Zwischen-Zeit

Eigentlich wollte ich zwischen den Jahren einen schönen Zwischen-Text schreiben. Wollte Zwischenfragen stellen und Zwischenrufe machen, viel zwischen den Zeilen schreiben aber auch darüber und darunter und zwischendurch wollte ich über das Zwischen-den-Stühlen-Sitzen nachdenken, über Zu- und Zwischenfälle und allerhand Zwischenmenschliches. Aber dann ist mir allerhand dazwischen gekommen. Und nun ist es schon rum das Zwischen am Ende des letzten Jahres und wir stehen am Anfang eines nigelnagelneuen. Die Zeit rast gerade so und entgleitet mir. Monsieur findet, ich bräuchte eine Uhr. Da kann ich nur lachen…

Ich musste sie mir hartnäckig abgewöhnen, um in diesem Land zu überleben. Hier trägt man Uhren als Schmuck oder aus Prestigegründen. Das hat höchstens am Rande mit dem Bedürfnis nach präzise gemessener Zeit zu tun, und mit dem was sich damit organisatorisch anstellen ließe. In Deutschland werden Uhren wohl immer noch zum Zwecke der präzisen Zeitmessung getragen, aber die Zeiten ändern sich. Seit einiger Zeit fällt mir nämlich eine hartnäckige Armbanduhren-Werbung für Uhren im vier- und fünfstelligen Euro-Bereich auf. So kann man sein Vermögen heute mobil am linken Unterarm tragen und es so in Krisenzeiten, wo immer es einen hin verschlägt, gegen zwei Heringe oder einen Sack Kartoffeln tauschen, während das virtuelle Geld auf dem Sparbuch nur noch fürs Monopoly taugt oder zum Zigaretten drehen. Ich vermute dennoch, dass die Präzisionstechnik und die sekundengenaue Zeitmessung in Deutschland weiterhin Liebhaber und praktische Anwender findet. So kann man rückblickend später etwa sagen: Ich tauschte mein gesamtes Vermögen am Morgen des Zehnten exakt um sieben Uhr vierundzwanzig und zwei Sekunden gegen eine Kapsel Nespresso Voluto ein. Zum Beispiel. Verzeihen Sie, ich verliere mich in düsteren Prophezeiungen…

Mein wöchentliches Magazin ist voll von Uhren, Armbanduhren, um genau zu sein, ein ganzes Heft wurde der Armbanduhr kürzlich gewidmet, man konnte sogar eine wahnsinnig teure Uhr gewinnen, wenn man die Zeit und den Ort erriet, wo sie versteckt war. Und dann pünktlich dort war. Abgesehen davon, dass man dafür günstiger Weise in Deutschland hätte leben sollen, musste man auch pünktlich sein. Ich winke ab. Pünktlich. Früher war ich sehr pünktlich. Auch wenn’s mir besonders am frühen Morgen schwer gefallen ist, denn ich bin eher eine Spätstarterin. Aber wenn die Abfahrt für 8 Uhr geplant ist, bin ich, Blick auf die Uhr, um 7 Uhr 45 gestiefelt und gespornt. So stehe ich vor etwa sechs Jahren morgens um Viertel vor acht im Schnee und warte auf meine Mitfahrgelegenheit, die mir am Vorabend sagte, wenn ich mitfahren wollte, dann müsse ich aber früh da sein und sie würde im Zweifelsfall nicht auf mich warten. Acht Uhr hieß es. Es wird fünf nach acht, zehn nach acht, Viertel nach acht. Ich habe plötzlich Angst, dass Aurélie in aller Frühe schon ohne mich abgefahren ist. Nervös stapfe ich durch den hohen Schnee zur Straße und suche ihr Auto. Es steht noch da, eingeschneit, unberührt. Ich stapfe wieder zurück und klopfe gegen halb neun leise an ihre Tür. Sie öffnet noch im Schlafanzug. „Fährst du nicht runter?!“, frage ich. „Doch, doch“, sagt sie, „ich bin aber gerade erst aufgestanden.“ „Hatten wir nicht acht Uhr gesagt?“ Sie zuckt nur die Achseln. Ich sage nichts, schließlich will ich mitfahren, aber ich verstehe das nicht. Ich gehe zurück zum Hof und zu Agnès in die Küche. Sie fragt, „wolltest du nicht mit Aurélie nach Nizza fahren?“ „Doch“, sage ich und erzähle ausgefroren meine Geschichte, trinke dabei einen heißen Kaffee und wärme mich auf, nicht ohne Angst, dass Aurélie jetzt ohne mich abfahren könnte, während ich hier sitze. Agnès lacht: „Ah, Christjann, weißt du, Aurélie ist auf den Kap Verden groß geworden, da vermischt sich Südfrankreich zusätzlich mit Afrika, da kann man nichts machen. Sie hat einen anderen Zeitbegriff.“ Ja, denke ich, toll, aber ich sitze hier seit Stunden untätig rum…

