Sommergedanken

Noch habe ich den Text über meine Sommererlebnisse nicht fertig, schon ist er zeitlich quasi überholt, denn seit gestern ist bereits wieder la rentrée, Schulanfang und Arbeitsbeginn nach den langen Sommerferien. Allez! On y va! Auf gehts! Wer will da noch Vergangenes aus den letzten Wochen lesen?

So geht es mir schon seit Monaten. Viele mehr oder weniger amüsante Texte lagern so halbfertig in meinem PC. Immer passierte etwas Einschneidendes und ich hatte plötzlich anderes, Wichtigeres im Kopf und der gerade geschriebene Text erschien mir plötzlich angesichts der Fragilität des Lebens unwichtig und banal, und ich ließ ihn fallen.

Er war so anstrengend mein Sommer. Erneut habe ich versucht darüber ein zusammenfassendes launiges Textchen zu schreiben: über die lähmende Canicule, die zwei Monate andauernde Hitzewelle, über die französischen Familienferien à la Marcel Pagnol, und ich hatte über länderübergreifende Krankheitsgeschichten geplaudert und darüber, dass ich meinen medizinischen Wortschatz erweitert habe und Lungenembolie nun perfekt zweisprachig erkären kann. Aber dann fragte ich mich, ob es angesichts der Weltlage nicht vermessen ist, sein privates KleinKlein so auszubreiten, selbst wenn es einem gerade noch so bedrohlich und groß vorkam, aber es ist ja alles gut ausgegangen, also, muss ich es jetzt noch erzählen?! Angesichts der Weltlage und all dem Flüchtlingselend und dem Hass, der an vielen Orten hochkocht, wie wichtig ist da mein KleinKlein? Mir ist das Herz nämlich schwer bei all diesen Themen und ich bin stumm und ratlos. Und bin dann froh, wenn andere Menschen besonnene Texte schreiben, die ich zugegebenermaßen auch gern geschrieben hätte, aber in mir ist nur ein Knäuel aus Sorge und Angst und Lähmung. Ich kann verstehen, dass Menschen schnell viel helfen wollen, aber ich mache mir Sorgen, wie lange der Atem dafür wohl anhält. Mir wurde in einer Notsituation auch einmal geholfen, wer schon lange hier mitliest, erinnert sich vielleicht daran, ich habe das alles nicht vergessen. Ich habe aber auch nicht vergessen, wie schnell die Stimmung von Helfern umschlagen kann und ich weiß, dass auch die besten Menschen Sorgen und Traurigkeit anderer nicht lange aushalten. Das Schicksal und die Probleme jedes einzelnen Menschen, der seine Heimat fluchtartig verlassen musste, aber sind ganz sicher dramatisch und groß. Wer will das wirklich wissen? Wie lange? Immer wieder? Wie lange wird diese große euphorische Hilfewelle andauern?

Und was passiert, wenn noch etwas anderes zu den aktuellen Weltproblemen hinzukommt? Terroranschläge? Umweltkatastrophen? Denkt noch jemand an die Erdbebenschäden und an die Menschen in Nepal, die auch immer noch unsere Hilfe und Unterstützung brauchen? Am meisten aber sorge ich mich um diesen Hass. Kann mir eigentlich jemand erklären, woher all dieser Hass kommt? Und ich denke nicht nur an den deutschen Hass, der sich mancherorts gegen Fremde entlädt, ich denke an den Hass der Islamisten gegenüber allen Andersgläubigen und vor allem an den quasi alle Araber vereinenden Hass gegen Juden.

Ich habe in diesem Sommer die ersten beiden Comic-Bände (es wird noch einen dritten Band geben) von „L’arabe du futur“ von Riad Sattouf gelesen (auf deutsch erschienen unter „Der Araber von morgen“), und „Si Dieu existe“ von Joann Sfar (ich verlinke der Neutralität halber die Seiten der Verlage, auch wenn ich die vom Verlag ausgewählten Seiten des Tagebuchs von Joann Sfar für wenig aussagekräftig halte).

Riad Sattouf hatte lange Jahre für Charlie Hebdo gezeichnet. In L’arabe du futur erzählt er seine Kindheit (aus kindlicher Perspektive) als hellhäutiger und blonder Sohn einer Bretonin und eines Syrers, im Libyen und in Syrien der späten siebziger und frühen achtziger Jahre. Seine Erinnerungen an das Leben der Familie und Gesellschaft, so amüsant sie sich auch lesen, haben mich lange nicht losgelassen, um nicht zu sagen verstört, und nicht nur wegen des Hasses auf Juden, der jeder neuen Kindergeneration ohne jegliche Reflexion quasi mit der Muttermilch eingeflößt und weitergegeben wird.

Si Dieu existe ist ein öffentliches Comic-Tagebuch Joann Sfars, der sich nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo Gedanken zu Religion und Freiheit macht und dabei konstatiert, dass das Thema der Pressefreiheit, das eben noch ganz Frankreich auf die Straße brachte, schon niemanden mehr wirklich interessiert.

