Was bleibt?

Was bleibt? Das fragt Patrick Süßkind Anfang der achtziger Jahre in einer kurzen amüsanten Betrachtung, die die Vergänglichkeit von Literatur und das eigene schlechte Gedächtnis auf die Schippe nimmt. Was bleibt mir im Gedächtnis, von allem, was ich gelesen habe? Bizarr, oft bleibt ganz Unerwartetes…

Als ich in Deutschland meine Bücher aussortierte und nur noch das mitnahm, was ich in Frankreich noch einmal lesen wollte, oder was mir wirklich einmal wichtig war oder immer noch ist, kam eine ganz eigenartige Mischung heraus. Ich habe keinen Lieblingsautor, oft sind es einzelne Titel, die mir wichtig sind. Kassandra von Christa Wolf, Der Laden von Ernst Strittmatter, Geschichten von Franz Hohler, Jurek Becker und Peter Bichsel, der Baader-Meinhof-Komplex von Stefan Aust, oder Schattenmund von Marie Cardinal und Das Ruhekissen von Christiane Rochefort, die Gedichte von Rose Ausländer und es scheint, als sei meine große Heldin Astrid Lindgren. Das hätte ich so selbst am wenigsten erwartet. Hingegen ist kein echter Klassiker dabei. Weder Goethe noch Schiller, weder Grass noch Frisch. Und auch nicht Kafka.

Was bleibt für Sie, von allem, was Sie gelesen haben? Das wollte auch die Zeitschrift Dazibao die vierteljährlich von der Agence Regional du Livre PACA (Provence, Alpes, Côtes-d’Azur) herausgegeben wird, anlässlich der kleinen Buchmesse in Mouans-Sartoux wissen. Befragt wurden hier Bibliothekare, Schriftsteller und Illustratoren nach ihrer autobiographischen Bibliothek. Welches Buch hat Sie in Ihrer Kindheit bewegt? Welches Buch haben Sie nicht zu Ende gelesen? Bei welchem Buch vergossen Sie die meisten Tränen? Undsoweiter: Natürlich wussten diese Büchermenschen, dass Ihre Antworten veröffentlicht werden, daher ist ihre persönliche Bibliothek sehr ehrgeizig zusammengestellt und meist schrecklich intellektuell. Ein Bibliothekar hat natürlich schon als Kind Proust gelesen. Na gut, ich übertreibe ein bisschen. Aber fast alle möchten irgendwann noch Ulysses oder Finnegans Wake von James Joyce lesen. Gähn.

Beim Versuch, meine Bibliothek zusammenzustellen, fiel mir die Auswahl schwer. Ich kann auch nicht mal gerade am Bücherregal vorbeistreifen und irgendein Buch wieder entdecken, denn meine Bücher sind seit meinem endgültigen Umzug nach Frankreich noch auswärts und in Kisten gelagert. Ich muss also wirklich mein Hirn durchforsten, was ist hängen geblieben nach all den Jahren des Lesens? Was bleibt? Welches ist  …

…das Buch meiner Kindheit ?  Zu Vorlesezeiten Grimms Märchen, Selbst gelesen: Wir Kinder aus Bullerbü von Astrid Lindgren

Das Buch, dessen Held(in) ich gerne gewesen wäre? Ich bin in jedem Buch, das mich bewegt hat, mit der Heldin verschmolzen, am innigsten vielleicht mit der roten Zora von Kurt Held

Das Buch, das mich am meisten zum Lachen brachte? Sehr amüsant, aber in Zukunft bitte ohne mich von David Foster Wallace, Ich ein Tag sprechen Hübsch von David Sedaris und das kleine Büchlein von Axel Hacke Der weiße Neger Wumbaba

Das Buch, bei dem ich die meisten Tränen vergoss ? Tja, Filme wären: Jenseits von Afrika und Die Brücken von Madison County… Als Buch fällt mir erstaunlicherweise wieder nur Astrid Lindgren ein: Die Brüder Löwenherz

Das Buch, das mich am meisten beeindruckte? Les pensées von Blaise Pascal, hatte lebensverändernde Impulse

Das Buch, das ich am häufigsten verschenke? Meines, zugegeben das ist ein bisschen peinlich, aber sonst verschenke ich Bücher personenabhängig, ich überlege, was könnte dem/der Beschenkten gefallen, es gibt nicht DAS Buch, das ich verschenke –

 Das Buch, das ich mehrfach gelesen habe? Ich sehe was, was du nicht siehst von Birgit Vanderbeke. Alle Asterix-Bände, alles von Sempé, Ferien auf Saltkrokan von Astrid Lindgren

