Heimat

Ich sag’s gleich vorneweg, ich bin jahresendzeitlich melancholisch gestimmt, so ein bisschen angerührt und heulig ist es mir, vielleicht auch, weil es hier jetzt richtig kalt geworden ist, heute morgen gab’s ein Graupelgewitter, es sah kurz aus wie Schnee auf Cannes Straßen, wurde dann zu rutschigem Schneematsch, grau war’s den ganzen Tag auch. So was sind wir hier ja nicht gewohnt — und dann sehe ich gerade mal wieder die Serie Heimat

und versuche Deutschland und seine Geschichte und den deutschen Blick auf die Geschichte zu vermitteln. Glück hat, wer in einen fremden Land einen Gesprächspartner hat, den es wirklich (bis zu einem gewissen Grad) interessiert. Meist interessiert sich in einem (fremden) Land nämlich niemand für eine andere Geschichte als die eigene. Ist ja auch schon schwierig genug, seine eigene Landesgeschichte zu kennen, gibt schon genug Könige, Eroberer, Kriege usw. Was meinem französischen Mitbetrachter bei Heimat leider entgeht, da er den Film nur mittels der Untertitel versteht, sind die verschiedenen Dialekte. Und damit das, was sich insbesondere durch den Zweiten Weltkrieg (nicht nur in Deutschland) verändert hat. Wie durchgewirbelt dieses Land wurde. Es wird an den Dialekten so eindrücklich deutlich, wie „das Fremde“ in die Heimat kommt. Erst ist es nur ein junges Mädchen, das zwar noch den gleichen Dialekt spricht, aber doch von auswärts kommt, auch wenn es nur ein paar Dörfer weiter sind. Fremd ist und bleibt sie doch. Kommt nie wirklich rein in dieses Dorf, denn wer weiß, was dieses fremde Mensch eigentlich wirklich im Sinn hat… Später, während und nach dem Krieg kommen andere Fremde hinzu, die es aus unterschiedlichsten Gründen dorthin verschlagen hat. Man hört andere Dialekte im kleinen Hunsrückdorf. Aber auch wenn die Menschen dort  bleiben, leben, arbeiten, feiern und vielleicht lieben, bleiben sie doch fremd, gehören nie ganz dazu.

Ich lese seit einiger Zeit zwei Blogs von Frau Freitag und Frl. Krise, beide Lehrerinnen, die amüsant und herzenswarm aus ihrem Schulalltag an Hauptschulen mit hohem Migrationshintergrund-Schüleranteil berichten. Erst las ich die Blogs über das undisziplinierte türkisch-deutsche Schulleben vergnügt; ich grinste und schmunzelte vor mich hin, dann bekam ich zunehmend steile Sorgenfalten und dachte kritisch: WIE soll das mit Deutschland weitergehen, wenn diese ungezogenen Kinder die Zukunft sind? Dann aber sah ich einen Film, der dankenswerterweise von einem Leser gepostet wurde, der mich sehr anrührte, weil er die Zerrissenheit der türkisch-deutschen Familien auch noch in der dritten Generation zeigt: Almanya.

Der ganze Film hat mich berührt, weil ich mich in meiner Situation als Ausländerin in Frankreich plötzlich und erstmals den „Ausländern“, den Türken in Deutschland oder den Deutschen mit Migrationshintergrund annäherte. Erstmals konnte ich verstehen… und ich habe plötzlich viel Liebe für diese kulturell durcheinandergewirbelten Kids.
Mir tat weh, dass der kleine Cenk (im Film) in der Grundschule von seiner (durchaus netten) Lehrerin gefragt wird, wo er denn her stamme. Deutschland sagt er. Nein, sagt die Lehrerin. Falsche Antwort. „Wie heißt das schöne Land, aus dem dein Vater kommt?“ Eigentlich müsste er noch mal Deutschland sagen, denn sein Vater ist auch schon in Deutschland geboren. Aber er weiß schon, dass er Türkei sagen muss, Anatolien genauer gesagt, das sich dann nicht mal auf der Europakarte in der Klasse finden lässt. Armer Cenk. Was ist er denn jetzt? Hat zwar einen türkischen Namen, kann aber nicht mal türkisch sprechen. Gar nix ist er, sagen seine Spielkameraden kategorisch. Und beides kann man wohl nicht sein, denn man kann Fußball nur in einer Mannschaft spielen. Und so fragt er wütend seine Familie: Was sind wir denn jetzt? Türken oder Deutsche?
Cenks Großeltern haben ganz frisch deutsche Pässe, der Großvater aber sagt: „Ist nur Papier, wir sind doch Türken!“, und er hat zum Entsetzen der ganzen Familie ein Haus gekauft „in Türkei, in Heimat“.

