Gib Gas, Chérie… und wechsel die Spur!

Der französische Autofahrer, die französische Autofahrerin sei hier mit eingeschlossen, sind keine meditativen „Der Weg ist das Ziel“-Typen, sondern er und sie haben vielmehr eine sportliche „Das Ziel ist, den Weg so schnell wie möglich hinter sich zu bringen“-Mentalität. Ich habe mich da in den letzten Jahren schon sehr angepasst…

ich merke das vor allem, wenn ich in Deutschland  Auto fahre oder wenn ich hier deutsche Freundinnen im Auto mitnehme, die innerhalb kürzester Zeit angespannt geradeaus gucken, und sich stumm und verzweifelt am Haltegriff festklammern. Für die Franzosen bleibe ich aber natürlich eine Deutsche, die man fahrtechnisch nicht ernst nehmen kann  – das heißt, so lange sie mein deutsches Nummernschild nicht sehen, gehe ich mit meinem dynamischen Fahrstil, dem zunehmend verschrammten und schmutzigen Kleinwagen und gleichzeitig schicker Sonnenbrille, frau passt sich ja an, oft als Französin durch. Bis sie dann mein Nummernschild entdecken, dann ist es mit dem Respekt vorbei. „Ah Touristin!“, denken sie herablassend und glauben, sie könnten sich alles erlauben. Erfahrungsgemäß fahren Deutsche vorsichtig, umsichtig und halten im Zweifelsfall an. Das nutzen die Franzosen gnadenlos aus, um sich schnell mal rechts vorbei- und dann davor reinzudrängeln. Bei mir gelingt es ihnen oft nicht, weil ich dieses Spielchen „wer guckt, hat verloren“ in der Zwischenzeit auch kann. Ich sehe dieses Auto, das sich von rechts kommend vor mich setzen will, einfach nicht und fahre ungerührt weiter. Das nehmen sie mir natürlich übel. „Bist du nun Deutsche, oder was? Dann fahr gefälligst zögerlicher!“ Ich weiß aber, dass er (so was machen natürlich nur Männer, die im Auto völlig uncharmant werden) mir nicht reinfährt. Also gucke ich geradeaus, singe und swinge zur Musik und klopfe den Takt auf meinem Lenkrad. War was? Gibt natürlich auch so ganz zähe Burschen in großen Karossen mit schwarz getönten Scheiben, die so dreist sind, dass ich sie dann doch zähneknirschend und fluchend reinlasse. „So geht’s nicht weiter, ich muss das mit dem Auto regeln und es hier anmelden“, denke ich dann grimmig, in der Hoffnung auf mehr Respekt, aber vermutlich wären die schwarzen Reiter auch dreist, wenn ich ein französisches Nummernschild vorweisen könnte. Gibt so Typen…

Fast jeden Morgen komme ich in Cannes jenseits der Schnellstraße einen Hügel heruntergefahren, muss nach links auf die mehrspurige Schnellstraße abbiegen, um dann ein bisschen später an der großen Kreuzung erst links und gleich wieder rechts zu fahren. Danach fahre ich ein bisschen ampellose Schleichwege bis zu meinem Bürochen. Ich bin immerhin noch so deutsch, dass ich genau weiß, wenn ich mich gleich auf der zweiten Linksabbiegerspur einfädele, komme ich auf der Schnellstraße exakt auf die mittlere Spur, die an der großen Kreuzung wieder die richtige ist um zügig links rum und dann gleich rechts abbiegen zu können. Ich muss also nie die Spur wechseln. Genial. So denke ich und so würde ich gern fahren. Also, ich versuche es auch, da die Franzosen aber an einer Kreuzung, an der es links, geradeaus und rechts rum geht, kreuz und quer fahren, bin ich häufig die Blockierte, weil ich als einzige diesmal völlig undynamisch die Spur nicht wechsele. Ein Franzose, der auf einer Linksabbiegerspur steht, kann entweder a) links abbiegen  b) gerade aus fahren oder c) rechts abbiegen wollen. Gleiches gilt für die anderen Spuren. Häufig stellt man sich nämlich nur links hin, weil da noch keiner steht, während auf den beiden anderen Spuren schon mehrere Autos stehen. Die Spuren vor der Ampel sind ja nur so eine vage Vorgabe. Im Prinzip geht es an jeder Ampel so zu wie beim Start des Grand Prix. Bei Grün fahren alle los und wuseln spurwechselnd in alle Richtungen davon. Dass es da nicht ständig kracht, liegt an der unglaublichen Flexibilität der Franzosen, die sich und allen stets und ständig ein spontanes „Wohin jetzt?“ zugestehen. Wie gesagt, auf der linken Spur stehen heißt ja nicht, dass man auch links abbiegen will. Man will nur erster sein und dann schnell weg…

