Insidertipps

Hotel Albatros„Hallo Frau Dreher, Mitte Mai kommt ein früherer Kollege nebst Gattin via Kreuzfahrtschiff in Cannes an, Landgang zwischen 7 und 17 Uhr. Ich gedenke ihn dort zu treffen, Cannes ist ja nicht so weit weg von Hyères. Was kann man denn in Ihrer Stadt Schönes sehen und tun? Und vor allem, wo kann man denn schön was essen und trinken? Provençalisch, Fisch vielleicht, und das Ganze gerne mit Meerblick. Meerblick haben Deutsche aus dem Ruhrgebiet oder von wo auch immer, ja nicht so oft. Aber Meerblick ist ja immer schön, auch für unsereinen. Empfehlen Sie mir aber um Gotteswillen keine gehobene Touristen-Massenabfertigung, ich will einen Insidertipp!“

So in etwa lautete die Mail, die mich kürzlich erreichte. „Insidertipp!“ Ich rolle die Augen. Nicht nur weil Mitte Mai Filmfestival, die Stadt berstend voll und alles doppelt so teuer ist; da kommt man nur nach Cannes, wenn man aus der Filmbranche ist und eben muss, oder weil man sonstwie cinephil ist und einmal die gleiche Luft atmen will wie Brad Pitt oder Julia Roberts. Denn ja, sie kommt dieses Jahr, die Frau mit dem breiten Lächeln, Julia!

Das ist das eine. Das andere ist, dass ich das mit den Restaurant-Insider-Tipps im 100% touristischen Cannes, manchmal nicht mehr hören kann. Alle wollen das. Auch die Journalisten, wenn die Dame vom Office de Tourisme dann weg ist. „Jetzt sagen Sie uns doch mal, wo man WIRKLICH hingeht …“ Herrgott! Hier ist Cannes! Es gibt hier nur touristische Massenabfertigung, die kann mal hübsch und teuer und geschmacklich gut oder weniger hübsch, weniger teuer und geschmacklich duchschnittlich bis schlecht sein, aber touristische Massenabfertigung ist es immer. Alles, was halbwegs taugt, steht im Guide Gantie oder Guide Michelin. Das ist dann kein Geheimtipp mehr. Und ja, es ist teuer. Der echte Cannois meidet diesen Chichi in der Regel und bevorzugt eher schlichte Orte, die nicht mal unbedingt kulinarisch der Hit sind. Aber er ist unter Cannois und hat seine Ruhe.

