Herz und Verstand

Heute fand ich beim Kisten packen und räumen eine Postkarte wieder, die mir meine Freundin Suza im Februar 2005 schrieb. Im Februar vor sieben Jahren wusste ich noch nicht, was aus mir werden würde, wo es mich hintreiben würde, sicher war nur, ich musste etwas ändern und zukünftig andere Wege gehen. Es war eine eigenartige Stimmung, sehr aufwühlend:

Freiheit und Mut und Angst gleichzeitig. Ein Satz von Blaise Pascal, dessen philosophische Gedanken, les Pensées, ich damals entdeckt hatte, hatte damals wie ein Blitz bei mir eingeschlagen: Le coeur a ses raisons que la raison ne connait point. Das Herz hat Gründe, von denen der Verstand nichts weiß.

Wenn ich auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen müsste, was würde ich dann machen wollen? Was will ich wirklich? Vielleicht weiß das mein Herz besser als mein Verstand. Ein revolutionärer Gedanke. Für mich ging es von da an nur noch dahin „wohin das Herz mich trägt“, um mit einem Buchtitel (eines übrigens nie gelesenen Buches) zu sprechen. Und der Weg fand sich, fast wie von selbst.

Ich bekomme immer wieder Post von Menschen, die mir von ihrer Sehnsucht nach Veränderung schreiben; manche sind schon mittendrin, manche noch weiter weg, aber alle sind auf der Suche. In der letzten Woche bekam ich gleich dreimal Post. Dreimal Suche. Dreimal anders. Mich berührt und freut es, manchmal macht es mir auch ein wenig Angst, was mir Menschen anvertrauen. Ich möchte gerne Ermutigungen aussprechen für alle, die auf der Suche sind, für die drei Menschen, die mir letzte Woche geschrieben haben und für alle, die sich angesprochen fühlen. Ich schreibe Ihnen hier das Gedicht von Rose Ausländer hin, das für mich vor sieben Jahren tröstlich und ermutigend war. Vielleicht mögen Sie es, und es spricht Sie ebenso an wie mich?!

Ein Stück weiter

Wir sind                                                                                                                                                    ein Stück weitergegangen                                                                                                                  in die Zeit                                                                                                                                              die uns verleugnet                                                                                                                                                             Bäume die alten Freunde                                                                                                           erkennen uns                                                                                                                                    auch der Wind                                                                                                                                   sagt manchmal ja                                                                                                                                zu unserer Richtung

Wir lassen uns nicht einschüchtern                                                                                               von strengen Verboten                                                                                                                     und Uhurufen                                                                                                                                      Ein Orkan                                                                                                                                               wirft uns zu Boden                                                                                                                            eine Sonnenhand                                                                                                                                    hebt uns auf

Wir träumen                                                                                                                                        ins Herz                                                                                                                                                      der Zukunft

– Rose Ausländer –


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12 Kommentare zu Herz und Verstand

  1. Miss W. sagt:

    Ein schöner Post. Wie wahr! Leider ist es so, dass viele Menschen aus Angst vor Veränderung nicht auf diese innere Stimme hören. Oder vielleicht nicht verstehen, was ihnen die innere Stimme sagen möchte.

