Adventsbaustelle

K800_DSCN4865So. Wir nähern uns der besinnlichen Adventszeit und ich habe keine Küche. Kurzfristig haben wir beschlossen, die Küche zu renovieren. Das Projekt war eigentlich schon für letztes Jahr angedacht, neue Küchenmöbel inklusive, damals musste aber viel dringlicher eine andere Wohnung instand gesetzt werden. Jetzt also. Als ich nachschaute, ob der große schwedische Möbelmarkt alles, was wir kaufen wollten, auch vorrätig hat, stellte ich konsterniert fest, dass man dort im Sommer auf ein anderes Küchenmodul umgestellt hat,

bye bye Faktum und bye bye meine bereits ausgeklügelte Küchenversion. Wir waren schon mal ziemlich weit gediehen letztes Jahr. Auf ein Neues … Leider ist mein spontaner aber eng gestrickter Terminplan (ich wollte, dass alles bis zum zweiten Adventswochenende erledigt ist, weil wir da zur Ausstellungseröffnung des Wool War I, Sie erinnern sich, ich schrieb darüber, in die entgegengesetzte Ecke Frankreichs fahren werden, und danach wollte ich keine Baustelle mehr vorfinden, sondern es schön haben!) schon durch meine überraschend heftige Erkältung in Verzug geraten. Ich lag zwei Tage wirklich erschöpft im Bett, cloué au lit, wie man hier sagt, „ans Bett gefesselt“ heißt hier wörtlich „aufs Bett genagelt“. Und seit heute hat Monsieur Halsweh und liegt mit Schüttelfrost darnieder. Schöne Aussichten.

