Und Cannes ?!?

Kommt noch was aus Cannes?, haben Sie sich vielleicht gefragt – und tja, ehrlich gesagt, war ich selbst nicht sicher, ob da noch was kommt. Jetzt kommt ein kleiner persönlicher Rückblick, denn Cannes, also das 67. Filmfestival, ging dieses Jahr komplett an mir vorbei.

Schöne oder spektakuläre Bilder von tiefen Dekolletées und Journalisten, die unter Röcke krochen, haben Sie vermutlich schon gesehen,

… gut so, denn ich habe kein einziges Foto gemacht. Ich habe bislang auch kein einziges Mal für einen Film angestanden und war kein einziges Mal im Palais. Wir haben zwar zwei Einladungen für den offiziellen Teil gewonnen (die Mairie von Cannes verlost unter ihren Einwohnern ca. 15oo Karten), aber nur für die zweite Clôture, sprich, die zweite Vorstellung des Films, der das Festival beendet. Das wäre heute um 23 Uhr und bitte in Galakleidung. „Schick“ sagen Sie, ja sicher, aber es wird ein 40 Jahre alter Spaghettiwestern gezeigt, den wir schon x-Mal gesehen haben: Für eine Handvoll Dollar mit dem noch jungen Clint Eastwood, immerhin in Anwesenheit von Quentin Tarantino. Das alles hat eine Botschaft, ja doch, der Western ist salonfähig geworden und vielleicht wäre es auch ein ganz tolles Ambiente und ich könnte die gleiche Luft atmen wie Tarantino und was weiß ich noch, aber nee, die Karten haben wir dann an jüngere Menschen weiter gegeben, die so kinoverrückt sind, dass sie das Anstehen zu später Stunde nicht stört. Ich habe dennoch ein bisschen was mitgekriegt, denn, wie ich in einem Interview mit dem ARD Hörfunk sagte, man kann in Cannes nicht nicht vom Festival betroffen sein. Haben Sie es gemerkt? Ich habe ein Interview gegeben! Und für einen Moment war ich berühmt, habe in einem Straßencafé gesessen und mit einer sehr netten Frankreich-Korrespondentin über Cannes, die Croisette, das Festival und meinen Krimi geplaudert. Leute gingen neugierig schauend an uns vorüber und fragten sich wohl, welche Rolle in welchem Film diese unglamourös gekleidete Frau, die da in ein Mikro sprach, wohl gespielt hat. Es wurde ein ganz kleiner Beitrag, aber doch sehr nett, er wurde wohl auch schon gesendet, zumindest wurde mir das von Leserinnen berichtet. Zurück zu Cannes, ich habe trotzdem den Skandal-Eröffnungsfilm Grace de Monaco gesehen und Sie vielleicht auch schon, denn er ist im Kino bereits angelaufen. Aus dem gleichen Grund konnte ich den Film Deux jours, une nuit der Brüder Dardenne mit der hochgelobten Marion Cotillard sehen. Nun, seit ich selbst (bzw. mein Kriminalroman) der Kritik ausgesetzt bin, schätze ich Kritiken anders ein und bin auch viel zurückhaltender mit eigenen Urteilen. Ich hatte wirklich das Gefühl, ein Kritiker sagte zu Grace de Monaco „Bah, wie schlecht!“ und alle, wirklich ausnahmslos alle anderen gefielen sich darin, noch ein bisschen böser und origineller in ihren Gemeinheiten zu sein. Ich habe ihn daher schon aus Trotz gesehen. Grace de Monaco ist nicht halb so skandalös wie man meinen könnte. Sicher kein Lieblingsfilm, und wenn ich naive Zuschauerin über Nahaufnahmen und Technik nachdenke, dann hat er mich nicht gefesselt. Was mich aber berührte, war die Situation einer freien und modernen Amerikanerin, die in dieses enge kleine Monaco und an diesen Fürstenhof voll eigenartiger überkommener Etikette-Regeln gerät. Immer wieder müssen die Damen der Gesellschaft entsetzt die Augen aufreißen und sich vielsagend ansehen: Nein so etwas! Sie soll in Gesellschaft vor allem den Mund halten, darf sich ihre Haare nicht abschneiden lassen, und sie macht eigentlich alles falsch, was man falsch machen kann. Weiße Lilien als Tischschmuck? Oh Gott, was für ein peinlicher faux pas: Lilien gehen nur für Begräbnisse! Das erinnert mich an meine Schwiegermutter, die mir unkultivierten Deutschen auch gern zu verstehen gibt, was ich alles nicht kenne oder beherrsche und die zusammenzuckt, wenn ich mal wieder unschönes Französisch spreche. Den Filmemacher, Olivier Dahan, kreuzte ich übrigens in Cannes – einfach so, das gibt es dann doch noch hin und wieder – ich erkannte ihn an seiner komischen Kappe. Er ist wirklich nicht besonders attraktiv und auch wirklich sehr klein. Und nein, ich bat nicht um ein Autogramm.

