Endzeitstimmung 2.0

Hier kommt er nun, der endzeitliche Text, den verdanken Sie meiner aufgewühlten Schlaflosigkeit. Nein, es ist nicht der angesagte Weltuntergang, der mich um den Schlaf bringt, vielmehr, dass sich dieses Jahr dem Ende zuneigt und damit auch mein 49. Lebensjahr. Ich werde 50. Grmpf.

Ich gebe zu, das drohende Gefühl 50 zu werden und damit endgültig eine alte Schachtel, war Anfang des Jahres schlimmer als jetzt. Jetzt, kurz davor, fühle ich mich auch nicht anders als gestern oder vor zwei Monaten. Zwischenzeitlich habe ich den Kniff meines Großvaters angewendet: Mein Großvater hatte in fortgeschrittenem Alter angefangen seinen Geburtstag anders zu zählen: Er hatte sich entschieden, den Tag seiner Geburt fortan als seinen ersten Geburtstag zu rechnen, so dass er plötzlich schon seinen 80. Geburtstag feierte, als alle Welt ihn noch für 79 hielt. Im Jahr drauf wurde er dann für den Rest der Welt „noch mal“ achtzig, mit offiziellen Ehrungen und allem pipapo, hat ihn nicht gestört, er feierte aber hartnäckig schon seinen 81. Geburtstag. Vermutlich war dieser schummelige Dreh dem Umstand geschuldet, dass er sich nicht sicher war, ob er den „richtigen“ 80. Geburtstag noch erleben würde. Hat er aber. Die neue Zählung behielt er aber dennoch bei.

Ich sagte mir also, es ist eigentlich dein 51. Geburtstag und du hast das 50. Lebensjahr schon abgeschlossen. Und?, fragte ich mich, wie war es? Siehe da, eigentlich ganz normal. Das half komischerweise. Insofern gehe ich jetzt entspannter in mein offizielles 50. Jahr.

Aber dennoch: Bei aller Normalität (und was war schon „normal“ in den letzten sieben Jahren kann man sich auch fragen) dieses fast vergangenen Jahres, war es doch auch anders, nämlich leicht rückwärts gewandt. Es war und ist für mich ein Jahr voller Erinnerungen. Noch nie habe ich das so stark empfunden. Vermutlich einfach ein Zeichen fürs Älter werden, schon klar. Kürzlich begleiteten wir meine 92jährige alte Schwiegermutter zu ihrer nur unwesentlich jüngeren Schwester. Eine ebenso alte Cousine fand sich auch noch ein. Die Damen plauderten von früher. Da wissen sie ja noch alles – meine Schwiegermutter wurde als Kind 1926 zu einer Hochzeit an quasi fremde Leute ausgeliehen, weil es in dieser Familie keine Mädchen gab und man unbedingt eine Demoiselle d’Honneur wollte, eine Ehrenjungfrau, also das, was bei uns Blumenstreumädchen heißt. Sie freute sich, weil sie dachte, sie könne dann ganz viel Hochzeitstorte essen, aber schon die Vorspeise war so mächtig, es gab irgendeine Pastete in Brotteig, dass sie es nicht mehr bis zur Torte schaffte. Was für eine Enttäuschung. Von 1926 oder 1938 wissen die Damen alles noch ganz genau. In welchem Schrank aber im hier und jetzt die Suppenteller stehen, das wusste die Schwester plötzlich nicht mehr.

So geht es mir langsam auch. Nicht, dass ich mein Gedächtnis verliere, ich weiß noch, wo die Suppenteller stehen, keine Sorge, aber dass ich mich so oft „an früher“ erinnere.

Ich habe in diesem Jahr erstaunlich viele Menschen wieder gefunden, die ich seit 20, 30 Jahren aus den Augen verloren hatte. Es begann mit dem 30jährigen Abi-Treffen im Mai und es folgten das ganze lange Jahr erneuerte Kontakte mit früheren Lieben, Freunden, Klassenkameraden und Arbeitskollegen. Zumeist dank Facebook, aber nicht nur. Menschen sind plötzlich wieder da und mit ihnen Erinnerungen. Dann schreibt man sich, nein, keine Briefe mehr, aber lange mails und erzählt sich sein Leben. Aufwühlende Zeiten, für mich zumindest.

Für mich ist dieses Jahr auch insofern besonders, da ich endlich, nach vielen Jahren des improvisierten Wohnens, wieder eine feste Bleibe (das hoffen wir mal) und eigenes Zimmer habe. Meine persönlichen Sachen waren ja seit Jahren in Kisten gelagert und in verschiedenen Kellern aufbewahrt. Beim Umzug von Deutschland nach Frankreich vor drei Jahren hatte ich alles in Windeseile durchgesehen, nur einen Bruchteil meiner Habe konnte ich mitnehmen, dennoch war es viel zu viel für die winzigen Wohnungen, die ich zwischenzeitlich bewohnte, so dass ich meine eigentlich schon dezimierte Habe wiederum zwischenlagerte, nun in französischen Kellern.