  2. Olaf (Hamburg) sagt:

    Sehr schön…
    Meist ändert man erst dann etwas im oder am eigenen Leben, wenn es einfach „nicht mehr (anders) geht“.
    Und oft geht das alte nicht mehr, das neue ist noch nicht gefunden oder in seinen Konturen noch sehr unscharf. Ich glaube, es war Fritz Pearls, der einmal gesagt hat, Angst ist der Mangel an Alternativen, was eine solche Lebenslage der nötigen Veränderung so belastend und verunsichernd macht. Wenigstens eine Zeit lang.
    Andererseits: Erinnere sich der Mensch, daß er sich im Laufe seines Lebens mehrfach (neu) „erfunden“ hat durch die Wahl von Vorbildern, Zielen, Hobbys, Beruf, Partnern etc., da jede Entscheidung für irgendetwas natürlich auch bedeutet, daß man sich daran ausrichtet, anderes zurückstellt oder auch aufgibt, neue Menschen und soziale Zusammenhänge kennenlernt, in denen man dann aufgehen und wirken kann.
    Eine „Richtigkeitsgewähr“ gibt es in aller Regel dann auch nicht. Bernd das Brot sagt an solchen Stellen dann: „Mist.“
    So ist wohl das Leben und sehr oft ist weniger ein mehr. Es muß zu einem passen, einem selbst gemäß sein. Und warum soll es nicht so sein, daß man einen Lebensabschnitt dann beendet, wenn es nicht mehr funktioniert und einen tatsächlich krank macht ?
    Bin ja selber vor einiger Zeit aus dem Hamsterrad der Firma „Höher, Schneller & Weiter“ ausgestiegen und gewinne nach und nach Einsichten, für die ich über Jahre gar keine Kapazitäten mehr frei hatte. Ob das alles „gut“ wird, weiß ich nicht, aber schlimmer als vorher kann es nicht werden, finanziell ist es zur Zeit eben nur sehr eng. Von so vielen Leuten habe ich damals gehört, daß sie es am liebsten auch machen würden, „aber… [Familie, Häuschen etc.]“
    Man stelle sich vor, alle würden hinwerfen, was sie nicht mehr machen wollen – was wäre hier wohl los ? Herrliche Vorstellung. Die Karten würden komplett neu gemischt und die allgemeine Stimmung könnte nur besser werden.
    ;-)

    Grüße
    aus
    Hamburg (tatsächlich sonnig)

    • dreher sagt:

      Sicher ist es einfacher, etwas zu ändern, wenn man nicht Haus und Auto und Kinder mitfinanzieren muss, keine Frage. Für die Kinder hat man eine Verantwortung, ganz klar. Aber, ich denke, so lange man noch „ja aber…“ sagt, ist man noch nicht soweit… wie gesagt, was würde ich tun, wenn ich frei wäre, auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen müsste… ich denke, das weist den Weg, ob der dann so gangbar ist, ist eine andere Sache. Ich las vor langer Zeit mal „Saubere Arbeit“ von David Lodge (um zwischen Bernd das Brot und Blaise Pascal noch was handfestes zu schieben), das Ende des Romans ist (so ich das richtig in Erinnerung habe) tröstlich, man unterschätzt manche Menschen in seinem Umfeld vielleicht, so lange man sie nicht fordert.
      Die Idee, sich zwischen lauter neu orientierenden Menschen zu finden, ist lustig – man könnte vielleicht untereinander tauschen ;)

      Nachtrag, um weniger kryptisch zu sein und damit nicht alle David Lodge lesen müssen… der Held, hochgearbeitet, zu Geld gekommen, dennoch unzufrieden mit Job und Frau und Haus und Heim, scheitert am Ende beruflich, schwupps alles Geld weg, Haus, Auto etc. das Image ruiniert… Er glaubt, damit ist er auch Frau und Kinder los, die aber erfreulich solidarisch und fast erleichtert über die neue Situation sind. :)

  3. Nicole* sagt:

    Veränderung… ja… erstaunlich, wie viele Menschen auf der Suche danach sind… Ich zähle mich auch dazu. Aber ich weiß, dass ich mich noch in der „Ja-aber-Phase“ befinde… Ein schönes Gedicht im übrigen. Vielen Dank dafür :-)

  4. Barbara sagt:

    Liebe Christiane,
    für mich bist Du auch eine echte Inspiration und ich bewundere Dich, weil Du wirklich den Mut hattest so viel zu verändern, eine Schlussstrich zu ziehen unter ein altes Leben, aus dem Du herausgewachsen warst. Ich glaube sehr viele Menschen würden gerne ihr Leben änder, die wenigsten tun es. Das gehört glaube ich zur Kondition von uns Menschen. Jeder hat so seine Fluchtphantasien, die wenigsten brechen wirklich aus dem Alltag aus. Für manche wird allerdings der innere Druck so hoch, dass sie es doch irgendwann wagen. Nur einfach alles hinschmeissen ist bestimmt auch keine Lösung, vorher ist es wichtig, sich sehr intensiv damit auseinanderzusetzen, was einem wirklich wichtig ist, auf was man verzichten kann, welches die geheimsten Wünsche sind. So ein spannendes Thema!
    besos von Barbara

