Sansibar oder der letzte Grund

Führen wir das Schreib-Thema doch noch ein bisschen aus. In meinem Kopf brodelt es gerade, eine Idee, ein Thema formt sich zu einem Text, der irgendwie bald ans Licht will. Das sind so Momente, in denen ich Monsieur beim Essen schweigend gegenübersitze und anscheinend nur leer vor mich hinstarre. Dass er mich so lassen kann, über Stunden schweigend, versunken und abwesend, ist eine seiner besonderen Qualitäten. Ich habe Tendenz, das als selbstverständlich hinzunehmen, aber das ist es wahrlich nicht. Es fällt mir aber nur auf, wenn ich in einem anderen Umfeld bin, in dem man mich nicht so lassen kann. Umgeben von Menschen, die zuallererst ununterbrochen reden und ihre Aufgaben eher in der Tat sehen, sei es Unkraut ausreißen, Geschirr spülen, Fenster putzen, Essen kochen, wandern, mit den Kindern spielen oder mit den Nachbarn plaudern. Das alles sind mehr oder weniger wunderbare Aufgaben, die auch erledigt werden müssen, ich aber würde gerne etwas schreiben und sei es nur einen Kommentar zu einem Blogeintrag, der mir zu Herzen geht und das würde ich gerne jetzt tun, wo die Worte sich quasi von alleine formen. Menschen der Tat möchten mir das vielleicht zugestehen, aber eben „danach“, nachdem die Fenster geputzt sind und nicht umgekehrt und vor allem nicht stattdessen. Dass ich in einem Moment, in dem schon drei patente Frauen aus drei Generationen in der kleinen Küche stehen und sich der Zubereitung des Mittagessens widmen, nicht auch noch dazustoßen muss, ich, die ich nach Meinung der weißhaarigen weiblichen Familienältesten, der doyenne, sowieso gar nichts richtig machen kann, sondern denke, ich könne meinen Rechner öffnen oder auch nur mein Tagebuch, kommt aber einer Provokation gleich und ich werde immer wieder gestört. Zunächst begreife ich das nicht, es macht mich nur unwillig, dass ich nicht einen Moment Zeit für mich allein haben kann. Erst allmählich formt sich der Gedanke, dass dieses sich Abwenden von den anderen und sich in etwas Versenken nicht jedermann (und in unserem Fall nicht jeder Frau) gefällt und daher immer wieder zu Gegenreaktionen führt, wie etwa: „Falls du gar nichts zu tun hast, könntest du …“

der lesende KlosterschülerUnd jetzt passiert etwas Besonderes: Aus den Tiefen meines Gedächtnisses wird etwas hochgespült und ich sehe sie wieder vor mir die Holzskulptur von Ernst Barlach, der lesende Klosterschüler und der romantisch klingende Buchtitel des Romans von Alfred Andersch fällt mir auch wieder ein: Sansibar oder der letzte Grund. Eine Schullektüre. Ich habe nicht alles verstanden damals, der Titel blieb mir rätselhaft und das Gedöns um diese grobe Holzfigur blieb mir fremd, auch wenn ich brav die gewünschte Interpretation geliefert habe. Und plötzlich, nach nur etwa 35 Jahren VERSTEHE ich das Besondere dieser Skulptur, die ich im Internet jetzt noch einmal suche und ansehe und JETZT so gerne im Original sehen würde. Ich verstehe, was ich damals nur nachplapperte, dass diese Skulptur ein Symbol der Freiheit ist, dass man sich nämlich auch im Gegensatz zu seiner (lauten und aktiven) Zeit befinden kann, leise, unabhängig und völlig versunken in eine eigene Welt.

Das zu sehen kann nicht jede(r) aushalten und so ruft man mir auch später mit gespielter Heiterkeit „Oh, la fénéante!“ aus dem Fenster zu, als ich mich im Garten mit einem Buch in einen Liegestuhl setze. Niemand sitzt im Sommerhaus jemals lesend im Garten, es gibt doch so viel zu tun in diesem Haus, das nur zwei Monate im Jahr bewohnt wird! Ich sitze auch nicht lange so faul und nutzlos herum, irgendetwas muss immer getan werden, und wenn ich es nicht von alleine sehe, dann muss man es mir eben sagen oder zeigen, in dem man neben mir anfängt etwas Sinnvolles zu tun. Seufzend klappe ich mein Buch zu. Ich würde sowieso nichts mehr aufnehmen können, von dem was ich lese. Stattdessen helfe ich den hohen Maschendraht zu öffnen, der ein kleines, mühsam durch den Winter gebrachtes und im Frühjahr aufgepfropftes Kirschbäumchen vor dem Abfressen durch den bösen Hirschen schützt, damit das Unkraut drumherum entfernt werden kann und überlege mit, wie das Problem der Ameisen, die dort auch leben und dem Kirschbäumchen zum Verhängnis werden könnten, gelöst werden kann. Dann müssen für den goûter um 16 Uhr mindestens 40 Crêpes gebacken und das Holz muss auch dringend von A nach B gebracht werden und was machen wir mit dem alten Holzgestell mit dem man früher die Toten bis zm Friedhof getragen hat, das macht ja heute kein Mensch mehr … Dieser Dinge würde ich mich gerne annehmen, wenn man mir wenigstens mal zwei, drei Tages des Eingewöhnens und Durchatmens lassen würde und vielleicht die Zeit für einen kleinen Text, aber Schreiben ist nicht in jedermanns Welt vorgesehen und im ländlichen Raum schon gleich gar nicht, und falls ich mich als würdige Nachfolgerin der maîtresse de maison, der Frau des Hauses für das Sommerhaus erweisen möchte, dann sicherlich nicht lesend oder schreibend.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten auf Sansibar oder der letzte Grund

