Cannes zu Fuß – humpelnd zur Wahl

Heute ist erster Wahldurchgang für die Kommunalwahl in Frankreich. In ganz Frankreich wohlgemerkt, und in meinem ehemaligen Dorf wird genauso gewählt wie hier in Cannes oder in Paris. Für mich ist es das erste Mal, dass ich in Frankreich wählen gehe. Als europäische Ausländerin darf ich an der Kommunalwahl und an der Europawahl teilnehmen. Ich hätte schon vor sechs Jahren wählen können,

aber damals fühlte ich mich bei der Kommunalwahl noch nicht so zugehörig, dass ich wählen wollte – aus heutiger Sicht völlig unverständlich, gehörte ich im Dorf doch viel mehr dazu und nahm viel intensiver am kommunalen Leben teil als hier in Cannes. Und an die Europawahl hatte ich nicht rechtzeitig gedacht, mich nicht informiert und dachte bis zum Schluss, ich bekäme vielleicht aus Deutschland irgendetwas zugesandt, immerhin war ich damals noch dort gemeldet, aber da kam nichts, so dass ich dann weder in Deutschland noch in Frankreich wählte, denn in Frankreich war ich nicht in die Wählerliste eingetragen. Um in Frankreich zu wählen, muss man nämlich in die Wählerliste seiner Gemeinde eingetragen sein – und zwar im Vorjahr der Wahl, Stichtag ist der 31.12. des Vorjahres. Es gibt vermutlich Ausnahmen für die Bürger, die erst anfang des Jahres volljährig geworden sind. Aber bei einem kurzfristigen Umzug wählen Sie vermutlich nochmal in der Gemeinde, die sie gerade verlassen haben. Vorausgesetzt, sie waren dort in die Liste eingetragen. So etwas wie eine Meldepflicht, also anmelden oder abmelden am Wohnort gibt es in Frankreich nicht, man schleppt daher für alle Ämterbesuche bizarrerweise immer Rechnungen für Elektrizität oder Telefon mit sich herum, die nicht älter als drei Monate sind und auf denen ausgewiesen ist, dass man am Ort X wohnt. Hier in Cannes habe ich mich also schon vor zwei Jahren weise vorausschauend eingetragen und bekam postwendend eine kleine carte électorale, ein Pappkärtchen, das aussieht wie früher der Mitgliedsausweis des Schwimmvereins, in den bei jeder vollzogenen Wahl ein Stempelchen gedrückt wird. Heute ist also der Tag X, meine erste Wahl seit Jahren, ich war tatsächlich ein bisschen aufgeregt. Seit drei Wochen sehe ich den zögerlichen Frühling, Luftverschmutzungsalarm (hier war der sonst so azurblaue Himmel ein paar Tage milchiggrau und die Autos durften nur bedingt fahren, quelle catastrophe! für die Auto verrückten Franzosen, und leider streikte gerade der öffentliche Nahverkehr, auf den man ausweichen sollte, so dass dann doch jeder, trotz Androhung von Strafmandaten, mit dem Auto fuhr) das also und auch Sturm und Regen von gestern sah ich alles nur aus dem Fenster, so dass ich heute bei leicht frühlingshaftem Wetter trotz heftigem Wind nur RAUS, RAUS wollte und beschloss, meinen ersten Ausflug zu Fuß ins benachbarte Wahllokal zu machen. Mit Beinschiene links und Gehhilfe und Monsieur rechts an meiner Seite.

