Kein Örtchen. Nirgends.

WC„Nein“, sagte der Zugbegleiter des Regionalzugs, mit dem ich vor kurzem ins Hinterland gefahren bin, nein, das sei kein Versehen, alle Toiletten seien wegen Vandalismusgefahr gesperrt, und er könne leider keine Ausnahme machen, selbst wenn ich schwöre, dass ich in meiner Handtasche weder Graffitti-Sprayflaschen habe, noch einen Hammer, um den Spiegel zu zertrümmern und dass ich auch keinen Fußball in den Abfluss stopfen werde. „Alles schon da gewesen“, sagte er düster und vertröstete mich auf den Ankunftsbahnhof. Am Bahnhof angekommen, stand ich mit meinem nun schon ziemlich dringlichen Bedürfnis nur vor versperrten Türen. Kein Örtchen, kein Mensch, nur ein Fahrkartenautomat blinkte monoton und teilnahmslos. Er war auch HS, (sprich ‚asch ess) hors service, meint „außer Dienst“. Was für ein Elend.

45 Minuten kann ich ohne, im Normalfall. Schlimmer ist es nach Kaffee oder Tee. Oder beim Anblick von fließenden oder wellenschlagenden Gewässern. Letzteres löst bei mir ein derart dringendes Bedürfnis aus, dass ich quasi schon nach fünf Minuten nach einem stillen und vor allem uneinsehbaren Örtchen suche. Problem ist, es gibt keines. Nur im Sommer, für etwa zwei Monate, stehen am Strand von Cannes etwa alle hundert Meter weiße Dixiklos. Den Rest des Jahres müssen Sie improvisieren. Einmal balancierte ich über die Steine eines Wellenbrechers, kletterte an seinem äußersten Ende hinab und ging dort in die Hocke. Als ich mit meiner Verrichtung fertig war, glücklicherweise ohne dass mich eine große Welle davongespült hatte, kletterte ich wieder hinauf und fand mich überraschend Nase an Nase mit einer langen Schlange italienischer Touristen, die nun einer nach dem anderen neugierig dort hinabsahen, wo ich gerade noch gesessen hatte. Mein Verschwinden hatte sie wohl intrigiert, vermutlich dachten sie, ich sei in ein unbekanntes unterirdisches Höhlensystem abgestiegen oder was auch immer. Nun, ich tat unbeteiligt und ging erhobenen, wenn auch peinlich roten Hauptes davon. Sollen sie doch denken, was sie wollen. Seither gehe ich aber lieber und trotz kühler Temperaturen ins Wasser und schwimme alibihalber eine Runde. Macht mir gar nichts aus. Bibber.

Eigentlich wollte ich diesen Text schon lange geschrieben haben, aber dann war dies oder das und ich fands mal wieder nicht passend. Aber letzten Sonntag wurde auf arte Karambolage der Ausdruck „Pipi machen“ in beiden Sprachen erklärt. Wenn das kein Zeichen ist! Faire pipi heißt das im familiären Französisch, genau wie im Deutschen. Der gesamte Ausdruck lautet im Französischen aber: J’ai envie de faire pipi oder man fragt die Kinder, die schon mit zusammengeknoteten Beinen dastehen: T’as envie de faire pipi? Wörtlich heißt das: „Ich habe Lust Pipi zu machen“ oder „Hast du Lust, Pipi zu machen?“ Ich fand das lange komisch, dass man „Lust haben“ soll, Pipi zu machen. Als könnte ich, wenn ich keine Lust habe, darauf verzichten. „Ich muss mal“, sagt unsereins. Und Lust hin oder her, ich MUSS! JETZT! ABER! DRINGEND! Ich finde die Erklärung im Karambolagefilmchen ein bisschen exaltiert, der Franzose, der einen Lustgewinn aus dem Bedürfnis zieht … nun ja. Ich denke, es ist einfach weniger direkt, ein bisschen blumiger. Direkte Ansagen mag der Franzose ja nicht so. „Mir ist schlecht“ heißt zum Beispiel genauso verklausuliert „J’ai mal au coeur“. Mir tut das Herz weh. Ich war völlig erschrocken, als mir eine Freundin dies vor vielen Jahren beim Autofahren sagte, ich dachte sie habe wirklich Herzbeschwerden und wusste gar nicht, was ich tun sollte, aber nein, ihr war nur schlecht.