  1. Lulie sagt:

    Hach wie gut verstehe ich das!
    Meine Mutter prophezeite mir, ich würde wegen meiner Leserei noch das Wasser anbrennen lassen – und hatte damit recht, bis ich mir einen Wasserkocher mit Abschaltautomatik anschaffte :-)
    Heute lese und schreibe ich dann, wenn es dran ist – ich Worte in mich aufsaugen oder loslassen will. In dieser Zeit sage ich ggfs. auch Verabredungen ab, stehe mitten in der Nacht auf, gehe irgendwann frühmorgens erst schlafen oder liege mittags in einer Wanne mit sonnbeschienenem Wasser. Diesen Luxus meines Soloisten-Daseins genieße ich SEHR :-)

  2. Birgit sagt:

    Liebe Christiane,
    Leider habe ich nich Dein Talent, so über die einfachsten aber für uns wichtigen Dinge zu schreiben. Es macht mir immer viel Spaß Deine Erzählungen zu lesen, auch wenn ich nicht immer dazu Zeit habe. Es ist immer alles andere wichtiger – die Kinder, Enkelkinder oder die Eltern haben Probleme, manchmal nervt auch der Angetraute!! Mal Zeit für sich zu haben zu wollen – da muss man sich fast immer entschuldigen. Da hilft manchmal nur krank stellen, ist zwar nicht immer die beste Lösung aber wirkt!
    Bis bald
    Deine treue Leserin Birgit

    • dreher sagt:

      Liebe Birgit,
      erst eben hat mir mein Rechner deinen Kommentar angezeigt, den du gestern schon geschrieben hattest – weiß nicht, ob das die Hitzeauswirkungen sind, oder ob er sich auch erschöpft krank stellt „ich kann nicht schneller“ ;)
      Nee, krank stellen kann ich mich nicht – hoffe, von deiner Familie liest hier niemand mit, sonst wirkt es auch bei dir nicht mehr … liebe Grüße und immer ausreichend Zeit für dich wünscht
      Christiane

  3. Birgit sagt:

    Liebe Christiane, ich denke meine Familie liest nicht mit. Wäre aber auch nicht so schlimm wenn Sie wüssten, das auch ich meine Grenzen habe.
    Im Moment regnet es bei uns Bindfäden, das ist aber eine Erlösung von der Gluthitze der letzen Wochen. Da habe ich natürlich auch mal wieder mehr Zeit und Lust.
    Leider war dieses Jahr sehr unruhig in unserer Familie, das kann schon mal grenzwertig sein. Mein Schwiegervater ist im Mai mit 94 Jahren verstorben, die letzte Zeit war für ihn, die Schwiegermutter und uns sehr belastend. Langsam kommen alle nun zur Ruhe. Unsere Tochter führt nun schon das zweite Jahr einen Sorgerechtsstreit um ihre Kinder, da zweifelt man schon mal am Rechtssystem. Ich könnte noch mehrere unschöne Dinge aufzählen ……, aber zum Glück auch mal was Positives!
    Trotz der ganzen traurigen Erfahrungen haben wir bei Campngreisen an der Dordogne, in der Provence, in Dalmatien und bei unseren italienischen Freunden in Apulien Kraft geschöpft . So ist das Leben – es geht immer weiter☀️
    Liebe Grüße aus Dresden
    Birgit

  4. Vi sagt:

    Hallo Christiane,
    solche Momente kenne ich gut, wenn ich irgendwo sitze und eigentlich einem „delikaten“ Gespräch folgen sollte, aber meine Gedanken völlig abschweifen und ich inständig hoffe, dass mir die Ideen, die in meinem Kopf herum spuken, nicht entkommen, bis ich sie zu gegebener Zeit aufgeschrieben habe. Dann versuche ich so krampfhaft, sie festzuhalten, dass ich um mich her kaum noch etwas wahrnehme.
    Vi