Ich musste wieder an das Buch vom aufmerksamen Schauen von Alexandra Horowitz denken, denn als (hoffentlich vorübergehend) Gehbehinderte sehe ich Cannes schon wieder völlig anders. Auch dieses Mal sehe ich vor allem den Boden unter den Füßen, aber hinzu kommt: das Langsame und die Qualität des Weges. Ich merkte neulich erstmals, dass die Treppenstufen im Haus alle leicht abschüssig sind, einen winzigen Moment lang fühle ich mich wie auf einem Schiff in Schieflage und denke bei jeder Stufe, ich könnte davonrutschen und klammere mich am Treppengeländer fest. Draußen geht es gerade so weiter: abschüssige oder ansteigende Straßen oder Gehwege, abgesenkte oder nicht abgesenkte Bordsteine (tatsächlich sind die abgesenkten mit dem rundherum schrägen Gehweg viel schwieriger zu gehen!), überhaupt merke ich jetzt, dass diese Wege alle so unegal geteert sind, dass Baumwurzeln darunter liegen und den Teer wölben und wie mühselig es ist, mit einem instabilen Knie darauf zu gehen. Fünfhundert Meter auf denen es leicht bergab oder bergauf geht, was ich früher nicht mal ansatzweise bemerkt habe, können plötzlich sehr lang sein. Das Wahllokal liegt immerhin freundlicherweise im Erdgeschoss. Der Weg hin zum Wahllokal ging noch, auf halbem Weg zurück knirscht es im Knie und ich verstehe jetzt wieder, warum manchmal an völlig unattraktiven Orten im städtischen Raum Bänke stehen … ich hätte mir heute eine solche gewünscht. Das langsame Gehen und kurze Innehalten an völlig unspektakulären Orten, nur weil ich mal Luft holen muss, lässt mich erneut rostige Türgitter und knospende Pflanzen ansehen, exotische Namen und Aufkleber auf Briefkästen lesen und wie neulich schon allerhand unspektakulär anderes sehen, vor allem von dem, was unter mir liegt: Gullideckel, Kiefernnadeln, Papierchen, alte Kaugummiflecke, immer wieder Farbkleckse, schwarze Bremsspuren auf gelben Markierungen, und viele unscheinbare Kräutlein darunter das schon hoch aufgeschossene Hirtentäschel am Mauerrand, das in französisch genauso heißt: bourse à pasteur.

Die Wahl verläuft in Frankreich immer in zwei Wahlgängen. Der erste Wahlgang wird in Frankreich gern dazu benutzt seinen Unmut mit der bestehenden Politik zu manifestieren, und aus einer großen Anzahl von Listen wird gern irgendetwas extrem Rechtes oder Linkes oder auch gar nicht gewählt, um allen mal zu zeigen, was passieren könnte, wenn …  Beim zweiten Wahlgang (nächste Woche) geht es dann in der Regel nur noch um die beiden Kandidaten, die am besten abgeschnitten haben (auch wenn andere Parteien erneut vertreten sind, denn diese geben oft Wahlempfehlungen für einen der beiden „stärksten“ Kandidaten ab) da kann man nur hoffen, dass im ersten Wahlgang bei aller Protestwählerei nicht dummerweise eine extreme Partei nach vorne gerutscht ist. In Cannes ist das jedoch nicht zu erwarten, hier wird erneut ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen zwei konservativen UMP-Kandidaten erwartet. Der eine verspricht uns eine „neue Energie“ für Cannes und will die Linie des ausscheidenden Bürgermeisters weiterfahren, der andere ist bislang etwas volksnäher und will „alle“ Cannois vertreten, das heißt unausgesprochen auch die kleinen Leute. Der eine wird offen von Sarkozy unterstützt, der andere ist nah an Jean-François Copé, der nach einem ziemlich desaströsen Wahldebakel im letzten Herbst nach langem Gezerre Vorsitzender der UMP geworden ist. Da hat man die Qual der Wahl … Nun, hier werden auch immer noch Zettel in graublaue Briefumschläge gesteckt und diese in eine Urne geworfen, eine strenge Dame ruft „voté“, jemand anders macht einen Strich auf ein Blatt Papier und ich werde auf der Zusatzliste für Ausländer abgehakt, muss dort unterschreiben und bekomme meinen Stempel in die carte électorale. Ich habe übrigens die Wählernummer 1 auf der Zusatzliste. Schick, was?

In meinem ehemaligen Dorf gibt es dieses Jahr sogar zwei Listen. In den kleinen Dörfern mit bis zu 300 Einwohnern darf man noch allerhand anstellen mit diesen Listen. Man darf Namen durchstreichen und andere hinzufügen, also wenn einem jemand in der Gruppe um den Bürgermeisterkandidaten nicht gefällt, kann man diese Person streichen, man kann auch den Bürgermeisterkandidaten selbst streichen. So geschehen bei der letzten Wahl. Damals gab es nur eine Liste und einen Kandidaten. Zwar wurde die Gruppe um den Bürgermeister gewählt, nicht aber der Bürgermeister, das heißt, er hatte nicht 50% der abgegebenen Wählerstimmen. Da es aber keinen anderen Kandidaten gab, wurde er es letztlich doch, nachder er sich zwei Wochen Bedenkzeit gegeben hatte, aber seine zweite Amtszeit war von diesem negativen Wahlergebnis und Misstrauen auf allen Seiten geprägt. Dieses Mal gibt es also sogar zwei Listen, mein kleines Dorf mit seinen knapp dreißig ganzjährig dort lebenden Einwohnern aber rund hundert Wählern ist tief gespalten, es ist wirklich genauso ungewiss, wie das ausgehen wird, wie hier in Cannes.

