Was machst du eigentlich den ganzen Tag

Diese Frage (kurz WMDEDGT) stellt eine gewisse Frau Brüllen jeden Monat am 5. und ich wollte schon lange mal mitmachen, bislang fiel es mir aber immer erst ein, wenn ich die Ergebnisse der diversen TagebuchbloggerInnen dann am 6. oder 7. las. Ich habe zwar einen Terminkalender, aber ich nutze ihn kaum. Ich arbeite zuhause, habe selten Außerhaustermine, und die drei Verabredungen, die ich im Monat so treffe, behalte ich auch so im Kopf. Für mich ist es auch nicht wichtig, ob es der 4. oder der 7. ist, sondern ob es Montag (Muskeltraining), Dienstag (Schwimmen) oder Samstag (Einkaufen) oder eben Sonntag (frei, in der Regel) ist. Diesen Monat ist es anders. Ich hatte einen Zahnarzttermin am 5. morgens um Viertel nach Zehn. Prima, dachte ich, darüber kann ich dann ja bloggen.

Gerade habe ich mal auf den Blog von Frau Brüllen gespickt, und OMG, es ist noch nicht mal 18 Uhr und so viele haben schon von ihrem Tag geschrieben. Ich fürchte, ich werde erst kurz vor Mitternacht fertig.

Ich habe extrem tief geschlafen und wache erst auf, als Monsieur um 8Uhr die Fensterläden aufreißt mit den Worten C’est une magnifique journée! Er lässt dabei das Fenster aufstehen und ich habe das Gefühl als rolle der Straßenverkehr direkt durchs Schlafzimmer. Ich bin wahnsinnig lärmempfindlich und dieser Lärm ist der Grund, weshalb ich quasi sofort aufstehe. Ich ertrage ihn nicht. Ich ertrage auch nicht das (für meine Begriffe) zu laut eingestellte Radio in der Küche und drehe es automatisch leiser, egal, ob es France Info ist, was Monsieur morgens schon gern hört oder der Schnulzensender Radio Nostalgie, der schöne französische Schlager bringt. Ich komme morgens schwer in die Gänge, ich brauche Zeit, einen Kaffee und ich will erstmal nichts reden, hören oder entscheiden müssen. Für Monsieur, der schon seit zwei Stunden wach ist, und der bereits im Moment des Augenaufschlagens einsatzbereit ist, ist mein Morgenzustand immer nur schwer auszuhalten. Er hat schon Geschirr gespült, ist über alle politischen Ereignisse informiert und braucht einen Gesprächspartner. Ohne zu reden schnippele ich zwei Schüsselchen Obstsalat, eines fülle ich mit Müsli und Joghurt auf, das andere schiebe ich Monsieur hin. Ich braue mir meinen eigenen Kaffee, den von Monsieur zubereiteten kann ich nicht trinken, flüssiger Teer nenne ich das. Dann verschwinde ich mit dem Müsli und dem Kaffee vor den PC und lese Mails, blättere ein bisschen in Facebook und lese den einen oder anderen Blogbeitrag. Kurzfristig mache ich für das Mittagessen als Dessert einen Flan patissier. Das ist eine Art Vanillepudding, der nach dem Kochen noch vierzig Minuten in den Backofen geschoben wird. Es ist ein Pudding aus einem Anrührpülverchen, aber ich liebe ihn. Ich rede mir ein, dass der weiche Pudding, das einzige sein wird, was ich nach dem Zahnarztbesuch essen kann, aber vermutlich brauche ich einfach einen Trostnachtisch. Dann ins Bad, kurzentschlossen wasche ich doch die Haare, es wird spät, ich brauche etwa eine halbe Stunde zu Fuß bis zum Zahnarzt, der seine Praxis in der Innenstadt hat. Der Flan ist auch noch nicht fertig. Letztlich bringt Monsieur mich näherungsweise mit dem Auto hin, er fährt weiter und kauft Farbe, Pinsel und eine Rolle. Wir haben nämlich Baustelle zu Hause. Seit Mittwoch letzter Woche. Davon aber später. WartezimmerJetzt zum Zahnarzt. Seit einer Woche, seit ich weiß, dass unter einem Inlay und zwei Kronen Karies ist, überlege ich, was ich machen soll. Hier in Frankreich werden die zu überkronenden Zähne in der Regel devitalisiert. Sonst zahlt die Krankenkasse nicht. Ich habe gar keine Krankenkasse und könnte also frei entscheiden, ob devitalisieren oder nicht, ich habe viel im Internet gelesen, ohne zu einer Lösung zu kommen. Der Zahn ist sensibel, das heißt, ich spüre ihn. Letztlich entscheiden wir mit dem Zahnarzt, ihn zu devitalisieren und zu überkronen. Ich unterzeichne einen Kostenvoranschlag, der mich schlucken lässt. Klar ist, die anderen beiden Kronen, Karies hin oder her, kommen erst nächstes Jahr dran. Dann fahre ich auf dem Zahnarztstuhl nach unten, ich hatte vorher überlegt, ob ich für den Blog vielleicht ein Foto von den Gerätschaften machen könnte, aber daran denke ich nicht mehr. Ich könnte einen ganzen Blogeintrag über Zähne machen, aber ich habe mich bislang nicht getraut. Ich denke an die vielen zahnlückigen Menschen in den Bergen, die sich solch teure Reparaturen nicht leisten können.Dort lässt man sich kaputte Zähne einfach ziehen und wenn alle Zähne weg sind, eben einen Zahnersatz machen. Docteur T. ist mein x-ter Zahnarzt in Frankreich, bislang war ich nirgends richtig zufrieden, der einzige, mit dem ich halbwegs klar kam, starb letztes Jahr beim Schwimmen im Meer an einem Herzinfarkt. Dieser hier wurde mir von einer seriösen (deutschen) Bekannten empfohlen, ich will ihm vertrauen, aber wie überall, auch im medizinischen Bereich ist man in Südfrankreich lockerer. Da wird mit der Assistentin geplaudert und gelacht, zwischendurch telefoniert, auch die Assistentin telefoniert, als ihr Handy klingelt und lässt den Absaugschlauch in meinem Mund hängen. „Keine Sorge,  ich bin in ihrem Zahn“, beruhigt mich der Zahnarzt, der meine Verunsicherung zu spüren scheint. Gottseidank spüre ich nichts, die Anästhesie wirkt gut und nachhaltig. Fast zu gut, erst jetzt, am Abend, habe ich das Gefühl, dass sie komplett nachgelassen hat. Dafür spüre ich jetzt den Zahn, aber „das ist normal“, sagt er mir zum Abschied und es wird noch ein paar Tage so sein, bevor der devitaliserte Zahn wirklich Ruhe gibt. Wir sehen uns in einer Woche wieder.

