Cannoise – aber sicher!

Vor kurzem war ich zum Empfang geladen; der Bürgermeister von Cannes gab sich und uns die Ehre… und lud alle Neu-Cannois und Neu-Cannoises in die Villa Domergue am Fuss des edlen Hügels La Californie ein. Häppchen und Apéro auf der Terrasse der Villa, Sonnenuntergang und Blick auf die Bucht von Cannes, …

… dafür höre ich mir auch mal eine lange Rede des Bürgermeisters an. Er sprach von dem, was Cannes so besonders macht: Sicherheit, Prosperität und fast immer schönes Wetter, was wir, wenn ich es recht verstanden habe, alles ihm zu verdanken haben. Seitdem sehe ich sie erst, die Sicherheitskameras, die alle 50 Meter irgendwo hängen oder stehen und ein bisschen wie Lampen aussehen. Wir sind in Cannes zu unserer eigenen Sicherheit komplett videoüberwacht. Es gibt tatsächlich auch Zonen der video verbalisation, was heisst, wenn die Kamera aufzeichnet, dass Sie falsch geparkt haben, kriegen Sie ihr Knöllchen frei Haus, auch wenn keine Politesse vorbeiflitzt und Ihnen noch ein Zettelchen unter den Scheibenwischer klemmt. Alles nur zu unserer eigenen Sicherheit, was konnten so schon Fahrerfluchtunfälle aufgeklärt werden!

Da hier alles so sicher ist und so gut durchleuchtet, haben wir auch schwupps den G20 nach Cannes gekriegt. Da sind wir stolz, wir konnten Nizza ausstechen, und werden Geschichte schreiben! Cannes hat ja schon Erfahrung mit Gross-Events wie dem Filmfestival und Cannes lässt sich schön abriegeln. Nächste Woche ist Cannes eine verbotene Stadt, Zutritt für Anwohner nur mit Badge und nach strenger Kontrolle. Alle anderen dürfen, anders als beim Filmfestival, nicht mal von weitem gucken.

Alle Hotels, auch die ausserhalb der zwei Sicherheitszonen, sind für den G20 blockiert, Techniker und Sicherheitsbeamte müssen ja auch irgendwo schlafen. Nicolas, Angela und Obama residieren aber ganz sicher im Carlton oder in einem anderen edlen und sicheren Etablissement, nur einen Steinwurf weit vom Filmpalast, der als Kongresszentrum dient. Steine werden hier aber nicht geworfen, so weit kommt kein Demonstrant, alle unsicheren Elemente werden schon am Bahnhof oder an der Autobahnausfahrt abgefangen. 

Mr. President of the United States wollte ja eigentlich lieber im Eden Rock absteigen, dem Luxushotel schlechthin, zwischen Cannes und Antibes gelegen, aber das Eden Rock hat Winterpause ab dem 1. November, und da hatte keiner Lust noch mal ein paar Tage dran zu hängen, Präsident hin oder her, es reicht, die Saison war lang genug.

Die Geschäfte, Friseure, Yogastudios und Schulen in der Innenstadt von Cannes sind  geschlossen. Kommt ja eh keiner. Angela hat keine Zeit zum Shopping und hat ausserdem ihren Hausfriseur dabei. Die Restaurants sind noch unentschlossen, sie würden gern profitieren und hoffen auf Gäste – schliesslich müssen auch Polizisten mal was essen.  Die Innenstadt wird komisch leer sein, wie in einer Filmkulisse.  Ob und wo gegendemonstriert werden wird, ob und wo man an den Strand kann und wie der Verkehr geleitet wird, das ist alles noch ein grosses Sicherheitsgeheimnis.

So viel zur Sicherheit. Kommen wir zur Prosperität. Cannes gehts gut, keine Krise, und das nicht nur, weil wir die Toilettenfrauen kürzlich zur Ordnung gerufen haben, sondern weil unser dynamischer Bürgermeister höchstpersönlich nach Moskau geflogen ist, um die leerstehenden Hotelzimmer in Cannes an die neue russische Finanzelite zu verhökern, äh, dort anzupreisen wollte ich sagen.  

In den Luxushotels in Cannes steigen gern arabische Prinzen ab, die generell mit ihrer Grossfamilie anreisen. Das ist so gut fürs Geschäft, dass das Hotel Majestic so renoviert und umgebaut wurde, dass es dem Geschmack und den Anforderungen wohlhabender arabischer Grossfamilien gerecht wird. Sie finden dort Suiten mit Esstischen und Wohnlandschaften für bis zu zwanzig Personen.

