WMDEDGT 1/16

Yepp! Ich bin dabei! Seit Tagen bereite ich mich auf den 5. vor und dachte zwischenzeitlich der 4. wäre interessanter gewesen, aber es soll ja der 5. sein, an dem Frau Brüllen, die wirklich jeden Tag bloggt, das muss man sich mal vorstellen, JEDEN Tag!, also sie will von uns wissen, was wir eigentlich so machen, an diesem Tag. Als ich das erste Mal daran teilnahm und ich Monsieur nach vollbrachter Tat meine Version übersetzte, fragte er fassungslos „Und das interessiert die Leute?“ Ich zuckte die Achseln. Einmal im Monat ist die Poesie des Alltäglichen, wie Marion so schön kommentierte, vielleicht erträglich? Wenn nicht, lassen Sie es mich wissen.

Der Tag heute begann natürlich schon heute Nacht, denn nach einer langen Bügelsession vor L’amour est dans le pré (die französische Variante von „Bauer sucht Frau“) blieb ich faul auf dem Sofa an der nachfolgenden Relooking-Sendung hängen und schwupps war Mitternacht vorbei, ein abschließender Klick auf FB lässt mich erstarren und ich versuche mich zu informieren, was vor dem Hauptbahnhof in Köln in der Silvesternacht wirklich passiert ist und frage mich, warum man das alles erst vier Tage später erfährt, um halb zwei gehe ich endlich ins Bett, aufgewühlt. Insofern schlafe ich schlecht und erst besonders tief gegen morgen, bis Pepita kurz vor Neun ins Bett hüpft, um zu sehen, warum ich nicht aufstehe. Gefressen hat sie natürlich schon, das wäre ja auch noch schöner, Gottseidank ist Monsieur ein zuverlässiger Frühaufsteher. Monsieur ist aber gleichzeitig stark erkältet und schwächelt, und deswegen fährt er nicht alleine, sondern werde ich ihn zu einer Nachkontrolle (wir hatten im Sommer eine kleine Lungenembolie) in die Klinik nach St. Laurent du Var fahren, damit ist mein Vormittag vermutlich ausgelastet denke ich und hoffe, ich kann die Wartezeit dort wenigstens nutzen, indem ich mal zeitnah meine ohnehin immer verspätet eintreffende Wochenzeitung lese. Kurzer Blick in Facebook, die Artikel zur Silvesternacht häufen sich, viele Kommentare werden, wie gewohnt, ätzend. Glücklicherweise habe ich keine Zeit, mich dort hineinzuvertiefen. Um Zehn fahren wir los, die Autobahn ist recht leer, im Radio, in dem man seit Tagen Lieder von Michel Delpech gespielt hat, einem Sänger, der vor ein paar Tagen gestorben ist und den man in Deutschland vielleicht aus den 70ern mit „Pour un flirt avec toi“ kennt, wenn Sie da schon Musik gehört haben zumindest, im Radio, wie gesagt, gehts heute überall um den Jahrestag des Attentats auf Charlie Hebdo. Um dreiviertel Elf sitzen wir im Wartezimmer, der Termin ist um Elf, um dreiviertel Zwölf kommt Monsieur dran, aber lesen kann ich in der ganzen Zeit kaum, denn meine neuen Bivokal-Probekontaktlinsen sind klasse für meine extreme Kurzsichtigkeit und ich kann jetzt (mit den Linsen versteht sich) prima alles sehen, was weit weg ist, aber gleichzeitig ist es schwierig meine rapide zunehmende (galoppierende, wie die Optikerin sagt) Weitsichtigkeit so einzustellen, dass ich die Dinge, die nah sind, auch erkennen kann. Bislang wurde alles scharf, wenn man es nur nah genug an die Augen hielt, jetzt ist es umgekehrt, ich bin in einem unscharfen Nahbereich und es nervt, denn ich kann nichts mehr lesen, zumindest ist es anstrengend, weil unscharf und wenn die Räume nicht gut ausgeleuchtet sind, wie hier im schummrigen Wartezimmer, geht gar nichts. Die Optikerin meint, ich sei gut „eingestellt“, wenn ich nix sähe, sei das sei ein Problem im Kopf und kein Problem der Linsen, aber wie dem auch sei, ich sehe nichts und nachdem ich einen Text entziffert habe, bin ich genervt und