Der Himmel über dem Grab meines Vaters

der Himmel über dem Grab meines VatersJahresrückblicke, Jahresausblicke … Ach, wie habe ich es gehasst früher, diese familiären Rückblicke alljährlich an Silvester: „Was haben wir erreicht?“ Noch schlimmer dieses permanente Planen: „Was wollen wir im nächsten Jahr erreichen?“ Mein Vater war groß darin zu planen, das nächste Jahr, die nächsten zehn Jahre, und sich hinzusehnen zu der Zeit, wenn dieser ungeliebte Job, diese täglich an ihm zehrende Arbeit vorbei sein würde, und er frei sein würde, um endlich das zu leben, was er jetzt noch nicht leben konnte. Für mich war das vergangene Jahr vorbei, warum noch zurückschauen? Für die Vorausschau wollte ich hingegen konkret wissen, wann wir etwas machen wollten. Morgen? Viel weiter konnte ich als sehr junger Mensch nicht planen. Aber da wurde nur nachsichtig gelächelt. Nein, nicht morgen, aber später … später, später … Nun, mein Vater hat so viel, von dem, was er irgendwann später noch leben wollte, nie gelebt. Vor 28 Jahren ist er gestorben, das Jahr war noch ganz frisch, und er war erst 51 Jahre alt.

Vor ein paar Tagen war ich wieder an seinem Grab. Seit ich das Alter erreicht habe, in dem mein Vater gestorben ist, berühren mich die Besuche auf dem Friedhof stark. In der Zwischenzeit habe ich ihn um zwei Jahre überlebt. Wie jung er damals eigentlich war, merke ich erst heute.

Friedhof

Lebe wild und gefährlich! stand auf einer Postkarte mit dem Bild eines schüchtern aussehenden Jungen in kurzen Hosen und mit Bommelmütze, über den wir uns amüsiert haben, weil der Kontrast zur Botschaft so stark war. Diese Postkarte klebte dann aber doch jahrelang (nicht nur an meinem) Kühlschrank: ein erstes Manifest! Wild und gefährlich hat aber natürlich doch keiner gelebt. Facebook und andernorts ist jetzt übervoll mit neuen Manifesten, was wir in diesem kommenden Jahr aber wirklich anders machen wollen. This is your lifeIch gebe zu, das eine oder andere Manifest hängt auch an meiner Wand: This is YOUR Life. If you don’t like something, change it. Mach es jetzt! Sei frei! Überrasche dich selbst. Willst du glücklich sein? Dann sei es! Ach, wenn es so einfach wäre, seufzen Sie vielleicht. Es erfordert vielleicht einen gewissen état d’âme, eine besondere Stimmung, eine Entschlossenheit, um Altes loszulassen und die Tür weit aufzumachen für Neues. Vielleicht war es der Moment am Grab meines Vaters, der diesmal den Klick in meinem Kopf ausgelöst hat, vielleicht war es auch einfach nur an der Zeit, und der rechte Moment.

Ich habe einmal an einem Neujahrsfeuer teilgenommen, ein Ritual, das (Architekten-)Freunde von mir alljährlich veranstalten, um alte Pläne und Modelle zu verbrennen, die nur viel Platz in ihrem Büro einnehmen, und somit neuen Projekten Raum zu geben. Ich selbst verbrannte in diesem Feuer einen Text, mit dem ich mir leidenschaftlich Wut, Zorn und Leid von der Seele geschrieben hatte. Ich hatte gar nicht so richtig an die Symbolkraft dieser Handlung geglaubt, aber es war eine überraschend befreiende Geste, die nachhaltig wirkte. Dieses Mal habe ich alles, was ich in meinem Leben zukünftig nicht mehr haben will, aufgeschrieben, und aus dem Papier habe ich kleine Schiffe gefaltet, und dann bin ich ans Meer gefahren uit's todaynd habe die Schiffchen in die Wellen gesetzt und davonsegeln lassen. Da segelte es ganz friedlich davon, all das Alte, Dunkle, Schlimme … weit weg von mir, es war sehr beglückend. Ich bin es los und jetzt frei für Neues. Das neue Jahr kann kommen. Es gibt noch so viel Leben zu leben. Leben wir es. Nicht später, nicht morgen, heute.