Bei Deux jours, une nuit dachte ich so etwas wie „Ken Loach für Arme“, hm, ein Sozialdrama, aber ich fand Marion Cotillard überzeugend in ihrer Rolle und nein, anders als Monsieur, den die Wiederholungen nervten (eine junge Frau versucht an einem Wochenende ihre 16 Kollegen dazu zu bringen, dass sie gegen einen Zulage und für den Erhalt ihres Arbeitsplatzes stimmen und sucht einen nach dem anderen auf) und der am liebsten schon nach der dritten Szene wieder gegangen wäre, fand ich den Film sehenswert, aber naja, sicher keine Palme, und ganz sicher kein Film, der uns träumen lässt.

Was gab es noch? Gérard Depardieu spielt kurzatmig und aufgedunsen in Welcome to New York in einem schmuddeligen Ambiente die Geschichte von DSK und dem schwarzen Zimmermädchen nach, und ich finde all das zeugt von ziemlich viel schlechtem Geschmack, auch wenn die Sache selbst ebenso geschmacklos gewesen ist. Diesen Film kriegen Sie in keinem Verleih zu sehen, Sie können ihn höchstens für einen Appel und ein Ei im Internet runterladen und beinahe hätte ich noch einen vulgären Halbsatz angehängt, aber ich lasse es besser.

Natürlich hat es wie jedes Jahr geregnet während des Festivals, wobei „regnen“ es nicht ganz trifft. Es stürmte, gewitterte und schüttete am helllichten Tag und ich vermute, das waren die einzigen Tage, an denen das Geschäft für die Straßenverkäufer gut lief, denn es waren deutlich weniger Menschen in Cannes, das sagen zumindest die Cannois, die es wissen müssen. Jetzt warte ich auf Le palmares, die Preisverleihung, die jetzt gleich und tatsächlich einen Tag früher stattfindet, damit morgen die Europawahlen geordnet ablaufen können. Morgen ist in Frankreich auch Muttertag. Ein witziger Werbespot war hier „Machen Sie was Nettes, führen Sie Ihre Mutter am Muttertag ins Wahllokal“. Nicht lustig? Naja. Die Europawahl wird hier in Frankreich garantiert ein Trauerspiel.

Am Montag aber gibt es dann aber noch ein bisschen nachgeworfene Festivalatmosphäre: Wir dürfen wie jedes Jahr über den roten Teppich laufen, die Stufen hinauf und den prämierten Film sehen.

So, schon ein Nachtrag: Die Goldene Palme erhielt überraschenderweise weder Mommy, der kanadische Film des jüngsten Filmemachers Xavier Dolan (der aber den Preis der Jury bekam, zusammen mit dem bei der Verleihung abwesenden ältesten Filmemacher Jean-Luc Godard, dessen Film hier übrigens niemand mochte) noch Timbuktu, die hier beide hoch gehandelt wurden, sondern ein türkischer Film Winter Sleep.

Meine unmaßgebliche Meinung erfahren Sie am Montag, wenn ich ihn gesehen habe :)

Anbei noch ein link zur Arte-Seite mit Infos zu allen Palmen und Pälmchen.

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6 Kommentare zu Und Cannes ?!?

  1. Karin sagt:

    Na aber sicher haben wir uns schon gewundert, warum bisher noch kein Beitrag zu Cannes kam !!! Infos aus erster Hand sind doch immer schöner als Aufbereitungen in Morgenmagazin- oder Leute heute-Beiträgen *grins*. Ich bin ganz *wow* (kann man das deutsch deklinieren? Ich wag’s nicht! Schon bei „gestylt“ sträuben sich mir die Nackenhaare noch ganz sacht…), in welcher Beitragsreihe kam denn das Interview? Vielleicht kann man es ja als Podcast runterladen?
    Liebe Grüsse aus Genf,
    Karin

    • dreher sagt:

      Liebe Karin, es war ein Interview mit der ARD (Hörfunk), das in einen „Pool“ gestellt wurde, auf den wohl alle Regionalsender Zugriff haben. Das kann also überall gesendet worden sein; ich bekam Nachricht von einer Hörerin vom MDR. Ich habe gesucht, aber es gab wohl keinen Podcast – ABER es gibt hier was Nettes, mit der Stimme von Christian Berkel http://sr-mediathek.sr-online.de/index.php?seite=7&id=16862 :D

