Zeichen von früher

Türen öffnen sich langsamSie kennen das schon, ich mag das alte Cannes, das Cannes der kleinen Leute und ich schaue gern in die schäbigen kleinen Ecken, für die man sich hier schämt, und die dann auch, so scheint es mir, kaum habe ich darüber geschrieben, aus dem Stadtbild verschwinden. Erinnern Sie sich noch an die kleine Parfümerie Spurway? Weg. Dort ist jetzt eine Großbaustelle, ein ganzer Häuserkomplex musste einem Hotelprojekt weichen. Das Restaurant Pacific? Auch weg. Ach, sagen  Sie vielleicht abschätzig, nicht so schlimm, so gut war es da nicht. Nein, das Essen war vielleicht nicht top, aber das Ambiente war so einzigartig. So etwas finden Sie in Cannes nicht mehr. Einst wollte ich über den Hundefriedhof der englischen Aristokratie schreiben, aber bis ich dort war, klaffte an der Stelle des kleinen Friedhofs ein Loch, eine moderne Villa ist dort in der Zwischenzeit entstanden, es gibt nur noch ein paar Marmorplatten in der Wand. Ich muss mich beeilen, wenn ich die paar alten Ecken von Cannes noch dokumentieren will, bevor sie der Stadtbereinigung zum  Opfer fallen. Etwas, über das ich schon ein paar Mal buchstäblich gestolpert bin, zeige ich Ihnen hier.

qu'est-ce que c'est?Wissen Sie, was das ist? Nein? Nie gesehen? Kein Wunder, diese unscheinbaren Dinger befinden sich auf Bodenhöhe, man muss den Blick senken oder man stolpert vielleicht darüber (mit ein Grund, weshalb die komischen kleinen Gebilde verschwinden!) Nein, keine Hundeanleinstation, diese Dinger stammen aus einer Zeit, als die Straßen und Wege noch nicht asphaltiert waren und man die Schuhe noch vom daran klebenden Straßendreck befreien musste. So etwas kennt man in der Stadt ja nicht mehr, aber laufen Sie mal auf dem Land durch matschige Feldwege, wenn sich lehmige Erde an Ihren Gummistiefeln festsaugt, dann wissen Sie von was ich spreche. So war es in der guten alten Zeit überall, auch im damals noch nicht so feinen Cannes. Décrottoir heißen die Dinger hier, Fußabkratzer zu deutsch. Und man kratzte bei schlechtem Wetter, wenn der Straßenmatsch an den Schuhen klebte, diesen an den kleinen Metallstangen vor der Haustür ab, sodass man nun mit sauberen (naja, alles ist relativ) Schuhen hineingehen konnte.

K1600_DSCN6588Ich finde den Begriff ein bisschen eklig, la crotte ist heute nämlich das Synonym für Kot und meint häufig auch das Hundehäufchen, la crotte de chien, und ich dachte anfangs, es wäre eine Hundekotabkratzstange. Naja, so falsch ist das nicht, wenn man die Menge an herumliegenden Hundehaufen sieht. Aber früher meinte „je suis tout crotté“ nicht, dass man voller Hundekot sei, nein, man hatte Lehmklumpen an den Schuhen oder Lehmspritzer an der Kleidung. Im Zuge der Asphaltierung der Straßen und Gehwege ist der Lehm aus der Stadt verschwunden und damit verschwanden auch die Fußabkratzer. Heute hat man gegen den Sraßenstaub nur noch Fußmatten, le paillasson. Da steckt übrigens noch la paille, das Stroh drin. Ich habe gestern eine kleine Tour durch die Altstadt gemacht, ich dachte vor den alten Häusern fände ich vielleicht noch einige décrottoirs, aber nein, zu touristisch und zu sauber (naja, auch hier ist alles relativ) ist die Altstadt, les décrottoirs, die Zeugen einer anderen Zeit sind heute nur noch unnütze kleine Stolperfallen und wurden dort schon lange entfernt. Die hier gezeigten décrottoirs stammen alle aus dem Wohnviertel entlang der Avenue de Grasse, die früher wie heute eine Ausfallstraße war, Richtung Grasse wie der Name schon sagt, und zunächst weniger städtisch.

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2 Antworten auf Zeichen von früher

  1. Nielz sagt:

    Liebe Christjann,
    ich „stolpere“ in Köln auch nur noch extrem selten über diese Fußabkratzer. Aber mehr mit den Augen, weil die hier eher in das Haus integriert sind, also auf der ersten oder zweiten Stufe des Eingangs, als in den Fußweg hereinragend. Mal sehen wie das in der Altstadt wird, ich hoffe dort noch ein paar Exemplare zu entdecken.
    Nice catch!
    Schönste Grüße aus Köln
    Nielz

    • dreher sagt:

      Oh! Hallo, lieber Nielz, schön, dass du hier vorbeischaust. Ich wollte dir ja auch immer noch geantwortet haben, aber wie es so geht … Mein „Cannes-zu-Fuß-Projekt“ stagniert etwas, aus diversen Gründen, einer davon ist die extreme Empfindlichkeit der Anwohner, die Angst haben ausspioniert zu werden, Einbrüche sind hier an der Tagesordnung … zu viel Fotografie an untouristischen Orten ist verdächtig … insofern die Flucht ins Detail … liebe Grüße nach Köln! C.