    • dreher sagt:

      Danke, Barbara… du lebst doch aber auch was Besonderes! Für mich ist deine Hinwendung zur Kunst inspirierend!
      Ich möchte nicht missverstanden werden, ich will niemanden anstiften, alles hinzuschmeissen… das muss jede und jeder für sich selbst und mit seinem Herzen und durchaus auch mit seinem Verstand regeln. Ich war eben sehr lange sehr unzufrieden mit meinem Leben und ja, irgendwann war der Leidensdruck so groß, dass ich etwas ändern musste, wenn ich nicht draufgehen wollte. Aber anderen reicht es vielleicht in Reisebüchern und Reiseblogs zu stöbern und sich zeitweise wegzuträumen… dass das „einfach mal weggehen“ nicht so einfach ist und woanders auch nicht alles nur schön ist, auch wenn die Sonne länger scheint, sieht man ja an vielen gescheiterten Auswanderergeschichten… also, klar, Hirn einschalten, aber eben auch das Herz!

  5. Rosalinde sagt:

    Ich denke hier in Deutschland haben viele die Freiheit beruflich und auch privat ihr Leben zu ändern. Oft denke ich an die vielen Menschen auf unserem schönen Planeten, die diese Freiheit gar nicht haben und auch nie haben werden ( aus unterschiedlichen Gründen)… dann denke ich über das Glück nach, diese Freiheit für mich selbst genießen zu können, auch wenn ich gar nichts verändern will.

  6. margarita ohliger jahr sagt:

    Liebe Christiane
    bin heute wieder ¿zufällig? in Deinen Blog reingefallen.
    Quer über dem Meer vor Deiner Haustür liegt ein kleiner Ort. In einem winzigen, verschlafenen Friedhof liegt ein spanischer Dichter begraben. Er schrieb
    (die üebersetzung ist frei nach Hand)
    Wanderer, es gibt keinen Weg, man erschafft ihm beim Laufen,
    laufend macht man den Weg und wenn Du zurückblickst wirst Du den Pfad sehen den Du nie mehr betreten wirst,
    Wanderer, es gibt keinen Weg, nur Wellen auf dem Meer.
    Antonio Machado
    Wir suchen und suchen und merken scheinbar nicht, dass wir nur laufen müssen, mit offenen Ohren und Herzen.
    Für Dich, tapferes Mädchen alles Liebe.
    Deine Margarita Ohliger-Jahr

    • dreher sagt:

      oh, Margarita, schön, dass du immer mal wieder reinschaust, danke für das schöne Gedicht, danke für das Wort „tapfer“, ich habe Tränen in den Augen… Collioure… wenn ich da jemals hinkomme, werde ich an sein Grab gehen! Ich danke dir von Herzen.
      un bisou ins Nachbarland
      Christiane

    • Barbara sagt:

      so ein wunderschönes Gedicht, vielen Dank dafür!

  7. margarita ohliger jahr sagt:

    http://youtu.be/BurKPVPa9Ag
    Deine Reise Christiane
    http://youtu.be/eCz0y-IXbdc
    so wird sie in meiner Umgangssprache gesungen. Eine Hyme die wir normalerweise mit Herz und Tränen singen.
    Wenn Du antrittst die Reise nach Ihtaka………………………………..
    bisou von ueberm Meer

    • dreher sagt:

      ach, Margarita – das musste ich gestern erst mal lange alleine lesen und hören, bevor ich es hier heute öffentlich machen konnte. Es rührt mich so.
      Ich habe Tränen in den Augen.
      Danke und auch meine besos kommen mit dem Wind übers Meer
      Christiane

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