Ich fädele mich also links ein und biege brav auch links ab und bleibe auf meiner mittleren Spur, was von den dauerspurwechselnden Franzosen irritiert wahrgenommen und vermutlich als „unentschieden“ empfunden wird. Touristin eben. Die mittlere Spur ist für sie nur eine Übergangsspur, um von ganz links nach ganz rechts zu kommen und umgekehrt. Das machen sie jetzt auf etwa 500 Metern Schnellstraße auch und zwar vor mir, da diese Deutsche auf der mittleren Spur ja anscheinend noch nicht weiß, wo sie hin will. Da wird rechts vorbeigezogen um dann nach links zu kommen und links vorbeigefahren weil man nach rechts will. Dazu kommen noch alle Motorroller im rasanten Slalom, für die sowieso keine Regeln gelten. Ich bin der einzige Depp, der so nicht richtig vorwärtskommt. Monsieur kriegt, wenn er neben mir sitzt, immer einen Anfall „Links!“ brüllt er. „Fahr links rüber! Links, weißt du nicht, wo links ist?“ Ich fahre natürlich nicht links rüber, weil ich dann mitten auf der großen Kreuzung wieder rechts rüber müsste, was für mich alles unnötige Manöver sind, aber so stehe ich manchmal zwei Ampelschaltungen länger an der Kreuzung und Monsieur versteht nicht, warum ich nicht schnell noch nach links gefahren bin, dann wären wir jetzt nämlich schon rüber über die Kreuzung. Ich versuche ihm zu erklären, dass ich als einzige die ganze Zeit schon auf der richtigen Spur bin, und daher nicht einsehe, dass ich so ein unnötiges Spurgehopse machen soll. Das sind Momente, wo kulturelle Unterschiede sprachlich nicht aufgefangen werden können. Für Monsieur rede ich nur unverständliches Zeug. Weshalb er mich beim nächsten Mal genauso anbrüllt „Fahr! Links! Rüber! So kommst du nie vorwärts… LINKS! Merde… warum fährst du nicht links rüber???“ „Du kannst gern hier aussteigen“, zische ich zurück, während wir an der Ampel stehen. Jetzt ist Monsieur beleidigt, man wird ja noch mal einen Tipp geben dürfen, er versucht ja nur mir zu helfen…

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11 Kommentare zu Gib Gas, Chérie… und wechsel die Spur!

  1. Wolfram sagt:

    *pruuuust*
    ich muß dir allerdings sagen, ein französisches Nummernschild hilft auch nur wenig, sogar wenn auf dem Auto der Aufkleber eines französischen Autohändlers prangt…
    und: die Ummeldeformalitäten sind sauteuer und endlos – Stichwort „la maison des fous“…

    Solange du eine Adresse in Deutschland hast und bereit bist, die höheren Versicherungsprämien plus Steuer zu zahlen, behalte das deutsche Kennzeichen! Es ist schlicht viel einfacher!

  2. Angelika sagt:

    hach.
    das erinnert mich sehr an meine stagiare/praktikum-zeit, anno-dunnemals, in Paris :)
    und da auch sonstwo-egal, in France unterwegs.
    (zuletzt war ich, per autostrade, von Barcelona nach Rom unterwegs. fand ich relativ angenehm.)
    „mein tip“ : intuition & empathie für sich/sie selbst entwickeln; sog. go-with-the-flow.
    also vollkommen „un-deutsch“;)
    so a la immer -nach-vorne-gucken – hinten machen die das selbst oder was-auch-immer … (kenne ich so aus u.a. 6 jahren in Rom/Italien alleine fahren)

    i 2nd/sekundiere @Wolfram (kenne lediglich „die procedere“ in Italien, France, USA)

