„Närrische Grüße…

aus Düsseldorf“… HÄ?! Genau,  ich  dachte auch, mich tritt ein Pferd, Sie wissen schon, das, dass immer auf dem Flur steht… während der närrischen Tage… dies wird heute ein unausgewogener Karnevalstext, isch sachet Ihnen, wennze dat net mögen, dann aber hurrtisch wechjeklickt: Jetzt!

Noch da? Dann warne ich eindringlich und vor allem noch einmal die Düsseldorfer LeserInnen, isch bin ’ne kölsche Mädsche, zumindest in Sachen Karneval, un da versteh isch äscht kein Spass! Nää nää! Auch wenn mein Schriftkölsch vielleicht zu wünschen übrig lässt, singen kann isch et! Sischer dat!

Von dem netten Montagsflohmarkt hat mir Monsieur heute eine LP (das ist eine sogenannte Langspielplatte, dies als Erkärung für die jüngeren LeserInnen, die im Nach-LP-Zeitalter aufgewachsen sind, also flache runde Scheiben aus Vinyl, kratzempfindlich und rauschstark, die dem Musik hören dienten und die ähnlich funktionieren wie die CD, nur dass man sie man noch umdrehen musste, um die zweite Seite zu hören… ) von 1975 mitgebracht. Ich weiß, er hats gut gemeint, aber es ist eine LP mit Karnevalsschlagern aus: Düsseldorf! Aaaaah! DÜSSELDORF!!! Ich dachte, mein kölsches Karnevalsherz bleibt stehen. Nää, un dat mir! Erklären Sie mal einem Südfranzosen die Erbfolgestreitigkeiten dieser beiden deutschen Städte, von denen er nicht mal weiß, dass es sie gibt, geschweige denn, wo sie sich befinden. Es ist ihm auch schnurz. Ich sehe, dass er gedanklich schon wieder ganz woanders ist,  vermutlich fragt er sich, mit wem er da in Wirklichkeit verheiratet ist, als ich aus voller Brust  Ich möch zo Foß noh Kölle jon singe.

 

Allein gelassen im südfranzösischen Karnevals-Exil, klicke ich mich durch Düsseldorfer Karnevals-Videos, auf der Suche nach dem Sternchen namens Claudia, das auf der Platte so lieb aussieht, ich finde sie nicht, ich finde nur eine wuschelköpfige Rothaarige,

die mit heißerer Stimme verzweifelt versucht ein lahmes Publikum anzufeuern „lasst es kommen!“ uäääh… Dauert 4 Minuten und 27 Sekunden, nach einer Minute elf können Sie es anhalten, wird nicht besser. Es gibt zum Düsseldorfer Karneval sowieso nur zwei Videos und eine Dokumentation über Düsseldorfer Prinzenpaare. 1975 waren es Jupp und Inga. Sekundiert von so reizenden närrischen Gestalten wie dem Stadtkommandanten der Düsseldorfer Bürgerwehr. Karneval in Düsseldorf? Ich bitte Sie!

Ich kann nicht anders, ich muss mir Kölschen Karneval reinziehen, youtube ist voll davon. Monsieur hat die Tür demonstrativ geschlossen, er versteht nicht, was er mit dieser Platte ausgelöst hat, und hat sich kopfschüttelnd zurückgezogen. Seit Stunden singen die Höhner vor dem Dom und auf dem Alter Markt (Achtung „Alter Markt“ wird nicht dekliniert, sagen Sie bloß nie „auf dem Alten Markt“, sonst wird das nix in Kölle!) und dem Heumarkt.  Und ich singe vor meinem PC mit. Mit den Höhnern und einer Million Kölschen Menschen singe ich Arme schwenkend Ich bin ’ne Räuber und Mer losse der Dom in Kölle. Das kann man glaube ich nur verstehen, wenn man ein paar Jahre Kölner Karneval feiern durfte.  Eingequetscht in Menschenmassen, die einem unter normalen Umständen Panikattacken auslösen würden,  feiert, tanzt und singt man tagelang. Jaja, man trinkt auch, in der Regel Kölsch. Das ist dann so ein bisschen wie freitags abends in einer Dorfkneipe in Südfrankreich: Jeder gibt jedem einen aus. So hat man über den Tag verteilt immer einen leichten Kölschpegel. Betrunken ist aber keiner, denn meist schwitzt man sowieso alles wieder aus, während man sich in den Kneipen zum Klo durchtanzt… Das finden Sie alles furchtbar?  Sie mögen auch Erwachsene nicht, die sich als Biene Maja und als Rotkäppchen verkleidet um heruntergefallene Bonbons streiten? Ach was… Wenn Sie einmal diese gigantische Kölnverliebtheit inmitten einer friedlich singenden Menschenmasse in Köln erlebt haben, die sich IN Köln mit Tränen in den Augen in den Armen liegt und inbrünstig Heimweh nach Kölle singt, dann wissen, Sie was ich meine. Das lässt keinen kalt.