Es ist halb zwölf. Der Zahnarzt hat seine Praxis neben einem Laden von Fragonard. Ich habe mich die ganze Zeit schon darauf gefreut, dort mal wieder reinzugehen. Ich mache es auch, aber noch ist mein Unterkiefer rechts betäubt und fühlt sich dick an, ich fühle mich unwohl, obwohl man es, wie ich natürlich weiß, nicht sieht, aber auch die Aussicht auf die Zahnarztrechung lässt mich Fragonard nicht genießen, ich gehe nur mal schnell durch und gekauft wird nix. Außer drei Bananen, Steinpilzravioli und einem Stück Käse für das MittagesseK800_DSCN7360n, die ich in einem kleinen Supermarkt an der Ecke mitnehme. Die Stadt ist laut, Baustellen und knatternde Scooter überall. Ich würde gern mit dem Bus hochfahren, aber vor dem Bahnhof ist auch eine laute Riesenbaustelle und die Busse werden mal wieder umgeleitet, die nächste Haltestelle ist werweißwo, also laufe ich nach Hause, es geht den Berg hoch. Ich schwitze, die Sonne scheint und die Jacke von heute früh ist jetzt zu warm. Um Viertel vor Eins bin ich endlich zu Hause und Monsieur hat Hunger.

In Windeseile gibt es Radieschen, Steak Haché, Steinpilzravioli, Kopfsalat, Käse und den FlaKatzensiesten, was hier als „schnelles, einfaches Mittagessen“ durchgeht. Ich esse vorsichtig und nur links, beiße trotzdem immer mal unten rechts auf die Unterlippe und genieße daher vor allem den Flan, den ich an den Gaumen drücke. Dann Sieste. Halbe Stunde. Pepita macht ihre Sieste etwas länger. Kleiner Kaffee zum Aufwachen. Danach Baustellenzeit. Ich ziehe mich um und wickele mir einen Turban um den Kopf.