So ist das ständig. Wir spielen zusammen Theater und proben einmal wöchentlich im Dorf. Wir treffen uns eigentlich dazu Dienstag abends um sechs. Ich fahre wieder mit Aurélie und mit Lys nach unten, bin dafür rechtzeitig schon um Halb sechs fertig, aber wir kommen natürlich nicht um sechs los, eher ist es Halb sieben, dann halten wir noch mal bei einem Gasthaus an, um Käse zu liefern und sind so kurz nach sieben im Dorf. Die, die dort auf uns seit einer Stunde gewartet haben, sind nicht weiter böse, sie haben die Zeit genutzt zum Plaudern, zum Zigarettchen rauchen, noch schnell was Einkaufen etc. Aber keiner hat den Schlüssel zum Saal geholt. „Ach, wolltest du nicht… ?!“ „Ich…?! Nö, du…!“ „Ach so… ?!“ Gut, dass in so einem Dorf alles so übersichtlich ist, da kann man noch mal schnell die Gemeindesekretärin beim Einkaufen abfangen und sie bitten, ob…. und so weiter. Stunden später endlich im Saal, picknicken wir erst mal zusammen in aller Gemütsruhe das mitgebrachte Essen und plaudern. Aurélie muss mit ihren zwei besten Freundinnen, die sie etwa einen Tag lang nicht gesehen hat, immer viel besprechen. Ich habe mit den Anwesenden nicht so viel zu bereden und bin außerdem nach einem langen Tag noch immer ungewohnter körperlicher Arbeit schon ziemlich müde, mein Hirn schaltet gerade am Anfang meines Aufenthalts abends auf Sparmodus und ich verstehe kein Französisch mehr, die fremde Sprache rauscht nur noch als Geräusch an mir vorbei. „Können wir nicht mal anfangen zu proben?“, frage ich daher, bevor bei mir gar nichts mehr geht und störe damit das fröhliche Geplauder meiner Mit-Schauspielerinnen. Ich ernte böse Blicke. „Oh là là, Christjann, immer mit der Ruhe… wir fangen schon noch an.“ Es zieht sich. So ist es und so bleibt es. Drängeleien zur Pünktlichkeit, – ich finde es unerträglich einfach nur rumzusitzen und nichts zu tun – werden irgendwann mit der Antwort beschieden, dass es hier um Freizeit und Spaß ginge, ohne Zeitdruck, den gäbe es im Berufsalltag schon genug, und wem das nicht passe, der könne gern woanders Theater spielen. Ich verstehe und halte zukünftig meinen Mund. Ich bin weiterhin pünktlich… und warte und warte. Am Anfang immer noch mit Unverständnis und Wut im Bauch, aber irgendwann werde ich dabei gelassener, ich bin zwar weiterhin zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Ort, erwarte aber von den anderen keine Pünktlichkeit mehr und rege mich nicht mehr so auf. Das untätige Rumsitzen und Löcher in die Luft zu gucken bleibt mir aber lange noch fremd.