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Ich habe diesen Text vor zwei Jahren schon einmal so ähnlich veröffentlicht und ihn dann wieder zurückgezogen, zu persönlich war er mir damals und es war vielleicht nicht der Moment, ihn aller Welt zu zeigen.

Der 2. Januar ist der Todestag meines Vaters, und das vergangene Weihnachten war umrahmt von zwei Todesfällen, die mich beide sehr berührt haben; einer traf mich weil er so unerwartet und plötzlich kam, der andere, zwar erwartet und vielleicht eine Erlösung, aber dann doch so traurig, weil ich diesen Menschen so gemocht hatte, auch wenn er mein Leben nur am Rand gestreift hat.

Himmel Friedhof 2 Gänseblümchen Schatten

 

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8 Antworten auf Der Himmel über dem Grab meines Vaters

  1. Birgit sagt:

    Liebe Christiane,
    als erstes alles Gute im neuen Jahr für dich und alle die dir lieb sind.
    Deine Zeilen zum Leben haben mich sehr berührt und nachdenklich gemacht.
    Das letzte Jahr war für uns nicht besonders erbaulich, da würde ich auch gern deinem Beispiel folgen, alles aufschreiben und in die Elbe werfen, sollen sich doch die Hamburger um meine Sorgen kümmern! Aber es gibt Dinge, die verfolgen uns, suchen nach Lösung — lassen uns nicht zu Ruhe kommen.
    Da hilft es natürlich auch mit anderen Menschen zu kommunizieren.
    Oder —– auch deinem Block zu folgen
    LG Birgit

    • dreher sagt:

      Liebe Birgit, ach … die Elbe fließt doch weiter als nur nach Hamburg, sie fließt doch ins Meer! Gut so, denn dort kümmert sich das Universum, und die Hamburger haben ja auch ihre eigenen Sorgen ;-)
      Tut mir leid zu hören, dass es bei Euch wenig erbaulich ist – ich kann da nichts raten, aber manchmal hilft das Wünschen. Wirklich.

      • Birgit sagt:

        Danke für den Hinweis liebe Christiane, aber das Meer ist doch auch schon belastet. Da müssen wir doch uns selber helfen.
        Wir hatten 2015 nicht so ein tolles Jahr, ich könnte da einiges erzählen, aber in deinen Blog gehört das nicht rein, ist zu speziell.
        Trotzdem danke für die Wünsche
        Liebe Grüße Birgit

        • dreher sagt:

          Ich hoffe, du hattest mein Augenzwinkern mitgelesen! Ich wünsche auf jeden Fall, dass das neue Jahr besser zu Euch sein möge.

  2. Buchfink sagt:

    Diese Geschichte ist wieder so wunderschön, sie berührt mich sehr. Bitte leben Sie weiterhin wild und gefährlich.

  3. Beate sagt:

    Liebe Christiane,

    es ist genau das, was ich an Ihrem Blog so mag: Dass Sie einfach immer wieder Neues ausprobieren (Rezepte, Museen etc), dass Sie Ihre nahe Umgebung mit wachen Augen und offenem Herzen wahrnehmen und beschreiben und bebildern. Ich finde, Sie haben schon viele große und kleinere Abenteuer gewagt und leben sehr intensiv. Dazu gratuliere ich.
    Dass das neue Jahr Ihnen viel Gutes bringen möge wünscht Ihnen
    Beate

    • dreher sagt:

      DANKE für Ihre Worte, liebe Beate!
      Viel Gutes auch für Sie und ein paar (kleine oder große) Abenteuer und intensives Leben in diesem Jahr (und überhaupt)
      wünscht Ihnen
      Christiane