Ich weiß ja nicht, wie das bei Ihnen so läuft, aber so sehr Monsieur und ich sonst eine Beziehung auf Augenhöhe haben, so wenig haben wir das im Bereich bricolage, beim Heimwerken. „Das muss da mal weggeräumt werden!“, „Da muss mal durchgewischt werden!“, „Hier muss alles frei sein!“ knurrt Monsieur chefmäßig seine Anweisungen. Ich werde vorübergehend zur Putzhilfe degradiert, allerhöchstens darf ich Anreichungen machen („Ich brauch‘ eine andere Spachtel! Nein, nicht die!“). Alles andere kann nur Monsieur. Schon allein sein Ton lässt mich regelmäßig in die Luft gehen. Und dass er einfach anfängt, ohne Absprache, ohne irgendeine Planung und vor allem, ohne irgendetwas abzudecken oder zur Seite zu räumen. Jedes Mal, es macht mich wahnsinnig! Und schon wird die wegen eines Wasserschadens blätterig gewordene Decke abgekratzt. Eine Schicht der Decke liegt jetzt abgebröckelt überall herum, auch im Futterschüsselchen von Pepita, die es extrem ungerecht findet, dass es draußen seit Tagen regnet und drin jetzt auch ungemütlich wird. Ungemütlich ist es allerdings. Ich räume in Eile alles aus. Es mangelt an Kartons und Kisten und vor allem an Platz. Die Küche ist jetzt in der gesamten Wohnung verteilt. Die Kaffeemaschine, der Wasserkocher, der Toaster und die Küchenmaschine stehen im Wohnzimmer auf dem Fußboden. Kaffee, Tee, Reis, Nudeln, Zucker, Mehl und Gewürze stehen im Flur auf dem Tisch. Cola, Bier, Wein und Wasser darunter, Geschirr und Gläser stehen in Monsieurs Büro zwischen Meccano und Bücherstapeln. Küchentisch und Stühle werden hingegen den ganzen Tag in der Gegend herumgeschoben. Am längsten brauche ich, um Monsieurs enorme Flaschensammlung, die auf den Hängeschränken ausgestellt war, zu säubern und ordentlich in Zeitungspapier zu packen und zu verstauen. Ich weiß nicht, ob ich es schon einmal sagte, aber Monsieur ist Sammler. Monsieur sammelt alles. Vor allem Krimis, Vinylplatten, aber auch altes Spielzeug, Steine, Muscheln oder eben Flaschen. Ich mag das grundsätzlich. Die Sammlungen anderer können ja sehr inspirierend sein (Sie erinnern sich an „A collection a day„?), , aber sehr einengend, wenn man mit ihnen leben muss. Monsieur hat viele Jahre allein in einer großen Wohnung gelebt und sie wurde systematisch mit Sammlungen gefüllt. Ich unterstelle den Frauen seiner Familie, dass sie zusätzlich alles, was sie nicht in ihrem Haushalt haben wollten, aber auch nicht wegwerfen wollten, in Monsieurs Schränken zwischengelagert haben. Anders kann ich mir nicht erklären, dass ein allein lebender Mann, der nicht kocht, zu einer solch gewaltigen Sammlung an uneinheitlicher Bett-, Tischwäsche und Geschirr gekommen ist: wir hätten da etwa 36 große weiße flache Teller, zwölf cremefarbene Suppenteller, zwei Dutzend dunkelbraune Fondueteller, zwölf Dessertteller mit psychedelischem orange-braunem siebziger Jahre Muster, ein Set riesiger verbeulter Aluminium-Kochtöpfe, zehn emaillierte Kochtöpfe in allen Farben und Größen, fünf gigantische Bratpfannen, drei flotte Lotten in unterschiedlicher Größe, etwa fünfzehn gläserne Auflaufformen jeder Form und Größe und jede Menge ehemals weiße Tupperdosen, vermutlich noch aus der ersten Generation. Und natürlich ein Geschirr für zwölf Personen verziert mit reizenden gelben und violetten Schmetterlingen. Als ich das bei meinem Einzug vor knapp fünf Jahren zum ersten Mal sah, war ich fassungslos. Das Problem, dass man zu viele Bücher haben kann, ist mir vertraut, aber dass man von allem zu viel haben kann, hat mich doch erschüttert. Kann irgendetwas davon weg? Natürlich nicht. Monsieur mit seinem Sammelcharakter ist der Ansicht, man müsse alles behalten, wenn man es schonmal hat, weil man es irgendwann noch einmal gebrauchen könne. Irgendwann wird das Fondueessen wieder in Mode kommen, besser, man behält die Teller. Seufzend nahm ich auf der Suche nach etwas Platz für meine Dinge eine Kommodenschublade in Angriff. „Hängst du sehr an der Tischdecke?“ fragte ich Monsieur und hielt ein verwaschenes Tischtuch hoch. Und siehe, ein Wunder, er schüttelte den Kopf. Beglückt legte ich sie beiseite und noch das eine oder andere Stück, das ich sicher nie auflegen würde. „Nein!“ schrie jetzt aber die Tochter von Monsieur empört auf, als sie das sah: „Das ist die Tischdecke, die meine Eltern zur Verlobung bekommen haben!“ Anklagend sah sie mich und Monsieur an. Was für ein Frevel! „Nimm sie!“ Ich drückte ihr die Tischdecke in die Hand, und noch drei andere dazu, soll sie damit glücklich werden. Alles in allem habe ich ein paar Tischdecken, sechs Servietten, und ein Dutzend eigentlich unglaublich praktischer Senfgläser aussortieren dürfen, aber das Haus blieb voll. Und ich unter kritischer Beobachtung. Jedes Mal, wenn Monsieur etwas sucht, sieht er mich streng an. Hast du das etwa weggeworfen? Niemals! Ich schwöre! Jetzt aber sah ich meine Chance gekommen. Und bekomme überraschend Hilfe von Monsieurs Tochter: „Jetzt wirfst du aber mal das alte Zeug weg!“, sagt sie, meint damit allerdings nur die Flaschensammlung, der ich sogar einen gewissen Charme nicht absprechen kann. Und ich mache mit Monsieur einen Deal: in der neuen Küche dürfen in einem rotierendem System immer drei bis fünf ausgewählte Flaschen stehen. Monsieurs Tochter darf aber jetzt die psychedelischen Dessertteller mitnehmen. Die siebziger Jahre kann nur schön finden, wer sie nicht bereits einmal gelebt hat, vermute ich. Viele Einzelstücke verschenke ich jetzt, indem ich sie bei uns auf die Gartenmauer stelle und hoffe, die vorbeieilenden Passanten können davon noch etwas gebrauchen. Ich traue mich allerdings nicht, mehrere bunte Keramikbecher und Keramikschüsseln mit bunten Schmetterlingen, die Monsieurs Ex-Gattin gerne an Weihnachten verschenkt (jedes Jahr ein neues Stück!) dazuzustellen. Ich fürchte, das wird mir demnächst ganz unglücklich aus der Hand fallen.