gebe auf. Ich stelle mich vor den Fernseher, der in einer Ecke hängt und schaue eine alberne Sendung, in der Paare beweisen sollen, wie gut sie sich kennen und es gibt ein Paar, das sieht so aus, als würde es sich nach der Sendung trennen, denn beide schaffen es nicht, die Antworten des jeweils anderen zu erraten und sie verlieren sich in aggressiven Erklärungen und sehen sich böse an. Im Wartezimmer läuft neben dem Fernseher auch Musik aus Lautsprechern in der Decke und der Telefonklingelalltag der Klinik ist ebenso im Hintergrund zu hören. Dieser vermischte Hörbrei ist genauso anstrengend wie meine unscharfe Sicht, also gehe ich in die Kantine und trinke einen Kaffee und dann gehe ich aufs Klo und dann ist Monsieur schon fertig, alles ist prima, oder sagen wir Lunge und Beine weisen keine Gerinnsel auf und das Herz poppert auch korrekt, wir können uns also zukünftig wieder auf die OP konzentrieren, die wir wegen der Embolie abgesagt hatten. Irgendwas ist ja immer. Wir warten dann aber noch eine knappe Stunde auf die Papiere, fahren danach zum Essen ins benachbarte Einkaufszentrum Cap 3000 in ein Selbstbedienungsrestaurant, wo man bei schönem Wetter draußen sitzen kann und einen Blick aufs Meer („Eat and Sea“) hat. Heute ist’s aber bedeckt und nicht sehr warm und wir sind drin. Monsieur isst Steak Frites und zum Nachtisch gibts Iles flottante, ich habe Kabeljau mit Reis und ein Crêpe, das bizarrerweise mit Erdbeeren und Vanillecreme in einem Glas angerichtet ist. Morgen beginnen les soldes, also der Ausverkauf, und Monsieur schlägt vor, eine Tour durch ein paar Schuh- und Klamottenläden zu machen. Ein neuer Pullover für ihn wäre nicht verkehrt, aber mit Blick auf seine fiebrigen Augen verweigere ich dieses Ansinnen und sage in strengem Krankenschwesterton, dass das einen Tag VOR dem Ausverkauf sowieso gar keinen Sinn mache. Kaum im Auto, schläft Monsieur, der eben noch Shopping machen wollte, beinahe sofort ein. Um Zwei sind wir zu Hause, Monsieur kriecht, weiterhin erschöpft, ins Bett und ich rufe meinen Optiker an: Ich kann gerade schön erklären, was ich alles nicht sehe und würde gern einen Termin ausmachen, aber beim Optiker geht nur der Anrufbeantworter dran, ich fahre also auf gut Glück hin. Im Autoradio weiterhin Charlie Hebdo. In Paris werden heute drei Gedächtnistafeln für die Opfer aufgehängt: eine für die Journalisten von Charlie Hebdo, eine für den auf der Straße erschossenen Polizisten, eine für die ermordeten Juden im Hyper Cacher. Ich finde, oh Wunder, einen Parkplatz direkt vor dem Optikerladen, aber meine Optikerin kommt erst in einer Stunde, und nein, ich will nicht warten, noch mehr warten kann ich heute nicht, ich mache einen Termin für morgen früh aus und fahre wieder nach Hause. Ich hätte die Straße am Meer entlang nehmen sollen, in der Avenue Francis Tonner reihen sich Baustellen aneinander und ich stehe im Stau. Um Drei bin ich wieder hier, auch hier finde ich einen Parkplatz fast vor dem Haus. Zuhause klicke ich als erstes in FB und lese immer mehr zur Silvesternacht und es beginnt mich anzuwidern. Keinesfalls will ich vor FB hängenbleiben und gehe nach unten in mein Büro, lasse das Laptop aber oben und schreibe im Büro in aller Stille etwas klassische Briefpost. Mache ich viel zu selten, tut gut. Gegen Achtzehn Uhr gehe ich wieder nach oben. Monsieur sitzt jetzt schniefend und röchelnd vor dem Fernseher, ich koche ein Kürbissüppchen. Später essen wir. Auch im Fernsehen gehts heute fast ausschließlich um Charlie Hebdo, auch jetzt noch, während ich schreibe. Die Kölner Silvesternacht via FB gebe ich mir heute nicht mehr.