 

Nachtrag: In ganz Frankreich gab es einen Abmahnung für die etablierten Parteien, rechts wie links – die Linke hat viel verloren, die FN front nationale hat viel gewonnen, ebenso gewonnen haben viele freie Wählergemeinschaften.

In Cannes reichte es nicht ganz für einen klaren Sieg im ersten Durchgang für den Stellvertreter des letzten Bürgermeisters, er wird es wohl aber im zweiten Durchgang – dritte Kraft ist die FN, die front nationale – linke Parteien haben in Cannes nicht mal 10% erreicht.

In meinem ehemaligen Dorf wurde doch die alte neue Mannschaft des ehemaligen Bürgermeisters (mit neuer Bürgermeisterkandidatin) gewählt, die sich etwas umgeformt hat und alle 7 Personen dieser Liste wurden gewählt; diesen 7 obliegt jetzt die Wahl des/der Bürgermeister(in).

Ich stelle hier mal für die, die es interessiert, einen link zu einer Seite ein, in der man die Städte und Gemeinden eingeben kann und die jeweiligen Wahlergebnisse schön übersichtlich sehen kann.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Kommentare zu Cannes zu Fuß – humpelnd zur Wahl

  1. Gerd Ziegler sagt:

    Ich hoffe, dass es Dir besser geht, liebe Christiane.
    Wenn Du schon zur Wahl hinken kannst, ist der gesundheitliche Aufwärtstrend doch erkennbar, n’est-ce pas? ;-)

    Tja, gewählt wird hier in knapp 2 Monaten auch. Aber diesmal ohne mich auf der Seite des zu wählenden Ratsvolk, da ich mich aus dem politischen Alltag verabschiedet habe.
    Ganz unsportlich nehme ich aber an der Briefwahl teil. Auf die Wahlkampfstände der Parteien „freue“ ich mich aber jetzt schon und auf die Plakatflut, links und rechts der Straßen.

    Danke für den Link zur franz. Kommunalwahl. Es ist ja spannend zu sehen, in welchen Orten wer die Nase vorn hat. Außer im katholischen Vendée lag ich mit meinen Einschätzungen, der mir bekannten Städten und Gemeinden völlig falsch.

    Liebe Grüße aus NRW
    Gerd

    • dreher sagt:

      Danke Gerd, nun, es war vielleicht nicht die beste Entscheidung zu Fuß zu gehen – seitdem rumort der Schmerz wieder selbst in Ruheposition, aber nach zwei Wochen konsequentem slow-inhouse-walking (Sofa-Küche-Bad-Bett) und abnehmendem Schmerz dachte ich, ich sei schon weiter … das IRM/MRT zeigte neben allerhand Quetschungen und Wasser im Knie einen KreuzbandANriss, aber auch einen zu dreiviertel kaputten Meniskus – den Orthopäden sehe ich am Freitag – on verra …

  2. Marion sagt:

    Oh merci, merci für die politischen Details, die aus Deinem Dörflein waren ja auch zu gut…:-) Der Link ist ebenfalls informativ, wobei die Abkürzungen der Parteien etwas Verwirrung stiften. Wäre schön, man könnte da auch draufklicken und hätte dann die ausgeschriebene Variante, so dass man schon mal eine Vorstellung hat. Erschreckend allerdings, in welchem Ausmaß der FN zugelegt hat. Da haben sich die neuen Strategien ja leider voll bewährt (las vor kurzem einen Artikel darüber).
    Weiterhin gute Besserung wünscht
    Marion

    • dreher sagt:

      Marion, zur groben Orientierung: du kannst an den Farben sehen, ob rechts oder links – blau ist rechts (konservativ), rot ist links, wenn in dem Namen ein D steht ist es meist „droite“ also rechts, wenn da ein G „gauche“ steht, ist es links, ein S steht für „socialiste“, das EX irgendwo ist „extreme“ – bspw: LUG = Liste d’Union de la Gauche; LDVD = Liste divers droite; LEXD = Liste d’extreme droite … hier noch ein link http://www.senat.fr/senatoriales_2011/liste_des_nuances_politiques_des_candidats_et_des_listes.html

      • Marion sagt:

        Hilfreich, merci!