Hach, ich schwelge hier und höre Kölsche Töne im Internet, um Ihnen eine schöne Auswahl und gleichzeitig etwas von dem Lebensgefühl rüber zu bringen, das automatisch da ist, kaum erklingen die ersten Töne. Keine andere Stadt hat so viele Lieder in Mundart, die von allen, von ALLEN!!! auswendig gesungen werden können, jederzeit, unabhängig vom Karneval: Superjeile Zick von Brings ist einfach immer genial, oder Katrin und Frankreich Frankreich und In unserm Veedel oder Drink doch ene mit sind soo herzerwärmend.  Aber vermutlich rede ich mir eh Fransen an den Mund, denn die Kölner kennen es ja, und die anderen verstehen es nie. Nie… Kamelle! Strüßjer! Ach Kölle… du bess en Gefühl!

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

29 Kommentare zu „Närrische Grüße…

  1. Lothar Wieswg sagt:

    Kölle alaaf -> nach Cannes … hoffentlich überstehst du dort unten diese karnevalslose Zeit, liebe Christiane! Herrlich deine Begeisterung zu lesen. Liebe Grüße.

    • dreher sagt:

      merci! jaja übersteh ich schon, hier ist Karneval so lahm, dass es mich nicht mal reizt…. :)

  2. Nicole* sagt:

    Erzählen Sie Ihrem Monsieur mal von meinem Monsieur, der sich nach 20 Jahren Leben in und um die Karnevalshochburg Köln garantiert nicht mehr kopfschüttelnd zurück zieht. Er ist der Erste, der los zieht wenn Weiberfastnacht naht :-) Ich als Berliner Pflanze tu mich aber ehrlich gesagt auch manchmal schwer mit Karneval. Weiberfastnacht und am Sonntag wird gefeiert und das reicht mir ;-)

    • dreher sagt:

      Weiberfastnacht ist auch der schönste Tag finde ich! Aber mein Monsieur ist da insgesamt eher skeptisch… wir wohnen einfach zu weit weg vom Epizentrum…

  3. Rosalinde sagt:

    …denn wenn et Trömmelche jeht… mein Lieblingslied, die Kölner haben wirklich die schönsten Lieder, saugen sie quasi schon mit der Muttermilch ein. Liebe Grüße

    • dreher sagt:

      hihi, das hatte ich dann gestern auch den ganzen Tag im Ohr…. ja, Muttermilch, ein eigenes Gen vielleicht auch :)

  4. Olaf (Hamburg) sagt:

    Für eine drögen Norddeutschen wie mich ist das wohl sozialisationsbedingt (?) nicht so das Terrain – natürlich sei es Ihnen von Herzen gegönnt (was mir noch nicht einmal zusteht es zu werten oder zu „gönnen“… Machen sie einfach ! Tun Sie ja auch). ;-)
    Allerdings kann ich mit diesen herrlichen Geschichten von Konrad Beikircher einiges anfangen, der dabei immer vom Hundertsten ins Tausendste gerät (aber immer wieder zurückfindet) und hier ab und an auf WDR zu sehen ist. Dieses perlende Geplaudere tut gut und gefällt mir.
    Ihnen in diesen Tagen viel Freude !
    Tömdööm, tömdööm, tömdööm !*