In sechseinhalb Jahren Südfrankreich, davon fünf in der behäbigen Langsamkeit der Bergwelt, bin ich nun ruhiger und unpünktlicher geworden. Bei einem meiner letzten Deutschlandbesuche war ich zum Kaffee bei einer ehemaligen Nachbarin eingeladen. Um drei zum Kaffee. Ich hatte die großstädtischen Entfernungen nicht mehr ganz im Griff und eile schließlich zu Fuß durch Köln. Um Viertel nach drei bin ich da und finde bei aller Verspätung, das ist gerade noch im Rahmen, immerhin bin ich sichtlich abgehetzt und entschuldige mich auch sogleich. Die Nachbarin aber will nicht aufhören, meine Verspätung zu beklagen. Es ist doch nur eine Viertelstunde, denke ich verwundert, und jetzt bin ich doch da! Aber vermutlich war sie schon seit Viertel vor drei in Empfangsstimmung, mit dampfendem Kaffee und geschlagener Sahne und traute sich nichts anderes mehr anzufangen und wartete und wartete …
Im Herbst war eine deutsche Freundin hier zu Besuch. Wir fahren wegen des angesagten schlechten Wetters früher von unserem Bergaufenthalt zurück, müssen jetzt aber alles winterfest machen: Das heißt alles, was in Haus und Garten an Büchern, Kleidung und Werkzeug herumliegt, muss aufgeräumt werden, dann muss man Wäsche abhängen, das letzte Geschirr spülen, Staub saugen, Treppe fegen, Boden und Bad putzen, Türen und Fenster fest schließen, das Wasser aus den Leitungen lassen und so weiter. „Wann fahren wir?“, fragt die Freundin. Monsieur schaut auf seine Uhr, wiegt den Kopf und sagt „wenn wir fertig sind“. „Aha“, sagt die Freundin. „Wann ungefähr?“ Ich sage, „hmm, ich schätze um die Mittagszeit. Aber vielleicht essen wir auch noch. Mal sehen.“ Die Freundin schaut mich ungläubig an. Sie hilft fleißig mit, aber bis alles erledigt und das Auto beladen ist, vergeht Zeit. Wir fahren aber dennoch nicht, denn Monsieur ist verschwunden. „Wo ist Monsieur?“, fragt sie. „Keine Ahnung“, sage ich, „warum?“ und setze mich aufs Mäuerchen in die vermutlich letzten Sonnenstrahlen. „WAS macht er denn?“ „Was weiß ich“, sage ich, „warum?“ Die Freundin schüttelt den Kopf. Monsieur taucht wieder auf, er hat irgendetwas irgendwohin geräumt.  Dann muss man jetzt hier noch au revoir und à bientôt sagen und vielleicht kommen wir nochmal im Winter, vielleicht aber auch nicht, und dort noch mal erinnern, wo der Schlüssel hängt, falls Bauer X wegen der Bienen kommt. Dann kommt doch noch schnell jemand vorbei wegen des undichten Daches… und ach, Monsieur schaut auf die Uhr, erstens ist es jetzt Mittag und zweitens ist der Kühlschrank noch nicht leer und sauber ist er auch nicht… also setzen wir uns hin und essen die Reste, spülen noch mal Geschirr und wischen den Kühlschrank aus, das machen wir jetzt etwas umständlich mit Wasser aus dem Brunnen, denn unser Wasser ist schon abgestellt. „Fahren wir jetzt?“, fragt die Freundin. „Nach der Sieste“, antworte ich. „Monsieur macht nach dem Essen noch mal eine kurze Sieste.“ Die Freundin sitzt da, rollt die Augen und zappelt mit den Füßen. Ich lasse sie noch Rattengift verteilen und melde währenddessen noch das Telefon ab. Dann setzen wir uns wieder aufs Mäuerchen. Die Freundin ist irgendwann nur noch genervt. “WANN fahren wir denn?“ „Bestimmt gleich“, sage ich. „CHRISTJANN!“, schreit sie, „WANN? WANN? WANN?“ Ich verstehe nicht, was sie hat. Sie schreit entnervt: „Bei Euch vergeht ein ganzer Tag mit diesem trödeligen „wir schwätzen, wir essen, wir schlafen, ach, noch was vergessen“, und alles so langsam … das macht mich wahnsinnig! Wie hältst du das aus?“ Ich lache, sage, „weißt du, hier haben sie einen anderen Zeitbegriff, ich merke das schon gar nicht mehr…“

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3 Antworten auf Zwischen-Zeit

  1. Wolfram sagt:

    Das ist nicht nur Frankreich, das ist SÜDfrankreich! Fast schon Afrika…
    Gesegnetes 2012!

  2. Olaf Möller (Hamburg) sagt:

    Nicht schlecht, man muß sich letztlich wohl nur synchronisieren.
    Und ein burn out, Herzinfarktu. ä. ließe sich auf diese Weise bestimmt vermeiden.