Am Wochenende waren wir aus diversen Gründen in „meinem“ Bergdorf. Wie wohltuend dieses Dorf-KleinKlein, diese Stille, die Berge, der Himmel. Der fantastische Blick aus dem Fenster beim Zähneputzen. Aber auch dort gibt es Sorgen, ganz andere zwar, denn bislang haben sie dort noch nicht einen Asylsuchenden Fremden gesehen. In Cannes auch nicht übrigens. Hier ist noch kein Flüchtlingsboot gestrandet oder mit einem Kreuzfahrtschiff in Kollision geraten. Die uns am nächsten in ihrer Not bedrängenden Flüchtlinge sitzen seit Monaten auf den Felsen am Meer zwischen Ventimiglia und Menton fest und hoffen, die Grenze nach Frankreich irgendwann und irgendwie zu überwinden, um, wie sie sagen, weiterzukommen nach England oder Deutschland. Bislang wird das von den französischen Gendarmen verhindert. Zurück zu meinem Bergdorf: Die Fremdeste dort oben bin bislang ich. Mich haben sie an- und aufgenommen. Und mir haben sie geholfen, als ich in Not war. Das werde ich nie vergessen.

Das Weggehen, die Fremde und das Fremdsein beschäftigen mich ja schon lebenslang, nicht erst seit ich in Frankreich lebe, auch wenn ich erst hier angefangen habe es bewusst wahrzunehmen und darüber zu schreiben. Und auch nach zehn Jahren fällt mich das Fremdsein immer mal wieder kurz oder auch länger an. Frühere Texte zum Thema finden Sie vielleicht (–> klick!) hier und hier oder hier. Ich danke Friederike vom Landlebenblog, die eine Blogparade zum Thema „Ich war fremd“ ausgerufen hat. Gerne nehme ich teil und mache ich mir noch einmal neue Gedanken zum gerade so aktuellen Thema. Und Sie? Kennen Sie das Fremdsein?

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8 Antworten auf Sommergedanken

  1. Friederike sagt:

    Hach. Ja. Seufz. … Aber schön, wenn Sie mitmachen bei der Blogparade.

  2. Karin sagt:

    Liebe Christiane,

    und ob! Aber in „so many ways“ wie die Engländer sagen: als Evangelische in der Diaspora im stockkatholischen Niederbayern, als einziges „Arbeiterkind“ in der Gymnasialklasse, als Dialektsprecherin unter lauter hochdeutsch-sprechenden Kommilitonen, als späte Mutter unter lauter jungen Müttern in Familie und Bekanntenkreis, als Vollzeit-arbeitende Alleinerziehende unter all den deutschen Expat-Müttern, die nicht arbeiten gehen können/wollen/müssen, als Mensch, der sich an manchen Tagen so fern von all den anderen Menschen fühlt, die ihr Leben anscheinend mit Leichtigkeit meistern …
    Hm, nur nicht als Deutsche hier in Genf, da gibt’s einfach zuviele Menschen mit Migrationshintergrund!

    Liebe Grüsse, ich hoffe die gesundheitlichen Probleme sind ausgestanden!
    Karin

    • dreher sagt:

      Herzlichen Dank Karin für den Einblick in dein Fremdsein – und ja, danke, es geht an allen Krankheitsbaustellen wieder (ziemlich) gut!

  3. Micha sagt:

    Dank Friederike hier her gefunden und nun ebenfalls all deine verlinkten Posts aufgesogen – ja *aufgesogen*. Auf den ersten oder zweiten werde ich wohl noch in Zukunft verlinken müssen. Das *Zwischen-zwei-Stühlen-sitzen* als Auswanderin/ Zuwanderin/ Woanders-Geborene hast du so gut in Worte gefaßt. Gerne werde ich daran anknüpfen…
    Grüße in den Süden…
    (und ab sofort kommst du ins *Wohnzimmer* unter Beobachtung!)

  4. dreher sagt:

    Merci für die Komplimente! Auch ich bin dank Friederike schon mehrfach auf deinem schönen Blog gelandet … und ich habe ihn auch etwas näher rangeholt, um mich immer mal zu inspirieren: der Gemüsestrudel wird bald nachgekocht :-)
    Schöne Grüße in die Drôme!

  5. Marion sagt:

    Liebe Christiane,

    oja, das Fremdsein kenne ich wie Du weißt, aber nicht nur im Ausland, sondern auch im eigenen Land, in der eigenen Familie etc… Geht man nicht weg, um sein eigenes Fremdsein zu überwinden, nur um dann festzustellen, dass man sich mitnimmt, wo immer man auch hingeht? Mein Grund bisher, um nicht nochmal wegzugehen, aber ob das so richtig ist… Na, Du kennst mein Dilemma…

    Bin gespannt auf Deinen Blogparade-Beitrag, verlinkst Du ihn, wenn es soweit ist?

    Ja, die Welt steht Kopf und man fühlt sich zunehmend zermürbt und machtlos… und wie wohltuend dann doch geradezu das eigene Kleinklein….

    Liebe Grüße
    Marion

    • dreher sagt:

      Hatte kurz ein Missverständnis, liebe Marion, nun, erstmal ist mein Text bei mir veröffentlicht. Aber ich verlinke nochmal zum Landlebenblog, wenn dort alle „Fremd“-Texte zusammengekommen sind. Kannst du ja auch jetzt schon mal reinlesen, die Texte sind dort bislang in den Kommentaren verlinkt. Bei fast allen Beiträgen denke ich: genau! das hätte ich noch sagen sollen, so ist es! Aber naja, ich habe ja auch schon so viel dazu gesagt… never ending story!

      • Marion sagt:

        Super, danke für Deinen Text und den Tipp, wo ich die anderen Texte finde. Hab‘ jetzt mal da reingeschnuppert und bin beeindruckt, spannende Perspektive, talentierter Schreiberling … bin schon auf den Rest gespannt… Dir noch einen schönen Tag!