Heute morgen suchte ich mir das Nötigste aus allen Kisten zusammen: Kaffeefilter, Kaffee, Milch und Zucker, und kochte im Wohnzimmer auf dem Fußboden Kaffee. Dann suchte ich verzweifelt eine Tasse, wo hatte ich sie noch gleich hingeräumt? Gestern fand ich den Ort total praktisch. Achsoja, im Büro, ich sah sie nur nicht, weil Monsieur in der Zwischenzeit seine Farbeimer davor gestellt hatte. So sieht es bei uns aus, die Küche ist leer, alles andere voll und ich fürchte, so wird es bis Weihnachten bleiben. Nix mit Advent und beschaulicher Stimmung, weder Zimt- noch Lebkuchenduft, kein Stollen und keine Springerle. Und eine zusätzliche Adventsdeko werde ich nicht in das überquellende Chaos integrieren. Aber immerhin habe ich vier Kerzen auf einen Silberteller gestellt. Einen schönen ersten Advent wünsche ich Ihnen!

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3 Kommentare zu Adventsbaustelle

  1. Marion sagt:

    Dir auch und trotz allem einen schönen 1. Advent! Psychedelisch finde ich lustig und Vintage ist doch in…:-) Was eine Flotte Lotte und Meccano ist, musste ich erstmal nachgucken… Was WW I angeht, wollte ich schon mal nachgefragt haben, hattest Du Dich an die Strickerei und Zusammennäherei gewöhnt? Klang ja ganz schön angestrengt, was ich gut verstehen konnte. Wenn ich Deinen Eintrag so lese, weiss ich wieder, wieso ich allein lebe. Bin, glaube ich, so gar nicht kompromissfähig…:-) und das wird „im Alter“ (hüstel) ja auch nicht gerade besser… A +, Marion

  2. Claudia Petroni sagt:

    Das sind Texte, die ich am liebsten lese, zeigt es mir doch, daß ich ganz normal bin, hahahaha. Ich sammle allerdings nur Bücher, von denen kann man bekanntlich nie genug haben und man stolpert auch überall und laufend über neue, und Kerzenständer und….und….
    Die Küchenrenovierung haben wir ein bißchen einfacher gelöst, wir haben alles auf eine Seite geräumt und anschließend auf die andere und nur gaaanz wenig ins Schlafzimmer. hat ganz gut geklappt so. Und war natürlich auch einfach nur so, mitten im Sommer.

    Schöne Andventszeit, Grüßle vom nebligen Bodensee

    Claudia Petroni

  3. Barbara Kiel sagt:

    Ich bin erst jetzt zum Lesen gekommen – herrlich anschaulich beschrieben – ein Film lief vor meinen Augen ab. Ich habe das Glück, dass mein Monsieur am Liebsten ganz allein und in Ruhe herumwerkelt und trete dann erst ganz am Schluss in Aktion. Da fällt mir ein, als wir Massivholz-Parkett abgeschliffen bekamen, habe ich alle Schränke innen und außen gereinigt – nach 10 Tagen stellte ich fest, dass sich scheinbar böse Schwebeteilchen aus der Luft nochmals niedergelassen hatten. Also nicht zu schnell ans Putzen gehen! Schleifpartikel halten sich laaange in der Luft!!!

    Herzlichst
    Barbara

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