Zehn Jahre

K800_IMG_20150705_132906Heute vor zehn Jahren bin ich nach Frankreich aufgebrochen. Vorhin habe ich mein erstes französisches Tagebuch wieder rausgekramt und bin beim Lesen in Erinnerungen versunken.“Ich bin auch nicht nervöser als sonst beim Verreisen“ schrieb ich sehr cool am Flughafen eine halbe Stunde vorm Einsteigen in den Flieger. Vermutlich musste ich mich selbst beruhigen. Ich war sehr nervös. Und das Ankommen auf meinem Biohof war ein Schock. Das habe ich in meinem ersten Büchlein ja schon einmal beschrieben und will Sie damit nicht langweilen. Aber ich dachte damals wirklich, auf einer stillen romantisch-schönen Alm zu landen, und dann war es so ein lautes und alternativ-chaotisches Durcheinander.

Meine ersten Einträge sind auch eine Ansammlung von staunenden, unverstehenden Beobachtungen. Oh Gott, wie sieht es hier aus? Wer lebt hier und wo und wie und mit wem? Wer sind alle die Leute am Tisch beim Mittagessen? Was ist das überhaupt für ein Essen? Es gibt kein Internet! Und kein Mobilfunknetz!

K800_IMG_20150705_132751Dass ich geblieben bin, lag anfangs wirklich nur daran, dass ich meine Kölner Wohnung für ein Jahr untervermietet hatte und nicht wusste, was ich sonst hätte machen und wo ich sonst hätte unterkommen können. Von einem vergleichbaren Hof in Deutschland wäre ich sicher geflüchtet. Aber heute sage ich: dieser Hof war meine Rettung!

Achtung! Der folgende Text beschreibt Dinge, die sensible LeserInnen schockieren und in ihren Gefühlen verletzen könnten. Die Autorin übernimmt keine Haftung. 

Eigentlich wollte ich den Text mit dem Satz „Heute habe ich drei Kaninchen geschlachtet“ beginnen. So steht es in meinem Tagebuch, gleich in der ersten Woche meines Hoflebens. Ich habe aber ehrlich gesagt nur beobachtend teilgenommen. Das Essen von Tieren und das Schlachten ist ja gerade großes Thema in Deutschland. Herr Raether hat in diesem Zusammenhang ein Huhn geschlachtet und darüber geschrieben. Es hat sein Leben verändert. Vorübergehend, wage ich zu behaupten.

In Frankreich ist diese Ausrufezeichenlastige und hochdramatische „Tiere-essen“-Diskussion überhaupt nicht denkbar. Frankreich ist so ein ländliches Land, und jeder, selbst der snobigste Städter hat eine ländliche Vergangenheit und noch eine Großmutter oder einen Onkel mit einem großen, aber einfachen Haus auf dem Land, wo man sich im Sommer versammelt, und natürlich gibt es dort ein paar Hühner und Kaninchen und vielleicht eine Kuh, und der Umgang mit Tieren ist ein viel selbstverständlicherer und das Schlachten und Essen auch.

Ich war in Deutschland keine große Fleisch-Esserin, und je weniger ich aß, desto ekliger fand ich es. Ich mochte zum Schluss nicht mal mehr völlig neutral aussehende (und schmeckende) Putenschnitzel anfassen. So kam ich nach Frankreich und musste zu meinem großen Staunen feststellen: Ohne Fleisch geht hier gar nichts.

„Du bist hoffentlich keine Vegetarierin?“, war die erschrocken gestellte Frage, weil ich nur zögerlich diese Merkwürdigkeiten aus der Schüssel auf meinen Teller nahm. Pieds et Paquets* habe ich wirklich am zweiten Tag meines Aufenthaltes zu essen bekommen, ich habe es im Tagebuch nachgelesen. Ich wusste nicht, was ich esse. Es sah fremd aus und es roch fremd. Stellen Sie sich mein Gesicht vor, als mein Tischnachbar genüßlich schmatzend die einzelnen Fußknochen eines Lammfußes ablutschte und dann auf den Teller legte.

Der Kaninchenschlachttag kam überraschend, nachdem nachts einer der Hofhunde zusammen mit einem Nachbarhund ein aus dem Stall entwichenes Kaninchen gefressen hatten. In meinem Tagebuch steht „Warum daraufhin die restlichen drei Kaninchen von uns gegessen werden müssen, weiß ich nicht“. Nun, es war, damit die Hunde nicht auf den Geschmack kommen, denn dann hätte man die Hunde erschießen müssen. Hunde, die Kaninchen oder Hühner jagen, die eigenen oder die des Nachbarn, sind nicht tragbar auf einem Hof. Später habe ich das einmal miterlebt und es war bitter. Aber das Landleben ist beileibe nicht so romantisch wie einem manche Zeitschriften vermitteln wollen.

Das Kaninchenschlachten ging erstaunlich schnell, sachlich und unspektakulär; hier heißt der Schlag, den man den Kaninchen versetzt, damit ihr Genick bricht, le coup du lapin, und das Schleudertrauma, das man bei einem Autounfall erleiden kann, heißt hier ganz genauso. Sie sehen, der Franzose ist in jeder Situation noch nah dran am Landleben.