  2. Marianne sagt:

    Und Cannes??!!??
    tja ich denke, wir erwarten doch jedes Jahr eine noch größere Überraschung, was Filme anbelangt. Und dieses Jahr soll es nicht so toll sein? Im Fernsehen (kinokino) berichteten sie von „einem soliden Jahr, ohne große Aufreger“, wenn man wohl davon absieht, wie „vulgär“ = O-Ton Wim Wenders es nun wohl geworden ist in den letzten 30 Jahren des Geschäftes Film. Er findet es wohl zu prollig, wenn große Parfum-oder Schmucklabels große Parties feiern, als gäbe es kein Morgen. Und dann sich doch auch in derselben Menge badet ?
    Ich selbst mag jetzt schon „Mr.Turner“, na klar wegen der Malerei und der Tatsache, dass der Hauptdarsteller Timothy Spall zwei Jahre lang Malunterricht genommen hat, bis er es gelernt hatte, überzeugend ein Bild vor der Kamera entstehen zu lassen; er wirkt schon sehr authentisch.
    Dann hat mir noch „The Salt of the Earth“ gefallen, das ein dokumentarisches Porträt des Fotografen Sebastiao Salgado ist, der z.Bsp. wochenlang unter den Menschen gelebt hat, die unter elendigen Bedingungen in einer Mine im Tagebau arbeiten. Erst dann gestattet er sich sozusagen, die Menschen vor die Kamera zu holen. Also kein Glitzer Papparazzi Fotograf – das sagt mir zu. Damit ist dem Regisseur Wim Wenders ein tolles Porträt gelungen.
    Und wenn dann noch „Heerscharen“ von Polizisten zu Fuß und hoch zu Ross dafür sorgten , dass nicht wie im vergangenen Jahr, freche Räuber Luxusherbergen ausraubten, dann ist doch wieder alles in bester Ordnung.
    Aber ehrlich gesagt, möchte ich auch mal gerne dort sein und es selbst erleben.. Es wird ja nächstes Jahr wohl sicher wieder stattfinden.

    • dreher sagt:

      Was ist schon sicher, Marianne?! Gerade hat die FN in Frankreich ordentlich Fahrt zugelegt – vielleicht will bald niemand mehr in dieses gefährliche Land reisen?! Aber dass es ein unspektakuläres Event war, ohne große Aufreger, wenn man von Grace und Depardieu absieht, über die aber schon keiner mehr spricht, darüber ist man sich hier einig. Und auf „Mr. Turner“ freue ich mich auch!

  3. Wolfram sagt:

    Die Europawahl – an der ich erstmals in Frankreich teilgenommen habe – war nicht nur eine mittlere, sondern schon eine größere Katastrophe. Ich habe mich auch gefragt, warum das nicht so gesittet abgehen kann wie in Deutschland, mit Parteien, die man kennt, statt dieser seltsamen Listen, von denen man noch nie gehört hat und bei denen man nur durch viel Herumraten eventuell herausfindet, welcher großen Linie sie nahestehen. Mal ausgenommen bleu-marine und Dupont-Aignan, dieser Monsieur Blot des 21. Jahrhunderts, der nur dadurch überhaupt heraussticht, daß er ständig versucht, in Gestik und Diktion Nicolas Sarkozy nachzumachen, und das so ernsthaft, daß es nicht mal lächerlich wirkt. Und dabei Sarkozy rechts zu überholen. Ein Zettel war blaßrot, der war wohl den Sozialisten nah, und einer grasgrün. Aber was sind die Ecolos ohne Eva Joly…
    Aber das kommt davon, wenn man den Leuten erzählt, sie sollten die Europawahl nutzen, um Hollande eins reinzuwürgen. Man kann bei der Wahl nicht gegen was oder wen auch immer stimmen, man kann nur für etwas stimmen. Das erfordert allerdings ein wenig mehr geistige Anstrengung…

  4. Marianne sagt:

    Cannes,
    cann, kann es sein, dass Frankreich mit der FN tatsächlich so abrutschen, dass es mal wieder heißt:
    Eine der Forderungen ist:
    „Angestrebt ist in der Kunst: Ablehnung von „anormaler“ moderner Kunst und Förderung lokaler, traditioneller Kultur“ ???? (ich zitiere aus Wikipedia)
    Ich begebe mich sehr ungern in das Genre Politik, weil es mich nur wie blöde aufregt, aber das (Sparte Kunst) macht mir, neben dem ewig dummen Gewäsch der Einwanderungspolitik, schon zu schaffen.

    Nebenbei wurde von der FN auch schon angetippt, die Todesstrafe wieder einzuführen. Holla, das ist mal ein Statement der FN, das sich sehen lassen kann!!
    Es war schon immer sehr einfach, mit simplen und deftigen Wirtshausparolen die Leute vor den Karren zu spannen.

    Jetzt höre ich auf, weil ich merke, dass ich mich maßlos über die FN aufrege.

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