Über das Schreiben

„Schreibst du jetzt was?“, fragt mich gespannt meine kleine Enkelin, als ich den Klapprechner öffne und lehnt sich weit vor, um gleichzeitig mit in den Computer zu schauen. Ich habe immer so nette bunte Hintergrundbilder, die schaut sie gerne an. „Schreiben?“ Fast hätte ich hysterisch gelacht. Aber ich bemühe mich freundlich zu bleiben. Immerhin habe ich ihr einmal erklärt, dass Schreiben am Computer auch Arbeit sein kann und dass ich in der Regel arbeite, wenn ich am Computer sitze. „Nein“, sage ich, „ich schaue nur mal kurz, ob ich elektronische Post habe, die dringend beantwortet werden will“ und klicke dann doch mal kurz auf Facebook, nur kurz wirklich, nur so ein „Ich war da“-Signal, kurz ein „like“ hier und siehe da, auf meinem Lieblingsblog gibts was Neues, aber zum genüsslichen Lesen komme ich nicht, geschweige denn zum Schreiben. Und dann klappe ich den Rechner wieder zu und gehe mit der Enkelin in den Garten zum ersehnten Federballspielen.

Mit dem Schreiben ist es ja so eine Sache. Das Schwierige an der Freiheit ist die Freiheit sage ich gern. Ich kann ja in der Regel schreiben wann ich will und muss nicht um halb Neun irgendwo sein und genau da beginnt das Problem. „Komm, geh doch mit an den Strand, du wolltest doch regelmäßig schwimmen gehen!“, sagt Monsieur frühmorgens zum Beispiel. Ja, das wollte ich. Ich wollte aber auch regelmäßig schreiben, eigentlich. Seit meinem Skiunfall mache ich tatsächlich viel mehr Sport. Spaß macht es mir nicht wirklich, aber ich zwinge mich und meinem Knie geht es wirklich so gut, dass ich es vergesse. Bis ich beim Federballspielen mit der Enkelin eine komische Drehung mache. „Au!“, sagte das Knie, und „hallo, du hast schon lange kein Muskeltraining mehr gemacht!“, schob es vorwurfsvoll hinterher. „Ja, aber ich habe drei Wochen lang Rollstuhl geschoben und immerhin bin ich zum Einkaufen mit einem Rädchen gefahren!“, antworte ich dem Knie, aber es bleibt schlecht gelaunt. Federball wird bis auf Weiteres gestrichen. „Aber Tischtennis kannst du doch spielen, da muss man nicht so rennen!“, schlägt hoffnungsvoll der Enkel vor, der eben noch so klein, jetzt urplötzlich groß und im Stimmbruch ist und mir erwartungsvoll den Schläger hinhält.

Ich schweife ab. Sehen Sie, so ist es mit dem Schreiben. Man muss die Gedanken diszipliniert und konzentriert da lassen, wo sie hinsollen, damit es ein Stück gibt – die meiste Zeit zumindest. Und auch wieder nicht, denn ein bisschen kreatives Abschweifen und Stöbern und manchmal auch etwas ganz anderes tun sind dem kreativen Prozess durchaus förderlich. Leben muss man ja auch etwas, um darüber schreiben zu können. Manchmal hilft sogar ein Mittagsschläfchen. Machen Sie das mal der angeheirateten Schwiegertochter klar, die verständnislos meint, dann hätte ich ja auch auf die Kinder aufpassen können, wenn ich sowieso nicht schriebe, sondern in der Sonne Zeitung läse. Es ist nicht wirklich klar, wo der Schreibprozess anfängt und wo er aufhört. Vor allem nicht für die anderen.

Ich lese daher gern darüber wie andere Autoren so schreiben, immer auf der Suche nach der Ideallösung für mich. Die meisten, die so ein diszipliniertes Jeden-Tag-Schreiben machen, um eine Arbeit, einen Text, ein Manuskript oder was auch immer fertig zu kriegen, ziehen sich in ein Zimmer oder ein Büro oder gar eine eigene Wohnung zurück und werden dort dann einfach nicht gestört und gehen nicht ans Telefon und sind auf wundersame Weise sofort produktiv. Die große Kinderschar von Thomas Mann durfte nur auf Zehenspitzen durchs Haus schleichen, wenn der große Zauberer schrieb. Eben suchte ich lange und vergeblich ein Interview mit Douglas Kennedy, der sich meines Wissens für jeden neuen Roman ein Jahr lang in einer anderen Stadt niederlässt und seine Familie in dieser Zeit alleine lässt, um ungestört schreiben zu können. Ich dachte, als ich das damals las, wie klasse, dass seine Frau das mitmacht! Irgendjemand sagte mir aber später, dass sie es, obwohl der Gatte doch viel Geld mit seiner abwesendenden Schreiberei verdiente, dann auf Dauer doch nicht mitgemacht habe und Douglas Kennedy sei jetzt geschieden. Ich habe das aber gerade alles nicht gefunden, und vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet, ein Wunschtraum sozusagen. Viel näher fühle ich mich ehrlich gesagt auch Alice Munro, die, falls Sie sich erinnern, 2013 den Nobelpreis für Literatur für ihre Kurzgeschichten bekam. Nein, ich bin nicht so vermessen, mich literarisch neben Alice Munro zu stellen, wirklich nicht, aber ich fand es so tröstlich zu lesen, dass Alice Munro ihre Nobelpreis-Kurzgeschichten „nebenbei“ schreiben musste, zwischen Küchenherd und Bügelbrett, wenn die Kinder schliefen und der Gatte satt war, und wenn im Sommer nicht gerade die vielköpfige Verwandtschaft ihres Mannes anreiste und vier Wochen lang bewirtet werden wollte. Sie schrieb zwischendurch und abends spät, wenn alles andere erledigt war. Und sie hatte nie ein eigenes Zimmer!