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9 Kommentare zu WMDEDGT 1/16

  1. Birgit sagt:

    Ja liebe Christiane, bei diesen Nachrichten möchte man am liebsten weit weg auf eine Insel, um den ganzen Dreck nicht mehr zu erfahren. Wie soll das weitergehen in D? Kein Wunder, das Pegida weiter marschiert bei dieser hilflosen Politik.
    Trotzdem liebe Grüße aus Dresden von Birgit

    • dreher sagt:

      Ach Birgit, es ist ein weites Feld … ich möchte die ganze Problematik gern differenzierter sehen als Pegida, oder sagen wir differenzierter als Pegida sich mir, von weit weg betrachtet, darstellt. Ich lebe aber seit zehn Jahren in Frankreich und habe hier andere Erfahrungen und kann das, was und wie es in Deutschland passiert vielleicht nicht mehr richtig einschätzen, weshalb ich mich eines Kommentars zu Entwicklungen in Deutschland an dieser Stelle enthebe.

      • Birgit sagt:

        Ja Christiane das ist ein weites Feld. Die Entwicklung in Europa wird sich hoffentlich nicht an der „Unterwerfung“ von M. Houllebecq orientieren. Wenn nun schon die Frau Rieker den Frauen empfiehlt , von Männern eine Armlänge Abstand zu halten – wo leben wir denn!
        Dafür haben wir Ossis nicht die Mauer gestürmt.
        Trotzdem LG Birgit

  2. Buchfink sagt:

    Das ist ja interessant, das Problem mit den Bifokalkontaktlinsen habe ich auch. Ich bin stark kurzsichtig und altersweitsichtig, trage gewöhnlich meine Brille und wollte jetzt mal probieren, ob die Kontaktlinsen etwas für Schwimmbad- und Saunabesuch wären. Ohne Brille oder Linsen fühle ich mich dort „behindert“. Leider kann ich mit den Kontaktlinsen nur in die Ferne kucken aber nicht in kurze Entfernungen geschweige denn damit lesen. Jetzt machen Sie mir Mut, doch noch mal beim Optiker nachzufragen. Bisher war es auch nur eine Probepackung, ich habe noch nichts investiert. Herzliche Grüße

    • dreher sagt:

      Na, da bin ich ja froh, dass mein Alltagsgeplauder doch zu etwas nütze ist :-) Aaaalso … mir gehts wie Ihnen, starke Kurzsichtigkeit und zunehmende Altersweitsichtigkeit, ich habe aber auch noch einen schicken Astigmatismus/Hornhautverkrümmung zusätzlich. Ich habe hier vor etwa 5 Jahren zum ersten Mal Kontaktlinsen ausprobiert, damals nur für die Kurzsichtigkeit, und das war wie „es werde Licht“, einfach großartig! Ich fühlte mich befreit und gerade beim Sport und beim Schwimmen nicht mehr behindert. Im Schwimmbad mit dem gechlorten Wasser und im Sommer, wenn das Meer ziemlich verschmutzt ist, weiche ich aber auf Tageskontaktlinsen aus, die nur annähernd mein kompliziertes Augenproblem erfassen, ich kann zum Beispiel nicht damit lesen, dumm, wenn ich am Strand auch noch in ein Buch schauen möchte. Man muss also immer wissen, was man machen will, eher schwimmen oder eher lesen. Aber die Linsen saugen sich wie ein Schwamm mit dem bösen Chlorwasser/Meerwasser voll und das soll man nicht auf den Augen lassen; man könnte zusätzlich eine Schwimmbrille zum Schutz nehmen, aber besser sind Linsen, die man nach dem Schwimmen einfach wegwirft (bei Sauna weiß ich nicht, wie die Linsen die Hitze ertragen, in Frankreich gibt es ja so gut wie keine Sauna, aber ich denke Einmallinsen wären sicher besser). Ein teurer Spaß ist es leider, aber ich finde es besser, als mit Brille zu schwimmen, oder ohne Brille faktisch blind zu sein (jahrzehntelang gelebt, schrecklich!) Als ich dann weitsichtig wurde, war klar, ich will nicht zur Brille zurück und habe Bifokallinsen probiert und mein Hirn hat die Anpassungsleistung tadellos gemeistert (ist wohl nicht immer so). Nun klaffen Kurz- und Weitsichtigkeit immer weiter auseinander, passende Linsen zu fertigen wird immer schwieriger, und was mich wohl im Moment verstört ist die Anpassung an die Hornhautverkrümmung, die aus den Linsen rausgenommen wurde (ich sah plötzlich nur noch verschwommen), und die ich zukünftig mit einer minimalen Korrektur zusätzlich zu den Linsen als halbe Weitsichtigenbrille auf der Nase tragen werde, für bessere Sicht in schlecht ausgeleuchteten Räumen zum Beispiel. Das ist das Ergebnis von heute morgen. Sie haben also ganz frische Infos ;-) Teuer? Teuer! Aber ich will nicht mehr zurück zur Brille, die im übrigen auch teuer ist. Operieren, um das auch noch zu sagen, kann man die Augen, die mitten in der Entwicklung sind, nicht. Meine Optikerin vertröstet mich auf den Grauen Star, der sowieso käme und mit der OP seien meine Kurzsichtigkeitsprobleme auf einen Schlag weg. Nun ja, warten wir also auf den Grauen Star …

  3. Marion sagt:

    HMKAÜMTB – Hab‘ Mich Köstlich Amüsiert Über Monsieurs Trockene Bemerkung bzgl. der Alltagspoesie. Das ist ja ein Ding, dass Du um Mitternacht noch so flott bügeln kannst und dann noch multitaskenderweise. Deine Kontaktlinsengeschichte hat mich daran erinnert, dass ich auch schon mal mit Bifokallinsen geliebäugelt habe, bin aber erstmal bei der Brille geblieben. War alles so kompliziert und, wie Du sagst, teuer.
    Ja, was in Kölle passiert ist, ist schlimm. Ich hätte durchaus vor Ort und Betroffene sein können. Bisher habe ich mich in heimischen Gefilden immer recht sicher gefühlt. Das Jahr fängt gut an, seufz, und führt bei mir zu einer Art „Drei Affen“-Effekt. Da kommen Alltagsgeschichten gerade recht…:-)
    LG, Marion

  4. Buchfink sagt:

    Danke für die ausführliche Kontaktlinsenberatung. Damit bin ich jetzt bestens vorbereitet auf ein Gespräch mit dem Optiker.

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