Zwischen den Jahren

K800_DSCN5108Es sieht ganz so aus, als käme ich endlich mal dazu, einen Text zwischen den Jahren zu schreiben … eine Zeit, die sonst immer davonfliegt … irgendetwas ist dieses Jahr anders, es liegen noch ein paar Zwischen-den-Jahren-Tage vor mir und ich habe Zeit. Und gerade ist es so friedlich, wie man sich das an Weihnachten immer vorstellt: Bei Kerzenlicht, heißem Tee, leckerem Christstollen (jaja, er wurde gut und mürbe, nur vielleicht einen Tick zu lange gebacken) und weihnachtlicher Musik, habe ich eine Katze und zusätzlich einen PC auf den Knien. Das heißt, eigentlich ist es umgekehrt,

die Katze ist es, die sich zusätzlich zwischen mich und den PC gequetscht hat und sich davon trotz meiner Tipperei auch nicht abbringen lässt. Nebenan liest Monsieur in Band 5 eines uralten sechsbändigen Werks über die deutsche Zwischenkriegszeit, er ist seit Wochen davon absorbiert und sollte ich es trotz allem wagen ihn anzusprechen, antwortet er nur durch abwesend gebrummte „hm’s“. Es ist also gerade sehr ruhig und friedlich bei uns. Stille Nacht, O wie lacht, sozusagen. So war es aber nicht die ganze Zeit, es war im Vorfeld sogar sehr unfriedlich und sehr ungemütlich. Ich war genervt und gestresst und hatte nicht mal Zeit, Ihnen anständig frohe Weihnachten zu wünschen, nun ist es zu spät dafür und ich hoffe Sie verzeihen mir das. Ich wünsche Ihnen nachträglich, dass Sie die letzten Tage so verbracht haben wie Sie das wollten – damit seien auch alle die eingeschlossen, die Weihnachten zu einem anderen Zeitpunkt oder gar nicht feiern und damit sei es mit der political correctness dann auch gut. Ich persönlich spreche weiterhin von Weihnachten, und rückblickend war mein Weihnachten schön und ich bin ganz zufrieden damit. Davor und zwischendrin aber, ich sag’s Ihnen, da habe ich mehrfach aus tiefstem Herzen „Ich hasse Weihnachten!“ geflucht. Das alles ist zwar jetzt gar nicht mehr wichtig, und gerade ist es auch so schön friedlich, ich erzähle es Ihnen aber doch. Als nachträgliches Weihnachtsschmankerl. Ich musste dafür aber tatsächlich meine Notizen ansehen, denn das Weihnachtswunder hat stattgefunden und mir oh du Fröhliche all die Ärgernisse aus dem Kopf geblasen.

Nun, die Küche, das wissen Sie ja, war Baustelle und die beiden Christstollen habe ich noch zwischen Farbeimern gebacken. Eine Woche vor Weihnachten sah es hier überall noch katastrophal aus und ich konnte mir selbst nicht richtig vorstellen, wie ich an Heiligabend zwölf Menschen gemütlich um einen Tisch versammeln und bekochen sollte. Denn das durfte ich. Dieses Jahr war ich ja zu Weihnachten nicht in Deutschland und unausgesprochen war sogar mir klar: c’est mon tour! Nach fünf Jahren bin ich dran ein Weihnachtsessen für die französische Familie zu kochen. Ich versuchte es zunächst als „gemeinsames“ Projekt anzuleiern, indem ich sagte, ich will gern was machen, aber nicht am hochheiligen 25. und vielleicht machen wir alle zusammen etwas, und mit Blick auf die Baustelle am besten nicht bei uns … aber das wurde nicht verstanden, konnte vielleicht auch nicht verstanden werden. Es ist doch eine Ehre und eine Freude die Familie festlich zu bekochen und keine Sorge, das wird schon mit der Baustelle … Nun, lange Rede, ich hatte den 24. an der Backe, für ein „kleines“ Weihnachtsessen, und zwar allein, abends immerhin, und schon der engste Familienkreis umfasst zehn Personen. Wir wurden dann zwölf, weil man in Frankreich ja an Weihnachten niemanden allein sein lässt und mir Monsieurs Tochter mit aufgerissenen Augen berichtete: „X und Y sind an Weihnachten ganz allein!“ Was für ein Drama. Man muss wissen X und Y sind ein Paar, zwei erwachsene Menschen, die seit zwei Jahren glücklich und ganz allein zusammenleben und auch ganz allein in den Urlaub fahren. Und jetzt sind die beiden an Weihnachten ganz allein. Ich dachte, die wissen sicher auch was mit sich anzufangen, wenn sie mal einen freien Abend allein zu zweit haben, aber ich verkniff mir diese zynischen Bemerkung und lud selbstverständlich beide ein. Ob zehn oder zwölf, darauf kommts jetzt auch nicht mehr an. Dabei blieb es dann, denn mehr Personen passen wirklich nicht um den Tisch.

