Ein Cannes-Krimi: Le Cul des Anges

Heute morgen, 9 Uhr, trage ich ein Päckchen zur Post. Am Schalter bin ich allein. Ich schiebe das Päckchen dem Postboten zu und erschrecke, weil mir etwas Feuchtes den Arm hinunter läuft. Dann spüre ich es auch an den Beinen. Ich denke sofort, dass ich verletzt bin und blute, aber ich habe weder einen Schuss gehört, noch verspüre ich Schmerzen …

nun, der Krimi, den ich gestern ausgelesen habe, war offenbar zu blutig, denn letztlich sind es nur kleine Schweißbäche, die sich in meine Schuhe ergießen. Es ist Sommer. Es ist heiß. Es wird uns eine Canicule vorausgesagt, ein Wort, dass es im Deutschen gar nicht gibt, aber eine unerträgliche Hitzeperiode bedeutet. „Hundstage“ trifft es vielleicht. Vermutlich lese ich deshalb so gerne Krimis, damit es mir wenigstens ab und zu kalt den Rücken runterläuft.

Le Cul des Anges

von Benjamin Legrand

Ich habe den Krimi vor allem gekauft, weil er in Cannes spielt. Irgendwie ist das immer nett, wenn man was wiedererkennt. Manchmal auch etwas verstörend. Dazu später.

In Le Cul des Anges gibt es viele Hauptpersonen, auch das ist etwas verstörend, weil wir zunächst mit x-angefangenen Handlungssträngen konfrontiert werden. Zunächst beginnt der Roman mit einem russischen Auftragskiller, der sich seine Waffe klauen lässt, das ist ein bisschen bizarr, und ich denke, ich will mich jetzt nicht den ganzen Roman lang mit einem russischen Auftragskiller identifizieren müssen, aber auch nicht mit dem auf der Straße lebenden Mädchen, das sie geklaut hat. /Schnitt/ Aber dann lernen wir schon einen depressiven Rentner kennen, in dessen Nachbarwohnung hörbar fürchterliche Dinge mit Kindern passieren. /Schnitt/ Schon kommen die Mitglieder einer Musikgruppe hinzu, die Le Cul des Anges heißt (kleines Wortspiel mit der bekannten La Baie des Anges, der Engelsbucht) usw.

Wer also ist die Hauptperson in diesem Krimi? Alle und keiner. Zwar wird die Geschichte am Ende klar, durchschaubar und auch in gewisser Weise gelöst, aber alles bleibt zwischen den darin involvierten Personen. Hier gibt es keine ermittelnde Polizei, keinen einsamen Kommissar oder Detektiv. Jeder kann sich einen ihm passenden Lieblingshelden oder -heldin suchen: Die Sängerin, die ihr Gedächtnis verloren hat, den depressiven Opa, den liebenswerten Araber, den schwarzen Soldaten, die kühle undurchschaubare Schönheit oder eben den russischen Auftragskiller.

Im Krimi geht es um snuff movies, aber auch um jede Menge anderer Delikte, und eigentlich haben alle Personen eine kriminelle Vergangenheit oder Gegenwart. Auch einer der so sympathischen Opis saß mal im Knast, kennt das Milieu und Menschen, die ihm noch einen Gefallen schulden und wird von seinem Enkel vor allem deshalb bewundert.

Eigentlich ist der Krimi total unmoralisch. Es gibt ganzganz Böse und normal Böse, letztere sind irgendwie Opfer geworden und daher eigentlich Gute, die sich eben so durchschlagen, auch wenn sie dafür töten oder Juweliere ausrauben. Wir sind daher vollkommen damit einverstanden, dass am Ende die ganzganz Bösen getötet werden, und die anderen mit geklauten Diamanten und Kalaschnikows im Handgepäck davon kommen, denn sie sind ineinander verliebt, und die Liebe rettet wohl aus allem Übel. Sie leben dann in Zukunft von den geklauten Diamanten, wohingegen sie das Geld, das sie vorher noch schnell von den ganzganz Bösen geklaut haben, doch nicht an sich nehmen, weil es mit Kinderquälereien verdient ist und daher ganzganz dreckig. So viel zur Moral in dieser Geschichte. Es gibt noch zwei andere Paare, die sich finden, auch mit leichter Illegalität, gefälschten Papieren und ein bisschen Diebstahl, aber im Prinzip sind es ja die Guten und was fürs Herz ist immer schön und irgendwie freuen wir uns für alle. Die Liebe siegt, könnte man sagen. Illegal und kriminell bleibts trotzdem, mich irritiert, dass diese Kriminalität uns als Wert vermittelt wird, und wir es eigentlich abnicken, als wäre es an der Tagesordnung, dass alle kriminell sind. Verstörend auch, dass in diesem Krimi der sich noch im Amt befindliche stellvertretende Bürgermeister von Cannes in die eine oder andere kriminelle Machenschaft der ganzganz Bösen verstrickt ist. Das entspricht leider auch dem real life .

Das alles hinterlässt bei mir einen komischen Nachgeschmack, obwohl ich den Krimi gern und auch zu Ende gelesen habe, denn er ist schnell und witzig geschrieben, frech und umgangssprachlich, und wie gesagt Liebe gibt’s auch. Es geht aber auch grausig, sadistisch und blutig darin zu, das Geschehen um die snuff movies ist unerträglich, obwohl oder vielleicht auch weil eigentlich nichts wirklich ausgesprochen wird, sondern alles der eigenen Phantasie überlassen bleibt.

Der Autor hatte wohl Spaß am Schreiben; was ihm vorgeworfen wird, ist, dass er sein Buch schon verfilmt sieht und es, da er auch Drehbuchschreiber ist, bereits wie ein Drehbuch geschrieben hat. Viele Schnitte, manche Handlung für einen schnellen Film tauglich, für ein Buch zu oberflächlich.

Mir, wie gesagt, macht das das viele schelmische Augenzwinkern zur Alltagskriminalität mehr Kopfschmerzen, weil ich mir ziemlich doof vorkomme, dass ich anscheinend als einziger Depp brav arbeite und Steuern zahle und versuche anständig durchs Leben zu kommen, während alle anderen tricksen und selbst der stellvertretende Bürgermeister mit Drogen handelt … ist es so das Leben?

Benjamin LEGRAND: Le Cul des Anges, Seuil, € 19.50 (demnächst als TB) gibs nur auf franssöhsiesch!

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Ein Kommentar zu Ein Cannes-Krimi: Le Cul des Anges

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