Nous sommes tous Charlie Hebdo

nous sommes charlieGestern Abend schrieb ich diesen Text, aber dann sah ich sehr spät abends auf dem Privatsender BMFTVein Interview mit Jeannette Bougrab, der Lebensgefährtin des Zeichners Charb, das mich stark aufwühlte. Und ich dachte, es gibt Wichtigeres zu sagen als meine Privatbefindlichkeiten. Aber irgendwie möchte ich auch mein persönliches Erleben dokumentieren, also lasse ich es stehen, aber ich werde einen weiteren Text schreiben, und da müssen Sie jetzt durch, oder Sie lassen es bleiben – es ist das, was mich bewegt in diesen Tagen.

Ich erinnere mich, dass man mir, als ich vor ein paar Jahren mehrfach über die Tragödie von Fukushima in Japan schrieb, nahelegte, besser wieder heitere französische Schmankerl zu erzählen, ist das nicht ein heiterer Frankreichblog? Na also.

Nun ist aber etwas in Frankreich passiert, es ist alles andere als heiter und mir geht es damit ähnlich wie nach dem Tod von Patrick. Ich schlafe mit Gedanken an das Massaker ein und morgens, wenn ich aufwache, ist es sofort wieder da. Es ist weniger existentiell und weniger schmerzhaft, aber die Trauer ist einfach immer da, ganz gleich, was ich tue und mache. Ich bin persönlich betroffen. Ganz anders als bei den Terroranschlägen 2001 in den USA, die mir bei allem Schrecken nicht wirklich nahe kamen. Es war vermutlich zu weit weg und zu groß, zu gewaltig, nicht fassbar, warum auch immer. Ich erinnere mich, dass die Journalistin und Autorin Else Buschheuer damals in den USA war und von dem Anschlag so persönlich betroffen, dass sie alle beruflichen Verpflichtungen in Deutschland in den Wind schlug und einfach dort blieb und darüber schrieb. Sie konnte nicht weg. Sie war Augenzeugin und damit persönlich involviert. Ich fand das damals bemerkenswert aber irgendwie auch unverständlich. Mich ging dieses Attentat nicht wirklich etwas an. Dieses Mal ist es anders. Charlie Hebdo geht mich etwas an, ich bin betroffen, und zum ersten Mal seit zehn Jahren fühle ich mich den Franzosen wirklich zugehörig. Ich trauere nicht mehr mit ihnen. Ich trauere ganz einfach. Wie alle.

Es war gestern ein nationaler Tag der Trauer mit einer Schweigeminute um 12 Uhr. Wir haben uns dafür vor einer Kirche in Rocheville an der Grenze zu Le Cannet eingefunden; Rocheville ist ein problematischer Stadtteil mit hoher arabischer und afrikanischer Bevölkerung, der in meinem neuen Kriminalroman eine Rolle spielt. Es ist eigenartig für mich, ausgerechnet dort vor einer Kirche zu stehen und zu schweigen. Wir waren nur eine Handvoll Menschen und ich hätte zunächst lieber irgendwo anders und vor allem in einer großen Menge gestanden, aber letztlich bin ich froh über dieses kleine Zeichen an diesem Ort. Ansonsten ist es wieder ein Tag, den ich fast vollständig vor dem Fernseher verbringe oder ich höre France Info. Etwas anderes geht nicht und ich spüre, wie auch damals nach dem Tod von Patrick, Unwillen über alle die, die schon an anderes denken können, dabei war das Schlimme doch gerade eben erst. Hier hat der Ausverkauf begonnen und als ich -gestern nachmittag in einer Buchhandlung natürlich vergeblich nach der letzten Charlie Hebdo-Ausgabe suche (die mit dem bösen Houellebecq darauf, die man nun im Internet zum Teil für viele tausend Euro erstehen kann!), sehe ich, dass der Run auf die Schnäppchen trotz allem stattfindet. Und natürlich gibt es auch anderes im Fernsehen zu sehen, aber die Nachrichtensender immerhin sprechen nur von Charlie Hebdo. Und es gibt Nachrufe, Interviews und Filmausschnitte mit und über die Zeichner, so witzige, verschrobene und liebenswürdige Menschen, und die Geschichte des Satiremagazins wird erzählt und wie es jetzt weitergehen wird. Schrieb ich eben noch, es sei unsicher, ob Charlie Hebdo das überleben wird, so ist gestern dank einer Welle der Solidarität und Hilfe der französischen Presse zumindest die nächste Nummer beschlossen worden. Sie wird nur vier oder acht Seiten umfassen, wird ausschließlich von den Überlebenden des Attentats geschrieben und in der unglaublichen Auflage von 1 Million Exemplaren gedruckt – normalerweise hat das Magazin nur eine Auflage von 30.000 Exemplaren und stand immer kurz vor dem finanziellen Aus. Charlie Hebdo wird weiterleben, Charlie Hebdo muss weiterleben. Das sagten einheitlich die Tochter von Wolinski sowie die Lebensgefährtin von Charb, deren Interviews ich gerade sah. Nicht aufgeben, weitermachen, nur das ist im Sinn von Charb und Wolinski. Charb, der sagte, er würde lieber aufrecht sterben als auf Knien leben. Charb ist aufrecht gestorben. Für seine Überzeugungen, für die Freiheit des Wortes!

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3 Kommentare zu Nous sommes tous Charlie Hebdo

  1. Christiane sagt:

    Liebe Christiane,
    mir geht es genauso wie dir. Ich bin aufgewühlt von den Ereignissen und verfolge im Netz, aber auch in Fernsehen und Radio, was passiert, wie kommentiert wird etc. Ich fühle den Druck, mich mit den Ereignissen auseinanderzusetzen, mehr noch mit den ganzen Problemen, die damit zusammenhängen, und spüre dabei das starke Bedürfnis, meine Positionen zu schärfen: als Privatperson, als Staatsbürgerin, als Europäerin. Heute Nachmittag findet in Bremen eine Solidaritätskundgebung in der Bürgerschaft statt. Im Rathaus liegt ein Kondolenzbuch aus, in das man sich eintragen kann. Gesten, die nichts ungeschehen machen und keine Probleme lösen können. Aber vielleicht helfen sie dabei, die Fassung wiederzuerlangen und, gemeinsam mit anderen, eine Haltung des Mutes, der Festigkeit und Stärke zu nähren, die die Mitarbeiter von Charlie Hebdo vorgelebt haben.
    „Je suis Charlie!“

    • Birgit sagt:

      Liebe Christane, ich teile deine Erschütterung und dein Entsetzen. Ich kannte Charlie Hebdo bis jetzt nicht, egal aber diese Tat ist mit nichts zu entschuldigen. Ich habe in der letzten Zeit ein Toleranzproblem mit dem Islam, obwohl ich eine muslimische Schwiegertochter ( Indonesierin) habe, die ich sehr mag. Z.z. sind in Dresden jede Woche Demos gegen die deutsche Asylantenpolitik, die von den Medien und den Regierenden in die rechte Ecke gestellt werden. Was ist das für eine Zeit, wo die Ängste nicht ernst genommen werden, muss erst das Gleiche in Deutschland passieren? Liebe Grüße und in Trauer Birgit

  2. Christiane sagt:

    Vielleicht magst du auch diese Kampagne posten:
    https://www.campact.de/Pegida-stoppen
    Danke!