Wir leben noch!

DANKE! Herzlichen Dank allen, die mich auf welchen Wegen auch immer angeschrieben haben, sich sorgen und sogar Hilfe angeboten haben: es geht uns gut! Wir hatten Glück, haben nachts nur 5 cm Wasser im Erdgeschoss rausgewischt, ein bisschen Sachschaden, Bücher, Papiere, Ordner und ein paar Kleinigkeiten, die ich dummerweise auf dem Boden gelagert hatte, habe ich weggeworfen. Die Nachbarn im Erdgeschoss haben sich von ihrem Teppichboden getrennt, aber sonst keine weiteren Schäden bei uns. Wir haben an unserem Wohnort keinen Keller, keine Garage und fanden das Auto unberührt in der Straße …

Wir hatten uns trotz der Wassermassen, die abends vom Himmel stürzten und den Sirenen der Feuerwehr, die wir hörten, nicht allzusehr gesorgt, es regnet oft gewaltig hier im Süden, Keller sind schnell überschwemmt und Gullis laufen über, einmal mehr also, wir haben keinen Keller und wohnen etwas hügelaufwärts, kein Grund sich zu sorgen. Gegen zehn hörten wir die afrikanischen Nachbarn im Erdgeschoss laut im Flur diskutieren, aber sie sprechen immer etwas laut, und wir dachten, so lange sie uns nicht rufen, geht es uns nichts an. Dann brachen TV und Internet zusammen, Monsieur hob den Telefonhörer ab, die Linie war tot, auch das kennen wir schon, tant pis, gehen wir mal früh schlafen … aber vorher ging ich doch mal nach unten, um zu sehen, warum die Nachbarn so aufgeregt waren. Oups: Das Wasser stand knöchelhoch im Flur, die Nachbarn trugen ihr Hab und Gut nach draußen und sahen ansonsten ziemlich hilflos zu, wie das Wasser stieg. Nachdem wir den Gulli im Hinterhof, der von einer angeschwemmten Holzplatte blockiert war, wieder befreit hatten, lief das Wasser wenigstens wieder halbwegs normal ab, aber Flur und beide Wohnungen (eine davon mein Arbeitszimmer) im Erdgeschoss waren leicht überflutet. Ich watete durchs Wasser und versuchte in Eile alles hochzuräumen, und wischte dann eimerweise Wasser raus.

avanti gerettet K800_DSCN6918Meine persönliche Katastrophenrettung war ein klitschnasser Haufen zusammengeklebtes Papier, der letzte Beweis meiner mehrjährigen Kolumnentätigkeit, nachdem man mir einst den Computer mit den elekronischen Daten gestohlen hatte, den ich nachts noch Blatt für Blatt auf Küchenkrepp auf jedem freien Stück Fußboden in der oberen Wohnung ausbreitete. Dann sank ich ins Bett.

Am nächsten Morgen immer noch kein Telefon, kein Internet, kein TV, egal, wir wollten eh in die Berge fahren und taten das auch. In unserem Viertel keine sichtbaren Schäden, wir wussten von nichts. Erst auf der Autobahn, als wir urplötzlich im Stau standen, schaltete ich das Radio an, um zu hören, ob es besser wäre, die Autobahn vielleicht wieder zu verlassen: jede Menge Anrufer boten auf dem Regionalsender Bleuazur Hilfe an „wir können zwei Personen aufnehmen“, „wir haben Platz für Tiere“ wir haben ein Klappbett abzugeben“, „wir haben Decken und Matratzen“ … Monsieur und ich sahen uns verständnislos an. Erst bei den nächsten Nachrichten erfuhren wir von der Katastrophennacht in und um Cannes: Tote bei einer Flutwelle in einem Altersheim in Biot. In Biot? Das liegt doch so hoch? Es erschien uns unglaublich. Tote, Verletzte, Vermisste … Menschen, die ihr Auto aus der Tiefgarage retten wollten und dabei ertranken, Autos, die bis ins Meer gespült worden sind, Menschen, die spurlos verschwunden sind, als sie nach den Nachbarn schauen wollten, entwurzelte Palmen auf der Promenade des Anglais in Nizza, Plünderungen in den Geschäften der Rue d’Antibes … und der Präsident persönlich wurde in Biot erwartet … und dann sahen wir die ersten Zeichen der Verwüstung: langsam krochen wir auf der schlammigen und schon wieder einspurig befahrbaren Autobahn entlang; das kleine Flüsschen la Brague, das mit den sintflutartigen Regenfällen zu einem reißenden Strom angeschwollen war, hatte dort kilometerweit alles überflutet. Rechts sahen wir übereinandergestapelte Wohnwagen auf einem Campingplatz und entwurzelte Bäume, Schlamm, Schlamm und Steine überall … wir zögerten kurz und überlegten vielleicht umzudrehen und nach Hause … aber auf der Gegenseite war der Stau noch viel schlimmer und im Radio hieß es: bleiben Sie zuhause, alle Straßen sind gesperrt … so fuhren wir langsam weiter in die Berge und wurden hier wie Überlebende einer Katastrophe begrüßt. Aber wir haben wirklich erst hier bei funktionierendem Internet (hier gibt es kein TV) das Ausmaß der Schäden in Biot, Mandelieu, Nizza und Cannes entdeckt. Das haben Sie sicher alles schon früher als wir im Fernsehen gesehen. Uns schockiert es, weil wir die Orte so gut kennen: Meine kleine Bankfiliale der Credit Agricole, die vor kurzem noch umgebaut worden ist, der kleine Parkplatz, auf dem sich jetzt zerdrückte Autos stapeln, die Apotheke an der Ecke des Boulevard République sind völlig verwüstet; Straßen, die ich täglich fahre, sind aufgeborsten wie nach einem Erdbeben, der Supermarkt, wo ich einkaufe, der nagelneue Bahnhof, der gerade erst eingeweiht worden ist, die Rue d’Antibes unter Wasser und Schlamm …