Leider haben die arabischen Gäste die Angewohnheit Cannes während des Ramadan schnöde den Rücken zu kehren und nach Hause zu reisen, nur weil die französische Hotelküche noch nicht darauf eingestellt ist, ihre muslimischen  Gäste während des Ramadan mit ausgewählten Fastenspeisen ausschliesslich nachts zu bewirten.

Gut, dass da jetzt die russischen Gäste einspringen. Wenn die dann wegen ihres orthodoxen Weihnachtsfestes wieder zurückreisen, können vermutlich bald ein paar Chinesen nachrücken. Die werden aber vermutlich kostenlos die Hotelsuiten bewohnen, da Frankreich sich jetzt gerade ganz viel Geld von China leiht, das wir nie im Leben zurückzahlen können (ich sage schon wir, haben Sie’s gemerkt?) und irgendwas müssen wir ja als Gegenleistung anbieten. Aber das ist ja ein Staatsproblem, Cannes ist finanziell nicht in Schwierigkeiten. Zumindest nicht so. Im Frühjahr ist dann das Filmfestival mit Angelina, Brad und friends, und dann kommen auch schon gleich die arabischen Prinzen wieder…

Und warum kommen alle immer so gern nach Cannes? Weil hier mit absoluter Sicherheit auch noch schönes Wetter ist! Er ist wirklich ein Gott, dieser Bürgermeister. Aber egal, ich trank noch einen Gin Tonic, liess mir die Hand schütteln und nahm mein Begrüssungstäschchen in Empfang. Ich mache es neugierig auf und finde viel Papier. Alle Clubs von Cannes heissen mich herzlich willkommen, vorausgesetzt ich bin Rentnerin oder wenigstens älter als 49 Jahre. Ich bin ein bisschen sauer, denn ich bin NOCH nicht mal 49. Was denken die sich? Ich schaue meine neuen Neu-Mitbürger an, die neben mir Martini und Pastis schlürfen, und ja, ich bin vermutlich die jüngste Neu-Cannoise dieses Jahr. Nach Cannes ziehen nur ältere Herrschaften, die dann im Schatten der Platanen Boule spielen, im Clubhaus zum Tanztee gehen oder sich zum Bridge verabreden. In Cannes herrscht, so viel ist sicher, le Bel Age.

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5 Kommentare zu Cannoise – aber sicher!

  1. irene sagt:

    liebe christiane
    danke für deine interssanten einsichten in das leben an der cote, vor allem dann, wenn man nicht zur typischen klientel gehört…
    einen recht spannenden artikel zur situation von obdachlosen in cannes (anlässlich g 20 treffen) hat auch die zeit gebracht
    http://www.zeit.de/2011/44/WOS-Obdachlose-Cannes

    liebe grüße
    irene

    • dreher sagt:

      Danke, Irene! guter Artikel! von der „organisierten Barmherzigkeit“ hab ich nichts mitbekommen, ist aber vorstellbar, David Lisnard ist auch stellvertretender Bürgermeister!
      lieben Gruss
      Christjann

  2. ichbins sagt:

    Sei nicht undankbar – denk mal zurück an November in Köln – zu allem was man da kritisieren könnte – das Wetter bedrückend grau und trübe – daran kann nicht mal unser Oberbürgermeister etwas ändern

    • dreher sagt:

      oh, nein, ich bin ganz dankbar! Eitelkeit und „eine Hand wäscht die andere-Verfilzungen“, um nicht das böse K-Wort zu gebrauchen, sind bei Sonnenschein viel netter anzusehen! ;)

  3. Ulrike sagt:

    Beim damaligen G20-Gipfel in Heiligendamm/Ostsee – Angela sei Dank – hatte ich doch die ambitionierte Idee, just zu der Zeit eine Radreise entlang der Ostseeküste unternehmen zu wollen. Der genaue Termin des Events war bei meiner Planung dieser Reise noch gar nicht klar.
    Jedenfalls hat mir das an einem Tag einen Umweg von schlappen 80 km beschert. Die Polizisten aus ganz D waren sehr nett, aber leider ortsunkundig. An dem versenkbaren Gitterzaun kam ich auch vorbei. Jedenfalls wurde ich mit dem Rad oft noch durchgewunken, wo für Autos schon „No go“ war. Wahrscheinlich sah ich nicht sehr terrororientiert aus. ;-)
    Ich finde deine Berichte aus Cannes sehr interessant, aber möchte – ehrlich gesagt – nicht dort leben.

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