Dann blätterte ich Zeitschriften und Kochbücher durch und klickte mich im Internet durch Kochseiten und Foren und las hunderte von Rezepten. Festlich musste es werden, so viel war sicher, aber einfach musste es sein, damit ich das alles hinkriegen kann. Immerhin braucht es mehrere Vorspeisen und mehrere Desserts und einen soliden Hauptgang und natürlich schon einen kleinen selbstgezauberten Schnickschnack zum Apéro. Und Frankreich ist ja so traditionell, eigentlich gibt es immer nur Varianten des Ewiggleichen, kein Weihnachten ohne Foie gras, Austern, Hummer oder  Jakobsmuscheln, Truthahn mit Maronenfüllung oder Ente à l’orange und natürlich eine Buche de Noel. Aber alle diese französischen Klassiker wollte ich nicht machen, weil es eben nicht meine Klassiker sind und eine Deutsche die Franzosen an Weihnachten französische Klassiker serviert, nee, dem wollte ich mich nicht aussetzen. Aber ein typisch deutsches Weihnachtsessen mit Gans und Rotkraut und Knödeln wollte ich auch nicht machen, ganz abgesehen davon, dass ich weder Gans noch Knödel jemals gemacht habe und Rotkraut, das weiß ich schon, wird hier nicht besonders geschätzt. Ich kaufte also diverse Dinge ein und köchelte und mixte und fror ein und taute auf und überprüfte Konsistenz und Farbe und Monsieur musste eine Woche lang Essen probieren, das er zumeist höflich mit „c’est original“ bewertete. „Interessant“ würde ein Deutscher vielleicht sagen, wenn er nicht „schmeckt nicht“ sagen will. Für Monsieur waren das keine bekannten weihnachtlichen Geschmäcker. Und Fragen, die für mich von existenzieller Wichtigkeit waren, etwa „schmeckt man den Meerrettich vor?“ oder „findest du das Lachsrillette mit Dill oder mit Estragon besser?“ wurden häufig nur mit Achselzucken beantwortet. Ich schob es auf Monsieurs Erkältung, dass er diese Fragen nicht beantworten konnte und dass er zusätzlich behauptete das Grünteeparfait habe überhaupt keinen Geschmack, denn ich fand es köstlich, ebenso wie die Rote-Beete-Suppe, die mich vor die schier unlösbare Aufgabe stellte Meerrettich aufzutreiben. Für das Rezept dieser Suppe danke ich an dieser Stelle Vici von ganzem Herzen, die Suppe wurde echt der Knaller und selbst ich, die ich Rote Beete hasse, fand sie großartig! Sie haben eine gewisse Ahnung, es war sehr rot und und grün mein Essen und dazwischen gabs Kalbsbraten. Aber so weit sind wir noch nicht, erst muss aufgeräumt und geputzt werden, und nein, die Flaschensammlung kommt nicht mehr auf den Schrank und ein paar Dinge habe ich jetzt dann doch ändern können in der Küche, auch wenn die neue Küche die alte ist, manche Sachen will ich nicht mehr sehen. Beispielsweise Monsieurs alte ungleiche Küchenlampen. Das kränkt Monsieur und er versteht das nicht, denn erstens haben wir sie schon, was ausgesprochen praktisch ist und sie sind nicht kaputt und sie machen so schön neonhell und ich sage, wer ist denn die meiste Zeit in der Küche und muss dieses kalte Licht ertragen und die Lampen sind hässlich, und praktisch schön und gut, aber schön ist anders und ich will jetzt wenigstens schöne Lampen, wenn ich schon keine neue Küche bekommen kann. So. Die Verhandlungen dauern an. Bislang hängen zwei Glühbirnen von der Decke.