    bonne chance & salutoni

  3. UUuppsss … da stehen schon meine Daten im Formular … Überraschung – Salut Christiane! Wie ich lese, geht es dir gut, sehr schön … Der Sommer ist schon vorüber, zumindest in Berlin (heute 18, morgen 16°!), und unsere Tour de France auch schon fast vergessen … wollte dir längst mal mitteilen, dass es wieder jede Menge Fotos (+ minikleine Videos und ein paar Panoramafotos) online gibt. Adresse siehe oben, falls du Zeit + Lust hast zu gucken … Wieder mal war es eine tolle Fahrt, viele Kontakte zu Franzosen … UND: nur noch 98 Arbeitstage bis zu meinem retraite (resp. Pensionierung)! Alf hat es schon geschafft – aber vermutlich machen wir beide mit den Fahrten weiter … Und im April 2012 werde ich mit meiner Frau zusammen in Charlos (nahe Montélimar) für Wolfgang (de) und seine Frau Elisabeth (fr) Haus und Hof und Tiere (u.a. 7 Esel!) hüten … Darauf freue ich mich sehr.
    Und du? Gibt es bald ein neues Buch? oder irgend etwas in der Richtung? Und Berlin? Sag mal an, wenn du wieder hier im Lande bist … Herzliche Grüße aus Berlin von Lothar (mal auf diesem Wege an dich)

    • dreher sagt:

      Hallihallo!
      Danke fuer eure Kommentare –

      Lothar, fuer die voreingestellten Daten kann ich nix, ist wohl, öh, ein Service :)
      danke die News… Tourfotos geh ich gucken! Und nur noch drei Monate Arbeit und du verlaesst die Schule mitten im Schuljahr? Was macht Alf denn nun mit all seiner Energie?
      Viel Vergnügen beim Esel hüten. DAS hört sich doch gut an! :)
      bisou fuer eben
      Christjann

  4. angela sagt:

    Wie schön, Sie wieder entdeckt zu haben, liebe Frau Dreher. Habe Ihr Blog bei Brigitte stets mit großem Vergnügen und zum Schluss mit großer Traurigkeit verfolgt und freue mich, dass es Ihnen wohl wieder gut geht.

    Ganz liebe Grüße
    Angela

  5. Monika sagt:

    Bonjour Christjann,

    ich hab vor gut 4 Wochen die Hürde `préfécture´ genommen – war gar nicht so schlimm – spar mir die Kfz-Steuer nun, und geniesse es, jetzt endlich `inkognito´ unterwegs zu sein.
    Allerdings sagt man den Leuten in der Charente nach, Schnecken zu sein (La Charènte à des ailles!) und folglich reizt der Anblick der 16 alle Fahrer von anderen Départements allein schon zum Überholen und Kopfschütteln.
    Hmm…!
    Sonnige Grüße nach Cannes – bisous – Monika

    • dreher sagt:

      :)
      Danke fuer die Ermutigung! Ich gehs an!
      Weiss nicht, was 06 als Ruf hat?!
      bises
      Christjann

      • Wolfram sagt:

        Dich zwingt ja nichts mehr, mit der 06 unterwegs zu sein; auf dem Auto (das ist hier gekauft) fahre ich 21, obwohl ich 88 wohne.
        Mit der 88 ins Elsaß zu fahren, ist ungeschickt: da gelten die Vosgiens als Schnarcher. Umgekehrt übrigens die 67/68 in Lothringen auch… oder als Raser, in jedem Fall als völlig unfähig, ein Kfz zu führen.

        Wie gesagt, die Sache ist recht teuer, zumal für Benziner. Und für ältere Autos, die noch keine EU-Typnummer haben, sehr aufwendig.
        (Falls du irgendwelche Papiere brauchst, schreib den deutschen Vertreter des Autoherstellers an, der macht dir die vielleicht umsonst – die Franzosen wollen für alles drei- bis vierstellige Summen haben!)

  6. Nicole* sagt:

    Ich lese nun schon eine ganze Weile hier mit und freue mich, dass man nun auch endlich einen Kommentar da lassen kann :-) Ich war in diesem Sommer das zweite Mal in Frankreich (19 – Corrèze) und bin nur ein einziges Mal Auto gefahren. Ich bin sonst eine relativ rasante Fahrerin und auch nicht besonders ängstlich, aber dort war ich im Wechselbad der Gefühle zwischen Angst aufgrund angesprochener Spurwechsel und Genervtheit über eine gewisse Langsamkeit… Ich überlasse das Fahren künftig wieder meinem Liebsten, der dort schließlich Einheimisch ist…
    Liebe Grüße

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