Ich habe versucht, alle Freunde in Cannes und Umgebung zu erreichen, nicht alle habe ich bislang erreicht: in manchem Stadtteil von Cannes (von den anderen Städten und Gemeinden weiß ich es nicht) gibt es immer noch keinen Strom und kein Telefon, geschweige denn Internet, und nicht bei allen ist es so harmlos gewesen wie bei uns: wir haben von weggespülten Motorrollern gehört, von verwüsteten Autos, überfluteten Kellern, Garagen und Souterrainwohnungen … aber das alles sind nur Sachschäden, auch wenn es einem die Tränen in die Augen treibt und man vielleicht deprimiert und verzweifelt vor den Verwüstungen steht.

Unsere Gedanken sind bei allen, die von dieser Katastrophe noch stärker betroffen sind und/oder Angehörige verloren haben.

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5 Antworten auf Wir leben noch!

  1. Nielz sagt:

    Liebe Christjann,

    ufff, da bin ich aber froh, dass es Euch gut geht. Ich drücke die Daumen, dass es so bleibt!

    Liebe Grüße aus Köln
    Nielz

  2. Anne sagt:

    Genau, ufff – schließe mich Nielz‘ guten Wünschen an.
    Seit fast 30 Jahren machen wir immer wieder Urlaub im Camping Parc des Maurettes, Villeneuve-Loubet-Plage, nach Biot und Antibes ist es nur ein Katzensprung mit dem Rad. Ich klicke mich seit gestern fassungslos durch die Bilder und Videos bei nice-matin.fr Das Marineland, oft mit den Kindern besucht, ist zerstört… auf einem Luftbild sieht man Seehunde in brauner Brühe schwimmen.
    Mein Mitgefühl allen Angehörigen der inzwischen wohl 20 Toten.
    Liebe Grüße Anne

  3. Marion sagt:

    Habe natürlich ebenfalls an Euch gedacht und bin auch erleichtert, dass Euch nichts passiert ist!
    Liebe Grüße
    Marion

  4. Karin sagt:

    Liebe Christiane! Ich bin froh, dass es Euch gut geht. Es wird jedoch lange brauchen, bis die Schäden wieder behoben sind. In meiner Heimatstadt Passau, die vor zwei Jahren fast davon geschwommen wäre, sieht man immer noch offene Kellerfenster zum Lüften, riecht man die muffige Feuchtigkeit der Mauern, die sich während des Hochwassers mit Wasser vollgesogen hatten. Viele Gebäude wurden schon renoviert, manche Hausbesitzer kämpfen aber immer noch mit den Versicherungen um die Schadensregulierung. Leider müssen wir uns auf Wetterkapriolen wie diese auf die Dauer einrichten. Die Natur kennt kein Erbarmen. Vermutlich ist es nicht fünf vor zwölf sonder schon wesentlich später…

    Karin aus Genf

  5. dreher sagt:

    Oh! Tut mir leid, da sind ein paar Kommentare im Hochwasser verschwunden … habe ich eben erst gesehen, dass es „unerledigte“ Kommentare gibt. Danke für Eure Gedanken und Sorgen! Morgen fahren wir wieder runter und dann kann ich mir (und Euch) berichten, wie es nun aussieht und wie feucht es riecht und so weiter …