Hier drängt sich geradezu ein Exkurs zu Virginia Woolf auf, und nicht, weil ich damit angeben will, nein, sondern nur weil es mir Bewusstseinstrommäßig in den Kopf kam und weil ich mich erinnere, dass ich „A room of one’s own“ an der Uni lesen musste und es mich damals extrem gelangweilt hat, vermutlich weil ich in der privilegierten Situation war, schon immer ein Zimmer für mich allein gehabt zu haben, und damals noch nicht umgeben war von lauter französischer Familie und quängelnden Kindern und bedrängt von der Frage „Was essen wir heute Mittag?“, und vor allem, weil ich mein Geld zu dieser Zeit nicht mit Schreiben verdienen musste. Virginia Woolf wollte mit ihrem Aufsatz natürlich mehr als nur die persönliche Privatsphäre in einem eigenen Zimmer für Frauen erreichen, aber immerhin auch das. Und genau das fehlte mir seit ein paar Wochen. Eine eigenes Zimmer, eine Tür, die sich hinter mir schließen lässt. Und vor allem Zeit für mich. So. Jetzt wissen Sie das schonmal. Bald mehr! Ankündigen kann ich es ja schonmal. „Bald“ ist ja glücklicherweise sehr unbestimmt  :)

ps: dem Knie geht’s nach zwei Tagen Ruhe wieder gut! Keine Sorge deswegen!

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6 Antworten auf Über das Schreiben

  1. Barbara Kiel sagt:

    Liebe Christiane, es ist meiner Ansicht nach schon ein großes Talent, so locker- flockig über die Unbilden Deines „Jetzt-Zustandes“ berichten zu können. Mir würde es völlig reichen, wenn Du Deine Plaudereien mal verlegen lässt! Ich komme auch aus der kreativen Ecke. Wenn ich nicht voran kam, stellte ich mir Michelangelo vor….und kam zu dem Schluss, dass er nie durch Hausarbeit oder Kinder abgehalten wurde. Trotzdem noch einen schönen Aufenthalt in den Bergen!
    Liebe Grüße
    Barbara

  2. Toni sagt:

    Hallo Christiane, ich habe eine Wohnung für mich ganz alleine, ich habe viel Zeit die ich mit Nichtstun verbringe, mein PC hat keine Probleme, meine Freunde fragen mich wie weit ist denn dein Buch, ich antworte immer dem Buch gehts gut UND DENNOCH HABE ICH SEIT MONATEN KEINE ZEILE GESCHRIEBEN.
    Immer wieder sage ich mir, ab morgen schreibe ich und wieder wirds nix.
    Meine liebste Ausrede ist: Meine Zeichensetzung ist unmöglich, ich mixe Rechtschreibung von vor und nach der Rechtschreibreform und brauche deshalb und weil ich wissen will ob mein Geschreibsel IRGENDJEMAND lesen will, bilde ich mir ein unbedingt eine/n Lektor/in haben zu wollen und finde keine/n.
    Die Lektorin/Verlegerin von unseren Frankreichgeschichten habe ich angeschrieben, als sie aufgefordert hat autobiographische Romanschreiber sollten sich melden und die Antwort war, sie habe keine Zeit, wenn mein Roman fertig sei, könne ich es ja nochmal versuchen.
    Bisher warst Du immer meine beste Motivatorin, vielleicht kannst Du mir auch jetzt über diese hohe Mauer helfen.
    Grüsse Dich und unbekannter Weise auch Deine Familie TONI

    • dreher sagt:

      Danke für deinen Kommentar Toni, der eine eigene Antwort in einer privaten Mail erfordert und damit auf die ellenlage „to-do-Liste des Schreibens an …“ kommt. Hier in der Zwischenzeit ein link zu einem Text eines Kollegen, dem ich im Großen und Ganzen zustimme –> http://www.tomhillenbrand.de/schreiben-zehn-tipps/
      Liebe Grüße nach Marseille!

  3. Friederike sagt:

    Mir ist komplett rätselhaft, wie man auf Knopfdruck quasi kreativ sein soll, ich bewundere das sehr. Für mich gilt leider absolut : das Problem an der Freiheit ist die Freiheit. Umso mehr wünsche ich Frohes schaffen!