Ich hatte ganz zu Anfang ja mal eine Rubrik „Tipps für Cannes“ angefangen, da kam ich aber über den ersten Eintrag nicht hinaus, denn ich musste feststellen, dass es einfach keine Tipps gibt. Zunächst dachte ich immer noch, ich habe sie nur noch nicht gefunden, all die netten versteckten Orte: die kleine, unentdeckte Bucht mit einem fantastischen Fischrestaurant und nichtmal teuer. Oder das lauschige Café im stillen Garten mit ausladenden Bäumen hinter der Jugendstilvilla. Oder ein nettes Museumscafé mit überraschendem Blick über die Dächer von Cannes. Oder der hippe Laden in einer Seitenstraße von der Croisette, wo man gaaanz tolle Cocktails trinken kann. Oder wenigstens eine nette Strandbar mit gutem Kaffee und Blick aufs Meer, und drängelte Monsieur mit mir auszugehen, und mir zu zeigen, wo man hingeht. Und war dann immer enttäuscht. Erst vermutete ich, es sei die Schuld von Monsieur. Monsieur ist nämlich Cannois. Er geht dorthin, wo Cannois hingehen. Ja!, juchzen Sie auf, genau das meine ich, da will ich auch hingehen! Nein, sage ich, glauben Sie mir, das wollen Sie nicht. Die Orte sind vielleicht touristisch unentdeckt, was bedeutet, sie liegen in abseitigen Vierteln jenseits der Schnellstraße, sie sind aber weder verwunschen noch lauschig. Es gibt weder Blick noch Draußen, riecht vielleicht nach Fischfett und die Küche ist oft nur mittelmäßig. Aber da geht er wirklich hin, der Cannois, da ist und isst er nämlich unter seinesgleichen und hat seine Ruhe vom Touristentrubel. Früher gab es mal das Restaurant Pacific. Ich habe es geliebt und im oben verlinkten Artikel darüber geschrieben. Gut, das mit dem guten Essen war vielleicht etwas geschönt, aber die Atmosphäre war wirklich einzigartig und 100% Cannois. Ich habe das mal deutschen Gästen empfohlen, die natürlich auch nach einem Insidertipp lechzten, aber sie fanden es, glaube ich, nicht nur banal, sondern geradezu schlecht. Heute ist da übrigens eine Bar drin, neu, laute Musik, junges Publikum. Denn das ist das andere Problem. Alles dreht sich hier sehr schnell. Kaum habe ich eine Empfehlung ausgesprochen, schon gibt es das Etablissement nicht mehr. Wir hatten bereits dreimal einen Lieblingsitaliener, einer davon ganz bescheiden, aber mit großem Garten in einem abseitigen Viertel, aber gut und billig (naja, Cannes eben), der war plötzlich weg. Gestern noch dort gegessen. Heute weg. Pizza-Lieferanten wechseln sich dort mit Sushi-Lieferanten ab, aber der Garten bleibt geschlossen. Dann gab es einen etwas edleren Italiener jenseits der Schnellstraße, ohne Blick, kein Draußen. Gerade geöffnet, wir haben noch einmal Freunde hingeschleppt, schon wieder weg. Konnte sich nicht halten, Mafia, Korruption, was weiß ich. Dann ein teurer (touristischer) Italiener am Hafen, „unser“ Restaurant, dort, wo ich merkte, ich bin verliebt in Monsieur; gleiche Geschichte: plouff, weg. Die Restaurants im Suquet, der Altstadt, alle banal, man bezahlt das, in der Tat, pittoreske Ambiente. Da wechseln Koch und/oder Besitzer fast jede Saison, entweder weil sie genug Geld verdient haben oder weil eben gerade nicht. Die Strandrestaurants, c’est pareille: Und man zahlt zusätzlich den Meerblick. Immer noch einen Zacken teurer als sonst in Cannes. Voilà, so viel zu den Insidertipps. Vergessen Sie’s. Lauschige, verwunschene und unentdeckte Orte gibt es nicht in Cannes. Gehen Sie dorthin, wo es Ihnen gefällt, wo Sie das Menü und/oder der Preis anspricht und wo Sie einen Tisch bekommen. Um zumindest gut zu essen, hilft ein Blick in den Guide Gantie. Mittags gibts oft ein Tagesgericht oder eine „formule“, Entrée und Hauptgang, oder Hauptgang und Dessert zum ermäßigten Preis. Das ist überhaupt das Insidermäßigste, was ich Ihnen sagen kann. Aber das weiß der Herr aus Hyères natürlich. Lebt ja selbst schon ein paar Jährchen in Südfrankeich. Mitte Mai sollten Sie auf jeden Fall vorher reservieren. Die Stadt ist voll. Und wenn alle dreitausend Kreuzfahrtschiffgäste zusätzlich Landgang haben, ist zu überlegen, ob man nicht besser zum Kreuzfahrtschiff schwimmt und dort auf dem jetzt sicher leeren Oberdeck in Ruhe sein Bierchen oder seinen Rosé trinkt und mit dem Besuch dort plaudert. Der Blick vom Kreuzfahrtschiff auf Cannes ist allemal schöner als der von Cannes auf das die Bucht verstopfende Kreuzfahrtschiff.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten auf Insidertipps

  1. Friederike sagt:

    Hmmm….bleibe ich also vielleicht doch besser im finstren Odenwald…? Hier gibt es tatsächlich noch Geheimtipps. Wir haben jetzt den ersten richtig guten Italiener entdeckt, auf einer Fläche so groß wie das halbe Saarland, also bitte.

    • dreher sagt:

      aaaach, Cannes kann ich ja nicht so wirklich empfehlen, aber es will ja immer keiner glauben … bei Ihrem Italiener gibt’s bestimmt auch guten Kaffee, oder? Toll! Italien wäre im Prinzip auch mein Geheimtipp … ;)

      • Eva sagt:

        Ja, genau! Wir kommen aus dem Odenwald und dem Schwäbischen an die Côte d’Azur und gehen dann kurz in Italien Kaffee trinken (weil der da einfach verdammt gut schmeckt!).
        Danke übrigens für den Tipp für den Anästhesisten-Blog. Sehr unterhaltsam (auch vor allem wenn man in etwa aus der Branche ist….).
        Gruß von Eva!

        • dreher sagt:

          Genau Eva, so machen wir das! :) Ja, der Herr Diehl ist amüsant zu lesen, manchmal ernüchtert mich seine Schilderung des KH-Alltags allerdings, ich war froh, dass ich seinen Blog erst nach Monsieurs letzter OP gelesen habe.

          • Eva sagt:

            Oh ja. Ich bin manchmal auch schwer im Zweifel, wem man den Vertrauen kann/sollte. Aber es menschelt halt überall!
            Und manchmal hilft nur Gottvertrauen .
            Nö, aber im Ernst: der Herr Thiel schreibt von Mund-zu-Mund-Propaganda. Das ist schon oft sehr gut. Wenn jemand, der medizinisch auf einer ähnlichen Linie liegt, gute Erfahrungen gemacht hat, wird’s schon passen!
            In diesem Sinne stürze ich mich morgen wieder auf die Därme H.s als Narkose-Schwester!