Wie dem auch sei, ich muss viel und in kurzen Intervallen. Das war schon früher so. Meine Nordic Walking Runde entlang am Kölner Rheinufer dauerte maximal 45 Minuten, auch wenn ich von der Kondition her noch länger hätte laufen können, aber dann musste ich. Und es gab entlang des Rheinufers keine Möglichkeit sich dafür irgendwohin zurückzuziehen. Also rechtzeitig umdrehen und nix wie heim.

Einer meiner letzten Cannes-zu-Fuß-Spaziergänge wurde abrupt abgekürzt, weil ich musste und dafür kein Örtchen fand … „Ha!“, unterbrechen Sie mich vielleicht, „aber es gibt jetzt eine Pipi-App, die findet öffentliche Toiletten in jeder Stadt und wenn Sie Ihrem Handy Ihren Standort mitteilen, sucht es für Sie sogar die Toilette in Ihrer Nähe!“ Aha, sage ich, nicht besonders erstaunt, schließlich gibt es auch einen Pipi-Führer in Buchform für Paris. War nur eine Frage der Zeit, dass es das in technisch angepasster Form gibt. Und siehe da, für Nizza wurde diese App dankenswerterweise kürzlich erfolgreich getestet. Aber … ich bin sicher, die Menschen in Nizza haben die gefunden Toiletten nicht getestet. DAS wäre nämlich auch noch wichtig, zu wissen, ob die jeweiligen Örtlichkeiten funktionieren! Sie merken es schon, ich bin ein gebranntes Kind. Ich nehme also meinen Faden wieder auf … wie gesagt, kaum war ich eine halbe Stunde unterwegs musste ich, und siehe da, im kleinen Hafen Port Canto gab es einen Wegweiser zu einer gewissen Örtlichkeit. Super! Ich folgte dem Hinweisschild für öffentliche Toiletten, von denen es doch einige gibt in Cannes, stieg die Treppen hinab und stand vor einer Metalltür. Ein Zettel mit Öffnungszeiten klebt daran, aber die Tür und das Örtchen waren ZU! Die Öffnungszeiten vieler öffentlicher Toiletten sind bedauerlicherweise ziemlich eingeschränkt. Die Damen, die sich in der Regel aufopferungsvoll um die Örtchen kümmern und die im Volksmund „les dames-pipi“ heißen, (und die meine ganze Sympathie haben, ehrlich, ich bin so froh, dass es sie gibt *, aber sie) sind Angestellte der Stadt und haben Arbeitszeiten wie Verwaltungsbeamte. Nicht nach 17 Uhr und sonntags nie. So in etwa zumindest. Sonntags morgens um 11 ist also nicht gut Pipi machen. Zumindest nicht auf der Croisette. Nun gibt es ja aber entlang der Promenade noch alle paar hundert Meter diese vollautomatischen Toiletten, die anders als die öffentlichen (wir berichteten!) kostenpflichtig sind, dafür aber 24 Stunden im Dienst. Die nächste ist auch schon in Sichtweite. Ich weiß nicht was mich darin erwartet, aber was soll’s, j’ai envie, ich muss. Machen wir einen Selbstversuch. Die dezente vollautomatisch-selbstreinigende und gegen jeden Vandalismus gewappnete Toilette meiner Wahl schnappt sich das dafür vorgesehene Kleingeld und: Nix is! Sie bleibt geschlossen. Ich trete ein bisschen gegen die Tür und haue auf den Geld-zurück-Knopf, aber es tut sich nichts. Die Tür bleibt zu und das Geld kommt nicht wieder raus. Ein Mann kommt, er hat das gleiche Bedürfnis, ich erzähle ihm, was mir widerfahren ist, aber er zuckt nur die Achseln und steckt ebenfalls 50 Cents rein. Und? Nichts. Jetzt tritt er ein bisschen gegen die Tür und haut vergeblich auf den Geld-zurück-Knopf. Dann geht er schimpfend in die Büsche der Grünanlage. Letzteres traue ich mich nicht, ein drittes Örtchen will ich nicht testen, und ich will auch nicht in ein Strandrestaurant um dort einen Kaffee konsumieren, nur damit ich dort müssen darf, die bislang einzige Lösung im ewigen Pipi-Dilemma, die aber nur dazu führt, dass man den konsumierten Kaffee kurze Zeit später auch wieder loswerden muss, und eile daher zurück zum Auto. Ende des Spaziergangs.