Dann zwinge ich Monsieur mir zu helfen und staubzusaugen. Ich glaube, es ist das erste Mal (und vermutlich auch das letzte Mal) in seinem Leben, dass er das tut. Er ist erstaunlich schnell fertig und schimpft dann lange über den Mechanismus des Saugrohrs, das sich nicht richtig fixieren lässt. „Nie wieder macht er das, man verschwendet seine Zeit damit, dieses Rohr immer wieder dran zu stecken. Unmöglich.“ Daher hat er auch weder unter dem Bett, noch unter den Schränken oder die Teppiche gesaugt. Unter den Schränken ging nicht mit diesem blöden Rohr und auf dem Teppich sieht man doch sowieso nichts. Danke Schatz.

Zu allem Übel gibt der Boiler drei Tage vor Weihnachten seinen Geist auf und wir haben in der Küche nur noch kaltes Wasser. Monsieur, der, das muss ich zu seiner Ehrenrettung sagen, jeden Morgen in aller Frühe meditativ Geschirr spült, denn nein, wir haben keine Geschirrspülmaschine, sieht sich ab sofort außerstande Geschirr zu spülen. „Mach am besten bis Weihnachten kein Geschirr mehr schmutzig“, sagt er, „mittags können wir oben im Imbiss was essen gehen“, schlägt er gnädig vor. Ich bekomme einen hysterischen Anfall, was glaubt er eigentlich wie ich drei Tage vor Weihnachten mit all den Vorbereitungen kein Geschirr mehr schmutzig machen soll? Aber Monsieur hat hin und wieder Anwandlungen von etwas, was man hier psychorigide nennt und wer spült also Geschirr mit im Wasserkocher erhitzten Wasser? Dreimal dürfen Sie raten. Die Stimmung ist deutlich angespannt. Immerhin bekommen wir einen Techniker für den 24. morgens, der den Boiler repariert. Die Waschmaschine erklärt sich jedoch mit dem Boiler solidarisch und wäscht ab sofort nur noch kalt. Aber wir haben dank des sonnigen Wetters ausnahmsweise warmes Wasser im Bad. So viel zum Luxusleben in Cannes.

In meiner unendlichen freien Zeit bastelte ich derweil hübsche Weihnachtskarten und schrieb sie abends – und ab der dreißigsten wurde ich ein bisschen unoriginell fürchte ich, mir fiel gar nichts persönliches mehr ein, aber es ist ja die Geste die zählt, also bitteschön, wenn Sie so eine textlahme Karte erhalten haben, dann seien nachsichtig und freuen Sie sich, es liegen nämlich noch 16 ungeschriebene Karten hier, ich konnte irgendwann einfach nicht mehr. In der Zwischenzeit machte ich mir nämlich Sorgen, denn die Familie beschloss die erste von vier Bescherungen bei uns zu machen. Bescherung? Ich bin ja seit Jahren gegen Geschenke zumindest für die Erwachsenen, aber das kriege ich hier nicht durch, weshalb ich in der Regel Christstollen backe und verschenke. Ich habe dieses Jahr aber nur zwei große gebacken und ich habe keine Zeit (und keine Kraft) mehr für einen weiteren Christstollenbacktag, es gibt also schätzungsweise nur ein paar Scheiben für jeden. Und so backe ich lieber schnell noch Springerle. Aber auch das ergibt nur sechs Plätzchen pro Person und ich finde das alles etwas mickrig, aber für etwas anderes ist es jetzt zu spät und mir fällt auch nicht ein, was ich all den Eingeladenen jeweils schenken könnte. Monsieur findet meine Sorgen unnötig, Geschenke, Geschenke, tss, Geschenke werden komplett überbewertet … er ersteht grundsätzlich auf den letzten Drücker Pralinen, Fruits confits oder Marrons glacés. Basta.