Jetzt erst, im Laufe der letzten Monate räumte ich Kiste für Kiste aus und versuchte und versuche immer noch, allen Dingen wieder einen festen Platz zuzuordnen. Eine richtig eingerichtete Schreibtischschublade zum Beispiel, wo ich Spitzer, Bleistift, Lineal, Zettelchen, Briefmarken und Büroklammern finden kann. Wie lange hatte ich das nicht gehabt? Immer hatte und suchte ich alles überall. Jahrelang habe ich meine französischen Papiere, Gehaltsabrechnungen, Kontoauszüge, Krankenversicherung, Briefe …  in diversen Schachteln aufbewahrt. Ohne jede Ordnung. Ich wusste nur, da drin ist irgendwie alles. Ich bin auch jetzt noch weit entfernt von einer ordentlichen Hängeregistratur wie früher, aber ich nähere mich einer gewissen Systematik.

Ich öffne jetzt auch Kartons, die ich jahrelang einfach immer nur mitgeschleppt habe, wissend, dass da Briefe und Fotos, Zettelchen und gepresste Blümchen drin sind, was ich vielleicht alles eines Tages noch mal ansehen und lesen will. Manchen Karton mache ich nach einem halbherzigen Versuch wieder zu. Den mit den Briefen meines langjährigen Freundes, der beim Radfahren ums Leben kam zum Beispiel. Es geht noch nicht. Der Inhalt eines anderen Kartons jedoch hat mich sehr berührt. Trotz meines nomadischen Umherziehens bin ich ja auch Sammlerin und schleppe seit jeher Steine, Muscheln, Sand und kleine Erinnerungsstücke mit mir herum. Früher hatte ich diese ganzen Kleinigkeiten in einem Setzkasten versammelt. Ich gehe jetzt mal davon aus, dass Sie noch wissen, was ein Setzkasten ist, dieses dekorative Überbleibsel aus einer anderen Zeit, in der Zeitungen und Bücher noch im Bleisatz hergestellt wurden … früher natürlich … früher … Und tatsächlich habe ich diesen Setzkasten auch noch, ein Geschenk meines Vaters aus der Druckerei, in der „früher“ die Frankfurter Rundschau noch so gedruckt wurde … Ich denke wehmütig an meinen Vater, er lebt schon lange nicht mehr, und das Sterben der Zeitungen macht mich auch wehmütig: die Frankfurter Rundschau, mit der ich aufgewachsen bin, hängt ziemlich schlapp in den Seilen. Ich entstaube also das Relikt aus einer anderen Zeit, gebe ihm einen Platz im neuen Zimmer und räume all die Kleinigkeiten aus meinem Leben dort ein. Jedes Ding nehme ich in die Hand, ich weiß noch genau, wann ich es fand oder wo. Ich brauche fast einen ganzen Tag bis Rheinmuscheln aus Köln, Lavabrocken aus Sizilien und rote Erde aus Burkina Faso ihren Platz neben Holzbausteinchen, Parfumfläschchen und Döschen finden, und dazu gesellen sich Eulchen, Perlen, Murmeln, Ohrringe, Kinderzähne …

Ein großer Karton voller Fotos hat leider zu lange in einer feuchten Ecke dieses Hauses gestanden und als ich ihn öffnete, wuchsen bereits Pilze darin. Igitt, sagen Sie vielleicht, aber viel schlimmer war, dass ein großer Teil der Fotos gar schauerlich zusammengewachsen war. Meine Fotos! Erinnerungen! Einen Abend lang sortierte ich jetzt schweren Herzens Fotos aus. Alles, was pilzig roch und zusätzlich klebte, flog sowieso weg und auch Urlaubsfotos, die Menschen zeigen, an deren Namen ich mich weder erinnere, noch an das, was uns vielleicht mal zwei Wochen lang verbunden hat. Belanglose Landschaftsbilder, verwackeltes Meer, schiefe Weinberge, fremde Gesichter. Ich werfe sie weg. Es tut gar nicht weh. Dazwischen aber Fotos von Menschen, die mein Leben länger berührt haben, auch wenn ich Nomadin immer weiter gezogen bin. Aufheben? Und soll ich unscharfe Fotos von 1978 aufheben, die mich mit schrecklicher Dauerwelle zwischen kichernden Mädchen zeigt, die ich schon mehr als dreißig Jahre nicht mehr gesehen habe und denen ich heute vermutlich auch nichts mehr zu sagen hätte? Denn das gibt es ja auch. Erinnerungen an Menschen, die wirklich aus meinem Leben verschwunden sind. Dabei sind wir mal kichernd zusammen in Norwegen Boot gefahren, und ich war damals schrecklich in einen Jungen mit dunklen Wuschellocken verliebt. Sein Name fällt mir bestimmt gleich noch ein, spätestens wenn ich die alten Tagebücher wieder lese, die habe ich nämlich auch noch.

Sie sehen, es ist das Jahr der Erinnerungen… vielleicht bleibt es auch so und ich werde einfach alt?