Ich bin ja seit ein paar Jahren auch Ausländerin. In Frankreich. Das ist nicht vergleichbar und doch auch vergleichbar. Denn manchmal bin ich hier auch die Türkin. Oder meinetwegen die Polin. Das ist komisch, weil man als typischer Deutscher durchaus ein ordentliches Leitkultur-Selbstbewusstsein hat. Man kommt nach Frankreich, das man liebt, aber dennoch ganz überheblich denkt, „oh dieses charmante aber schlampige Land, das würde ich hier aber mal ganz anders machen…“ oder man schüttelt ein bisschen den Kopf und denkt von oben herab „ach, diese Franzosen! Unpünktlich, undiszipliniert, streikfreudig – aber gut essen können sie, das muss man ihnen lassen. Wenn sie jetzt noch ein bisschen besser arbeiten würden, könnte aus diesem Land noch was werden…“.

Die Franzosen sehen sich aber ihrerseits ebenfalls in der überlegenen Leitkultur-Rolle. Niemand ist stolzer als der Franzose. Er ist der beste Liebhaber, er macht den besten Wein, den besten Champagner, den besten Käse, das beste Essen sowieso, Frankreich ist das schönste Land der Welt, hat die elegantesten und schönsten Frauen, die besten Chansonniers, die älteste Kultur, die schönste Sprache und und und… Und die Franzosen reagieren sehr empfindlich auf besserwissende Kritik insbesondere die der Deutschen.

In der Riviera-Zeitung, einem deutschen Blatt für Deutsche an der Côte d’Azur, gab es neulich mal eine lange und verbissene Debatte, ausgelöst von hier lebenden Deutschen, die sich daran stören, dass hier immer noch und immer wieder Grünabfälle verbrannt werden, wo es doch eindeutig verboten sei und gesundheitsschädlich etc. Sie fühlen sich von dem aufsteigenden beißenden Rauch auf ihrer Terrasse gestört und sie finden, an das Verbot müssten die Franzosen sich doch nun halten. Gesetz ist Gesetz. Wenn nicht, wird hier geklagt. Es folgt ein Aufschrei der Franzosen! Eine Französin antwortete empört, sie habe lange in Deutschland gelebt und dort habe ihr auch Manches nicht gefallen, aber deshalb hätte sie dennoch nie einen Kindergartenplatz eingeklagt, obwohl ihr die unzulängliche Kinderbetreuungs-Situation in Deutschland das Arbeiten erschwert habe. Das gehört sich einfach nicht. Man lebt in einem fremden Land und passt sich an und hält den Mund. Und insbesondere die Deutschen… von denen hat man sich im letzten Weltkrieg genug sagen lassen müssen, nie wieder habe ein Deutscher Frankreich was zu verordnen. Unverschämtheit!

Ich weiß nicht, wie es ausgegangen ist, aber der Ton in der Riviera-Zeitung ist insgesamt doch so ein bisschen Leitkultur-überheblich, finde ich. Eher deutsch als französisch. Wir nehmen aus Frankreich nur das Schöne mit, nicht wahr?! Da wird von einem Weihnachtsmarkt geschwärmt, der fast so schön sei wie ein richtiger deutscher Weihnachtsmarkt. Und mir klingeln die Ohren … Ja, ich wollte auch einen „richtigen deutschen“ Weihnachtsmarkt in Châteauneuf machen. Warum will man etwas einführen, was es hier nicht gibt? Wenn es hier im Süden keinen Weihnachtsmarkt gibt, oder eben nur grell blinkende Fressbuden, warum muss ich dann mit deutscher Leitkulturverbissenheit einen deutschen Weihnachtsmarkt für Südfrankreich kreieren? Ich schäme mich ein bisschen.

Aber auch, wenn ich mich vom deutschen Leitkultur-Ton der Riviera-Zeitung und andernorts distanziere und denke, dass ich jetzt doch prima integriert bin, so integriert, dass ich mich von deutschen Freundinnen schon kritisieren lassen muss, weil ich so anders geworden bin, „ich kenn dich nicht wieder, Christjann“ muss ich mir sagen lassen: weil ich eine so traditionelle Beziehung lebe, weil ich mich den gesellschaftlichen Normen anpasse, obwohl sie so viel rückständiger sind als in Deutschland. Weil ich nicht für meine deutschen Werte oder Freiheiten kämpfe, wo ich doch Deutsche bin! „Wo ist dein Stolz, Christjann?“ Ha! Sage ich nur, den Stolz und das Deutsche kann ich mir hier übers Bett nageln… hier bleibe ich Ausländerin!