          • dreher sagt:

            ah, na das passt ja dann gut mit Herrn Diehl (mit D, hüstel, ich weiß, dass es ihn grämt, dass man seinen Namen in Frankreich nie richtig ausspricht, aber es ist in Deutschland anscheinend auch schwierig ;) )

          • Und das ist nur die Spitze dieses Eisbergs! Wenn Sie alles wüßten, würden Sie um jedes Krankenhaus einen weiten Bogen machen. In jedem Zustand. Und hoffen, daß die homöopathischen Kügelchen aus Ihrem Badezimmerschränkchen Sie aus dem Koma zurückholen können. Machen es zumindest nicht schlimmer. – Haben Sie das mitbekommen von diesem Todesfall unter Prostatachirurgie in Bourges? Ein Chirurg, der sich – handwerklich und zwischenmenschlich – offenbar wie ein Berserker aufgeführt hat? Am wachen Patienten? Der Choleriker in Grün mit dem Messer in der Hand ist meistens der Chirurg. Dazu das Krankenhaus, welches erstmal zu vertuschen suchte? Alles normal. Meistens geht es dann doch gut. Der Anästhesist schützt den Patienten. Dormitantes protego. Nicht zuletzt vor seinem Chirurgen.

          • dreher sagt:

            Ja, war heute in der Zeitung diese Geschichte – quelle horreur – gerade noch mehr dazu im TV gesehen. Dank an den/die Anästhesisten in diesem Zusammenhang.

  2. Eva sagt:

    Ah, nein, Diehl…. Wo er sich doch so lustig gemacht hat über diverse Schreibweisen….

  3. Gerd Ziegler sagt:

    Wir waren neulich mal wieder in Oslo bei netten Leuten, die uns freiwillig ihre Lieblingsrestaurants empfahlen. Darunter war ein so genanntes braunes Restaurant (nein, nicht politisch…) in dem es skandinavische Küche gibt. Braun deswegen, da die Einrichtung in dunklem Holz gehalten ist und den Charme des letzten Jahrhundert (40er-50er Jahre) verströmt. Eine Umgebung, in der sich Jo Nesbøs Romanfigur Harry Hole als Stammgast wohlfühlt. Selten gewordene traditionelle Küche in spannender Krimiatmosphäre…

    • dreher sagt:

      Hört sich ein bisschen an, wie die Gaststätte auf der Insel in Christine Cazons letztem Krimi :)

  4. Karin sagt:

    Hihi,

    Ich glaube dasselbe Problem hat auch Genf. Nicht dass ich jetzt selber viele Restaurants ausprobiert hätte, da war schon das Töchterchen und vor allem der Geldbeutel vor :), aber ich habe schon öfters jammern gehört man habe noch nie so mittelmässig für soviel Geld gespeist…

  5. Marion sagt:

    Gibt es wenigstens im Hinterland oder anderen Orten am Meer ein lauschiges Lieblingsörtchen für Dich? Damals in Alicante habe ich die kleinen unscheinbaren Restaurants im Umfeld meines Büros in einem touristisch völlig uninteressanten Viertel auch geliebt, wo wir manchmal mittags mit den Kollegen essen gingen, köstliche, recht schwere spanische Hausmannskost, 3 Gänge, evtl. einen Vino dazu (für mich lieber nicht), freundliche hemdsärmelige Bedienung, schnörkelloses Ambiente, das Ganze für einen Appel und ein Ei. Dort gingen ausschließlich Einheimische essen, viele Arbeiter, und es war natürlich spanisch laut. Aber man konnte auch an anderen, den touristischeren Orten der Stadt, zumindest damals, ebenfalls noch gute und bezahlbare Restaurants und das sogar jeglichen Stils, selbst bereits vegetarisch, finden. Ich habe damals in 3 Jahren 15 Kilo zugenommen, die ich auch nie mehr richtig losgeworden bin. Das hätte mir so an der Côte d’Azur wohl nicht passieren können ;-)

    • dreher sagt:

      Naja, das „Pacific“ war so ein Ort, wir habe eine ähnliche Kneipe bei uns um Viertel. Da gibt es Kalbskopf und dergleichen „traditionelle“ Küche. Große Portionen, aber auch nicht mehr für einen Appel und ein Ei. Und ja, wir haben das eine oder andere Restaurant, das wir mögen, aber tatsächlich nicht unbedingt in Cannes. Aber meistens isst der Cannois ja sowieso zu Hause (mit) oder bei Freunden –

      • Marion sagt:

        Das „Pacific“ habe ich mir auch genauso vorgestellt. Schade für Euch, dass es das auch schon nicht mehr gibt.