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* In Paris haben die dames-pipis im Sommer übrigens wochenlang gestreikt, weil die Stadt ihre angestammten öffentlichen Toiletten gegen das Konzept niederländischer Luxustoiletten ausgetauscht hat und sie dort nicht weiterbeschäftigt werden. Der Kampf der dames-pipi war in der französischen Presse ein vielbeachtetes Thema. Ich habe Ihnen auch einen deutschsprachigen Artikel dazu gefunden.

ps: da meine externe Festplatte abgestürzt ist und mit ihr alle meine dorthin ausgelagerten Fotos, gibts leider keine Bildchen mehr von den vergeblich besuchten Örtchen :(

pps: Christa Wolf, Gott hab‘ sie selig, möge mir die Überschrift verzeihen, aber es war zu verlockend ;)

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10 Antworten auf Kein Örtchen. Nirgends.

  1. Gerd Ziegler sagt:

    Normalerweise habe ich keine Sextanerblase, aber vor ein paar Jahren steckte ich im Stau und musste dringenst ein Örtchen aufsuchen. Säße ich in meinem Auto, wäre ich rechts rangefahren und hätte den nächsten Busch gesucht. Ich saß aber in der Schnellbuslinie 42 und der stand auf der Zoobrücke. Der Busfahrer wurde von seinen Fahrdienstleiter per Funk auf eine Ausweichstrecke geführt, aber da war auch Stau. Ich empfahl dem Fahrer eine andere Strecke, aber die durfte er, nach Rücksprache mit dem Fahrdienstleiter, nicht fahren. Dann kamen wir an einem Plakat neben einer Apotheke vorbei, auf dem für Erwachsenenwindeln geworben wurde… Nicht sehr hilfreich in dieser fatalen Situation, dachte ich und wechselte den Sitzplatz. Ich schaute zur anderen Seite aus dem Fenster und sah einen glücklichen Hund der einen Baum fand. Das war auch nicht besser. Dann rumpelte der Bus in einer 30er Zone über mehrere Fahrbahnschweller, was bestimmte Muskeln äußerst strapazierte. Irgendwann – es kam mir vor wie nach drei Tagen – kamen wir schließlich in Bensberg an….
    Der Mensch ist irgendwie Gefangener in seiner eigenen Zivilisation. Ein Tier hätte längst drauf los gepieselt. Glücklicherweise fahren nicht so viele Tiere in Bussen mit.

    • dreher sagt:

      uiuiuiiii … ich kenne sooo viele Situationen dieser Art … ich konnte zum Beispiel nie den Bus von Chateauneuf, respektive Guillaumes nach Nizza nehmen, obwohl die Fahrt damals nur (hoch subventioniert) 1 Euro kostete (heute 1,50), weil der Bus geschlagene zwei Stunden braucht, und zwei Stunden halte ich es beim besten Willen nicht aus – vor allem nicht morgens, nach einer Tasse Kaffee … also fuhr ich immer mit dem Auto … daran haben die Leute vom ÖPNV noch nicht gedacht!

  2. Marion sagt:

    You made my day. Launiger Text, geniale Überschrift :-)

  3. Buchfink sagt:

    Christa Wolf hätte sicher auch Lust gehabt!
    Selten so gelacht. Das haben Sie ja wunderbar formuliert. In allerhöchster Not gehe ich auch mal in vergleichbarer Lage hoch erhobenen Hauptes direkt in ein Lokal und fühle mich nicht gezwungen zu konsumieren. Ich wurde noch nie zurückgewiesen.

    • dreher sagt:

      Merci! Naja, das kommt vielleicht auf den Ort an, hier (in einem Touristenort mit viel menschlichem Durchgangsverkehr) ist das einfach nach hinten durchgehen nicht gern gesehen, oft muss man den Schlüssel zum heiligen Örtchen auch am Tresen erfragen …

  4. Sunni sagt:

    „Mein Freund, nur zu deutlich verstehe ich die Blicke…“ Kleist und die Günderrode an der Croisette, wäre das nicht auch toll gewesen? Auf der Suche nach „faire pipi“…Herrlich! Und wi gut ist es zu wissen, dass man nicht allein ist mir derlei Problemen! Herzliche Grüße!Sunni

    • dreher sagt:

      Ach, ob die beiden sich hier wohlgefühlt hätten?! … ich glaube „faire pipi“ ist ein universelles Problem, nur spricht man in der Regel nicht darüber. Meine Schwiegermutter bspw. würde immer nur vom „Hände waschen“ reden! ;)

  5. Katja sagt:

    Ich gehe meist mit einem 50 Cent Stück in der Hand zum Tresen und wurde auch noch nie abgewiesen, sogar vor einigen Jahren mitten in Paris.
    Und die Sache mit dem Toilettenespresso, wie von meiner Mutter praktiziert, bringt rein janüscht, weil Kaffee oder Tee…