      • Marion sagt:

        Noch etwas: Wer sind denn die 70 Leute, die in Deinem Dorf außer den 30 permanent dort lebenden, wählen dürfen? Und zu dem Platz 1 auf der Wählerliste: entweder Du bist die einzige Ausländerin, die in Cannes wählen möchte oder die Nachnamen der Ausländer in Cannes beginnen erst bei C oder es geht nach dem Alter und Du bist die jüngste der wahlbegeisterten Ausländer (das könnte doch sehr wahrscheinlich sein, oder :-) Gibt es eigentlich Gegenden an der Côte d’Azur, wo die Grünen aktiver sind? So schöne Landschaften und so wenig Bewusstsein…

        • dreher sagt:

          Sehr amüsant die Vorstellung, dass ich die jüngste sein soll ;) – naja, es gab zehn wahlberechtigte Ausländer allein in meinem Wahlbezirk – ich vermute, es geht alphabetisch :)
          Die siebzig anderen sind Zweitwohnsitzler, frag mich nicht, ob die dort mit Erst- oder Zweitwohnsitz eingetragen sind, aber die dürfen da oben wählen.
          Und naja, Mouans-Sartoux ist eine grün-linke Enklave, die einzige, die ich kenne – muss mal schauen, wie es dort aussieht so wahlmäßig … die Grünen in Cannes änderten gegen einen Posten in der konservativen Mannschaft quasi über Nacht ihre Überzeugungen. So ist es hier. :(

  3. Christiane sagt:

    Guten Tag, liebe Namensvetterin!
    Vielen Dank für die Einblicke in das französische Wahlsystem und die aktuelle Situation diesbezüglich. Ich selbst gehe immer gerne zur Wahl und erlebe das, trotz mancher sicher auch berechtigter Kritik an der politischen Klasse, mit einem fast feierlichen Gefühl; und mit Dankbarkeit, denn freie Wahlen sind immer noch ein Recht, das längst nicht alle Menschen ausüben können.
    Danke übrigens auch für den Buchtipp von Alexandra Horowitz. Deine Schau-Fotos von Cannes und deine Texte dazu haben mir so gut gefallen, dass ich das Buch gekauft habe und es jetzt gerade gerne lese; es inspiriert mich sehr, vor allem jetzt, da der Frühling (der selbst im Norden Deutschlands dieses Jahr spektakulär früh vor der Tür steht) alle Sinne weckt. Es ist auch deshalb sehr schade, dass deine Cannes-Spaziergänge ein so schmerzliches (hoffentlich nur vorläufiges) Ende gefunden haben. Dein Cannes-Erkundungsprojekt finde ich jedenfalls toll und hoffe auf Fortsetzung.
    Ich hatte vor vier Monaten auch einen Bänderriss, allerdings im Sprunggelenk, was vielleicht nicht ganz so schlimm ist wie im Knie. Deine Beschreibung holpriger Gehwege, die einem vormals völlig „glatt“ vorkamen, konnte ich spontan nachvollziehen. Alle Wege sind plötzlich viel länger und kosten Mühe, wo man sich vorher gar keine Gedanken gemacht hat. Ich wurde wie du auch nicht operiert und habe inzwischen im Alltag keine Probleme mehr, obwohl: spüren tue ich es schon noch, aber ich kann wieder normal laufen und sogar wieder Sport machen.
    Ich wünsche dir gute und schnelle Besserung – und dass du deine Umgebung bald wieder munteren Schrittes erkunden kannst!
    Herzliche Grüße aus Bremen!

    • dreher sagt:

      oh, vielen Dank liebe Christiane – das freut mich ja, dass dir der Buchtipp gefallen hat und ja, ich hoffe auch, dass ich bald wieder (vor allem schmerzfrei) durch Cannes laufen kann, ermutigend zu hören, dass es bei dir auch ohne OP ging.
      liebe Grüsse von C nach B und viel Frühling!

  4. Christiane sagt:

    Kleiner Nachtrag zu dem hoffentlich bald ausgestandenen Thema:
    http://www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/bewegungsapparat/baenderriss101.html
    Kam am Montag im NDR. Vielleicht gibt es doch nochmal neue Infos für dich.
    Liebe Grüße! Christiane

    • dreher sagt:

      oh, supervielen Dank! nicht neu, aber schön klar und anschaulich – auf jeden Fall unterstützend – gibt mir das Gefühl, auf dem neuesten Stand zu sein :) MERCI!!!

Kommentare sind geschlossen.