Das Buch, für das ich eine Ewigkeit brauchte, um es zu lesen? Der Zauberberg von Thomas Mann, gähn, würde unter die unfertig gelesenen Bücher fallen, wenn ich es nicht an der Uni hätte lesen müssen

Das Buch, das ich nicht zu Ende gelesen habe? Viel zu viele …

Das Buch, das ich seit langem lesen will? Ziemlich viel Französisches darunter als erstes Frédéric Dard, Faut-il tuer des petits garçons avec les mains sur les hanches

Das Buch, das ich gerade lese? Alles und nichts, französische BD’s, Grenzgang von Stephan Thome (hänge seit Wochen auf S. 51, habe es aber noch nicht aufgegeben). Ein FROH! Heft. Am regelmäßigsten lese ich noch (über Literatur) die Wochenzeitung DIE ZEIT.

Was bleibt für Sie? Und: Verraten Sie mir, was Sie gerade lesen?

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11 Kommentare zu Was bleibt?

  1. rosalinde sagt:

    Lese gerade Das Mittelmeer von Baltasar Porcel, Eine stürmische Reise durch Zeiten und Kulturen, Tipp von Elke Heidenreich, tolles Buch mit tollen Bildern und alten Karten

  2. Dreherfan sagt:

    Das Buch meiner Kindheit : Hiawatha, die Geschichte einer jungen Indianerin, die aus dem Reservat zum Medizinstudium in die Großestadt geht

    Das Buch über das ich am meisten gelacht habe:
    Mein Jahr in der Provence
    und am meisten geweint habe ich über: Oscar und die Dame in Rosa
    Autoren können evtl. Interessierte sicher selbst herausfinden

    Immer wieder gelesen:
    die Buddenbrocks ( tatsächlich )
    Jauche und Levkojen und die Quints ( habe pommersche Vorfahren )

    und im Augenblick : Leben heißt frei sein – Benoite Groult )

    und : Zwischen Boule und Bettenmachen habe ich natürlich auch gelesen

    :

  3. Dreherfan sagt:

    wie peinlich : Buddenbrooks auch noch falsch geschrieben

  4. chrissy sagt:

    Ach, das ist ja ein ergiebiges Thema :-)
    Ist es erlaubt, ein bisschen ausführlicher zu antworten? Also:
    Das/ein Buch meiner Kindheit: Delfinensommer von Catherine Allfrey, dessen Heldin ich auch gerne gewesen wäre.
    Buch, das mich am meisten zu lachen brachte: Das kleine Buch des Verhörens von Axel Hacke ( = „der weiße Neger Wumbaba“ ???) und William Boyd: Stars und Bars
    Tränen habe ich völlig wider Willen vergossen bei Goethes Werther (das ist ja ein bisschen peinlich, stimmt aber leider).
    Verschenkt habe ich in der letzten Zeit mehrfach Richard David Precht, Die Kunst, kein Egoist zu sein.
    Mehrfach gelesen und immer anders gelesen: Theodor Fontane, Effi Briest. Habe es als Schülerin gehasst, als Studentin lächerlich gefunden und als Erwachsene mit Spannung und Genuss gelesen.
    Eine Ewigkeit gebraucht habe ich für Don Quijote – und praktisch alles vergessen.
    Nicht zu Ende gelesen: Schiffbruch mit Tiger, fand ich grässlich und grässlich langweilig, bis ich mich zum Weglegen entschloss.
    Seit langem lesen möchte ich zum Beispiel Goethe (ja, noch ein Goethe ;-): Wilhelm Meister (könnte aber sein, dass sich das zur Kategorie „ewig dran gelesen“ oder „weggelegt“ entwickelt).
    Im Augenblick lese ich „Le rapport de Brodeck“ von Philippe Claudel (fordert mich wegen der Sprache schon einigermaßen heraus, passagenweise kenne ich viele Wörter einfach nicht :-(
    „Zauberberg“ habe ich als Schülerin komischerweise total gerne gelesen. Geblieben ist das Bild „im Liegestuhl liegen, in Decken gehüllt und die Alpen betrachtend“ und mein persönliches geflügeltes Wort „ich spiele Davos“ …
    Birgit Vanderbeke habe ich im letzten Jahr entdeckt und schätzen gelernt und einiges von ihr gelesen, unter Anderem auch „Ich sehe was, was du nicht siehst“ und jetzt auch das neueste von ihr „Das kann man ändern“ (oder so ähnlich). Sie muss ja bei dir um die Ecke wohnen …
    Ja, wirklich ein ergiebiges Thema …

  5. Steffi sagt:

    Wie lustig, ich hänge auch seit drei Monaten im Grenzgang fest! Und was Astrid Lindgren angeht – Madita wird immer meine Heldin bleiben. Ach ja: In Dein Buch schaue ich auch immer mal wieder rein. Und in Deinen Blog auch… :-) Liebe Grüße aus dem Schwarzwald! Steffi

  6. dreher sagt:

    Ach Mensch, wie nett! Dankeschön!