    (* = Tusch)

    • dreher sagt:

      Ja, Beikirchner ist ein Netter! Aber keine Sorge, das war gestern nur ein Nostalgie-Tag, hier feiere ich nicht, hier ist keine Stimmung! Wenn Karneval, dann nur in Köln! Ich kann auch nicht in Marseille schunkeln, oder in Nizza… wär mir viel zu peinlich.
      Und vor Köln war ich Karnvevals-Hasserin… ich fand das prollig und schwachsinnig und was nicht alles. Aber Köln ist wirklich sehr speziell. Aber man muss mittendrin sein und mit netten Leuten unterwegs und ganz wichtig: den Kopf abschalten. Das ist intellektuell nicht zu verstehen. Das ist ein Bauchgefühl. Und das tut sehr gut! Ich habe das immer wie eine Gesamt-Katharsis verstanden, einmal im Jahr muss man sich richtig austoben und gehen lassen, feiern, danach kann man gut in die Fastenzeit gehen und das Restjahr brav weiter arbeiten und leben…

      • Olaf (Hamburg) sagt:

        Das mit dem „Kopf“ und abschalten fällt mir dann doch (noch) etwas eher sehr schwer.
        My Kopf is my Castle… Was habe ich denn sonst noch in dieser irren Welt ?
        Das klingt nicht sehr ekstatisch (?) – ich weiß. Die letzte Rettung im Irrsinn der Welt. Hilflos im Getümmel.
        Hilfe.
        Sorry.
        Hamburg ?
        Olaf.
        Blubb…

  5. ichbins sagt:

    .. da schreib ich von meinem Heimweh/Fernweh nach Südfrankreich – und würde dann dort den Kölner Karneval vermissen – nie fühle ich mich hier so verwurzelt wie in der fünften Jahreszeit – da bleibt nichts mehr von preussisch-protestantisch ..
    dat Trömmelche reisst alle mit
    Kölle Alaaf
    PS: gibt es keine Leserinnen aus diesem „dorf“ am Rhein ?

    • dreher sagt:

      ich vermute stark, dass ich jetzt keine Leserinnen aus der verunglimpften Gegend mehr habe… die haben sich bislang weder geoutet noch mich beschimpft, alles ruhig … trügerisch?!

    • christiane sagt:

      … nur dass Köln weder preußisch noch protestantisch ist … oder liege ich hier falsch??? Egal, viel Spaß beim Surfen durch den Kölner Karneval – und denen, die vor Ort sind, natürlich auch!

      • dreher sagt:

        nee, schon recht, Kölle is katho, aber die Dame, die hier so hingerissen feiert, ist preußischen Ursprungs und protestantisch, wenn ich mir erlauben darf das preiszugeben… :)

      • Wolfram sagt:

        *lach* historisch…
        in Köln gab es im 16. Jahrhundert einen Kurerzbischof, der den umstürzlerischen Ideen eines Martin Luther so viel Gehör schenkte, daß der Kölner Rat ihn auf die Bretter, bzw. ins Exil schickte und einen neuen Bischof anforderte – der natürlich gewährt wurde.
        Und Köln gehört seit der Aufhebung der Fürstbistümer, meines Wissens im Reichsdeputationshauptschluß, zur preußischen Rheinprovinz. Bis 1945, als Preußen abgeschafft wird.

        • dreher sagt:

          okeh, das lass ich jetzt die Dame mit den Ostpreußischen Wurzeln alleine ausfechten, wo Preußen ist und war und gefühlt wird… ;)

  6. Marion sagt:

    Ich als urkölsches Mädsche sehe dem Treiben schon wieder mit Besorgnis entgegen – geht meist nicht, das auf Knopfdruck fröhlich sein. Schön aber, wie die „Immis“ hier den Karneval annehmen. So lernte ich vor kurzem einen Afrikaner kennen, der mir mit Inbrunst Karnevalslieder vorspielte – da steht er nämlich drauf – und sich als „kölschen Jung“ bezeichnet… herrlich :-)
    Themenwechsel: In der FAZ online ist heute ein Artikel „Meine lieben Nachbarn: Wie Franzosen die Deutschen sehen“. Deckt sich damit, was Du auch so berichtest und was ich auch erlebt habe, die (zum Teil) völlige Ignoranz unseres Landes. Seufz.