Auch das Ausbluten lassen, das Häuten und Ausnehmen habe ich am Tag 5 meines Hofaufenthaltes völlig untraumatisiert miterlebt. Schockiert hat mich abends, als ich ein Joghurt aus dem großen, alten mehrtürigen Kühlschrank holte, dass mir dort drei abgezogene rattig aussehende Tiere entgegenschauten. Aber ich hütete mich, das zu sagen. Irgendwann haben wir die Kaninchen dann sicher auch gegessen. Es hat mir nichts ausgemacht. Ich esse erstaunlich gern Kaninchen. In Senfsauce zum Beispiel. Ich denke, Kaninchen wäre eines der Tiere, das ich schlachten könnte, wenn man die Idee, dass man nur das essen darf, was man auch töten kann, umsetzen wollte.

Hühner gehen auch. Obwohl ihr Geflatter nachdem man ihnen den Kopf abgeschnitten hat, schon bizarr ist; außerdem schrien unsere jämmerlich rum, weil niemand vorher liebevoll mit ihnen gesprochen hat, sondern sie wurden einfach schwupps genommen und an einem Fuß aufgehängt. Lesen Sie mal den Text von Herrn Raether, den ich oben verlinkt K800_IMG_20150705_164531habe, so in etwa ist es. Ich war aber nach drei Monaten Hofleben schon nicht mehr so pienzig. Und ich hatte im Vorjahr in Afrika schon einmal für eine Opfergabe an einem heiligen Ort zwei magere Hühner durch den Busch getragen. Vorher schlenkerten sie noch am Mofalenker und wurden mir, als es nur noch zu Fuß weiterging, von meinem afrikanischen Mofachauffeur ganz selbstverständlich in die Hand gedrückt: Frau trägt Huhn. Basta.

Hühner und Enten haben wir geschlachtet, als die damals so dramatisierte Vogelgrippe grassierte. Es war ein Großschlachttag, mehrere Hühner, der Hahn und die Enten wurden getötet, danach in kochendes Wasser getaucht und zum Rupfen aufgehängt. Und alle waren dabei, auch die Kinder, zwei Freunde aus der Stadt, die gerade anwesend waren, und es wurde gelacht und geredet und niemand war so gebrochen, wie es Herr Räther nach seinem ersten Huhn war. Als wir die Hühner ausnahmen, fanden wir darin noch ein paar ungelegte kleine Eier, die gab es dann gekocht zum Mittagessen. Nachdem die Hühner so geschrien hatten, fand ich die Enten, die nicht mal „pieps“ machten, unglaublich heldenhaft. Erst viel später habe ich erfahren, dass es eine stumme Rasse war. Das war mir tierentwöhnten Städterin bis dahin nicht mal aufgefallen, dass sie nicht schnatterten und quakten. Und im Nachhinein taten sie mir jetzt schrecklich leid, dass sie nichtmal schreien konnten, als ihr letztes Stündlein geschlagen hatte.

„Sind sie nicht schön?“, fragte A. stolz, als wir nach vollbrachter Arbeit alle um die tiefkühlbereiten Hühner und Enten herumstanden. „Sehr schön!“, lautete die einhellige Antwort. Ich nickte auch, obwohl ich ein nacktes Huhn nicht gerade „schön“ fand und gar keine Vergleichswerte mit anderen Hühnern hatte. Wir haben sie irgendwann eines nach dem anderen aufgegessen, und die Enten gabs an Weihnachten. Mit Orangensauce. Sehr fein.

Sie finden mich verroht? Ach was, nur endlich ganz normal, würde ich sagen. Ich bin immer noch nicht zur großen Fleischesserin geworden, aber ich bin heute in der Lage Monsieur sein blutiges Steak zuzubereiten. Und ich habe sogar einen Metzger, den ich bitten kann, mir Schweinebäckchen zu bestellen. Schweine haben wir natürlich auch geschlachtet, aber darüber habe ich in meinem Buch ja schon geschrieben.

Der Aufenthalt und die Arbeit auf dem Hof waren meine Rettung. Es hat mich geerdet und mit dem echten Leben in Kontakt gebracht. Zurück in mein aseptisches städtisches Leben wollte ich nicht mehr. Und so bin ich nach dem geplanten Auszeitjahr geblieben. Für noch ein Jahr. Und ich bin immer noch da. Was ist nicht alles passiert in diesen zehn Jahren! Heute sieht mein Leben anders aus, aber das Wichtigste ist: Ich bin lebendig geworden in Frankreich. Ich lebe. Merci!

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*Das sind Lammfüße und zu kleine Päckchen gefaltete Lammmägen in einer würzigen Tomatensoße. Kutteln heißt das auch und ist andernorts gerne Hundefutter.

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2 Antworten auf Zehn Jahre

  1. Friederike sagt:

    Wunderbar! ;-) Fleischverzehr hin, und Schlachtung her: das „aseptische städtische Leben“ wäre keine Alternative. Eben.