Le funiculaire – die Bergbahn von Cannes

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Beim letzten Spaziergang bin ich zufällig über ein Teilstück der ehemaligen Bergbahn gestolpert: le funiculaire. Ich kletterte in der von Pflanzen überwucherten Anlage herum und es war klar, die Geschichte der Bergbahn von Cannes musste ich mir näher ansehen. Ich hatte bislang immer nur mit einem Ohr zugehört, wenn Monsieur mir davon erzählt hatte, denn was er erzählte schien mir nicht glaubhaft zu sein. Ich wusste nicht so richtig, was ich davon halten sollte. Übertrieb er? Gab es eine ironische Seite, die ich nicht verstand? Es blieb mir fremd. Jetzt aber hörte ich ihm zu …

und verstand, dass er nicht voller Ironie sondern mit einer gewissen Bitterkeit sprach, und das Internet, das ich zur Sicherheit befragte, bestätigte alles. Ich will Sie nicht auf die Folter spannen und mache es funiculaire 1kurz mit der Geschichte der Bergbahn: Eröffnet wurde sie 1928; von einem kleinen Bahnhof, gebaut im Stil einer ländlichen Kapelle und ausgeschmückt mit Gemälden des Cannoiser Malers Louis Pastour, ging es über 850 Meter steil nach oben, nach Super Cannes, zu einem Aussichtsturm, l’observatoire und daneben hatte man eine Ausflugsgastronomie errichtet: ein Salon de Thé lud mit seiner halbrunden Aussichtsterrasse zum Verweilen ein. Die Anlage war seinerzeit der ganze Stolz von Cannes und bot den idealen Sonntagsausflug für betuchte Cannois oder vielmehr für die Gäste der Grandhotels. Die Fahrt war, soweit man sich hier erinnert, sehr teuer, aber es war schick und die Aussicht von da oben atemberaubend. Man sah vom Esterelgebirge bis zum Cap d’Antibes und manchmal, nach funiculaire 3Mistraltagen, sogar bis nach Korsika. Bis 1966 war die Bahn in Betrieb, dann verlor sie ihre Anziehungskraft. Jedermann hatte nun ein eigenes Auto und man bevorzugte, sich mit dem eigenen Wagen nach Super Cannes (oder auch anderswohin) zu begeben. Die Bergbahn hat wohl nie wirklich rentabel gearbeitet, die Summe, um die in der Zwischenzeit veraltete Technik zu erneuern, wurde von der Betreiberfirma nicht aufgebracht. Und ein so altmodisches und unrentables Transportmittel zu erhalten, war im aufstrebenden und modernen Cannes wirklich die letzte Sorge der Stadt. Es war das Aus für die Bergbahn und die gesamte Anlage. Sie fiel in einen Dornröschenschlaf. Bis 1989. Da verkaufte der damalige Bürgermeister Michel Mouillot gleich in seinem ersten Amtsjahr die Bergbahn, den Aussichtsturm und das gesamte Gelände an seine königliche Hoheit, den Emir Khalifa ben Zayed Al Nahyane, den heutigen Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate und einer der reichsten Männer der Welt (es gibt da unterschiedliche Listen, aber er ist auf jeden Fall unter den ersten 20), der sich in Super Cannes einen somptuösen Palast bauen und aus der Bergbahn eine Privatstraße machen wollte. Es gab dann doch ein bisschen Krawall und die zunächst großzügig erteilte Baugenehmigung wurde später zurückgezogen, weil das 24tausend Quadratmeter große Grundstück von der Avenue de l’Esterel durchschnitten wird und die zukünftige Bebauung somit öffentliches Gelände berührt hätte. Sheik Kalifa hätte sich mit dem oberhalb der Avenue de l’Esterel liegenden Teil, also mit nur etwa 12tausend Quadratmetern zufrieden geben müssen. Nicht genug, befand er. Außerdem war er gekränkt, dass man ihm etwas abschlug. Das war Sheik Khalifa nicht gewohnt und beleidigt ließ er nun dieses kleingeistige Cannes und alle Baupläne fallen und kaufte sich zum Trost ein paar Fußballklubs. Die gesamte Bahnanlage, Aussichtsturm und Terrasse und die dazu gehörigen Grundstücke verkommen derweil.

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Das ist dem Sheik natürlich egal, er muss es ja nicht sehen. Dem (damaligen) Bürgermeister war und ist es auch egal, er hat mit dem Verkauf immerhin die Stadtkasse gefüllt und vermutlich nicht nur die. Er musste dann 2005 wegen Korruption, Erpressung and anderer Kleinigkeiten ein paar Jahre ins Gefängnis. (By the way, der letzte Bürgermeister der Stadt wird ganz aktuell ähnlicher Dinge angeklagt. Nur, damit Sie so eine gewisse Vorstellung von der ehrenwerten Gesellschaft hier haben.)