    • dreher sagt:

      „Ich kauf mir lieber einen Tirolerhut“ fällt mir dazu ein… ah, den Artikel guck ich gleichmal an, merci!

  7. Frau Dinktoc sagt:

    Ich kann Sie so gut verstehen! Bin zwar nicht so weit exiliert wie Sie – mich hat es „nur“ bis nach Hessen verschlagen – aber Karneval nehme ich immer ein paar Tage Urlaub und fahre in die alte Heimat nahe Bonn, um ausgiebig zu feiern. Datt Hätz von de Welt, datt schläät am Rhing.
    Die Einstimmung erfolgt über Wochen vorher mit WDR-Fernsehen und Mitsingen, der hessisch eingeborene Ehemann erträgt es mit stoischer Ruhe und fragt nur manchmal ganz leise, wann denn endlich Aschermittwoch sei.

    • dreher sagt:

      Ach, Frau Dinktoc zwischen Darmstadt und Mainz, hab mich gerade auf ihrem Blog amüsiert… ja, Südhessen sind sehr reizende Menschen (guuhde!) aber nur bedingt karnevalstauglich ;) Das Einsingen ist ja auch was echt kölsches… und Aschermittwoch ist erst nach der Nubbelverbrennung, kein bisschen früher… alaaf!

  8. Barbara sagt:

    Ja wahnsinn Christiane…das ist auch mir, als Oberbayerin, ganz und gar nicht verständlich. Wie gross doch die Kulturunterschiede in einem Land sind, hihi.
    Na dann, liebe Grüsse ins Karneval-Exil Südfrankreich aus dem Faschings-Exil Madrid.

    • dreher sagt:

      ja, liebe Barbara, wie ich oben schon mal sagte, vor Köln fand ich Karneval auch doof. Aber Karneval in Köln ist wirklich sehr besonders. Muss man erlebt haben. Hat nix mit dem Mist zu tun, den man im TV sieht. Echt! liebe Grüße nach Madrid!

  9. Wolfram sagt:

    Am Rande bemerkt: Konrad Beikircher ist gebürtiger Italiener – und bevor ich Haue beziehe, korrigiere ich: Südtiroler. Ziemlich bewandert übrigens im Wiener Schmääh.

    Der Alter Markt wird – das fehlte mir in der Beschreibung – nicht Alter Markt gesprochen, mit Betonung auf Markt, sondern Altermarkt mit Betonung auf Al. Weiß sogar ein märkischer Südwestfale. ;)

    • dreher sagt:

      jaja so ist es :)

    • Olaf (Hamburg) sagt:

      Danke für diesen Hinweis,

      das wußte ich als Hamburger natürlich nicht.
      Für seinen herrlichen Charme ist vermutlich die Herkunft nicht so wichtig (oder doch ?), seine Kenntnis der regionalen Eigenheiten, sein Humor und seine Menschlichkeit sind jedenfalls sehr sympathisch.

  10. Eleonore Braun-Folta sagt:

    hallo Christiane. Etwas verspätet. Fastelovend es vorbei. Heute habe ich erst deinen Blog gelesen. Du sprichst mir aus der Seele. Vier Jahreszeiten in Hannover, aber die 5.Da bin ich Rheinländerin. Ab Januar wird nur Kölsch gehört. Brings, Höhner, Bläck Fööss,Paveier, De Boore, Räuber, alle halten sie Einzug in Hannover. Ach was sag ich. Eigentlich geht es schon im Advent los. Kölsche Weihnacht. Das muß auch sein. Mein Mann, ein Hannoveraner versteht schon fast alle Texte. Muß er sich ja auch 3 Monate im Jahr anhören. Und ab Weiberfastnacht bin ich verschwunden. Auf wiedersehen Hannover. Kölle ich komme. Im fernen Hannover ist man auch noch Köllner, wenn man aus der Ecke Euskirchen kommt.

Kommentare sind geschlossen.