
Macht die Stimme heiser. Ach, wir 
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit 
Konnten selber nicht freundlich sein. 

Ihr aber, wenn es so weit sein wird 
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist 
Gedenkt unserer 
Mit Nachsicht. 

Was sind das für Zeiten, wo 
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. 
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! 

Im Klartext meint das, darf ich heitere Textlein schreiben über meine persönliche Befindlichkeit, wenn gerade die Welt untergeht? Nach Brecht dürfte ich das nicht. Ich denke aber, jeder von uns hat doch auch sein eigenes Leben, seine eigenen Sorgen und Nöte und Ängste, die genau so wichtig zu nehmen sind. Wenn der Einzelne nicht froh ist, wird eine Gemeinschaft aus unfrohen Einzelnen nicht froh sein können. Oder umgekehrt, bin ich froh, so strahle ich Freude nach aussen aus, ich kann Freude weitergeben und vielleicht Zuversicht, und vielleicht wird es Kreise ziehen, kleine Wellen, die sich ausbreiten wie in einem stillen See, in den man einen Stein geworfen hat.

Das für mich oft Kränkende, nach dem Tod Patricks war, dass für die anderen das Leben so schnell einfach so weiterging. Nach drei Monaten war das alles schon so weit weg für die „anderen“. Nur ich selbst dachte, er ist erst DREI Monate tot und ihr lacht schon wieder! Heute denke ich, das genau ist auch das Tröstliche, das Leben geht weiter. Auch meines, trotz des Todes. Das bedeutet nicht, dass ich nicht an Patrick denke. Immer und immer wieder. Aber ich erlaube mir auch froh zu sein, denn ich bin noch da!

Ich wünsche mir, dass wir an Japan und seine Menschen in dieser Katastrophe denken. Helfen. Mit Taten und Worten. Nicht nur heute, sondern immer wieder, auch wenn selbst dieser Schrecken schon bald wieder so alltäglich geworden sein wird, und aktuellere Nachrichten sich darüber legen.

Ich verlinke hier und auf meiner Seite einen Blog von BCOME, einer deutschen Designerin, die in Japan (Tokyo) lebt. Ich liebe ihren Blog, ich mag, was sie macht, und ich finde ihre Besonnenheit dankenswert. Vielleicht können wir durch das Lesen ihres Blogs (keine Katastrophengeschichten, die sich so schön gruselig lesen lassen) so immer wieder einen Bezug zu Japan herstellen, und das Land und seine Menschen nicht vergessen, und auch später im Jahr und im nächsten Jahr und… noch „etwas tun“. Danke.

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