    Liebe Rosalinde (mein Zweitname!), das klingt spannend! Obwohl ich nicht immer alles, was Elke Heidenreich empfohlen hat, mochte.

    Liebe(r) Dreherfan, ob Buddenbrooks oder -broocks hätte ich auch nicht gewusst :)und Hiawatha hiess mein kleiner Indianerheld auch, das war aber ein französisches Kinderbilderbuch und es war ein Indianerjunge und bei Oskar habe ich auch geweint!(duhuuuu… hüstel, ähm, möchtest du nicht vielleicht ein anderes Pseudonym wählen?! das hier ist mir ein bisschen peinlich)

    Liebe chrissy, ja sehr ergiebig, ich habe, um nicht eventuell zu langweilen, nicht alle meine Begründungen dazu geschrieben – aber die Liegekur ist das einzige, an was ich mich auch gern am Zauberberg erinnere; ja, es ist das Büchlein des Verhörens von Hacke, ich las es in einem Café und hab ununterbrochen geprustet und gekichert, obwohl es mir eigentlich gar nicht gut ging. Werther las ich dennoch gerade wieder (auf französisch! um mit Monsieur zu diskutieren) und Effi liegt hier auch und wartet auf mich. Das neueste von Frau Vanderbeke, hm naja, ich mochte den ländlichen Aspekt darin, sagen wir so. Und ich mag ihren Ton. Sonst nich so. „Ich sehe was, was du nicht siehst“, ist eine kleine Bibel für mich!

    Und das Stefferl, ach danke, Liebe! Wie gehts dir denn? Und Wilbur? Wir hatten auch eine Maus im Bad, die unentdeckt eine Weile bei den Handtüchern lebte :)
    bises à tous
    Christjann

  7. Steffi sagt:

    Oh Liebe, Wilbur geht es fantastisch, er hat mittlerweile einen neuen Käfig, wohnt aber immer noch im Bad, ist supersüß… und eine wilde Katze hat sich zu uns gesellt namens „der Kuh“, denn er besitzt eine ausgesprichen lustige Zeichnung, ist aber eindeutig ein Er… naja und womöglich ziehen wir mit all unserem tierischen Pack ein Örtchen weiter Richtung Einöde… aber davon gern mal an anderer Stelle mehr, bis dahin drück ich Dich sende sehr liebe Grüße, ’s Stefferl :-*

  8. alexandra sagt:

    Hallo,
    Als ich (damals nur auf Zeit …) ausgewandert bin, hab ich nur zwei Koffer mitgenommen, kein Platz fuer Buecher. Ist alles bei meinen Eltern im Keller geblieben. Mittlerweile aber habe ich ein bisschen aussortiert, und es sind mitgekommen: die Buddenbrooks, die Abenteuer des Felix Krull, Siddharta (DAS Buch meiner Jugend), diverse Buecher aus meiner Kindheit, die ich jetzt meinen Kindern vorlese: Pippi Langstrumpf, der Michel aus Loenneberga, Momo, die unendliche Geschichte, das kleine Gespenst. Habe eine Menge von Isabel Allende und Paulo Coelho, leider nicht in Originalsprache. Gerade lese ich (zum dritten Mal) die Reise von Harpe Kerkeling auf dem Jakobsweg „Ich bin dann mal weg“.
    … Liebe Gruesse aus den USA,
    Alexandra

    • dreher sagt:

      Hallo Alexandra,

      Siddharta habe ich in der Schule gehasst, aber wieder gelesen und auch mitgenommen! Hape Kerkeling ist lohnend? Ich habe so viele alberne (frz) Filme über den Jakobsweg gesehen, dass ich Buch links liegen liess.

      lieben gruss
      Christjann

      • alexandra sagt:

        Hallo Christjann,

        Habe keine Filme ueber den Jakobsweg gesehen, und das Buch hat mir mein Vater geschenkt. Zuerst wollte ichs nicht lesen, weil ich eigentlich kein Hape Kerkeling Fan bin, aber mir hats gefallen, weil es so aus dem Leben gegriffen war, nicht so schwuelstig und (pseudo-) spirituell. Kanns Dir gerne ausleihen, per Post, wenn Du mir (privat) Deine Adresses schickst.
        Liebe Gruesse, Alexandra

        • dreher sagt:

          danke für das Angebot, Alexandra, ich glaube, es ist weniger aufwendig (aufwändig, neue RS) wenn ich es in Europa erwerbe :)

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