Letzten Donnerstag streikten mal wieder die Lehrer und manch ein anderer öffentlicher Dienst streikte aus Solidarität spontan mit. Die Franzosen witzelten darüber und ich sagte trocken „vermutlich haben sie gestreikt, weil sie einen freien Tag brauchten, da sie noch nicht alle Weihnachtsgeschenke zusammen hatten“. Unter Deutschen in Deutschland zu einem deutschen Streik wäre das vielleicht witzig gewesen, aber hier wurde es mal wieder nur stumm am Tisch. Zynisch sei ich, war dann das einzige, was dazu noch gesagt wurde. Als Ausländerin hat man die Franzosen nicht zu kritisieren. Nur, ich sehe mich gar nicht mehr täglich 24 Stunden lang als Ausländerin. Ich lebe doch hier, ich bin integriert, oder nicht? Ich bin doch auch betroffen von den Streiks, da werde ich doch mal was dazu sagen dürfen. Oh nein!

Tja, da stehe ich hier, stolze Deutsche und zweitklassige Ausländerin, mit meiner deutschen Leitkultur, die keiner will. Bei so Sätzen wie „Bei uns…“ oder „In Deutschland…“ verdrehen hier alle nur die Augen und klappen die Ohren zu. Will keiner wissen, wie und was bei „uns“ ist, und wenn es dreimal besser ist. Dann schon gar nicht. Wollen wir in Deutschland wissen, wie irgendwas in Polen oder in der Türkei ist? Sehen Sie. Bringe ich eine Spezialität aus Deutschland mit, komme ich mir in Frankreich vor, wie die polnische Hilfe in Deutschland, die uns stolz zu Weihnachten ihre Lieblingswurst aus der Heimat mitbringt, von uns Deutschen freundlich-verächtlich betrachtet, aber natürlich nicht gegessen. Die Franzosen sehen meinen Baumkuchen, den Schwetzinger Spargel oder die schwäbischen Maultaschen genauso freundlich-verächtlich an. Und entsorgen vermutlich alles hinter meinem Rücken, kaum dass ich weg bin.

Wenn ich den Film Almanya sehe, weiß ich, dass es keine „Lösung“ gibt. Lebt man dauerhaft in einem anderen Land, vereint man vermutlich irgendwann beide Kulturen in sich. Das ist bereichernd und trennend. Aber wo ist man dann zuhause? Wo ist Heimat? Und was bin ich denn jetzt? Ich glaube, noch bin ich Deutsche, mit aber schon von Frankreich aufgeweichten Rändern, innerlich oft zerrissen und gerade voller Heimweh nach Heimat.

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22 Responses to Heimat

  1. Christiane sagt:

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wie-franzosen-die-deutschen-sehen-die-fremden-11627591.html

    Hallo, liebe Christjann, schön, dass du noch auf meinen Kommentar geantwortet hast, der sich auf einen so lange zurückliegenden Eintrag bezieht. Ich war mir ganz sicher, dass der Artikel aus der FAZ (s. Link oben) in einem der anderen Kommentare erwähnt war; ich habe diesen „auf die Schnelle“ :-( aber nicht mehr gefunden. Dein Artikel kurz vor Weihnachten über „Heimat“ hatte mich sehr berührt und ich wollte gerne etwas dazu schreiben. Leider habe ich erst heute die Zeit gefunden, meinen kleinen Beitrag zu Ende zu formulieren … So viel zu Hektik und Schnelllebigkeit in unserer Zeit …

    • dreher sagt:

      Liebe Christiane,

      hab den FAZ-Artikel gerade verschlungen, den link gab es nicht bei mir (ich kenne alle meine Texte und die dazugehörigen Kommentare), aber danke dafür, spannend! Ich werde ihn vielleicht, wenn ich mich endlich traue, mal als Aufhänger nehmen und etwas über meine Begegnungen mit Juden in Frankreich schreiben. Das brennt mir schon lange auf der Seele. Aber es ist so heikel…

      • christiane sagt:

        http://www.zeit.de/2002/46/Symbol

        Liebe Christiane,
        es ist sehr heikel und erfordert Mut. Ich hoffe, es nervt dich nicht: Ich habe oben noch einen Link hingesetzt zu einem Artikel aus der ZEIT online, den ich sehr interessant finde.
        Liebe Grüße
        Christiane

        • dreher sagt:

          liebe Christiane,

          hab ich gerade nur überflogen, ich hab zu viel auf dem Schreibtisch, das dringend fertig werden muss – hätte viel dazu zu sagen… was mich stört ist, dass ich von Juden per se als Deutsche abgelehnt werde, ohne Ansehen meiner Person, (dabei trage ich mein symbolisches Paket mit mir herum) – das, was Schwarzen ja auch ständig passiert, nur weil sie schwarz sind… ein andermal…

          lieben Gruß
          Christiane