Nein, ich rede nicht von den überschwemmten Kellern, da haben wir letzte Woche vorübergehend einen Baustopp eingelegt. Nur, um zu Hause eine neue Baustelle aufzumachen. Irgendwann muss diese Wohnung ja mal fertig renoviert werden, und wenn wir immer andere Baustellen haben wird das nix mehr. Jetzt also unser Eingangsbereich, der eigentlich auch unser Esszimmer ist. Meistens liegt der große Esstisch aber mit allem voll, was man so nach Hause schleppt und nicht sofort irgendwo hinräumt. Geöffnete und nicht geöffBaustellenete Post, Zeitungen, Bücher, Schlüssel und Bücher liegen, stehen und stapeln sich natürlich auch hier und da wir hier keinen Keller haben, steht hier auch alles rum, was eigentlich bei Gelegenheit irgendwoanders hingeräumt gehört. Das soll jetzt anders werden, vor allem auch, damit ich keine Ausrede mehr habe, ich könnte niemanden einladen in dieses vollgestopfte, vergilbte Chaos. (Wenn Sie wissen wollen, wie es hier seit einer Woche ist, können Sie einfach meine ein, zwei Texte vom letzten Jahr lesen. Sie sind von ungeheurer Aktualität). Heute aber sind wir schon relativ weit mit der Renoviererei, wir K800_DSCN7365brüllen uns schon fast gar nicht mehr an, und es war dieses Mal auch nur punktuell und dauerte nicht lang. Wir machen Fortschritte. Ich darf natürlich immer noch nicht wirklich viel machen, aber ich grundiere heute zum dritten Mal den hässlichen aber praktischen dunklen Eichenholzeinbauschrank, der am Ende weiß werden soll. Schwupps ist es siebzehn Uhr und ich muss ein paar Menschen anrufen, da wir uns am Samstag in den Bergen verabredet haben. Um achtzehn Uhr schaut Monsieur seine Lieblingspolitiksendung C dans l’air, da ging es heute um einen Antimafiaprozess in Italien. Ich habe nicht geguckt, ich tippe nämlich hier, auch eben tippe ich, obwohl jetzt eigentlich meine Lieblingssendung C à vous läuft und ich höre nur mit einem Ohr, dass der Schauspieler Daniel Auteuil eingeladen ist. Ich weiß noch nicht, was ich heute Abend zum Essen kochen soll. Normalerweise gibts im Winterhalbjahr abends Suppe, aber ich habe kein Gemüse mehr da, es wäre sowieso schon etwas zu spät dafür, und eine Fertigsuppe habe ich auch nicht mehr. Da muss gleich improvisiert werden. On y va?, ruft Monsieur wie aufs Stichwort. „Wohin?“ rufe ich zurück, als verstünde ich nicht. Manger! kommt die Erklärung. Aber natürlich gehen wir nicht aus zum Essen, wir sind ja beide noch in den farbkleksigen Klamotten. Wir gehen nur in die Küche :-) Und dann ist Feierabend. Ich vermute, wir werden später im TV das Remake von Dr. Kimble ansehen, mit Harrison Ford und Tommy Lee Jones.

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4 Kommentare zu Was machst du eigentlich den ganzen Tag

  1. Marion sagt:

    Die Poesie des Alltäglichen, auch mal nett zu lesen…und ohhh Fragonard (wird es eigentlich Fraschonard ausgesprochen?), ich liebe es auch, habe jahrelang „Capucine“ benutzt, aber das produzieren sie nicht mehr, jetzt habe ich mir gerade eine große Flasche „Belle Chérie“ als Winterduft bestellt, trotz 10 € Versandgebühren). Na dann noch viel Glück mit den Zähnen und beim Renovieren und à bientôt!

    • dreher sagt:

      :-) merci, Marion, nein, Fragonard wird mit normalem „g“ ausgesprochen, nur vor e und i werden g oder c weich („vor e und i sprich ßeeh und ßieh“ lautet meine Eselsbrücke aus dem 1. Schuljahr Französisch ;)) Ich mag Fragonard auch, weniger die Düfte, sie haben so viele neue, da blicke ich nicht mehr durch, oder sagen wir, meine Nase ist da überfordert, und ich bin eh‘ keine Parfümträgerin, aber ich mag den Stil, die Verpackungen, das Design und all den Deko-Krimskrams, den sie auch haben. Und es ist der einzige wirklich charmante Laden in Cannes, das kommt dazu!

      • Marion sagt:

        oh schäm… Du siehst, nix mehr Grammatik… :-) Hätte ja auch mal selbst nachgucken können, grummel…
        Ja, Fragonard hat schöne Designs und Krimskrams und beim Versenden bekommt man immer ein Stempelchen auf die Rechnung: „Dieses Päckchen wurde von xy für Sie gepackt.“ Man bekommt auch schon mal ein nettes Geschenk mitgeliefert, ich habe eine Stofftasche mit gezeichneten Tänzerinnen (bisschen Miró-Stil), die ich heiß und innig liebe, eine Tasse mit Untertasse, und jetzt eine süße Schlafmaske mit der Aufschrift „je dors“. So, genug Fragonard-Werbung…:-)
        Oje, einziger charmanter Laden in Kann, jetzt tust Du gerade wieder etwas leid…

        • dreher sagt:

          Oh, ich wollte dich nicht beschämen, Marion, es ist nur diese Verwunderung, dass ich Dinge, die ich vor fast vierzig Jahren (weia!) gelernt habe, noch so präsent habe, alle neueren Versuche der Sprachanwendung aber nur schwer memoriert werden :/
          Ja, Fragonard ist wirklich besonders und hat jetzt sogar zwei Läden in Cannes, ich habe nichts dagegen :) und ich zähle natürlich all den Oliven-Lavendel-Touristenkram, der andere hier vielleicht entzückt, nicht zu „charmanten“ Läden. Und sonst gibts hier nur Klamotten und da ausschließlich Marken, nichts Originelles – was die Lust auf Shopping erheblich mindert und somit letztlich sehr Geldsparend ist ;)

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