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13 Kommentare zu Endzeitstimmung 2.0

  1. Gerd Ziegler sagt:

    50 tut nicht weh. Das kann ich leibhaftig bestätigen. An meinem 50. hatte ich mir lediglich eine Erkältung zugezogen, aber die bekam ich auch schon mal mit 7 und noch früher…

    Ständig prophezeiten mir irgend welche älteren Leute zu jedem Geburtstag, „Wenn Du erst einmal … alt wirst, dann bekommst Du …!“. Bekam ich aber nie. Was es auch immer sein sollte. Das einzige was man bekommen hat, sind immer mehr Erinnerungen an gute oder schlechte Zeiten.

    „Endzeit 2.0“. Ein schöner Text. Ich registriere ihn für mich aber unter der Überschrift „Erinnerungen 1.0“ ;-)

  2. Rosalinde sagt:

    Hallo Frau Dreher,
    ein neues Buch… wie wonderful. Werde nächstes Jahr auf fünfzig (Sternzeichen Löwe),
    dann habe ich ja schon etwas für die Wunschliste. Viel Glück für ihr Buch und schon jetzt alles Gute zum Geburtstag…wie sagt John Updike so schön…es ist eine verrückte Sache, am Leben zu sein. LG

    • dreher sagt:

      oh Rosalind, das wird leider erst etwas für den 51. Geburtstag, Frühjahr 2014… Bücher werden genauso wie Mode, Osterhasen und Weihnachtsmänner lange im voraus geplant, dann geschrieben, dann gemacht… merci für die Wünsche!

  3. Wolfram sagt:

    Dreißig war seltsam. Vierzig kommt jetzt auf mich zu, macht mir aber keine Angst. Und die alten Fotos sind bei mir alle in Diarahmen, also relativ gut geschützt zumindest vor dem Zusammenwachsen…

  4. Olaf sagt:

    Liebe Christjann,

    das Wühlen und Finden in Erinnerungen habe ich schon mit 20 + xx Lebensjahren gemacht (70-/ 80er Jahre). Fotos, Tagebücher und Briefe gewälzt und immer noch einmal wieder gelesen und nach dem Kontext der damaligen Zeit gewühlt und zu ordnen versucht.
    Nicht immer habe ich alles herausgefunden bzw. finden können. Dennoch/ zugleich ist alles gut.
    Dir alles Gute aus Hambourg – hier schneit es – ca. 10 cm, wunderbar !

    Olaf

  5. Marianne sagt:

    Ich gratuliere zum Fuffzigschta! Ich drück Dich herzlichst.
    Liebe Christjann,
    50 ist keine allzu große Veränderung für mich gewesen, ich bin nun seit Oktober bereits schöne 60 Lenze jung-alt. Aber das kramen in den Erinnerungen und in Kartons und Schachteln mache ich noch verstärkt , da seit meinen vergangenen „Hin-und Herziehereien“ immer noch nicht Alles gesichtet ist.
    Aber da wir gerade sehr kalte Nächte haben (Minus 18 °C), verschiebe ich diese Gruschtlerei bis zum Frühjahr – keine Lust auf gefrorene Kellermaus-Pfötchen.
    Bin auch im Weihnachtsmarkt-Fieber: Endzeitarbeiten, weil ich wie immer nicht alle Materialien schnell genug geordert habe. Aber meine Kollektion neuer Weihnachtskarten und Geschenkpapieren muss Freitag Abend fertig sein, der Markt ist am Samstag ( und leider bei uns Regen angesagt).
    Ich habe mir dennoch eine Runde Spaziergang gegönnt: Heute hatten wir trotz klirrendem Frost geflunkerte, herrliche Sonnenstrahl-Bilderbuch-Vorzeige-Winter-Impresssionen. Aktuelle Schneehöhe 35 cm, wobei die Verwehungen im Garten meterhohe Skulpturen gezeichnet haben.
    Doch ja, so liebe ich den Winter, nur auf die Matsch-und Nieseltage könnte ich verzichten.

    Aus dem tief verschneiten Oberschwaben grüße ich Alle
    Marianne

    • dreher sagt:

      Liebes Mariannchen,

      ich hab mich so gefreut über deinen Brief! Und auch über den Kommentar hier – ich will dir richtig schreiben und hoffe, ich komme diese Woche noch dazu, sonst „zwischen“ den Jahren …
      liebste Grüsse bis dahin

      Christiane

  6. Birgit sagt:

    Liebe Christiane,
    alles Liebe und das Beste zum 50. wünsche ich Dir. Bei mir ist das nun schon 13 Jahre her und ich habe es auch gut überstanden. Ist alles nicht so schlimm, man wird nur erwachsener und ein bischen weiser.
    Natürlich gräbt man gern auch mal in alten Fotos „wie schön war das damals…“, aber das Leben spielt sich in der Gegenwart ab. Wichtig ist, immer noch noch Träume zu haben, also neugierig auf die Zukunft zu bleiben. Auch wenn nicht jeder Tag ein Sonnentag ist.
    Ich freue mich jetzt schon auf Dein neues Buch.
    Liebe Grüße
    Birgit aus Dresden

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