K800_DSCN5303Ich bin natürlich ein paar Jahre zu spät gekommen, um auch den verlassenen Turm und die Anlage dort oben richtig zu dokumentieren. Im Internet gibt es Filme, die Jugendliche zeigen, die den mit Graffitti bemalten Turm erklimmen, aber nachdem die Anlage rund um den Aussichtsturm von Wohnsitzlosen in Besitz genommen wurde und der Ort allmählich vermüllte und zusätzlich zu einem Umschlagplatz für Drogen und Prostitution wurde, hat man vor einigen Jahren alles zugemauert und abgesperrt. Ich habe zwar ein Loch im Zaun gefunden und es  verschwanden gerade ein paar Jugendliche darin, als ich dort herumlief, da ich aber kurz vorher schon von der Police Municipale kontrolliert worden war, weil ich mit meiner Fotografiererei mal wieder verdächtig geworden bin (ich lief nämlich auf dem Weg zum Aussichtsturm lange durch die Straßen von Super Cannes, was an sich schon ungewöhnlich ist, denn da oben gibt es nicht mal Bürgersteige, niemand deplatziert sich hier zu Fuß, hier fährt man oder man wird gefahren … und dann fotografierte ich auch noch hin und wieder durch Gartenzäune … oulaaah, ganz gefährlich!); ich wollte also nicht noch eins drauf setzen. Dabei war das alles noch vor dem Anschlag auf Charlie Hebdo – in der Zwischenzeit patroulliert hier allüberall viel streng schauende Polizei und Militär und am Dienstag wurden mitten in Nizza schon wieder drei Militärs, die eine jüdische Einrichtung bewachten, angegriffen. Hier sind alle sehr angespannt und wachsam. Ich vermute, es wird in Zukunft noch etwas schwieriger fotografierend durch Cannes zu laufen.

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Seitdem ich mich mit der Bergbahn beschäftige, fällt mir auf, dass man den Aussichtsturm wirklich von überall sieht. Fast so wie der Eiffelturm in Paris winkt er einem von Ferne zu. Und selbst von unserem Hinterhof kann man ihn ganz klein erspähen.

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Anbei noch der Stadtplan, damit Sie näherungsweise sehen, wo wir uns befinden (klicken Sie drauf, dann wird es größer), und den Blick, den man etwa bereits von halber Höhe der Bergbahn hat. Von oben sieht man jetzt leider gar nichts mehr, es ist wirklich sehr trostlos – man steht vor Mauern und Zäunen.

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Im Internet entdeckte ich dann noch allerhand andere alte Aufnahmen – und ein älterer Cannoiser Autoliebhaber bastelte gar eine kleine Diashow von der Bergbahn und stellte dafür immer mal wieder stolz seinen BMW 700 Luxus ins Bild. Er hat vermutlich die größte Sammlung alter Aufnahmen, Postkarten und Plakate zur Bergbahn. Die apokalyptische Musik, mit der die Diashow unterlegt ist, kann durchaus als Ausdruck der Trauer um das ehemalige Prunkstück von Cannes verstanden werden.

 

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4 Antworten auf Le funiculaire – die Bergbahn von Cannes

  1. Kerstin sagt:

    Ich bin Dir so, so dankbar für Deine Blogposts zum „verborgenen“ Cannes! Vor ein paar Jahren entdeckten wir in einer Tourismusbroschüre der Stadt einen Hinweis zu dem Kanal und machten uns gleich auf die Suche. Dein erster Beitrag dazu deckte sich genau mit unserem Erlebnis. In der Broschüre war wohl ein wenig geflunkert worden, was die touristische Bedeutung des Kleinod betrifft. ;) Und wir fanden die Erfahrung dann auch ein wenig schräg, aber dennoch ziemlich interessant, so dass ich es kaum erwarten kann, beim nächsten Besuch mehr vom Kanal und nun natürlich auch die alte Bergbahn zu erforschen. Für mich ist Dein „Cannes zu Fuß“ wirklich ein großer Gewinn! Liebe Grüße aus Potsdam

    • dreher sagt:

      Oh, danke Kerstin, das freut mich ja sehr! Ich kenne die Broschüre nicht, ob „geflunkert“ weiß ich nicht, man neigt hier aber gern dazu das bisschen, das jenseits des BlingBling für die heimische Bevölkerung getan wird, besonders zu betonen. Die Franzosen sind aber generell begeisterungsfähig(er), auch für (in deutschen Augen) wenig Besonderes ;-)
      Ich habe gerade noch zur besseren Orientierung den Stadtplan eingefügt …

  2. Marianne sagt:

    Großartiger Bericht, liebe Christiane,
    es macht mich wütend und traurig, dass in unserer Zeit nur noch die Superreichen das Sagen haben. Was würde es Seiner königlichen Hohheit denn schon kosten, dieses schützenswerte Baudenkmal zu restaurieren und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Das könnte sich sogar rechnen und man würde ihn als großen Gönner dann lobpreisen können.
    Aber wie Du es sagst, es ist für ihn ein ungeliebtes Spielzeug geworden, dass man in die Ecke wirft. Und da es ja auch sein Privatbesitz ist, kann man ja auch nicht mit einer Bürgerinitiative daran denken, es aufzuarbeiten.
    Geradezu aktuell passend dazu der Verkauf von Paul Gauguins Gemälde „Nafea faa ipoipo (Wann wirst Du heiraten?)” für sage und schreibe 300 Millionen nach Qatar. Die Verkäuferfamilie Rudolf Staechlin sieht den Markt dafür momentan für sehr gut… Nachzulesen in der FAZ. Damit hängt es wohl neben Cézanne mit 250 Mio.
    So verschwinden immer mehr Kulturgüter in den Katakomben der Reichen, denen es nur ums „Habenwollen“ geht. Und wir sehen sie nie mehr wieder. Meine Seele blutet…
    Und damit schlage ich den Bogen zu Charlie Hebdo; unbequeme Erzähler der
    Wahrheiten, die uns mit ähnlichen Geschichten aufrütteln.
    Je suis Charlie – werde es hoffentlich immer bleiben.

    • dreher sagt:

      Danke Marianne, … ja, es ist traurig, der Verkauf der Bergbahn war nur der Beginn vom „Ausverkauf“ von Cannes … aber eine Bürgerinitiative gab es zu Beginn der 80er Jahre … man hatte schon viel Geld gesammelt, um die Anlage wiederzubeleben, aber dann verschwand einer mit der Kasse und damit war das Projekt gestorben … so ist es hier …