Ich schlafe wenig in den Nächten vor dem 24., aber alles wird gut. Ich habe es tatsächlich geschafft die Krippe und die Weihnachtspyramide aufzustellen, einen geschmückten Kranz an die Tür zu hängen und eine Lichterkette über den Ficus zu werfen. Und alles ist aufgeräumt und sauber, aber schauen Sie nur nicht in mein Büro im Erdgeschoss, ich hoffe, dass niemand überraschend bei uns übernachten will. Am 24. schnippele, brutzele und köchele ich und versuche ruhig zu bleiben. Punkt Zwölf steckt Monsieur den Kopf durch die Küchentür und fragt leutselig Qu’est-ce qu’on mange, cherie? Das ist das letzte Mal, dass ich schreie an diesem Tag. Den Tisch decke ich in letzter Minute, damit Pepita sich nicht wieder breit dazwischenlegt, nach dem Motto, hier passiert was und ich bin dabei. Aber alles wird gut, alles ist fertig, auch die Köchin schafft es noch zu duschen und sich aufzuhübschen, und das Essen überrascht und gefällt und schmeckt (auch Monsieur hat sich nun, nachdem er alles vorab schon mehrfach gegessen hat, an den Geschmack gewöhnt) und es gibt viel Lob, selbst meine Schwiegermutter sagt nichts, was ganz im schwäbischen Sinn „nicht geschimpft ist genug gelobt“ positiv gewertet werden kann. Hurrah! Am nächsten Tag mache ich eine dreistündige Sieste. Und jetzt bin ich tatsächlich zufrieden, denn ich habe mich, so scheint es, in die Herzen meiner französischen Familie gekocht … und unser gegenseitiges Misstrauen scheint sich nach fünf langen Jahren zu legen und allmählich ensteht, aus einer Wurzel zart, ich bin noch etwas zögerlich, aber ich glaube doch …  echte Zuneigung … wenn das nicht Weihnachten ist!

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3 Antworten auf Zwischen den Jahren

  1. Marion sagt:

    LOL, siehst Du Christjann, Du kannst doch, wenn Du nur willst…:-) Bist Du nicht in der Auberge auch schon ein wenig in die Koch-Lehre gegangen? Du musst Dein Licht bestimmt nicht unter den Scheffel stellen. Monsieur erinnert mich ein wenig an meinen Vater, was die Sparsamkeit und den Konservatismus angeht. Was ist das denn auf dem Bild, die Waschmaschine im Schleudergang mit kaltem Wasser, in die sich das Weihnachtslametta verirrt hat? Ich wünsche Dir noch ERHOLSAME Rest-2014-Tage!

    • dreher sagt:

      Ja, ja Marion ;-) und danke für die Wünsche, und das Bild ist ein Zufallsfoto, das entstand, als ich neulich nachts ohne Stativ Lichterdeko fotografieren wollte – mir gefällts eigentlich ganz gut, ich nannte es großspurig „ohne Titel 2014“ aber deine Beschreibung ist nicht unpassend ;-)
      Scherz beseite, ich brauchte ein Foto im Text, damit bei der Veröffentlichung auf FB nicht mein Buchcover abgebildet wird – warum auch immer das so funktioniert – und ich fand nix passendes …

      • Marion sagt:

        Don’t worry, das Foto ist sehr schön – arty und festlich… Und der Titel weist irgendwie auf eine Zukunft als Fotokünstlerin hin…:-)