Trauerfeier in Paris

Ja, ich würde auch gern auf andere, frohere Themen umschwenken, auf Adventskalender zum Beispiel: hier kam nämlich ein wunderschöner Adventskalender an, dieser und die lieben Worte dazu haben mich gerührt. Großer Dank dafür und Kuss und Umarmung nach Mannheim! Morgen ist der 1. Advent und ich will heute noch etwas Adventsdeko rauskramen, um morgen dann wenigstens ein Kerzchen anzuzünden. Nur bin ich beim Kerzchen anzünden in Gedanken schon gleich wieder in Paris. Und in Tunis und in Bamako. Und überhaupt überall bei diesen Gräueltaten. Und ich liefere Ihnen daher mit eintägiger Verspätung einen kleinen Eindruck der Feierlichkeiten aux Invalides zu Ehren der in Paris getöteten und verletzten Menschen. Fast elf Minuten brauchte es, um die Namen der Opfer einzeln vorzulesen.

a vos drapeauxUnser Staatspräsident hatte dazu aufgefordert, anlässlich der Ehrung am gestrigen Freitag Frankreichweit Flagge zu zeigen, und hier hatte Nice Matin extra eine Doppelseite gedruckt, für alle, die zu Hause nicht standardmäßig mit einem Bleu-Blanc-Rouge-Banner ausgestattet sind. Dass ein linker Präsident dazu aufruft, öffentlich die französische Flagge zu zeigen, führte zu einer gewissen Polemik in konservativen Kreisen, denn bislang wurde man von den Linken als vieux réac, als alter Konservativer beschimpft, wenn man zu feierlichen Anlässen eine Flagge vom Balkon wehen ließ. So manch ein Konservativer hatte daher jetzt ein Problem, dieser Aufforderung des ungeliebten Präsidenten nachzukommen. Und die Linken hatten plötzlich auch ein Problem, diese reaktionäre Geste als ihre anzuerkennen. Insofern wehten, zumindest in Cannes, nur wenige Flaggen und man musste schon suchen, um in jeder Straße wenigstens ein blauweißrotes Zeichen zu entdecken. Man kann nun darüber sinnieren, ob es die wenigen Linkswähler an der sehr rechtslastigen Côte d’Azur waren, die hier ein Zeichen setzten, oder ob es den Menschen in Cannes insgesamt schon wieder am A… vorbeiging. Es war nämlich auch BlackFriday, ich wusste ja bis gestern nicht mal was das ist, aber nein, es gibt keinen Zusammenhang mit den blutigen Anschlägen am Freitag vor zwei Wochen, es ist ein Schnäppchen-Shoppingtag und er gilt als Auftakt zum Weihnachtsgeschäft. In diesem Jahr schrien die Läden umso lauter, seit den Anschlägen ist es nämlich gähnend leer im Shoppingverwöhnten Cannes und nicht nur dort. Vor zwei Tagen war ich nachmittags in einem Einkaufszentrum in der Nähe von Nizza und ich war dort fast alleine mit all den Sicherheitskräften, die dort nun an den Eingängen stehen und streng in sämtliche Taschen schauen. Es gab das (in der Zwischenzeit laut dementierte) Gerücht, dass die drei Einkaufszentren hier in der Gegend (Cap3000, NiceÉtoile, und das nagelneue Polygon in Zwanzig ProzentCagnes sur Mer) mögliche Anschlagsziele sein könnten. Ich vermute, die Läden wollten ihre ohnehin scheue Kundschaft am Black Friday nicht mit tristen Erinnerungszeichen irritieren und beschränkten sich darauf große Prozentzahlen zu flaggen. Patriotisch geflaggt wurde mehr im kleinen, privaten Einzelhandel, beim Friseur, einschließlich dem Hundefriseur, beim Orthopädiefachhändler, einem Dessousladen und ein bisschen hier und da. Manch einer griff auch auf T-shirts und Luftballons zurück. Hauptsache Bleu Blanc Rouge.

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In einer kleinen Nebenstraße der Rue d’Antibes stieß ich auf dieses Plakat und ich stelle es Ihnen groß rein, weil ich mich, als ich es aufnahm, von einer Dame mit schwerem, russisch klingenden Akzent wütend beschimpfen lassen musste. Sie versuchte mir zu erklären, dass das Plakat weg müsse, es sei böse und ich solle es nicht auch noch fotografieren!

Marianne weint

Ich versuchte ihr hingegen zu erklären, was ich sah: den geknickten Eifelturm und die weinende französische Marianne als Zeichen der Trauer, aber in ihren Augen war das Plakat das personifizierte Böse. Da ich sie immer noch nicht verstand, zeigte sie endlich triumphierend auf die Spitze des Eifelturms. Sähe ich es immer noch nicht? Nein? Himmel, sie wurde immer wilder. Mit viel Fantasie sah ich nun vielleicht ein Flugzeug (für mich im Kontext des Plakates aber eine Erinnerung an den Anschlag auf das World Trade Center), oder waren es vielleicht Hammer und Sichel? Sie erklärte es mir nicht. Ich vermute, sie sah darin einen Anschlag auf den Eiffelturm voraus, aber wir konnten uns gegenseitig nicht verständlich machen. Irgendwann ließ sie mich stehen und lief kopfschüttelnd und laut schimpfend über so viel Unverständnis davon. Zuhause zeigte ich Monsieur das Bild und wir zoomten die Eiffelturmspitze hoch und runter, aber wir sehen nichts Gefährliches darin. Seitdem denke ich über die Eindeutigkeit der Botschaft von Bildern nach.

Zum Abschluss aber jetzt ein kleiner musikalischer und ich wie ich finde eindeutiger Eindruck von der Hommage für die Opfer in Paris. Nolwenn Leroy, Camelia Jordana et Yael Naïm interpretieren „Quand on n’a que l’amour“ von Jacques Brel.

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